"Leitende Körpersch...
 

"Leitende Körperschaft" der ZJ, wie kam sie zustande? Aus der Welt der ZJ  

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Auszug aus den letzten Artikeln der "Brücke zum Menschen" (Bruderdienst), diese Zeitschrift wurde 2017 eingestellt:

Haben die ZJ und das NS-System etwas gemeinsam?

Carlas Interview  mit Hans-Jürgen Twisselmann über die „Leitende Körperschaft“ der Zeugen Jehovas[1]

Frage: Nach Ihrem Ausstieg aus der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen (ZJ) haben Sie in Ihren Publikationen von einem dramatischen Machtwechsel innerhalb der Organisation berichtet. Hat sich dadurch bei den ZJ Wesentliches verändert?

Twisselmann: Ja und nein. Ursprünglich stand an der Spitze der amerikanischen „Watch Tower Bible and Tract Society" (Wachtturm-Gesellschaft oder WTG) ein Präsident, der die Organisation als Alleinherrscher regierte. 1976 wurde die Leitung nach internen Machtkämpfen an die „Leitende Körperschaft“ übergeben. Wer jedoch von diesem Machtwechsel eine Demokratisierung und Liberalisierung erwartet hatte, sah sich getäuscht. Denn erstens besteht die Leitende Körperschaft aus Schülern der früheren WTG-Präsidenten Joseph F. Rutherford und Nathan H. Knorr. Zweitens ist sie nicht auf dem Wege freier und demokratischer Wahlen in ihr Amt gekommen. Und drittens trat an die Stelle des früheren Einmannsystems ein bürokratischer Apparat, der in ähnlicher Weise Kontrolle ausübt.

Wir haben es auch nach dem Ende des Einmann-Systems noch mit einer Diktatur zu tun?

Ja! Das hat auch historische Gründe. Während der Präsidentschaft Charles T. Russells nannten sich dessen Anhänger bekanntlich „Ernste Bibelforscher“, was ja für suchende Menschen individuelle Freiheit und selbstständige Schriftforschung vermuten ließ und daher auch ein relativ schnelles Anwachsen dieser Gemeinschaft begünstigte. Der Nachteil: Weil jede(r) meinte, nach eigenem Gusto die Bibel auslegen zu können, kam es immer wieder zum Streit um die richtige Auslegung oder „die reine Lehre“. Als Russell 1916 starb, ohne dass sich seine Weltende-Prognosen im Jahr 1914 oder in der Folgezeit erfüllt hätten, wurde erst recht der Ruf nach einem „starken Mann“ laut. Russells Amtsnachfolger Rutherford hat diese Erwartungen erfüllt, aber auf Kosten der Freiheit. Unter seinem autoritären Regime wurde innerhalb weniger Jahre aus der ursprünglich freiheitlichen Gemeinschaft eine totalitäre Organisation. Immerhin gehören die erwähnten Zustände der Russell-Ära seither der Vergangenheit an, und auch die Leitende Körperschaft möchte offensichtlich einen Rückfall in jene Zustände verhindern. Ein nachhaltiger geistlicher Neuanfang sieht jedoch anders aus.

Sie haben von einem internen Machtkampf bei der WTG gesprochen, in einem Werk also, das sich als das einzige wahrhaft christliche versteht. Wie konnte es denn dazu kommen?

Zum besseren Verständnis dieser Vorgänge werfen wir am besten einen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Leitenden Körperschaft. Sie verlief in drei Phasen:

Die erste Phase: Bald nach Beginn seiner Präsidentschaft (1942) ließ Nathan H. Knorr im „Wachtturm“ immer wieder verlauten, an der Spitze der „Theokratischen Organisation“ stehe eine Leitende Körperschaft. Später hieß es sogar, die WTG sei nur ein Verwaltungsorgan, „das der Leitenden Körperschaft vorübergehend nützliche Dienste leisten“ solle. Es ist anzunehmen, dass Knorr nach bitteren Erfahrungen während Rutherfords Einmann-Diktatur tatsächlich von einer solchen kollektiven Leitung geträumt hat. Faktisch aber blieb es fast 30 Jahre lang bei den verbalen Beteuerungen. Ungezählte Zeugen aber werden sich – wie auch ich selbst – immer wieder gefragt haben, wo und seit wann denn eine derartige Einrichtung überhaupt existierte. Präsident Knorr sah sich daher genötigt, die Wirklichkeit an die 30 Jahre lang den Zeugen vorgegaukelte Theorie „anzupassen“.

Die zweite Phase: 1971 wurde durch das Aufstocken des völlig unbedeutenden Direktoriums der WTG tatsächlich ein Gremium geschaffen, das man „leitende Körperschaft“ nannte. Im Rückblick auf dieses Ereignis verkündete der „Wachtturm“ vom 1.4.1972: „Die Tatsachen sprechen lauter als Worte. Die leitende Körperschaft ist vorhanden. Dankbar und mit Überzeugung erklären Jehovas christliche Zeugen, dass ihre Organisation kein Einmannsystem ist.“ Raymond Franz, Neffe des damaligen WTG-Vizepräsidenten, der bis zu seinem Bruch mit der WTG diesem Gremium angehörte, sagte jedoch in seinem Buch „Der Gewissenskonflikt“, das sei „einfach nicht wahr“, denn die sogenannte Leitende Körperschaft habe über keinerlei Leitungskompetenzen verfügt. Ihre Mitglieder hätten sich daher gefragt, wer denn nun für wen „vorübergehend nützliche Dienste leisten“ müsse.

