Wenn der Drang, den Eltern gefallen zu wollen, schwindet

Masha, eine 16 Jahre Zeugin Jehovas berichtet.

Quelle: n-tv.de

Masha kommt als Kind von Zeugen Jehovas auf die Welt. Sie zieht von Haustür zu Haustür und versucht die Menschen zu missionieren. Bis der Drang, ihren Eltern gefallen zu wollen, schwindet und sie mit der Sekte bricht. Sie verliert alles – und dennoch fühlt sie sich zum ersten Mal frei.

Masha Root ist angehende Modedesignerin, weltoffen und YouTuberin aus Berlin. Das war nicht immer so. Von klein auf wurde sie zu ihrem “scheinbaren Glück” gezwungen. Sie wuchs in einer Sekte auf, in der man ihr vorgab, was sie zu tun und vor allem, was sie zu lassen hatte. Masha hatte nicht die Möglichkeit, sich frei zu entwickeln. Ihre Geschichte beginnt vor rund 18 Jahren am Tag ihrer Geburt. Ihre Eltern gehörten damals bereits den Zeugen Jehovas an. Masha wächst, wie sie es sagt, “in der Wahrheit” auf.

16 Jahre später bricht sie mit der umstrittenen Glaubensgemeinschaft, die vielerorts als Sekte angesehen wird, und beginnt ein neues Leben. Zwei Jahre nach ihrem Ausstieg gibt sie einen sehr privaten Einblick über die lange Zeit und was es bedeutet, ein Zeugen Jehovas Kind zu sein. Das Video, in dem Masha über Manipulation, Missbrauch und Verluste berichtet, hat über eine halbe Million Aufrufe.

Lange Jahre, so erzählt Masha, glaubt sie, dass die Zeugen Jehovas die einzig wahre Religion sei. Aus Liebe zu ihren Eltern und aus Liebe zu Gott lässt sich Masha im Alter von zwölf Jahren taufen und wird ein offizielles Mitglied der Versammlung. Sie genießt ihre Predigtdienste, zieht von Haustür zu Haustür und missioniert. Sie glaubt lange, was die Schwestern ihr ins Ohr flüstern, wenn sie auf Menschen treffen, die nicht an Gott glauben. Diese, so hört sie, werden beim “Weltuntergang abkratzen”, sie hingegen werde ins Paradies kommen.

Womit verplempere ich mein Leben?

Die Jahre vergehen und der Drang, ihren Eltern gefallen zu wollen, schwindet. Schließlich kommt Masha an einen Punkt, an dem sie sich und ihr Tun hinterfragt. “Was mache ich hier eigentlich und womit verplempere ich meine Lebenszeit, die wertvoll ist? Ich gehe von Haus zu Haus und merke das will doch keiner hören. Mich will hier niemand sehen, ich störe ihre Privatsphäre.” Masha verliert das Interesse am Predigtdienst und an den Versammlungen. Ihre Veränderung bleibt nicht unentdeckt, Hirten besuchen sie, um sie “zu Gott zurückzuholen”. Doch Masha fühlt sich erdrückt von der “Love Bomb” und der, wie sie es empfindet, “aufgesetzten Freundlichkeit” der Jünger Jehovas.

“Weltliche Freunde” sind in der Gemeinschaft verpönt. Zwar gebe es kein offizielles Verbot, doch der Druck auf den Einzelnen sei so enorm, berichtet Masha, dass man sich kaum traue, sich auf andere Menschen außerhalb der Gemeinschaft einzulassen. Jahrelang bekommt Masha eingetrichtert, dass die Welt außerhalb der Zeugen schlimm und die Menschen verlogen seien. Die Angst gräbt sich tief in Mashas Seele. “Was passiert, wenn ich die Versammlung wirklich verlasse, fragt sie sich oft. “Dann habe ich keine Freunde, keine Familie mehr. Dann greift mich Satan an.” Dann werde sie für alle gestorben sein.

Sexistische Strukturen der Zeugen Jehovas

Jehovas Zeugen sind überzeugt von der Auferstehung. Ihre Lehre besagt, dass ein erlesener Kreis von 144.000 nach dem Tod neben Jesus Christus im Himmel eine königliche Regierung führen darf. Die übrigen Glaubensbrüder erlangen immerhin ewiges Leben unter paradiesischen Zuständen auf der Erde.

