“Selbstvorwürfe” als Druckmittel

Geschäftsmann_Finger_zeigenIm Jahr 2013, im Januar war’s, da schrieb man im Wachtturm über Selbstvorwürfe. Man kann den Artikel zusammenfassen: Selbstvorwürfe machen nichts besser, sie hindern nur an der Erfüllung gewisser Pflichten. Betrachtet man dies biblisch, dann ist dagegen nichts zu sagen. Denn durch das Opfer Jesu Christi sind wir von allem Ballast in dieser Hinsicht befreit worden, weil Gott unsere Sünden ausgelöscht hat. Mit der Taufe beginnen Christen ein neues Leben. Man stellt an Gott die Bitte um ein gutes Gewissen auf der Grundlage des Opfers Jesu. Damit wäre alles schon gesagt (1. Petr. 3:21)

Aber dann kommt dies:

“Da die große Drangsal nahe ist, möchten wir nicht von Fragen gequält werden wie: Hätte ich im Dienst Gottes nicht mehr tun können? Warum habe ich nicht den Pionierdienst aufgenommen, als ich die Gelegenheit dazu hatte? Was hat mich zurückgehalten, mich darum zu bemühen, ein Dienstamtgehilfe zu werden? Habe ich mich wirklich angestrengt, die neue Persönlichkeit anzuziehen? Bin ich die Art Mensch, die Jehova in seiner neuen Welt haben möchte? Statt nur über solche ernüchternden Fragen zu grübeln, sollten wir sie nutzen, um uns selbst zu prüfen und sicherzustellen, dass wir jetzt im Dienst für Jehova unser Bestes geben. Sonst könnten wir weiter einen Weg verfolgen, auf dem wir uns schließlich noch mehr vorzuwerfen hätten (2. Tim. 2:15).”

Ein Druckmittel: „Die große Drangsal ist nahe!“

“Da die große Drangsal nahe ist, …” So beginnen seit Jahrzehnten alle Aufrufe zur verstärkten Aktivität. Wann aber war die große Drangsal nicht nahe? Wird man als Christ nur aktiv, wenn die große Drangsal nahe ist? Auch Rutherford hat diese Formel gerne gebraucht, um seine Anhänger für seine Ziele zu motivieren oder “anzuspornen“. Ach ja, war die große Drangsal nicht schon 1914, 1925  und 1975 “at hand”(nahe bevorstehend)? Ist das ein Motiv für einen Christen, der sich jederzeit  vor Gott verantwortlich fühlt? Er sollte keine fixen Daten nötig haben! Also müssen wir diese Formel vom nahen Ende und ihren Gebrauch zum Gebiet der Propaganda rechnen.

Gewissensmanipulation

Und dann wird auf das Gewissen fokussiert: Man könnte sich etwas vorwerfen! So, so! Man könnte sich vorwerfen, zur Rettung der Menschen nicht genug getan zu haben.  Und etwas anderes könnte man sich nicht vorwerfen? Rette ich als kleiner Mensch andere Menschen? Ich kann Gottes Mitarbeiter sein – mehr nicht! Jesus Christus rettet im Auftrag Gottes Menschen! Meine Aufgabe ist es, mein Licht leuchten zu lassen, damit Suchende es sehen  und Gottes Name geehrt wird.

Es sollte ja so sein, dass Christen allezeit ein gutes Gewissen haben. Immer sind sie darauf bedacht, mit einem guten Gewissen vor Gott zu leben. Und wenn es einmal nicht so sein sollte, dann werden sie aufgefordert, die Sache richtig zu stellen. Jehova lädt jeden Sünder dazu ein, zu ihm zu kommen. Wer diesen Weg kennt, ist ihn schon oft genug gegangen. Er braucht darüber keine besondere Belehrung.

Welche Sünden kann ein Mensch in Gottes Augen begehen? Auch davon ist viel in der Bibel zu erfahren. Immer sind es kardinale Dinge, die das Gewissen uns vor Augen hält. Als Beispiele könnte man  Lügen,  Betrügen,  Stehlen,  Morden,  Ehebruch,  Hurerei und alles das aufzählen, was im Galaterbrief, Kapitel 5 unter dem Begriff “Werke des Fleisches” aufgezählt wird. Aber niemals ist es das, was in Absatz 14 erwähnt wird.

