„Willis Erlebnisse im Bethel Wiesbaden mit Konrad Franke“

Von Will Bühler “RICHTUNGSÄNDERUNG”

Willis Eltern schickten ihm jetzt kein Geld mehr, weil er seine Zukunft in Deutschland sah. Also musste er sehen, wie er zu Geld kam. Gegenwärtig wohnte er in der Kepler Straße in Altona. Es war das Jahr 1976, also gewissermaßen ein Jahr nach Harmagedon. Aber nicht nur Willi musste sich neu orientieren, sondern noch Tausende von Zeugen Jehovas, denen es ebenfalls die komplette Lebensplanung verhagelt hatte, weil die Spekulation ihrer Organisation wieder einmal nicht eingetroffen war. Denn laut der vollmundigen Ankündigung hätten sie sich jetzt eigentlich im Paradies befinden müssen – frei von Sorgen.

Im Königreichsdienst, dem damaligen offiziellen Nachrichtenorgan für die Versammlungen der Zeugen Jehovas, wurde bekannt gegeben, dass in Wiesbaden noch Brüder für die Druckerei benötigt würden. Da Willi keinen Job hatte, bewarb er sich. Er wurde genommen. Er packte seine Koffer und zog ins Bethel nach Wiesbaden. Zuerst arbeitete er in der Bauabteilung und später in der Buchbinderei. Dort war er an der großen Einhängemaschine tätig. An dieser Maschine wurde der Buchblock mit der Buchdecke zusammengefügt. Kost und Logis waren frei und man bekam außerdem noch 35,- DM Taschengeld. Er besuchte die Versammlung Wiesbaden-Ost in der Helmundstraße. Dorthin wurde er meistens von den Glaubensbrüdern mit dem Auto mitgenommen, denn von den 35,- DM konnte man sich nun wirklich keine Monatskarte leisten.

Im Bethel lernte Willi viele nette Kollegen kennen und er arbeitete auch gerne mit ihnen zusammen. Manche Alteingesessenen waren schwierig, manche auch stur und arrogant, weil sie nun schon so lange im Zweigbüro tätig waren und sich mächtig etwas darauf einbildeten. Er lernte auch Leute kennen, die eine „himmlische Hoffnung“ hatten, man nannte sie auch „Überrest Mitglieder“. Sie hegten die Hoffnung, einmal mit Christus im Himmel zu sein und, die Erde zu regieren. Zu erwähnen wäre hier Konrad Franke. Er zählte sich zu dieser Gruppe. Er hatte das KZ unter den Nazis überlebt und eine sehr harte Schule durchgemacht. Konrad neigte dazu alle Brüder genauso hart anzupacken, so, wie er angepackt wurde. Er war hart im Geben, aber empfindlich im Nehmen. Er galt deshalb auch als Falke.

Wenn ein Bruder etwas verbockt hatte – er musste zu Konrad ins Büro, den Glaskasten und, dort musste er Rede und Antwort stehen. Wurde ein Bruder ertappt, wie er mit einer Schwester flirtete – er musste in den Glaskasten. Hatte jemand angefangen die Versammlung zu schwänzen – auch er musste in den Glaskasten. Dort wurde er dann von Konrad zur Brust genommen und „zusammengefaltet“. Wenn einer aus dem Glaskasten zurückkam, berichtet er in der Regel, mit hängenden Ohren, dass man ihn gehörig „zusammenermuntert“ hätte. Jeder fürchtete sich davor, zum Rapport in den Glaskasten gerufen zu werden.

Eine Anekdote zu schmunzeln. Aber sie zeigt, wie Konrad Franke mit „schwachen Brüdern“ umzugehen pflegte. Ich hörte von einem jungen Bruder, ein etwas verschlossener und introvertierter Typ. Konrad Franke achtete damals mit Argusaugen darauf, dass die „jungen Brüder“ nicht zu sehr über die Stränge schlugen. Es gab Nachtwachen, auch um zu verhindern, dass sich die Burschen nach der vorgegebenen Zeit heimlich in ihr Zimmer schleichen konnten. Unser introvertierter Bruder, Namen möchte ich hier nicht nennen, war zur Nachtwache eingeteilt. Doch als er ein paar Spätheimkehrer ausmachte verhielt er sich selbst äußerst merkwürdig. Er versteckte sich um die vermeintlichen Einbrecher zu belauern. Dass es Brüder waren die er da als Einbrecher einstufte, bemerkte er nicht.