“Die Frau untersteht eindeutig dem Mann. Seine Meinung hat einen höheren Stellenwert”, erklärt Masha. “Frauen sollen ihre Männer unterstützen und dabei Gehorsam zeigen.” Masha beschreibt die sexistischen Strukturen und erklärt, dass die höheren Ämter innerhalb der Zeugen ausschließlich Männern vorbehalten sind. Doch für Masha war es nicht nur die Diskriminierung als Mädchen, die sie schließlich veranlasst, auszusteigen. Sie wollte vor allem dem Druck entkommen und Freunde außerhalb der Sekte haben können. Ausschlaggebend war eine Fernbeziehung, für die sie von ihrer damaligen besten Freundin bei den Ältesten verpfiffen wurde.

Am 12. November 2013 fasst sie den Mut und verkündet vor der Gemeinschaft ihren Ausstieg. Die Reaktion ihrer Mutter: “Nun habe ich mein zweites Kind verloren.” Einige Jahre zuvor war Mashas Bruder gestorben. Für die damals 16-Jährige folgen schlimme Monate. Die Mutter wird oft laut und handgreiflich. Sie beschuldigt Masha, ihr Leben zerstört zu haben und prophezeit ihrer Tochter ein Leben unter der Brücke – ohne jemals Liebe zu erfahren. Masha ist am Ende ihrer Kräfte und sucht sich Hilfe beim Jugendamt und bei einer Sozialpädagogin in ihrer Schule. Sie wird aus der Familie genommen und spürt immer stärker, dass nicht die Welt ihr die Kraft raubt, sondern diese Menschen, diese Gemeinschaft, ihre eigenen Eltern.

“In dieser Sekte wird niemand verschont”, sagt Masha heute. Das Weltbild der Zeugen Jehovas folgt strengen traditionellen Geschlechterrollen, die sich auf heteronormativen Ansichten begründen. So verurteilen sie ganz deutlich und ausgesprochen die Homosexualität. Dazu sagt Erwachet!, dass entsprechende Neigungen unterdrückt werden sollten und zwar “um Gott zu gefallen”. Sollte man sich homosexuellen Neigungen hingeben, so ginge das laut den Zeugen Jehovas zugunsten Satans Erfolgsquote.

Masha hat alles verloren, dennoch fühlt sie sich zum ersten Mal frei in ihrem Leben. Frei und ohne schlechtes Gewissen, dass zu machen, worauf sie Lust hat. Einen Film anschauen, Musik hören, ein Glas Sekt trinken, sich ein Tattoo stechen zu lassen – denn “die kleinen Dinge machen das Große aus”.

MERKMALEN EINER SEKTE

Wer die internen Lehren, Vorgehensweisen und Anweisungen der Organisation von Zeugen Jehovas näher betrachtet und kennt, wird registrieren, dass die Zeugen Jehovas alle Merkmale einer Sekte erfüllen. Sekten erschweren es Aussteigern, die Sekte ohne Probleme zu verlassen. Auf  JW.Org, wird die Frage gestellt:„Kann ein Zeuge Jehovas seine Religionsgemeinschaft verlassen? Die Antwort:

Ja. Durch eine ausdrückliche Erklärung die Gemeinschaft verlassen zu wollen.“

Das hört sich ja ganz einfach an und ist grundsätzlich richtig. Dennoch ist die Antwort unehrlich. Es wird so getan als wäre der Ausstieg ganz einfach und ohne Konsequenzen für den Aussteiger zu vollziehen. Das ist unehrlich. Die Konsequenzen eines Ausstiegs werden bewusst verschwiegen. Raffiniert lenkt man in der Argumentationskette die Aufmerksamkeit auf Personen, die sich still zurückziehen – ohne offizielle Ausstiegserklärung.

Doch die Frage bezog sich auf das Verlassen der Gemeinschaft, nicht auf einen stillen Rückzug. Auch hier argumentiert man unehrlich. Den selben Trick der Täuschung wendet die WTG auch bei der nächsten Frage an: „Brechen Jehovas Zeugen den Kontakt zu Ausgeschlossenen ab? Meiden sie Aussteiger? Die Antwort auf JW.Org der Website von Jehovas Zeugen lautet:

„Nein, Zeugen Jehovas, die nicht mehr aktiv sind … werden nicht gemieden. Im Gegenteil: Wir gehen auf sie zu, damit sie ihre Freundschaft zu Gott wiederbeleben können“.