Hat jemand eine Sünde begangen, wenn er nicht Pionier war? Nein, denn “Pionierdienst” ist kein Gebot Christi.  (Dieser Ausdruck ist der Bibel fremd.) Es kann höchstens sein, dass er  sein Licht unter den Scheffel gestellt hat, dass er sein Licht nicht hat leuchten lassen. Sollte dies der Fall sein, dann liegt es nicht daran, dass er zu wenig Zeit im Predigtdienst eingesetzt hat, sondern daran, dass er  wahrscheinlich zu wenig Glauben hatte. Und das ist ein ganz anderes Problem, das er nicht durch vermehrten Zeiteinsatz lösen könnte, sondern allein dadurch, dass er sich vom Geist Gottes treiben lässt, wie ein Segelschiff im richtigen Wind. Dann wird Gott vollenden, was er begonnen hat (Ps. 138:8; Phil. 1:6). Und dann geht es nicht um die Frage, ob man Pionier war, sondern darum, die Frucht der Gerechtigkeit und des Lichtes wachsen zu lassen. (Eph. 5:9)

Wer aber aus irgendeinem Grund nicht Dienstamtgehilfe oder Ältester geworden ist, hat eigentlich keine Sünde begangen, denn nicht jeder ist dafür geeignet, und alle Gaben sind unterschiedlich verteilt. Ein Christ wird versuchen, seine eigenen Gaben zum Wohle anderer Menschen zu gebrauchen. Das ist dann hoffentlich keine lästige Pflicht, sondern ein Herzensbedürfnis. Welche Gaben ein Mensch einsetzt, hängt nicht nur von ihm selbst ab, es hängt auch von der Situation und den Umständen ab. Eine ausgeglichene Ansicht vertritt Paulus in Epheser, Kapitel 4:11-16.

Hatte ein Jude unter dem Gesetz Mose eine Sünde begangen, wenn er nicht Nasiräer wurde? Wie sollte er auch? Das Nasiräat war eine völlig freiwillige und persönliche Angelegenheit. Das Gesetz schrieb sie nicht vor. Auch Gelübde fallen in diese Kategorie. Aber der Pionierdienst wird wie ein Gebot Gottes hingestellt, und wer ihn trotz passender Umstände nicht aufnimmt, begeht eine Sünde, sonst  – so argumentiert man – wäre ja sein Gewissen nicht belastet. Was sind passende Umstände? Wer entscheidet das? Kann es sein, dass man das Gewissen der Menschen manipuliert und künstliche Sünden erfindet? Und warum erfindet man Sünden, die keine sind? Das tut man gewöhnlich, wenn man Menschen beherrschen will.

Die Jagd nach Stunden

Die Kernaussage im Absatz 14 lässt den Gedanken aufkommen, dass es dem Autor nicht um wirkliche Gewissenbisse geht, sondern um den “theokratischen Fortschritt”. Dieser Fortschritt wird wie alle Sekundärtugenden immer von anderen, das heißt von der Führung definiert. Hier geht es nur um das Verkündigen; es ist in der ORG das Maß aller Dinge geworden, an dem ein Mensch gemessen wird. Der Zeiteinsatz ist angeblich das Maß für seinen Glauben und für seine Liebe zu Gott!  Es geht nicht mehr um wirkliche Inhalte wie Glaube, Liebe und Hoffnung, sondern um den Einsatz im Predigtdienst. Es sind genaugenommen die STUNDEN, die jemand “verbringt“.  Der  Einsatz an Stunden ist alles! So sind dann viele zu regelrechten Stundenjägern geworden. Und das wird honoriert!

Propaganda mit „Vorbildern“

Sonst könnte es nicht immer wieder vorkommen, dass ausgerechnet “eifrige” Pioniere für Propagandazwecke gebraucht werden, und wer genauer hinsieht, bemerkt die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen und dem nichtöffentlichen Leben solcher “Vorbilder“. Damit soll nicht ein einzelner Pionier, der mit aufrichtigem Herzen seinen Dienst tut, diskriminiert werden! Was hier angeprangert werden soll, ist der Umgang der WTG mit solchen Menschen zum Zwecke der Propaganda.