Kurz um, auch die Spätheimkehrer bemerkten ihn und hielten ihn auf Grund seines seltsamen Verhaltens für einen Einbrecher, überwältigten ihn und sperrten ihn in einen Raum. Der Arme war so eingeschüchtert, dass er sich nicht zu erkennen gab.

Am Morgen wurde Bruder Franke informiert, dass man einen Einbrecher gestellt hätte. Franke war sehr erstaunt seinen Nachtwächter zu sehen. Der Arme bekam sein Fett weg, ohne Rücksicht auf sein psychisches Unvermögen, als Nachtwächter zu funktionieren.

Aber auch die Spätheimkehrer blieben nicht ungeschoren, bekam er doch sehr schnell mit, dass sie die Sperrstunde überschritten hatten.

Willi wurde einmal eingeladen mit Konrad eine Dienstreise nach Süddeutschland, nach Singen am Hohentwiel zu unternehmen. Konrad sollte einen Diavortrag über die Geschichte der Zeugen Jehovas halten. Dieser Vortrag dauerte ca. zweieinhalb Stunden. Konrad benutzte dazu keinerlei Manuskript. Er wusste sämtliche Zahlen und Fakten aus dem Kopf. Hier musste Willi zugeben, dass Konrad, obwohl er schon die Siebzig überschritten hatte, noch wirklich klar im Kopf und kein bisschen senil war. Willi bestaunte diese Leistung.

Auf dem Nachhauseweg unterhielten sie sich über die Jugend der Zeugen Jehovas im Allgemeinen. Konrad äußerte die Befürchtung, dass die Jugend der Zeugen Jehovas materialistisch und verweichlicht wäre. Sie wäre nicht im KZ unter Verfolgung „gestählt“ worden, so wie er. Er äußerte die Befürchtung, dass die heutige Jugend im Großen und Ganzen verloren sei. Er vermisse jenes Geistig-gesinnt-sein, ohne das er das Hitler-KZ nicht überlebt hätte. Die heutige Jugend der Zeugen seien Kinder von Zeugen, sie seien in die Wahrheit hineingeboren worden und hätten ihren Glauben nicht erkämpfen müssen. Die würden sich in der Versammlung doch nur langweilen. Diese Art von Glauben würde einer Glaubensprüfung nicht standhalten können.

Ob dieser Pessimismus nun berechtigt war oder nicht, konnte Willi nicht beurteilen. Zum Teil mochte Konrad aber Recht haben. Willi dachte lange über das Gespräch nach und fragte sich, wie es um die Jugend der Versammlung Wiesbaden-Ost stand, der er selber angehörte. Willi musste da an die Familie …. denken und da besonders an … . Sie war das Jüngste von drei Kindern. Im Orchester der Versammlung spielte sie Trompete. Sie war fünfzehn, benahm sich aber so, als wäre sie schon zwanzig. Sie war ein bildhübsches Mädchen mit einem Schmollmund, um den selbst Brigitte Bardot sie beneidet hätte. Auch hatte sie eine sehr gute Figur. Diese Karte spielte sie auch voll aus.

Sie pflegte sich anzumalen und aufzudonnern, als gelte es den Schönheitswettbewerb von Wiesbaden zu gewinnen. Sie machte allen jungen Männern schöne Augen und die Burschen flogen auf sie, wie die Fliegen auf den Honig. Sie fühlte sich dabei, wie Schneewittchen bei den sieben Zwergen. Alle im Bethel von Wiesbaden kannten sie, besonders die jungen Burschen. Als Willi im Bethel von ihr erzählte, spitzten die Brüder die Ohren, dann sagten sie nach einer Weile: „Wenn du die anfassen willst, brauchst du Handschuhe – so heiß ist die!“ Willi hatte verstanden.

