Kann man als Zeuge Jehovas ein Leben in christlicher Freiheit führen?

Diese Frage löst bei einem Zeugen Jehovas  Alarm aus. Christliche Freiheit: Das hört sich so nach unabhängigem Denken an, nach Selbstbestimmung, Denken ohne Anleitung und ohne vorgegebene Richtung.

Ich war ein Zeuge Jehovas und das gern und aus voller Überzeugung. Ich glaubte an Jehova, einen Gott, der sich uns Menschen liebevoll durch seinen Sohn zugewandt hat. Das war jedenfalls meine Überzeugung, die ich von Kindheit an als Zeuge Jehovas hatte. Doch im Laufe der Zeit machten sich gewisse Zweifel breit, Unbehagen beschlich mich. Zu viele Ungereimtheiten und zu viele zweifelhafte Handlungen der Organisation erwiesen sich als Tatsachen und öffneten mir die Augen.

Als Zeuge Jehovas befindest du dich in einem abgeschlossenen System. Gott und Mensch, Gut und Böse, Richtig und Falsch werden für dich von einer übergeordneten Machtstruktur ein für alle Mal festgelegt. Es wird dir kein Raum für eine persönliche Glaubensüberzeugung gewährt.

Immer wieder stellte ich mir die Frage: Entspricht das, was ich glaube und tue, eigentlich wirklich Gottes Willen? Wird mir wirklich der Gott vermittelt, an den ich zu glauben meine: Ein Gott, dessen liebevolle Zuwendung wir Menschen durch seinen Sohn erfahren? Wurde mein Gottesbild nicht eher von einem fordernden Gott geprägt, dem du nur genügen kannst, wenn du ihm dein ganzes Leben widmest? Dieser Gott hat aber so überhaupt nichts mit dem zu tun, den Jesus Christus uns vorlebte.

Aber vielleicht ist mein Gottesbild ja verkehrt? Vieleicht liege ich ja falsch, wenn ich die Gnade Gottes höher bewerte, als meine Leistungen für Gott. Habe ich als kleiner Mensch überhaupt die Möglichkeit, Gottes Wort, die Bibel zu verstehen, unabhängig von irgendeiner Institution? Die Heilige Schrift versichert uns, unabhängig von unserem Lebensraum und Lebenshintergrund — was Gott den Menschen durch sein Wort sagen lässt, ist „nicht zu schwer“ und mit Gottes Geist jedem zugänglich.

Davon war ich als Zeuge Jehovas von Anfang an überzeugt, und so wurde es mir auch in den Publikationen der WTG für die Öffentlichkeit gesagt, Zitat Wt 1. Januar 2017 S.4:

 „Die Bibel enthält Gottes Gedanken, und mit seiner(Gottes) Hilfe können wir sie verstehen. Gottes heiliger Geist kann jedem dabei helfen, sogar „die tiefen Dinge Gottes“ zu erfassen (1. Korinther 2:10). Gott verspricht, er wird „denen heiligen Geist geben, die ihn bitten (Lukas 11:13).“

Tatsächlich aber wurde mir mit den Jahren klar, dass diese Aussage der WTG nicht ernst gemeint ist. Eigene Nachforschungen und die daraus erlangten Glaubensüberzeugungen, werden, wie in den meisten religiösen Institutionen, nicht zugelassen. Zitat, Wt November 2016, S. 14, Abs. 9:

 „Es gibt Personen, die denken, sie könnten die Bibel selbst auslegen (oder verstehen). Doch Jesus hat einzig und allein den treuen Sklaven zur Austeilung der geistigen Speise eingesetzt. Seit 1919 gebraucht der verherrlichte Jesus Christus diesen Sklaven, um seinen Nachfolgern zu helfen, die Bibel zu verstehen und ihre Anweisungen zu beachten. Gehorchen wir (seinen) biblischen Anweisungen, tragen wir zu Reinheit, Frieden und Einheit in der Versammlung bei. Fragen wir uns: Stehe ich loyal zu dem treuen Sklaven, den Jesus heute als Mitteilungskanal gebraucht?