Es gibt extreme Fälle: Da ist eine Pionierschwester schon seit über 20 Jahren aktiv. Nebenbei hat sie ein paar Kinder großgezogen, ihren Mann versorgt, viele Heimbibelstudien betreut und sich noch um ihre alte Mutter gekümmert. Eines Tages geschieht etwas, was sie nie erwartet hätte: Als sie ihren Mann wirklich dringend braucht, hat er keine Zeit für sie, weil er “theokratische Verpflichtungen” hat. Sie ist allein und sucht Hilfe bei anderen Menschen. Und dann fragt sie sich: “Ja, bin ich denn nichts wert? Warum ist das Leiten einer Zusammenkunft für meinen Mann wichtiger, als mein Problem, bei dem es unter Umständen um Leben und Tod geht?” Ihr gehen, als sie noch weiter nachdenkt, die Augen auf. Die Enttäuschung sitzt so tief, dass sie sich von ihrem Mann entfremdet. Die Ehe scheitert und die Schuld wird dieser Frau zugeschoben.

Sekundärtugenden verdrängen Primärtugenden

Es geht jetzt nicht darum, diesen Fall zu verallgemeinern. Aber er soll stellvertretend für eine kalte, lieblose  Haltung dienen, die immer dann entsteht, wenn Sekundärtugenden zu Kardinaltugenden erhoben werden. In der Geschichte haben wir gute Beispiele bei den Pietisten, Calvinisten, Puritanern u. a.  Auch diese Gemeinschaften haben teilweise so gedacht. Indem man Sekundärtugenden anstelle von Kardinaltugenden favorisiert, ersetzt man Stück für Stück das Gesetz Gottes durch Menschengebote und schiebt Jesus Christus in seiner Rolle als Mittler und Erlöser beiseite.

Hinter diesem Denken steckt eigentlich der Aberglaube, sich durch Werke bei Gott einen guten Namen zu machen. Geht das? Ist es nötig?

Es sollen nun einige Kernaussagen aus dem Galater-Brief zitiert werden:

Christus ist für unsere Sünden gestorben

“Denn er hat sich selbst hingegeben für unsere Schuld. Dadurch hat er uns aus dieser Welt gerettet, die vom Bösen beherrscht wird. So wollte es unser Gott und Vater.” (1:4)

(Welches Gewicht haben da noch Werke? Werke des Glaubens können höchstens ein Ausdruck des Glaubens sein, sind aber kein Ersatz dafür.)

 Das Gesetz Moses und die Gnade

“[Wir wissen], dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus; auch wir haben an Jesus Christus geglaubt, damit wir aus Glauben an Christus gerechtfertigt würden, und nicht aus Gesetzeswerken, weil aus Gesetzeswerken niemand gerechtfertigt wird.” (2:16)

(Durch eigene Werke werden wir unsere Schuld nicht los. Das Predigen allein macht uns nicht zu Gerechten.)

 Das Gesetz brachte den Tod, die Verurteilung

“Das Gesetz hat mir den Tod gebracht. Deshalb gelte ich für das Gesetz als gestorben, damit ich für Gott leben kann. (2:19)

Werksgerechtigkeit macht Jesu Opfer überflüssig

“Ich weise die Gnade nicht zurück, die Gott uns erweist. Denn wenn wir durch das Gesetz vor Gott als gerecht gelten, dann ist Christus ohne Grund gestorben.” (2:21)

(Wer sich auf Werke konzentriert und damit die Gnade Gottes außer acht lässt, weist sie zurück.)

 Wer aus eigener Kraft zum Ziel kommen will, braucht Gott nicht

“Seid ihr wirklich so begriffsstutzig? Angefangen habt ihr in der Kraft des heiligen Geistes. Und jetzt wollt ihr aus eigener Kraft ans Ziel kommen?

Habt ihr so vieles vergeblich gelitten? – Wenn es denn wirklich umsonst war! – Also:

Gott gibt euch den heiligen Geist und lässt bei euch Wunder geschehen.