An einem Sonntag saß … in der Versammlung direkt vor ihm. Das wäre an und für sich nichts Ungewöhnliches gewesen. Aber sie hatte ein Kleid an, dessen Rückenausschnitt  bis an den Po hinunter reichte. Willi konnte sich beim besten Willen nicht mehr konzentrieren. Er musste immerzu auf diesen makellosen Rücken – keine zwei Handbreit vor seinem Gesicht – schauen und er dachte an alles andere, nur nicht an die Bibel. In seinem Kopf kreisten die idiotischsten Gedanken. Er fühlte sich von ihr buchstäblich angemacht. Er musste sich umsetzen, sonst hätte er nichts vom Vortrag gehabt.

Vielleicht hatte Konrad doch recht oder er erwartete zu viel?

Aber woher kam seine pessimistische Lebenseinstellung? Konrad war total darauf fixiert, dass sich im September 1975 Harmagedon ereignen würde. Er zählte sich zum „Überrest“ und hatte große Erwartungen. Vom Himmel aus würde diese Gruppe, mit Jesus, die Erde regieren und die Menschheit zur Vollkommenheit führen. Da aber 1975 das Paradies nicht kam, der „Sklave“ hatte wieder einmal Falsches prophezeit, versank er in einem abgrundtiefen Pessimismus, aus dem er nicht mehr herauskam. Die Enttäuschung saß so tief, dass er von diesem Zeitpunkt an, keinen einzigen Kommentar mehr im Buchstudium von sich gab. Schließlich war er weit und breit der eifrigste Redner auf den Bezirkskongressen gewesen, dessen mitreißende Vorträge über 1975 weit und breit bekannt waren.

Keiner konnte die Neue Welt in so schönen, bunten Farben ausmalen, wie er. Wer seine Vorträge hörte –, der sah sich schon im Paradies mit kleinen Löwen spielen. Es war Droge pur, eine bunt schillernde Seifenblase! Und 1975 machte es dann „plop“ und die Seifenblase gab es nicht mehr (Jeremia 14:14). Konrad hatte seinen Zuhörern Märchen erzählt, kunstvoll ersonnene und ausgeschmückte Geschichten (2 Petrus 1:16), an die er selber fest geglaubt hatte und, die er überzeugend mit Bibelstellen untermauerte. Aber es blieben Märchen.

Jetzt war er am Boden zerstört. Das hatte er nun davon, dass er über das hinausgegangen war, was geschrieben steht (1 Korinther 4:6). Aber der „Sklave“ war ja wiederholt über das hinausgegangen, was die Bibel sagte, hatte mit seinem „göttlichen Licht“ geprahlt, das er angeblich besäße. Hatte hämisch auf die Christenheit herabgeblickt, die mit Zähneklappern in der Finsternis der Unkenntnis verharren würde. Bescheidenheit klingt anders! Noch so ein blinder Wichtigtuer, wie C. T. Russell und J. F. Rutherford? Der eine verkündete, dass „der Könige Tage zu Ende seinen“ und der andere, dass „Millionen von Menschen nie mehr sterben würde!“ Und am Ende war alles gelogen.

AUSZUG AUS DEM BUCH “BEIM RATTERN DER DREHBANK”; ISBN 978-3-7450-6309-7

[Gesamt:6    Durchschnitt: 5/5]

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stoertebeker

  Störti an Erni, danke für deinen Beitrag. Das Buch „“BEIM RATTERN DER DREHBANK”; kenne ich zwar nicht, aber ich kenne Konrad Franke ein wenig. Ich wurde im Januar 1979 getauft. Kannte damals die Situation in Verbindung mit 1975 nur vom Hörensagen. War aber dann etwas später im Bethel Wiesbaden. Habe Konrad Franke also auch nach 1975 noch als machtvollen Vortragsredner erlebt. Auf Bezirkskongressen in Hannover u.s.w. Von 1975 war da allerdings keine Rede mehr. Er hat auch im Bethel, als er schon sehr krank war seine paar Bierflaschen noch selber in den Müllcontainer gebracht. Das kann ich alles bezeugen,… Weiterlesen »