Auch hier lenkt man in der Argumentationskette von der eigentlichen Frage ab. Personen, die sich still zurückziehen, werden nicht gemieden, das ist richtig. Man besucht sie vordergründig, um sie zu erbauen und zu trösten. Das ist richtig, wobei man aber nur vordergründig da ist, um sie zu trösten. Tatsächlich haben die Ältesten eine Liste solcher Personen, um sie wieder zu aktivieren. Gleichzeitig aber forscht man nach, ob ein Grund für einen Gemeinschaftsentzug vorliegt. So lange der Bruder noch offiziell als Zeuge Jehovas geführt wird, unterliegt er dem internen Religionsrecht und kann bei Fehlverhalten ausgeschlossen werden, wenn seine geänderten Lebensumstände nicht mehr dem Anspruch der Organisation entsprechen. Zitat weiter:

„Wer einen schweren Fehler begeht, … die Normen der Bibel verletzt und keinerlei Reue zeigt, wird ausgeschlossen und der Kontakt wird abgebrochen.“

Die Normen der Bibel werden von der Sekte interpretiert und festgelegt. Handlungsbedarf besteht, wenn zum Beispiel ein Ehemaliger ein Raucher geworden ist, Alkoholprobleme hat oder Hurerei, wie vorehelichen Sex, begeht. Gemeinschaftsentzug bedeutet immer Kontaktabbruch. Es gibt für einen Zeugen keinerlei Spielraum für einepersönliche Beurteilung „biblischer Normen“, um selbst zu entscheiden, wie er z. B. zu dem Gebot: „sich des Blutes zu enthalten“ steht und ob er es eventuell durch eine Bluttransfusion verletzt sieht.

Der wichtigste Punkt aber, der hier verschwiegen wird, ist: Personen, die die Gemeinschaft aus persönlichen und moralischen Gründen offiziell verlassen, werden wie „Sünder“ behandelt und ausgeschlossen. Vor diesem Hintergrund ist die folgende Aussage gelinde gesagt Heuchelei, wenn nicht sogar bewusste Irreführung:

„Älteste sind nicht befugt, jemand unter Druck zu setzen oder zu zwingen, ein Zeuge Jehovas zu bleiben. Jeder entscheidet selbst, welcher Konfession er angehören möchte“.

Das hört sich zwar tolerant an, Tatsache aber ist, dass eine Person, welche die WTG offiziell verlässt, weil sie sich mit dieser Organisation, welche nachweislich Kindesmissbrauch in ihren Reihen Jahrzehnte vertuscht hat, nicht mehr identifizieren kann, seine sozialen Kontakte, Freunde und Familie, die noch Zeugen sind, von heute auf morgen verliert. Von daher sind diese Aussagen reine Augenwischerei, ja glatte Lügen, wie sich durch unzählige interne Anweisungen und praktische Erfahrungen von Aussteigen belegen lässt.

Siehe Anhang „Video“ Kontaktverbot

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Genauso habe ich es auch erlebt, ist zwar schon länger her. Bis heute haben mein 4 fanatischen Geschwister (habe insgesamt noch 6 Geschwister) mit Ihren Familien keinen Kontakt zu mir. Ich bin öfter auf sie zugegangen, aber es kommt nichts von Ihnen, obwohl ich sie mit groß gezogen habe in der Familie, da ich die älteste Tochter bin. Ich war seinerzeit die Erste, die den Familienclan verlassen hat.

Meine Meinung dazu ist: Kontaktverbot: Bei mir war es so, dass ich zu ein/zwei Themen genau recherchiert habe und dies den Vers.- Ältesten, KA, und Bethel- Selters geschrieben habe. Die Antwort darauf hat mir gezeigt, dass ich Recht hatte und sollte das für mich behalten und einfach auf Jehova warten, bis er die Dinge richtig stellt. Dann habe ich meinen Austritt erklärt und ich sagte mir, dass, wenn das richtig ist was ich recherchiert habe, dann habt ihr das Problem mit Jehova, nicht ich. Denn es heißt in der Bibel, heilige sie durch die Wahrheit, … und weiter sagte Jesus,… Weiterlesen »