Tut er das, weil ihr das Gesetz befolgt oder weil ihr die gute Botschaft des Glaubens gehört habt?” (3:3-5)

 Das Beispiel Abrahams zeigt, worauf es wirklich ankommt

“Von Abraham heißt es: Er glaubte an Gott, und das rechnete ihm Gott als Gerechtigkeit an.

Seht es doch ein: Die wahren Nachkommen Abrahams sind diejenigen, die glauben. Die Heilige Schrift hat es von vornherein so gesehen:

Gott wird die [die Menschen aus den] Nationen als gerecht anerkennen, weil sie an ihn glauben.

Schon im Voraus hat Gott dem Abraham diese gute Nachricht verkündet:

“Durch dich sollen alle Völker Segen empfangen.”

Alle Glaubenden werden also zusammen mit dem glaubenden Abraham Segen empfangen.” (3:6-9)

 Das Gesetz brauchte keinen Glauben

“Beim Gesetz dagegen kommt es nicht auf den Glauben an. Hier gilt vielmehr. “Wer seine Vorschriften befolgt, wird durch sie das Leben erlangen.” (3:12)

(Kann man predigen ohne zu glauben? Auch das ist möglich, und es ist auch oft genug geschehen. Man kann wie ein Firmenvertreter seine Pflicht erfüllen, ohne selbst dahinter zu stehen.)

 Durch Christus sind wir von der Vormundschaft des Gesetzes und der Welt frei geworden

“So verhält es sich auch bei uns. Solange wir unmündige Kinder waren, wurden wir von den Elementen dieser Welt beherrscht. Als aber die Wartezeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn und er war dem Gesetz unterstellt.

Dadurch wollte Gott alle freikaufen, die dem Gesetz unterworfen waren. Auf diese Weise wollte Gott uns als seine Kinder annehmen.

Weil ihr nun seine Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt. Der ruft: “Abba, Vater!” (4:4-6)

Christus hat uns befreit, damit wir für immer frei sind

“Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht; steht fest und lasst euch nicht wieder unter ein Joch der Knechtschaft bringen.” (5:1)

(Das Joch der Knechtschaft kann darin bestehen, den Predigtdienst und andere “theokratische Aktivitäten” als Ersatz für Glauben anzusehen.)

Jeder, der durch eigene Werke als gerecht gelten will, hat Gottes Gnade verspielt

“Ihr habt dann mit Christus nichts mehr zu tun. Jeder, der durch Gesetz als gerecht gelten will, hat damit Gottes Gnade verspielt.” (5:4)

(Ein typisches Erlebnis mit einem Kreisaufseher: Während eines Gespräches  erwähnte ich einen Bruder, der uns beiden bekannt war. Der Kommentar des Kreisaufsehers: “Wenn der ins Paradies kommt, krieg’ ich die Krise!” Der erwähnte Bruder war in seinen Augen nicht “so eifrig“.)

 Es zählt der Glaube, der sich in Liebe auswirkt

“Wir aber dürfen durch den heiligen Geist hoffen, aufgrund des Glaubens vor Gott als gerecht zu gelten. Denn wenn wir zu Christus Jesus gehören, spielt es keine Rolle, ob jemand beschnitten ist oder nicht.

Es zählt nur der Glaube, der sich in Liebe auswirkt.” (5:5, 6)

Christen sind zur Freiheit berufen

“Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen!

Allerdings nicht zu einer Freiheit, die nur den Vorwand liefert für eure irdische Gesinnung. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe.

Denn das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn ein einziges Gebot befolgt wird,

nämlich folgendes: “Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!” (5:13, 14)

(Für diese Liebe kann der Predigtdienst ein Ausdruck sein. Wenn man seinem Mitmenschen hier helfen kann, den Weg zu Gott zu finden, ist es gut. Ob es auch biblisch ist, “ihn zur Organisation zu führen”, muss jeder für sich beantworten. Nach den Erfahrungen vieler unter uns, kann es ein menschliches Joch sein, unter das wir diesen Menschen dann bringen.)