Opa Klaus

Hier den Hauptartikel und alle Kommentare habe ich heute (8.1.19) durchgelesen. Konrad Franke und Erich Frost habe ich gesehen und reden gehört. Auch das Bethel in Wiesbaden habe ich besichtigt. Vor genau 67 Jahren im Jan. 1952 bin ich als Jugendlicher aus freien Stücken eingestiegen und von J.Z. getauft. So kurz nach dem 2. Weltkrieg faszinierte mich die “Nähe” des Reiches Gottes durch einen letzten “Krieg”. (Ein “Heimbibelstudium” duldete meine Mutter nicht.) 1978 begann aus Enttäuschung meine Ausstiegsphase per über 40 Seiten Schriftwechsel mit den Ältesten. Heute ein no go.  Im Febr. 1975 kam unsere jüngste Tochter zur Welt. Der… Weiterlesen »

Wildblume

Wildblume@RoKo

Lieber RoKo.

danke für das Kopfkino, ich sehe nun dauernd Tentakel mit Fingern und Saugnäpfen nach mir greifen!

Hast Du einen speziellen Tipp für mich bezüglich des Öls…? 🤔😁

LG

Wildblume 🌼🌼

Meereswoge

Lieber Roko! auch mir zaubert das Lesen von unserem lustigen Bruder M.N. ein Lachen ins Gesicht. Nun zu Matthäus 23. Vor Jahren las ich dieses Kapitel, ohne mit dem Finger auf die Anderen zu zeigen. Seitdem steht es für mich auch für die ZJ. Christus lebte uns vor, wie Diener, Sklaven (steht in älteren Übersetzungen) ihr Leben führen sollten. In Demut, in Vergebung, in Liebe Treue und Barmherzigkeit. Er zeigte uns auch, gerade in diesem Kapitel, wer der HERR ist und er auch so handeln und urteilen darf. Vers 10: ” Auch laßt Euch nicht als Führer anreden denn einer… Weiterlesen »

Jens

Damals wie auch schon heute bei den ZJ:

Endzeit ohne Ende !

Hupsi

    Neue evangelistische Übersetzung Sprüche 13:12 Endloses Hoffen macht das Herz krank, / doch ein erfüllter Wunsch ist wie ein Lebensbaum. Liebe ältere erfahrene Brüder,  vielen Dank für das Teilen dieser Erfahrungen um diese unerfüllten Hoffnungen. Ich habe ebenfalls in den verschiedenen Versammlungen, die ich auch außer meiner Heimatversammlung besuchen konnte, persönlich diese verbitterten Menschen kennengelernt, die so wie geschrieben wurde, jemanden z.B. wie hier beschrieben, im Glaskasten Leute “zusammenermuntert” haben. Sie haben keine Kinder, haben 1975 Freunde “in die Welt” verloren, haben unter Verbot gelebt, waren wegen Wehrdienst Verweigerung im Knast, hatten keine Ausbildung, waren arm… Und jetzt reden die… Weiterlesen »

ULLA

Liebes Rotkehlchen, ach wie wahr, dein Kommentar (ui, des reimt sich sogar…* grins). Wir können noch so gute und viele Werke tun, mit Engelszungen reden (im übertragenem Sinn)…es ist nicht heilsrelevant! Heilsrelevant ist nur, wie unser Glaubensherz zu Jesus Christus steht. Denn er sieht in unser Herz: “Ihm (Jesus) brauchte niemand etwas über die Menschen zu sagen, denn er wußt, was in jedem Menschen vor sich geht.” Joh. 2:25 HFA Wenn wir (wie einst Petrus)  sagen können: “Du (Jesus) bist Christus, der von Gott gesandte Retter, der Sohn des lebendigen Gottes!”, dann dürfen auch wir uns glücklich schätzen und auf… Weiterlesen »

ATHALJA

„Was christliche Liebe bedeutet” ist eine Überschrift auf folgender Seite: https://www.jw.org/de/publikationen/jw-arbeitsheft/ Dort ist u.a. folgendes zu lesen: „Christen zahlen nicht mit gleicher Münze zurück. Aber nicht nur das, sie handeln auch nach dem Motto: „Wenn dein Feind hungrig ist, speise ihn; wenn er durstig ist, gib ihm etwas zu trinken; denn wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt häufen“ (Rö 12:20).“ Da stellt sich mir die Frage: „Wenn ich meinen Feind speisen soll“, mit dem ich Umgang haben soll – weshalb darf ich aber mit meinen mitgläubigen Christen, die evtl. die Gemeinschaft der ZJ verlassen haben,… Weiterlesen »