Die dritte Phase: Tatsächlich kam es in der Leitenden Körperschaft in Anwesenheit des Präsidenten Knorr und seines „Vize“ zu einem regelrechten Aufstand. Grant Suiter, Sekretärkassierer der WTG und Mitglied der Leitenden Körperschaft, brachte seine Empörung über das unseriöse Spiel der WTG zum Ausdruck, und mit rotem Kopf erklärte er abschließend: „Wenn wir jetzt eine leitende Körperschaft sein sollen, dann soll es aber auch losgehen mit dem Leiten! Ich habe bisher jedenfalls noch nichts zu leiten gehabt.“ Unter dem Eindruck dieser Rede raffte sich Knorr zu einer Erklärung auf, in der er vorschlug, einen Plan aufzustellen mit dem Ziel, dass „die leitende Körperschaft die Führung unter den Zeugen Jehovas übernimmt. Ich werde mich weder dafür noch dagegen äußern.“ In der Folgezeit suchte er die Verwirklichung dieses Plans jedoch zu verhindern, sodass es zu dem erwähnten Machtkampf kam, an dessen Ende die WTG ihr Führungsmonopol tatsächlich an die Leitende Körperschaft abgeben musste.[2] Die Umorganisation trat ab 1.1.1976 offiziell in Kraft.

In einem Ihrer Bücher haben Sie darauf hingewiesen, dass die ZJ-Führung es meisterhaft verstehe, Ängste und Sehnsüchte der Menschen, aber auch ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich zu nutzen.

Ja, das stimmt. Um nur ein Beispiel aus der Zeit der WTG-Präsidenten zu nennen: In der Zeitschrift „Erwachet!“ vom 1.4.1969 veröffentlichte die WTG den Werbespot „Sichere dir eine schöne Zukunft!“ und verhieß damit etwas, von dem ihr selbst klar sein musste, dass sie es nicht realisieren konnte. Die Menschen, die sich auf die Versprechen der WTG verlassen haben und für die ZJ missionieren, sollten wir daher nicht als Täter, sondern als Opfer betrachten. Wenn Zeugen Jehovas andere Menschen zum Konvertieren verführen, dann nur deshalb, weil sie selbst verführte Verführer sind – ideologisierte Marionetten.

Bestehen Ihrer Meinung nach Parallelen zu politischen Ideologien?

Durchaus! Ich sehe – bei aller notwendigen Unterscheidung – besonders an zwei Stellen gefährliche Gemeinsamkeiten: Erstens setzen sie alle ihr System absolut. Sie maßen sich an, darüber zu bestimmen, was in ihrem Herrschaftsbereich als Wahrheit bzw. als ethisches Handeln zu gelten hat. Zweitens ist für Andersdenkende in ihrem „Arbeiter- und Bauern-Paradies“, „Reich“ oder „Königreich“ kein Platz. Selbst ihre linientreuen Anhänger müssen gestehen: „Wehe denen, die sich gegen unser System auflehnen!“ Kritik wagende Mitglieder werden als Verräter gebrandmarkt und zur Rechenschaft gezogen.[3] Gleichwohl sprechen diese Ideologen von Freiheit – Freiheit, die sie meinen.

[1] Erstveröffentlichung im Materialdienst 1/2016, herausgegeben von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, S. 22 ff.

[2] Ausführlich berichtet in: Raymond Franz, Der Gewissenskonflikt, Hamburg und Karlsruhe: Bruderdienst Missionsverlag e. V. und Ausstieg e.V., 4. revidierte und erweiterte Auflage 2006, S. 90 ff.

[3] In jüngster Zeit erfährt die Leitende Körperschaft in zunehmendem Maße deutliche Kritik aus den Reihen der ZJ. Als Ursache sind zwei Faktoren zu nennen: 1. das im Vergleich zum vorigen Jahrhundert deutlich höhere Bildungsniveau in der westlichen Welt, das sich auch bei den ZJ ausgewirkt hat (was zum Beispiel Kritikfähigkeit betrifft). 2. Die Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, die das Internet bietet, werden von den ZJ genutzt. Offen bleibt die Frage, wie die Leitende Körperschaft jetzt und künftig auf ihre internen Kritiker und deren Mahnungen reagiert.

(Weiteres Thema folgt)

Zitat
Veröffentlicht : 18. Oktober 2019 14:10
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Aus der gleichen Ausgabe, Stand 2016:

Aus der Welt der Zeugen Jehovas

Will Cook

Die Wachtturmgesellschaft im Umbruch

- nur eine vorübergehende Krise?

“… die Zeichen der Zeit könnt ihr nicht deuten”[1], sagte Jesus einst zu seinen Jüngern. Heute muss die Wachtturmorganisation erkennen, dass diese Aussage auch auf sie zutrifft.

Turbulent sind die Zeiten für die Gesellschaft geworden, die glaubt, die rechtmäßige Vertreterin Gottes auf der Erde zu sein. Und das ist noch gelinde ausgedrückt.

Der einer breiten Öffentlichkeit bekannt gewordene Skandal der Vertuschung von massenhaftem Kindermissbrauch in den eigenen Reihen in Australien[2] geht Hand in Hand mit wachsenden anderen Problemen der Glaubwürdigkeit und – als ob diese Schwierigkeiten nicht schon genug wären - frisst sich seit Monaten eine Finanzkrise durch das Gemäuer des Wachtturms, der zunehmend an Stabilität verliert.