Das Leben soll vom Geist Gottes bestimmt sein

“Lasst euer Leben vom Geist Gottes bestimmt sein und richtet euch danach aus.,Dann werdet ihr nicht euren selbstsüchtigen irdischen Wünschen nachgeben.” (5:16)

(Das ist eine Verantwortung! Unser Leben besteht nicht nur aus Predigtdienst. Sollte es nur das in erster Linie sein, dann ist es viel zu wenig. Jakobus schreibt: “Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal beistehen und sich selbst von der Welt unbefleckt zu halten.” (Jak. 1:27)

Das Paradies kann man sich nicht „verdienen“

Diese Kernaussagen des Briefes an die Galater machen jede eigene Anstrengung, jedes Bemühen, durch eigene Werke  das ewige Leben zu bekommen, überflüssig. Ja mehr noch, sie bekommen den Geruch des Widergöttlichen, denn man meint ja, durch eigene Leistung von der Verurteilung zum Tod frei zu werden oder sich den Eingang ins Paradies zu verdienen. Gerade der Galaterbrief zeigt mit aller Deutlichkeit, dass das nicht möglich ist. Wer es dennoch versucht, handelt gegen seine eigene Natur, gegen seine eigenen Interessen, denn das Interesse als Christ sollte  sein, sich durch Jesus Christus rechtfertigen zu lassen. Es ist die einzige Rechtfertigung, die es für uns gibt.

 Das Verbiegen des Gewissens

Und trotzdem hören und lesen wir immer wieder Appelle zur “äußersten Anstrengung” im Predigtdienst, damit wir uns später keine Vorwürfe machen können, wenn wir uns fragen sollen: “Warum war ich nicht Pionier? Warum habe ich im Dienst für Gott nicht mehr getan? Warum wurde ich kein Dienstamtgehilfe? Warum? Warum? Warum?”

Es wird versucht, uns allen ein schlechtes Gewissen einzureden, denn ich kenne keinen Menschen, der alles getan hätte, niemanden, der sein ganzes Leben nur “für die Rettung von Leben” gegeben hätte. Ebenso wenig ist mir ein Mensch bekannt, der sich nicht irgendwo gegen das Gebot der Liebe vergangen hätte.

Helfen in einer solchen Lage Vorhaltungen und insistierende Fragen? Helfen Selbstvorwürfe? In dem Artikel, aus dem das Zitat gem. Absatz 14 entnommen ist, wird Paulus erwähnt, der sich angesichts seiner eigenen Unzulänglichkeit fragte: “Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Wer wird mich davor bewahren? Dank sei Gott! Er hat es getan durch Jesus Christus, unseren Herrn.” (Röm. 7:24, 25)

Man kann sich vorstellen, dass das Gewissen Pauli mitunter auch belastet war, und er hätte sich maßlos im Predigtdienst anstrengen können, um sein Gewissen zu beruhigen. Aber was muss er nüchtern feststellen?

Ja, wie ich handle ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will, sondern das, was ich verabscheue.” (Röm. 7:15)

Was konnte ein “vermehrter Zeiteinsatz” hier ausrichten? Er blieb, was er immer war: Ein Sünder.

Damit wollte Paulus aber nicht sagen, dass es keinen Sinn mache, sich selbst in Zucht zu nehmen, aber den Kampf gegen die ererbte Sünde kann man damit nicht gewinnen.

 Wirkliche Gewissensfragen oder nur Doktrin vom „theokratischen Fortschritt?

Aber um wirkliche Gewissensfragen ging es in dem Artikel nicht so sehr. Es ging nur darum, zu predigen und theokratische Fortschritte zu machen. Zusammenfassend  sagte man uns: “Werde Pionier, werde Dienstamtgehilfe, werde Ältester, tue mehr im Predigtdienst, ziehe die neue Persönlichkeit an  und werde der  Mensch, den Jehova im Paradies haben möchte. Wenn du das tust, dann musst du dir später keine Vorwürfe machen.”

Wo bleibt der sündige Mensch? Und ist es nicht eine starke Selbstüberschätzung, wenn man jetzt  schon die Persönlichkeit werden kann, die später im Paradies eine Daseinsberechtigung hätte? Hat Jehova  für das ewige Leben irgendeine Vorleistung verlangt? Nein! Aber warum verlangen Menschen sie? Vielleicht deshalb, weil sie selbst unfähig sind, auf das Opfer Jesu zu vertrauen und daran zu glauben? Die einzige “Vorleistung”, die ein Mensch erbringen kann, ist im Wesentlichen seine Bereitwilligkeit, sein guter Wille, sich von Gottes Geist leiten zu lassen. Bei allem, was ein Christ tun kann, bleibt es doch dabei, dass er sagen muss: “Was ich getan habe, bin ich zu tun schuldig gewesen. Es erwächst mir daraus kein Verdienst (Luk. 17:7-10). Ich werde nur durch die unverdiente Güte Gottes gerettet! Meine Sündenschuld ist durch das Opfer Jesu getilgt!”