Fälle wie den von Masha gibt es zu Tausenden. Als Kind will man einfach seinen Eltern gefallen, weil man glaubt, dass sie perfekt sind. Doch mit den Jahren merkt man, dass auch Eltern Fehler machen und Fehlentscheidungen treffen, natürlich. Und jeder muss einmal früh oder später eigene Verantwortung übernehmen. Man sollte nicht einfach die Religion seiner Eltern übernehmen aus Gefälligkeit. Man heiratet niemand aus Mitleid. Man fährt nicht einen teuren Wagen nur der Nachbarn wegen. Man … Sogar bei Gott hat man die Wahl, ob man ihm gefallen möchte und mit ihm seinen Weg gehen möchte oder nicht. Welche Entscheidung… Weiterlesen »

Liebe Masha, ich hoffe für dich, dass du dein Leben ohne diese Sekte, in der auch ich 30 Jahre lang war, meistern kannst. Dass du den Unterschied zwischen “Religionen” und Gottes Wort erkennst und nicht ohne Gott weiterlebst. Es nützt nichts, wenn man vom Regen in die Traufe (zB Atheismus) kommt. Denn die sogenannte “Freiheit in der Welt” kann wieder zu anderen Fallstricken führen…der Feind unserer Seelen hat für jede Phase seine “tools”. Ich wünsche dir eine “Punktlandung” bei Jesus Christus, dem du all deine Sorgen anvertrauen kannst. Der dir wieder Kraft gibt, ihn endlich zu finden, ihn festzuhalten und… Weiterlesen »

Zu Mat 18,6 gibt es einige Bibelübersetzungen. Einmal diese: “Pero si alguien hace que uno de estos pequeños seguidores míos deje de confiar en mí, merece que le aten al cuello una piedra enorme y lo tiren al fondo del mar.” (TLA) – deutsch: “Aber wenn jemand einen meiner kleinen Anhänger dazu bringt, mir nicht mehr zu vertrauen, verdient er es, einen riesigen Stein um den Hals gebunden und auf den Meeresgrund geworfen zu haben.”  Auf YT findet man einige Videos, in welchen ehemalige ZJ nennen, aufgrund der erlebten Enttäuschung aktuell nicht mehr an Gott glauben zu können. Mein Glaube… Weiterlesen »

Der Watchtower hat ein Problem mit Mädchen – nicht nur in D, sondern weltweit😉😂🤣😃

https://youtu.be/tiigYh8dBgo

Meli: Wow. Ich freue mich sehr über den Artikel. Ich und Jacky sind 15jährige die unsere Schulkameradin und jetzige Freundin beim Ausstieg begleitet und geholfen haben. Also exakt das gleiche Alter. Löwenanteil hat klar Jacky. Ich will jetzt hier gar nicht ins Detail von uns gehen. Ist hier sehr ausführlich unter den Threads –Jacky und Freundin– und aktuell –nächste Runde– im Forum hier zu finden. Freundinnen sind so unendlich wichtig bei einem solchen Ausstieg. ECHTE Freundinnen. Nicht solche wie es bei ZJ sind. Ich habe mit Schrecken so unendliche Parallelen gelesen. Gleiche Begriffe. Unfassbar. Unsere Steffi (Alibi-Name) ist nach wie… Weiterlesen »

Die Leitende Körperschaft und ihre Fehlentscheidungen — Änderungen — Experimente — Hin- und Hergeschiebe — Vielleicht-Versuche … und der heilige Geist.
Sieht man ab und zu in den “Brotkasten”, ist das einfach nur haarsträubend!

https://www.jw.org/de/bibliothek/videos/#de/mediaitems/StudioFeatured/docid-702021070_1_VIDEO

Ein paar Gedanken und “Tipps an Piotr. Hallo lieber Piotr, Als mein Mann und ich uns entschlossen haben, den Besuch der Zusammenkünfte nach über 50 Jahren aufzugeben, waren wir erstmals sehr erleichtert, uns dem Gedankengut nicht mehr aussetzen zu müssen. Es tat unserer Psyche gut, auf Distanz zum ganzen Konzept zu gehen. In dieser anschliessenden Ruhe, haben wir einfach nur viel in der Bibel gelesen. Das intensive Bibellesen hat uns sehr beruhigt und im Glauben enorm bereichert. Wir waren dankbar für das göttliche Wort, dass uns immer und überall, zur Verfügung stand. Wir sind fest davon überzeugt, dass Gott jedem… Weiterlesen »

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