Mit anderen Worten: Vor dem Jahre 1919 war es Menschen, die Christus nachfolgen wollten, verwehrt die Bibel zu verstehen. Der Geist Gottes arbeitet nur in Verbindung mit dem Sklaven als Institution. Selbst Männer wie Martin Luther wirkten ohne den Geist Gottes. Mit dieser Aussage bestätigt die WTG, dass sie den „treuen und verständigen Sklaven“ zum Herrn über den Glauben, nicht nur aller Zeugen Jehovas, sondern über den aller Menschen, positioniert. Diese Anmaßung muss jeden ernsthaft gläubigen Christen abstoßen. Der Apostel Paulus vertrat in dieser Frage eine ganz klare Einstellung:

„Ich rufe aber Gott an zum Zeugen auf meine Seele, … dass wir nicht Herren sind über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude; denn ihr stehet in eurem Glauben alleine vor Gott.“ 2.Korinther 1:23

Der „treue und verständige Sklave“, als Teil der Organisation Jehovas, spielt sich als Herr über unseren Glauben auf. Es gibt kaum einen Lebensbereich, in dem er nicht Druck auf unsere christliche Freiheit ausübt. Alles wird reglementiert: die Teilnahme an politischem und sozialem Geschehen, der freundschaftliche Umgang mit Arbeitskollegen oder Mitschülern, bis hin zu Alltagshandlungen.

Der Kontakt zu den Mitmenschen aus der „Welt“ soll sich auf das Nötigste und das Predigen beschränken. Aber auch innerhalb der Gemeinschaft müssen die einzelnen Zeugen auf der Hut sein, um den hohen moralischen Erwartungen der Organisation zu entsprechen. Jehovas Zeugen geraten durch die extreme Auslegung biblischer Moralanforderungen, seitens der WTG, unter ständigen Druck.

Aufgrund des Versagens, auf moralisch sittlichem Terrain, haben nicht wenige Brüder das Empfinden, kein wahrer Christ zu sein und fühlen sich unwürdig. Das kann im schlimmsten Fall starke Depressionen hervorrufen.

Konnte ich als Zeuge Jehovas, in meiner Unzulänglichkeit, bezüglich der hohen sittlich-moralischen Anforderungen, wirklich „Christ“ sein? Um diese Frage beantworten zu können, musste ich meine Glaubensüberzeugungen radikal überdenken und loslassen – selbst dann, wenn ich noch keine hundertprozentige Antwort auf meine Fragen, keine neue Überzeugung,  gefunden hatte.

Mir wurde immer bewusster, dass ich als Zeuge Jehovas kaum einen selbstbestimmten Glauben, in christlicher Freiheit, ausleben kann. Das, was das Leben eines selbstbestimmten Christen ausmacht, wird dir von jeder religiösen Institution verwehrt.

Ein Christ darf seine Verantwortung für das, was er glaubt und vertritt,  nicht einer Klasse von Menschen überlassen, die sich ihm gegenüber als von Christus eingesetzte Institution positioniert. Jeder, der um den Geist Gottes bittet, wird die Bibel und das Wort Gottes verstehen und kann es auf sich wirken lassen. Deshalb bin ICH verantwortlich für meinen Glauben, vor Gott und vor den Menschen.

Ich halte es nicht nur mit Paulus, welcher der Gemeinde in Thessalonicher schrieb: „ … prüfet alles, und das Gute behaltet,“  sondern auch mit Martin Luther, der vom „Priestertum aller Gläubigen“ sprach. Christsein heißt für mich: Ich glaube an Gott, den liebevollen, uns Menschen zugewandten Schöpfer. Aber mein Glaube ist kein abgeschlossenes System. Alle Fragen und Antworten, die die Bereiche Gott und Mensch, Gut und Böse, Richtig und Falsch berühren, sind nicht immer eindeutig geklärt und ein für alle Mal festgelegt.

„Prüfet alles, und das Gute behaltet“, ist daher für mich ein durch und durch christlicher Grundsatz. Er beinhaltet die Freiheit, auf Unbekanntes zuzugehen, ohne gleich schon zu wissen, ob das eine gut ist für meinen Glauben und das andere schlecht. Ich darf mir alles anschauen, alles denken und vieles ausprobieren, um dann zu entscheiden: Das passt – oder auch nicht. Zu dieser Freiheit hat uns Christus geführt. Nein, das hat nichts mit Willkür oder unangemessener Toleranz zu tun. Was alleine zählt, ist das „Gesetz Christi“. Das ist das Verbindliche für einen in christlicher Freiheit lebenden Menschen.