So offensichtlich, dass sich die finanziellen Probleme nicht mehr leugnen lassen. Im Mai 2015 wurde die von der Führung der Gesellschaft bis dahin stets in Abrede gestellte Problematik offen zugegeben: Stephen Lett, ein Mitglied der leitenden Kör-perschaft,[3] bestätigte, dass es zwischen Ausgaben und Einnahmen der Wachtturm-gesellschaft eine „erhebliche“ negative Differenz gebe.

Aus diesem Grund wolle man an die Brüder appellieren, auch ihre „wertvollen Dinge“ zu spenden. Ganz so, wie es der Einzelne in seinem Herzen beschlossen habe und erkenne, dass es biblische Entsprechungen für das erwünschte Spenden gebe.

Dass außerdem von der Organisation auch tief greifende Einsparungen vorgenommen werden müssten, sprach der Vortragende bei dieser Gelegenheit jedoch nicht an.

Die beschriebene Dringlichkeit hatte nicht den erwünschten Erfolg. Im vergangenen September wurde bekannt[4], dass massive Veränderungen in der Organisation und bei ihren Vorhaben eingeleitet werden sollten. So gravierend, dass es dafür in der mehr als 130jährigen Geschichte der Wachtturmgesellschaft nichts Vergleichbares gibt.

Um die Bedeutung dieser Veränderungen nachvollziehen zu können, muss man sehen, dass bei den Zeugen Jehovas über lange Jahre eine schier ungebrochene Wachstumseuphorie vorherrschte. Regelmäßig wurden Zuwachsraten verkündet und neue Höchststände bei den Verkündigern bekannt gemacht, wobei genauso regelmäßig auch der Vertrieb der hauseigenen Produkte anwuchs.

Dies allerdings nur bis zum Jahr 2005. Dann kam der erste Einbruch bei den Druckschriften. Seitdem sind die Auflagen des Wachtturms und Erwachet! um 39% zurückgegangen[5], was allein aber noch nicht ausgereicht hat, die laufenden Verluste aufzufangen. Weitere Maßnahmen erwiesen sich als notwendig und wurden angegangen.

Organisatorische Veränderungen und ihre personellen Opfer

Diese, bereits im vergangenen Jahr begonnenen Veränderungsmaßnahmen[6], haben für einzelne Gruppen der Zeugen Jehovas zum Teil gravierende persönliche Auswirkungen. Die Wachtturmführung sieht sich gezwungen, an Personal, vor allem an hauptamtlichen Beschäftigten, zu sparen.

Entlassungen von Vollzeitbeschäftigten, wie Bethelmitarbeitern, Kreis- und Bezirksaufsehern beispielsweise, wurden bereits offiziell bekannt gemacht. Sie sollen im Winter 2015 – 16 beginnen.

Gleichzeitig hat die Wachtturmführung auch die Abschaffung des Amts des Bezirksaufsehers verfügt. Den Betroffenen in den USA wurde bereits lapidar mitgeteilt, dass ihre Positionen gestrichen seien und sie nicht länger benötigt würden[7].

Einige der ehemaligen Bezirksaufseher den USA wurden als Kreisaufseher auf der unteren Ebene eingesetzt und sind damit weiter versorgt. Die meisten werden allerdings entlassen und sind fortan darauf angewiesen, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Viele der Betroffenen befinden sich in der Altersgruppe der 40- bis 50jährigen, ohne eigenen Wohnsitz und ohne die entsprechenden Qualifikationen, die für eine Beschäftigung in der Wirtschaft notwendig wären.

Damit zeichnet sich für die örtlichen Versammlungen eine weitere Belastung ab. Ihnen bleibt es überlassen, wie sie mit diesen wahrscheinlich tief frustrierten Personen, die sich mit öden bis hoffnungslosen Zukunftsaussichten konfrontiert sehen, fertig werden.

Zudem können diese Brüder nicht mit Unterstützung durch eigene Kinder rechnen, weil sie, der Wachtturmdoktrin folgend, kinderlos geblieben sind.

Auch die Entlassungspraxis der Organisation stellt sich für die Betroffenen oft als ein traumatisches Erlebnis dar. Sie werden nach Jahren oder sogar Jahrzehnten ihres weitgehend unbezahlten Dienstes ohne lange Ankündigung oder Vorbereitung und Unterstützung kurzfristig auf die Straße gesetzt, wie es das Beispiel eines früheren „Bethel“-Mitarbeiters zeigt.[8]

Die früher praktizierte Regel, dass die Gesellschaft weiterhin, im Extremfall bis an das Lebensende, für diejenigen Brüder und Schwestern in den USA sorgte, die auf mehr als 15 Jahre Dienst im Bethel zurückblicken konnten, hat für die jetzt Betroffenen keine Gültigkeit mehr.

Sie werden zukünftig auf die Großherzigkeit wohlhabenderer Brüder und Schwestern in ihren neuen Versammlungen angewiesen sein - einem Personenkreis, auf den sie früher vielleicht noch herabblickten, weil er die „Königreichsinteressen“ nicht so wie sie obenan gestellt habe.

Wer allerdings von beiden Personengruppen die richtige Entscheidung für sein Leben getroffen hat, dürfte eine Frage sein, die sie noch länger beschäftigen wird.