Ein Herz aus Fleisch

Und was die neue Persönlichkeit anbelangt, da sollte man nicht zu hoch von sich denken! Es bleibt dabei, dass Gott uns ein neues Herz aus Fleisch geben muss, dass Gott einen neuen Geist in uns legen muss, damit wir endlich MENSCHEN sind! Das wird sehr anschaulich in Hesekiel 36:24-32 beschrieben. Es bezieht sich vom Kontext her auf das Paradies und führt uns vor Augen, wer wir eigentlich noch immer sind: Sünder. Und daran ändert auch der kleine Fortschritt in unserer Persönlichkeitsentwicklung nichts!  Wir wollen zufrieden sein, wenn wir so in etwa erfassen, was Glaube, Liebe und Hoffnung sind, wenn es uns gelingt, Jehova zu vertrauen, wenn es uns gelingt, so zu sein, dass Gott und sein Sohn bei uns Wohnung nehmen (Joh. 14:23, 24). Sie werden nicht bei uns sein, nur weil wir Leistungen erbracht hätten und darauf stolz sind, sondern weil wir ihnen vertrauen und das Gebot der Liebe halten wollen. Sie werden bei uns sein, weil wir uns darauf einlassen, von ihnen ein neues Herz aus Fleisch und einen neuen Geist zu bekommen. Sie werden bei uns sein, weil wir diese Arbeit zulassen!

Hier nun der Text aus Hes. 36:24-32:

„Und ich will euch aus den Nationen herausnehmen und euch aus allen Ländern zusammenbringen und euch herbringen auf euren Boden. Und ich will reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein werden; von all euren Unreinheiten und von all euren mistigen Götzen werde ich euch reinigen.  Und ich will euch ein neues Herz geben, und einen neuen Geist werde ich in euer Inneres legen, und ich will das Herz von Stein aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein Herz von Fleisch geben.  Und meinen Geist werde ich in euer Inneres legen, und ich will handeln, so dass ihr in meinen Bestimmungen wandeln werdet und meine richterlichen Entscheidungen einhalten und tatsächlich ausführen werdet.  Und ihr werdet gewiss in dem Land wohnen, das ich euren Vorvätern gegeben habe, und ihr sollt mein Volk werden, und ich selbst werde euer Gott werden.‘

 ‚Und ich will euch von all euren Unreinheiten retten und dem Korn zurufen und es mehren, und ich werde keine Hungersnot über euch bringen.  Und ich werde den Fruchtertrag des Baumes gewiss mehren und den Ertrag des Feldes, damit euch nicht mehr die Schmach der Hungersnot unter den Nationen zuteil wird.  Und ihr werdet sicherlich eurer bösen Wege und eurer Handlungen gedenken, die nicht gut waren, und ihr werdet bestimmt Ekel über eure eigene Person empfinden wegen eurer Vergehungen und wegen eurer Abscheulichkeiten.  Nicht um euretwillen tue ich [das]‘, ist der Ausspruch des Souveränen Herrn Jehova, ‚das sei euch kundgetan. Schämt euch und fühlt euch gedemütigt wegen eurer Wege, o Haus Israel.‘“

 Hektischer Aktionismus

Der ganze hektische Aktionismus der WTG legt den Verdacht nahe, dass es ja gar nicht um unsere eigene Christusnachfolge geht, sondern um das „weltweite Predigtwerk”. Es wird immer wieder der Eindruck erweckt, dass es auf meine eigenen Leistungen ankäme, um gerettet zu werden, denn wie soll man den Satz “Sonst könnten wir weiter einen Weg verfolgen, auf dem wir uns schließlich noch mehr vorzuwerfen hätten (2. Tim. 2:15).” verstehen? Wird durch solche Sätze nicht die Werksgerechtigkeit gepredigt? Sind das nicht versteckte Drohungen? Und macht diese Art von Selbstgerechtigkeit das Opfer Jesu und die Gnade Gottes nicht überflüssig?  Wenn das zutrifft und wenn das die Ansicht der Schreiber ist, dann handelt man antichristlich! Und wer sich darauf einlässt, wird von Christus getrennt!  Und da sollte man nachdenklich werden.