Mit dieser Haltung stieß ich als ein Zeuge Jehovas auf Unverständnis. Einem Zeugen ist es unmöglich, verschiedene Argumente abzuwägen. Er muss einer fremdbestimmten Glaubensüberzeugung folgen. Er kann nicht offen auf Menschen zugehen, die anders glauben und leben als er und schauen, was er von diesen Christen lernen könnte.

Eigenes Denken und Forschen ist ihm zu anstrengend. Er ist es gewohnt, vorgekaute „Wahrheiten“ zu konsumieren. Er muss nicht mehr selber denken, nein, für ihn wurde schon gedacht. Diese vorgegebene Glaubensüberzeugung darf er nicht offen hinterfragen. Wenn er dies tut, dann nur für sich und heimlich, ohne mit anderen über seine Bedenken zu sprechen. Das erschwert es ihm, sich selbstkritisch zu hinterfragen.

Natürlich birgt diese o.g. Freiheit auch ein gewisses Risiko. Woher weiß ich, dass ich richtig liege mit meiner Einschätzung? Immerhin habe ich nur meinen menschlichen Blick und der ist begrenzt und kann auch in die Irre führen.

Die Antwort ist: Ich weiß es nicht, aber ich glaube, dass Gott mir Herz und Verstand gegeben hat und den Geist des Evangeliums, um sein Wort zu verstehen.

Nur nach dem, was ich aus Gottes Wort verstanden habe, kann ich mich mit Überzeugung ausrichten und leben. Es geht bei der christlichen Freiheit nicht um mein eigenes Gutdünken, sondern um ein Abwägen im Lichte des Evangeliums.

Also stelle ich mir bei allen Entscheidungen und Glaubensansichten, die ich übernehme und zu den meinigen mache, die Frage:

Was entspricht Gottes Liebe und Barmherzigkeit?

Was hat Jesus uns vorgelebt und gelehrt?

Wie hat er sich Menschen zugewandt, sie aufgerichtet, sie befreit, ihnen Wert zugemessen?

Wie kann ich das durch mein eigenes Leben verwirklichen und weitergeben?

Wie bringe ich Gott und seine Liebe in diese Welt?

Diese Art zu glauben ist ein Wagnis. Sie bietet keine einfachen Lösungen und überlässt die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen nicht anderen. ICH bin verantwortlich für das, was ich tue oder unterlasse.

Ein Christ kann seine Verantwortung nicht auf andere Menschen oder eine Institution übertragen. Dies ist, in meinen Augen, von nun an die evangeliumgemäße Art zu glauben. Ich vertraue darauf, dass Gott mit mir ist, auf diesem Weg des Fragens und Suchens und dass er mit unverbrüchlicher Gnade ebenso auf meine Ratlosigkeit und Irrungen schaut, wie auf meine richtigen Entscheidungen.

Oder, um noch einmal mit Paulus zu sprechen:

„Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel, noch Mächte, noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur (mich) scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,38)

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Matthew

sehr sehr schön, agree

Jurek

Vor dem Jahre 1919 war es Menschen, die Christus nachfolgen wollten, verwehrt die Bibel zu verstehen.

Also der Gründer der heutigen JW.org, Ch. T. Russell, hat eh die Bibel nicht verstanden? 🤔

Sarah

Hallo Lennard Danke für die guten Gedanken zum grossen Thema “Christliche Freiheit”. Deine Überlegungen sind mir verwandt. Ich habe dazu einmal diesen Satz gelesen: “Souverän und frei ist jeder, der niemand ausser Gott über sich hat.” Der christliche Glaube braucht keine Vermittlung durch Heilsanstalten, Organisationen oder kirchliche Lehrautoritäten. Dass wir Christen aus Gnade vor Gott bestehen können, schwächt die Macht kirchlicher Autoritäten, ja macht sie gar überflüssig. Christen benötigen auch keinen sakralen Apparat um Kontakt mit Gott aufnehmen zu können, noch sind sie auf menschliche Vermittlung angewiesen. Von dieser einzigartigen, göttlichen Freiheit spricht Paulus, wenn er den Galatern ermahnend zuruft:… Weiterlesen »

www.Christubekenner.de

Ja, lieber Lennard, allein 2. Korinther 1:24 müsste doch schon Aufrichtigen zu denken geben. Im „interlinearen“ Münchener Neuem Testament wird der griechische Wortlaut so übersetzt: „Nicht dass wir herrschen über euren Glauben, sondern Mitarbeiter sind wir eurer Freude; denn im Glauben steht ihr.“ Doch das oberste Gremium der Zeugen Jehovas beherrscht diese in Glaubensfragen unleugbar, ja es herrscht über diese. Und sie geben es sogar zu: Governing body = herrschender Leib. Aber nicht einmal der große Apostel Paulus wollte ein „Herr über den Glauben“ anderer sein, also in Glaubensfragen andere nicht beherrschen und lenken und richten (2. Kor. 1:24) .… Weiterlesen »