Bislang ist nicht bekannt, um welche Zahl es bei den zur Entlassung anstehenden Zeugen geht. Als sicher gilt nur, dass es sich insgesamt um einige Tausend ehemalige hauptamtliche Bedienstete handelt, die im kommenden Jahr einer ungewissen Zukunft entgegensehen.

Die Krise schreitet voran - vielen Änderungen zum Trotz

Angesichts der sozialen Härten bei den Betroffenen hätte man erwarten können, dass die Wachtturmführung ihre Entscheidung zur Durchsetzung der einschneidenden Veränderungen offen und ehrlich mit ihren finanziellen Problemen rechtfertigen würde. Aber wieder einmal eine Enttäuschung!

Nicht um den Finanzstatus gehe es, nein, um das weltweite Predigtwerk zu fördern und voranzutreiben, seien die vorgesehenen Einsparungen notwendig und die organisatorischen Veränderungen unverzichtbar, lässt die leitende Körperschaft verlauten.

Sie kann offenbar nicht erkennen, dass sie sich mit dieser Begründung im Widerspruch zu der Aussage von Steven Lett befindet. Aber warum denn die stille und heimliche Einführung von festen finanziellen Abgabequoten für die US-Versammlungen im vergangenen Jahr?

Nur, um die Ressourcen zu poolen, um damit die weltweiten Bauvorhaben zu unterstützen, wie es die Führung in Brooklyn begründet[9]?

Wie ist es denn zu verstehen, dass weltweit Neubauten zurückgehen oder sogar ganz eingestellt werden und nur das prestigeträchtige Projekt in Warwick von den Einschränkungen ausgenommen wird?

Warum sollen die Versammlungen in den USA die Tilgungszahlungen für die ihnen von der Gesellschaft gewährten Kredite für ihren Königreichssaal auch nach voller Rückzahlung weiterhin für die „Gebäudeinstandhaltung“ entrichten? Und das selbst, wenn sie das Gebäude wegen Zusammenlegungen mit anderen Versammlungen nicht mehr nutzen? Vielleicht sogar, weil es von der Gesellschaft zum Verkauf angeboten worden ist?

Ein weiteres Puzzlesteinchen, das für die Richtigkeit dieser Vermutung spricht, kann man einem Brief der Wachtturmführung an die Ältesten in den USA vom 5. Juli 2015 entnehmen, in dem die Versammlungen auf effizientere Nutzung ihrer Königreichssäle hingewiesen werden.

Durch Zusammenlegungen von Versammlungen und das Teilen der Versammlungsräume ließen sich verfügbare Immobilien besser nutzen, sagt die Organisation und öffnet damit den Weg für eine Schrumpfung ihrer selbst - damit aber auch den Weg, um über den Verkauf von Liegenschaften zu weiteren Einnahmen zu gelangen.

Wie dringend zusätzliche Einnahmen benötigt werden, lässt sich auch aus den gegenwärtig laufende Gerichtsverfahren schließen, die gegen die Wachtturm-gesellschaft angestrengt worden sind.

Der Fall Candace Conti im Jahr 2013[10], bei dem die Klägerin die Gesellschaft auf Schadensersatz verklagte, weil diese einen langjährigen Missbrauch, den sie als Kind erleiden musste, unter den Teppich zu kehren versuchte, endete mit einem katastrophalen Ergebnis für die Zeugen.

Die Wachtturmgesellschaft wurde von einem kalifornischen Gericht zur Zahlung einer Schadensersatzleistung[11] von 28 Mio. US-Dollar verurteilt, die erst in späteren Revisionsterminen auf 2,8 Mio. USD herabgesetzt wurde.

Dieses Verfahren hatte offenbar die Wirkung einer geöffneten Schleusentür. Allein die US-Anwaltsfirma Irwin Zalkin hat seit dieser Zeit elf weitere Klagen gegen die Gesellschaft vorbereitet und eingereicht[12].

Im vergangenen Jahr erreichte Zalkin einen weiteren Erfolg. Die Gesellschaft wurde im Fall Jose Lopez zur Zahlung von 13,5 Mio. USD verurteilt[13]. Der Kläger machte geltend, dass er im Alter von 7 Jahren sexuell missbraucht worden war und dies, obwohl die Ältesten in der Versammlung schon seit Jahren über die pädophilen Aktivitäten des Täters im Bilde waren...

Ihre Niederlagen vor Gericht kommen die Wachtturmgesellschaft teuer zu stehen. Rücklagen in der Größenordnung von mehreren Hundert Millionen Dollar müssen gebildet und zunächst finanziert werden, was der Wachtturmorganisation offen-sichtlich nicht leicht fällt.

Wohin geht die Reise?

Nach langen Jahren des ungebrochenen Aufschwungs hat sich der Wind für die Wachtturmgesellschaft gedreht. Er bläst ihr ins Gesicht. Obwohl es verfrüht wäre, so drastische Prognosen wie ein baldiges Ende abzugeben, kann man mit einiger Sicherheit sagen, dass der derzeitige organisatorische Schrumpfungsprozess erst dann zu einem Ende kommen wird, wenn das Niveau eines Ausgleiches zwischen Einnahmen und Ausgaben erreicht ist.

Das bedeutet, dass, wenn die Einnahmeseite weiterhin keine erheblichen Veränderungen zum Positiven erkennen lässt, weitere Entlassungen verfügt und die Druckaktivitäten weiter eingeschränkt werden müssen. Möglicherweise bis zum Punkt der vollständigen Einstellung aller periodischen Druckschriften und Verlagerung des Inhalts auf das Internet.