Fassen wir zusammen:  Titus 3:4-7

“Als jedoch die Güte und die Liebe zum Menschen auf Seiten unseres Retters, Gottes, offenbar wurde, rettete er uns, nicht zufolge von Werken, die wir in Gerechtigkeit vollbracht hätten, sondern gemäß seiner Barmherzigkeit durch das Bad, das uns zum Leben brachte, und durch die Erneuerung durch heiligen Geist. Diesen goss er durch Jesus Christus, unseren Retter, reichlich über uns aus, damit wir, nachdem wir kraft dessen unverdienter Güte gerecht gesprochen worden sind, Erben würden, gemäß einer Hoffnung auf ewiges Leben.” 

[Gesamt:33    Durchschnitt: 5/5]

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Klaus Karl

Hallo Ihr Lieben, die WTO ist eine Verlagsgesellschaft,mit dem Ziel ihre Produkte an den Mann zu bringen und kommt auf immer neue Ideen dies wirkungsvoller zu gestallten.In der BRD verschenkt sie angeblich ihre Literatur. Da gibt es aber Spendentütchen und das manipulierte Gewissen der kleinen Verkündiger,die wenn die Literaturabnehmer nicht genug gespendet haben,ein schlechtes Gewissen bekommen und selbst was dazu tun.So wie meine, es mitbekommen zu haben,spenden einige wohl so wie vorher bezahlt wurde,für die Literatur,welche sie dann im Predigtdienst gegen eine Spende weitergeben. Fakt die WTO kassiert zweimal und vielleicht noch mehr,da einige Menschen mehr in den Beutel tun… Weiterlesen »

Ron

Vielen Dank für den ermunternden Artikel! Ein Gefängnisaufseher zur Lebenszeit des Apostel Paulus stellte folgende Frage: “Was muß ich tun um gerettet zu werden?” Was antwortete der Apostel und sein Begleiter? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet werden, du und deine Hausgenossen.” (Apostelgeschichte 16: 31 NWÜ). Gemäß dem Bibelbuch Titus 3:4,5 wird folgendes gesagt: “Als jedoch die Güte und die Liebe zum Menschen auf seiten unseres Retters, Gottes, offenbar wurde, rettete er uns nicht zufolge von Werken,…(Titus 3:4,5 NWÜ). Diese zwei Verse zeigen mir, das die folgenden Fragen mein Gewissen nicht belasten können: “Warum habe… Weiterlesen »

LuRA

Gruß von LuRa

Einer der besten Artikel den wir gelesen haben. Durch dieses “schlechte Gewissen” sind viele nicht ausgeglichen und vertrauen nicht auf Gott und Jesus, sondern auf ihre eigenen Aktivitäten. Eine der Folgen sehen wir darin, warum (zB. in unserer Versammlung) so viele physisch krank sind.
Genauso wie wir eine Statistik über die Kinder die in die “Welt” gegangen sind, so haben wir die physisch erkrankten aufgelistet (nur für uns privat). Es ist einfach erschreckend!!!
Diese Organisation bringt die jungen Menschen von Gott weg und macht Krank!

Gruß LuRa und Danke für diesen mit Gottes Geist geschriebenen Artikel.

Drei???

Man könnte noch Epheser 2: 8 ,9 hinzufügen :
” Denn aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den Glauben, und das ist nicht aus euch selbst: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich keiner rühmen kann.”