Peter

Lieber Lennard, danke für die schöne Abhandlung dieses wichtigen Themas. Ich sehe es ganz klar. Wie Du. Menschen wie wir sind oftmals verwundert, warum es für andere so schwer zu verstehen ist. Wahrscheinlich liegt es letzten Endes an geistiger Faulheit, lieber denken zu lassen, als selbst eine Meinung zu haben. Mit herzlichen brüderlichen Grüßen, Peter

Kimon

Dämonen im Wachturm von Januar 2019 unter der Überschrift ” Wer ist Gott” Danke Lennard für die gute Aufklärungsarbeit. Zeugen Jehovas können NIEMALS ein Leben in christlicher Freiheit führen. Die Wachtturm-Gesellschaft hat dafür gesorgt und sorgt dafür immer wieder. Seit ihrer Gründung sind ihre Publikationen mit satanischen Fratzen bzw. Subliminalis vergiftet mit dem Ziel das Unterbewusstsein zu verderben und die Menschen zu versklaven und gefügig zu machen, damit sie für ihre Interessen und Reichtum arbeiten. Liebe Brüder und Schwester, Schaut euch bitte mal den Wachturm von Januar 2019 an: https://www.antichrist-wachtturm.de/daemonen-im-wachtturm-januar-2019.php Das ist eine Manipulation auf die übelste Weise, die zum… Weiterlesen »

O.W.Schön@Aufwachende

EINE KULTGEMEINSCHAFT IN AKTION!

Einfach nur selbst offenbarend und selbst redend, dieses Video!!! Jehovas Zeugen beweisen einem Nicht-Zeugen ganz praktisch, dass sie keine Christen sind. Das Verhalten der Zeugen auf dem Kongress ist einfach nur beschämend und zutiefst unchristlich.

Zeugen beweisen offen, wessen Geistes Kind sie wirklich sind:
https://www.youtube.com/watch?v=eln4CzqcUl4

Danke an alle Zeugen, dass ihr uns offen sagt, wer ihr wirklich seid.
O.W.S.

DAS GEFÄNGNIS IN FREIHEIT

DAS GEFÄNGNIS IN FREIHEIT Zwanzig Jahre lang habe ich geglaubt, vertraut und gehofft… hab mich unterworfen, jeden Zweifel aber auch mein Ich verleugnet. Ich war ein Auserwählter, jemand der den Sinn des Lebens erkannt hatte… einer von jenen, die das Paradies erleben und den Tod überwinden werden. Gesegnet mit dem geistigen Paradies, lebte ich mit der Hoffnung auf das „beste“ Leben… ein Leben ohne Satan, ohne seinen gemeinen Versuchen mich vom Weg des Glaubens abzubringen. Doch irgendwie habe ich es schon immer gewusst… etwas lief falsch, fühle sich nicht richtig an, Zweifel machten sich breit. Doch was war es, was… Weiterlesen »

Die Wahrheit

Die ‘Wahrheit’ die Du niemandem erzählen kannst ! NUR ZEUGEN JEHOVAS WERDEN HARMAGEDON ÜBERLEBEN… Aufgrund meiner aktuellen Situation halte ich mich zumeist sehr zurück, wenn es darum geht mit anderen über meine neuen Erkenntnisse zu sprechen. Wenn es jedoch mal doch dazu kommt, dann kämpfe ich meist mit denselben Argumenten und diskutiere über die gleichen Themen. Eines dieser ist sicherlich jenes in der Überschrift dieses Artikels. Warum? Wenn ich, so wie meistens, die Frage in den Raum stelle woher doch die Behauptung und Anmaßung kommt, von sich selbst zu behaupten, dass man die wahre Organisation Gottes ist und nur jene… Weiterlesen »

Renate

ICH FINDE DAS ALLES SO UNENDLICH TRAURIG !

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