Beobachter wie Lloyd Evans, der Begründer des Blogs Cedars‘ JWsurvey[14], gehen davon aus, dass sich damit auch die Zahl der aktiven Mitglieder der Wachtturmorganisation auf eine Größenordnung wie die der Scientology Sekte zubewegen könnte.

Diese Organisation verfüge zwar nur über vergleichsweise wenige Mitglieder, aber dafür über ein beachtliches Portfolio an weltweit verteiltem Grundbesitz. Und, was der entscheidende Faktor sei, sie habe im Vergleich zur Wachtturmgesellschaft nur geringe Betriebskosten.

In diesem Zusammenhang ist noch eine wichtige Frage zu beantworten: Was könnte es gewesen sein, was neben den hohen Ausgaben im Rechtsbereich für den rapiden finanziellen Niedergang des Wachtturmkonglomerats gesorgt hat?

Immerhin befindet sich in der Gruppe eine Aktiengesellschaft (Watchtower Bible and Tract Society Inc.), die im vergangenen Jahrzehnt mit jährlichen Durchschnittsroherlösen von über 950 Mio. USD den neunten Platz unter den vierzig profitabelsten Firmen in New York bekleidet hat.

Zudem ist zu berücksichtigen, dass die jährlichen Aufwendungen für alle haupt-amtlichen Bediensteten der Wachtturmgesellschaft auf relativ geringe 115 Mio. USD geschätzt werden[15]. Woher also stammen die aufgelaufenen Verluste?

Bill Bowen, ehemaliger Ältester und langjähriger Experte hinsichtlich der Zeugen Jehovas und ihrer Organisation, vermutet, dass es zwei mögliche Erklärungen[16] gibt:

  • Zum einen könnten einer oder mehrere der Brüder in leitenden Funktionen Millionen oder sogar Milliarden USD veruntreut und sich selbst bereichert haben. Personen, die zu viel von den „schmutzigen Geheimnissen“ der Organisation kennen und deswegen nicht verfolgt werden können. Vielleicht auch, weil die leitende Körperschaft bei Bekanntwerden sogar selbst mit einer Strafverfolgung rechnen müsste.
  • Zum anderen sei denkbar, dass sich die Gesellschaft mit Spendengeldern an gewagten Spekulationen auf dem Markt der Risiko-Hedge-Fonds[17] beteiligt hat und über die üblicherweise praktizierte Hebelung ihres Anlagebetrags finanziell in Schieflage geraten ist.

Die letzte Überlegung ist nicht leicht von der Hand zu weisen. In den vergangenen Jahren sind wiederholt Hinweise aufgetaucht, die auf eine Anwesenheit von Wachtturmvertretern bei internationalen Zusammenkünften der Hedgefonds als Investor und damit auch auf eine Beteiligung schließen lassen.

Wie auch immer, an diesem Punkt muss man feststellen, dass ein derartiger Prozess der “Gesundschrumpfung”, wie er jetzt eingeleitet worden ist, nicht ohne Risiko für die Gesellschaft ist. Er hat das Potenzial, an die Substanz selbst der überzeugtesten langjährigen Mitglieder zu gehen.

Vermutlich werden mehr und mehr Glaubensgeschwister die Frage stellen, wie sich diese negative Entwicklung mit der Lehre vom Segen Jehovas, der sich im fortgesetzten Wachstum ausdrückt, vereinbaren lässt.

Die leitende Körperschaft hätte wahrscheinlich wieder nur die Stereotype von dem Angriff Satans auf die Getreuen Jehovas und den Auswirkungen der großen Drangsal bereit.

Doch wer kann der Gesellschaft das alles noch glauben? Wie in der Zeit nach 1975, ihrer fehlgeschlagenen Prophezeiung vom Ende, müsste die Wachtturmführung im Falle eines finanziellen Kollapses mit einem vergleichsweise großen Exodus rechnen.

Wachtturm – quo vadis, wo geht die Reise hin?

Wir leben in einer interessanten Zeit und werden es sicher bald erfahren.

[1] Mt 16, 3

[2] http://www.theaustralian.com.au/news/nation/jehovahs-witness-group-caned-by-abuse-royal-commission-submission/news-story/e3c79d5ff047bc8d2626914dd23c8836

[3] http://jwsurvey.org/cedars-blog/stephen-lett-admits-incomeexpenditure-shortfall-as-he-reminds-witnes-ses-to-donate-valuable-things

[4] http://jwsurvey.org/cedars-blog/more-downsizing-on-the-way-multiple-sources-report-bethel-letter-warning-of-further-cuts

[5] http://jwsurvey.org/cedars-blog/watchtower-and-awake-magazine-printing-down-39-percent-since-2005

[6] http://jwsurvey.org/cedars-blog/more-downsizing-on-the-way-multiple-sources-report-bethel-letter-warning-of-further-cuts

[7] http://jwsurvey.org/cedars-blog/governing-body-discontinues-the-role-of-district-overseer

[8] http://taze.co/2015/07/17/is-jw-org-firing-members-of-their-religious-order-of-special-full-time-servants-of-jehovahs-witnesses/

[9] http://jwsurvey.org/cedars-blog/governing-body-instructs-congregations-to-pledge-fixed-monthly-donations

[10] http://jwsurvey.org/cedars-blog/the-watchtower-punished-society-loses-legal-battle-over-child-abuse-case