O.W. Schade

“SCHULDGEFÜHLE KÖNNEN EIN MACHTVOLLES INSTRUMENT SEIN, UM MENSCHEN ZU MANIPULIEREN. KAUM ETWAS MACHT GEFÜGIGER ALS DER HINWEIS, MAN HABE AN ETWAS SCHULD”. ( Dr. Doris Wolf ) Vielen Dank für den ermunternden und auferbauenden Artikel. Die fundierte biblische Argumentation wirkt gleichermaßen wohltuend als auch befreiend. Die vielen angeführten Texte aus Gottes Wort kommen unser aller Bedürfnis entgegen, getröstet und aufgefangen zu werden. Wer will schon ständig verbal verprügelt werden und die Bibel um die Ohren gehauen bekommen? Liebe Grüße O.W.S.

Anna

Lieber Autor, liebe Schwestern und Brüder,
danke für diesen sehr ermunterden Artikel. Auch die Tatsache, dass nicht jeder seinerzeit Nasiräer sein mußte finde ich beachtenswert.
Schönen Wochenanfang bzw. Restsonntag wünscht Anna

M.N.

Ihr Lieben, der “Tagestext” vom 9. Juni (jawohl: Ich lese immer noch den “Tagestext”, weil man hier einen wunderbar überschaubaren Mikrokosmos aller WTG-Abirrungen vorfindet, samt Literaturverweisen) enthält ein Paradebeispiel dafür, wie die WTG ihrer “Herde” die Selsbtvorwürfe geradezu in den Mund legt. Im Kommentar hieß es nämlich (relevante Passagen zur Hervorhebung im Großdruck): “Der Teufel kennt kein Mitgefühl. Oft schlägt er gerade dann zu, wenn wir schwach sind — wenn wir mit angeschlagener Gesundheit oder Entmutigung zu kämpfen haben. Dann kommt es uns womöglich so vor, als hätten DIE PAAR STUNDEN, DIE WIR IM MONAT IM PREDIGTDIENST EINSETZEN KÖNNEN, FÜR… Weiterlesen »

M.N.

Ihr Lieben, der “Tagestext” vom 9. Juni (jawohl: Ich lese immer noch den “Tagestext”, weil man hier einen wunderbar überschaubaren Mikrokosmos aller WTG-Abirrungen vorfindet, samt Literaturverweisen) enthält ein Paradebeispiel dafür, wie die WTG ihrer “Herde” die Selbstvorwürfe geradezu in den Mund legt. Im Kommentar hieß es nämlich (relevante Passagen zur Hervorhebung im Großdruck): “Der Teufel kennt kein Mitgefühl. Oft schlägt er gerade dann zu, wenn wir schwach sind — wenn wir mit angeschlagener Gesundheit oder Entmutigung zu kämpfen haben. Dann kommt es uns womöglich so vor, als hätten DIE PAAR STUNDEN, DIE WIR IM MONAT IM PREDIGTDIENST EINSETZEN KÖNNEN, FÜR… Weiterlesen »

Klaus Karl

Hallo Freunde, heute möchte ich einfach mal eure Meinung zu den Text “geht aus ihr hinaus,wenn… Ich bin mit 15 Jahren bei den ZJ getauft worden,seit ca. 1992 oder93,besuche ich keine Versammlungen mehr,weil mir vieles nicht gefiel .Einige ächten mich aber viele sind sehr nett und freundlich,wenn man es nicht sieht.Ich bin auch nicht zurückhaltend mit meiner Sicht der Dinge,lediglich meine Frau wird ausfallend wenn sie erfährt ,was ich wieder gesagt habe.Ich ging davon aus das die WTO in ganz Deutschland eine Kdör sei,trifft aber nicht auf NRW zu zum Glück.Wenn man Mitglied in einer Kdör ist muß man seinen… Weiterlesen »

Westworld

Vielen Dank für diesen schönen Artikel, der biblisch belegt, auf was es als Christ ankommt. Die Erettung durch Glauben an unseren Herrn Jesus Christus ist DIE Grundlage zur Rettung. Auf der Homepage der JW.ORG kann man zwar lesen, (Artikel über Rettung) das Werke nicht retten, aber die interne Publikationen sprechen (wie der Verfasser des Artikels belegt hat ) eine oft andere Sprache . Nirgends ist in der Bibel zu lesen, dass man durch wenige Werke seine Rettung verspielen kann. Die Errettung durch Christus ist auch eine zentrale Glaubenslehre der Freien Christengemeinde. Diesen wird oft vorgeworfen, dass man tun und lassen… Weiterlesen »

Leni

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