[11] http://www.revealnews.org/article/jehovahs-witnesses-use-1st-amendment-to-hide-child-sex-abuse-claims/

[12] http://jwsurvey.org/cedars-blog/the-lawsuit-landslide-irwin-zalkin-representing-eleven-child-abuse-victims-against-watchtower

[13] http://jwsurvey.org/cedars-blog/watchtower-ordered-to-pay-13-5-million-in-sex-abuse-case-as-gerrit-losch-fails-to-testify

[14] http://jwsurvey.org/cedars-blog/watchtower-in-crisis-frustration-grows-at-bethel-as-governing-body-focuses-everything-on-warwick

[15] https://www.facebook.com/notes/william-h-bowen/the-smoking-gun/10153791245036248 ; nach den eigenen Angaben der Wachtturm-Gesellschaft betrugen die Ausgaben für alle „Vollzeitdiener“ weltweit im Jahr 2015 236 Millionen US-Dollar (Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2016, S. 176).

[16] https://www.facebook.com/notes/william-h-bowen/the-smoking-gun/10153791245036248

[17] Hedge-Fonds sind Investment-Gesellschaften, die oft hochspekulativ Gelder von Investoren mit dem Ziel einer möglichst kurzfristig zu erzielenden hohen Rendite anlegen. Dabei wird meist das Eigenkapital des Anlegers zur Aufnahme zusätzlicher Kredite genutzt („Hebelung“), die ebenfalls investiert werden und das eingesetzte Eigenkapitals oft um ein Vielfaches übersteigen, um den Gewinn zu erhöhen. Sie gelten als risikoträchtige Anlageformen, die kaum oder gar nicht von staatlichen Stellen reguliert werden.

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Veröffentlicht : 18. Oktober 2019 15:11
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Nachlese am frühen Morgen,

zur Thematik: "Leitende Körperschaft":

Da jammerte Klein in den 1970er Jahren:

Karl Kleins Bemerkung erinnerte an die Feststellung Grant Suiters einige Jahre zuvor, als das Thema Leitung der Verwaltung zur Debatte stand. Wie in Der Gewissenskonflikt, Seite 77, geschildert, sagte er in ziemlich scharfem Ton: „Wenn wir jetzt eine leitende Körperschaft sein sollen, dann soll es aber auch losgehen mit dem Leiten! Ich habe bisher jedenfalls noch nichts zu leiten gehabt.“

Die Leiterei begann bestenfalls ab Januar 1976. Aber was war in den 2 Jahrhunderten zuvor? 1998 schrieb ich für den Gütersloh-Verlag das, zuerst ein WT-Zitat:

Heute mit der leitenden Körperschaft zusammenarbeiten:

„Er wird ihn über seine ganze Habe setzen“ (Luk.12:44). Zu Pfingsten 33 u. Z. begann Jesus Christus, das Haupt der Versammlung, im Königreich seiner geistgesalbten Sklaven zu regieren.                   (WT, 15.3.1990, S. 15)

Es wäre nicht verwunderlich, wenn manchem Betrachter diese ganze Sache verwirrend erscheint. In der Tat, es ist verwirrend. Die skurrilen Gedankengänge - in erweiterter Form - lauten nämlich so:

Schätzt du den „treuen und verständigen Sklaven“?: Jehovas Zeugen glauben, daß sich dieses Gleichnis auf die eine wahre Versammlung der gesalbten Nachfolger Jesu bezieht. Von Pfingsten 33 u. Z. an hat diese sklavenähnliche Versammlung in den vergangenen 1 900 Jahren ihren Gliedern geistige Speise ausgeteilt und hat sich dabei als treu und verständig erwiesen. Besonders seit der Zeit der Wiederkunft oder Gegenwart Christi ist dieser „Sklave“ deutlich zu erkennen. Er ist an seiner Wachsamkeit und daran zu erkennen, daß er als „treuer und verständiger Sklave“ für die geistige Speise sorgt, die von allen in der Christenversammlung benötigt wird. Dieser „Sklave“ oder die geistgesalbte Versammlung ist in der Tat der von Gott anerkannte Kanal, der in der „Zeit des Endes“ sein Königreich auf der Erde vertritt (Dan. 12:4). Nach dem Verständnis der Zeugen Jehovas besteht der „Sklave“ aus der Gruppe der gesalbten Christen auf der Erde, die in den seit Pfingsten bis heute vergangenen 1 900 Jahren gelebt haben. Die „Hausknechte“ sind daher diese Nachfolger Christi als Einzelpersonen.                       (WT, 1.3.1981, S. 24).

Solche Behauptungen sind „starker Tobak“ und verwirrten mich total. Da stellte sich die Frage, welcher „Sklave“ in der Vergangenheit trat als „Erblasser“ auf und wen setzte dieser als seinen Nachfolger ein? Nach den Worten des WT, befindet sich dieser Sklave – im übertragenen Sinn – in einem „Stafettenlauf“, da gibt er seine „Treue und Verständigkeit“ an den/die Nachfolger weiter. Bitte, wer „lief“ denn in der Vergangenheit? Daß es immer, in allen Jahrhunderten, Christen gab die Gottes Anerkennung besaßen, zeigt auch das Gleichnis Jesu vom „Unkraut und Weizen“ in Matthäus 13. Der „Weizen“ ist ein Bild der Kinder Gottes. Scheinchristen werden durch das „Unkraut“ veranschaulicht, das vom Teufel unter den Weizen gesät wurde. Dieses Gleichnis zeigt auch, daß beide Pflanzenarten zusammen wachsen sollten, bis zur Erntezeit. Dann würden Engel das Unkraut vom Weizen trennen. Dabei wird das Unkraut gestapelt und verbrannt, der Weizen geerntet und gelagert. Welche Christen sind in all den Jahrhunderten eigentlich Weizen und welche Unkraut gewesen? Wie hieß die Gemeinschaft, Kirche, oder Einzelperson? Um im genannten Bild zu bleiben, wer war der letzte Stafettenläufer, dessen Stafette die WTG übernahm?

Die „geistige Speise“, ist nach Auslegung der WTG der Inhalt ihrer Schriften, da sollten doch von „Vorgängern“ auch solche vorhanden sein. Es gibt eine Menge religiösen Schrifttums aus der Vergangenheit, was ist davon „Speise zur rechten Zeit“? Laut WTG, waren alle christlichen Religionen vor ihnen unerleuchtet und Teil „Babylons der Großen“, eben die abgefallene Christenheit. Ich fand weder eine schriftliche noch persönliche Spur von irgend einem „Sklaven“ vor der WTG-Ära! Waren das nicht alles nur reine Behauptungen?

Ob meine Fragen die Schreibabteilung zu Brooklyn berührte, ist kaum anzunehmen, aber eine Änderung war längst fällig und diese kam 2013, (Verstärkung von mir):
w13 15. 7. S. 20-25

  • „Wer ist in Wirklichkeit der treue und verständige Sklave?“

Wie also ist Jesu Gleichnis vom treuen und verständigen Sklaven zu verstehen? Bisher haben wir in unseren Veröffentlichungen Folgendes erklärt: An Pfingsten 33 setzte Jesus den treuen Sklaven über seine „Hausknechte“. Der „Sklave“ steht für die Gesamtheit aller geistgesalbten Christen, die sich jeweils auf der Erde befinden, und zwar in der Zeit von 33 bis heute. Die „Hausknechte“ sind die gleichen Gesalbten, nur nicht als Gruppe gesehen, sondern als Einzelpersonen. 1919 setzte Jesus den treuen Sklaven über „seine ganze Habe“ — alles, was auf der Erde mit seinem Königreich zu tun hat. Aber: Weiteres gründliches Studium verbunden mit intensivem Nachsinnen unter Gebet führt zu dem Schluss, dass unser Verständnis der Worte Jesu über den treuen und verständigen Sklaven präzisiert werden muss (Spr. 4:18). 

12 Wann setzte Jesus den treuen Sklaven über seine Hausknechte ein? …

Als es dann 1919 zu einer geistigen Wiederbelebung kam, wählte Jesus unter ihnen befähigte geistgesalbte Brüder aus, den treuen und verständigen Sklaven zu bilden, und setzte sie über seine Hausknechte ein...

Welche Kräfte doch von Jehova ausgingen, als sich die Schreiberlinge in NY auf "intensives Nachsinnen" konzentrierten...

٩͡[๏̯͡๏]۶ ͡

AntwortZitat
Veröffentlicht : 19. Oktober 2019 7:29
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(@fds)

@gerd

Man könnte sich auch fragen was denn unter anderem die ,,geistige Speise'' zum damaligen Zeitpunkt gewesen ist.

Dazu der WT vom 15.3.1990 Seite 14 :

,,Als somit Jesus Christus 1918 bei allen, die behaupteten, seine Sklaven zu sein, eine Besichtigung vornahm, fand er eine Gruppe von internationalen Christen vor, die biblische Wahrheiten veröffentlichte,....."

In den Schriftstudien Band 3 ab Seite 301, schrieb Russel über ,,Gottes Steinzeuge", der großen Pyramide in Ägypten.

Erst 1928 gab man die Vorstellung auf. Dazu auch der WT vom 15.7.1956 :

,,Wenn es in bezug auf die große Pyramide Dinge gibt, die nicht allein auf Grund menschlicher Weisheit erklärt werden können, dann bleibt uns in Anbetracht all des Vorausgegangenen nichts anderes übrig als die Schlussfolgerung, daß sie eher mit Hilfe dämonischer Mächte errichtet wurde, als durch die wirksame Kraft Gottes, Jehovas."

Man glaubte also an etwas, was mit Hilfe dämonischer Mächte errichtet wurde und nennt es biblische Wahrheiten ?  🤪

Na denn...

Speisen zur rechten Zeit. Die Pyramide von Gizeh.

manfred-gebhard.de

Lg

Diese r Beitrag wurde geändert 1 Monat zuvor von FDS
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Veröffentlicht : 19. Oktober 2019 23:25
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(@gerd)

Ja FDS, das Gegenteil ist doch wahr!

Nicht "biblische Wahrheiten" hatten sie verbreitet, sondern nur unerfüllte Berechnungen und Behauptungen! Gemäß Lukas 21 Vers 8, sollte man sie meiden!

Aus einem der letzten Artikel aus der

Brücke zum Menschen Nr. 211       3/2017

Dokumentiert

Hans-Jürgen Twisselmann

Jehovas Zeugen heute Resultat einer bewegten Vorgeschichte

Als ich neugierig mir einige Ausgaben der Zeitschrift „Der Wachtturm“ – Jg. 2016 und 2015 -  näher anschaue, bin ich angenehm überrascht: Farbenfroh  die Titelseiten; reich an bunten Bildern die Innenseiten!

Was jedoch viel wichtiger ist: Beim Lesen fällt mir die freundliche Tonart auf - ganz im Gegensatz zum kalten apodiktischen Stil, der mich in der Zeit meiner ZJ-Zugehörigkeit  immer wieder unangenehm berührte. Vor allem fühlte  ich mich früher oft abgestoßen durch die lieblose Art, wie diese Organisation mit ihren unbotmäßigen Anhängern, besonders mit „Abtrünnigen“ umging.

Was ist denn geschehen, dass man heute möglicherweise von einem  Wandel zum Positiven hin sprechen kann?

Die Antwort mag überraschen: Was in der deutschen Öffentlichkeit kaum beachtet und selbst unter den einfachen Mitgliedern der ZJ-Organisation  im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten konnte:   In den  70er Jahren des 20.  Jahrhunderts  ist es in der Brooklyner Führungszentrale  der   ZJ   nach jahrelangem Machtkampf zu einem Herrschaftswechsel gekommen.                                                                              

Um  die Ursachen dieser dramatischen Vorgänge verständlich zu machen, ist es dringend nötig, im Folgenden in aller gebotenen Kürze einige Stationen der  spannungsvollen   Geschichte der ZJ nachzuzeichnen, denn   wer die Gegenwart verstehen will, muss die Vergangenheit kennen:

o Als Gründer der Organisation Jehovas Zeugen gilt der amerikanische Kaufmann Charles Taze Russell. Aber er gründete, wenn er auch bereits als junger Mann  mit Freunden sich zum privaten Bibelstudium getroffen hatte,    keine Religionsgemeinschaft, sondern  eine Zeitschrift; ihr  heutiger Titel: „The Watchtower“  (1879), und danach eine Firma (1881), zunächst unter dem Namen Zion`s Watch Tower Tractsociety, vereinfacht:  Watchtower-Society,  deutsch abgekürzt WTG. Sie hatte damals den Status einer Aktiengesellschaft[1].   Russell selbst  nannte sie in den ersten Ausgaben seiner „Schriftstudien“ eine „Geschäftsfirma“.

Wenn er in der Folgezeit  Leser des „Watchtower“ in sog. Bible-Study-Groops sammelte, handelte es sich bei diesen  „Bibelforschern“, wie man sie bald nannte, um  eine  freiheitliche Gemeinschaft,  die sich gern auf das Wort des  Apostels  Paulus berief: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“. Russell lehrte daher anfangs, die Kirche Christi sei heute überhaupt noch nicht organisiert.  (Russells Weltende-Prognosen mit  den weithin bekannten „Pannen“ sind an dieser Stelle nicht unser Thema.)

o Nach dem Tode Charles Taze Russells 1916 wählten die Mitglieder der WTG  dessen bisherigem Rechtsberater, den gewieften Juristen Josef F. Rutherford gegen den Widerstand der Mehrheit der „Bibelforscher“ zum Nachfolger Russells auf dem Präsidentenstuhl. Mit führenden Widerständlern machte Rutherford kurzen Prozess und nutzte die dadurch   ausgelöste Unruhe für seine Ziele, indem er durch diktatorische Maßnahmen nach eigener Darstellung die Bibelforscher-Gemeinschaft  „vor  Spaltungen zu bewahren suchte“… 

Schon als Rechtsberater Russells hatte er für die Watchtower Bible and Tract Society (so ihr Name seit 1896) eine neue Satzung ausgearbeitet, in der er  - weit vorausschauend - seinen Zielen den Schein des Rechts verlieh. Im Rückblick gestand er viele Jahre später: „Ich schrieb die Satzung, welche dem Präsidenten alle Macht und Kontrolle gibt, was die Angelegenheiten der Gesellschaft  betrifft.“ Durch die von ihm selbst verfasste Satzung  autorisiert, verwandelte  Rutherford innerhalb  weniger Jahre die einst freiheitliche Bibelforscherbewegung in ein totalitäres System mit dem anspruchsvollen Titel  „theokratische Organisation“ – faktisch jedoch in eine  D i k t a t u r .    

o Es überrascht nicht, dass nach Rutherfords Ableben die von ihm als seine möglichen Nachfolger vorgeschlagenen Kandidaten Nathan H. Knorr, Frederick F. Franz und Hayden C. Covington davon träumten, an die Stelle der Ein-Mann-Diktatur, unter der sie selber gelitten hatten, nun eine kollektive Führung anzustreben. Nachdem aber  Nathan Knorr zum Präsidenten gewählt war und als tüchtiger Manager sogleich mit psychologisch klugen Methoden, die viele  als „Druck“ empfanden, das „Predigtwerk der ZJ“ ankurbelte,  regierte er genauso autoritär wie zuvor Rutherford. An die Realisierung  des Traums von einer kollektiven Führung war er offenbar nicht mehr interessiert.

Gleichwohl  behaupteten  Knorr und sein Stellvertreter Frederick Franz während drei Jahrzehnten im Watchtower und in Vorträgen, an der Sitze der Organisation  stehe eine „Leitende Körperschaft“ (LK)!

Erst als Knorr und sein Stellvertreter durch besorgte Anfragen seitens kritischer Zeugen Jehovas, wo und seit wann es denn diese Einrichtung gebe, mehr und mehr unter  Druck gekommen waren, versuchten  sie,  die organisationsinterne  Wirklichkeit endlich der Theorie anzupassen; dazu hatten  sie sich etwas Einleuchtendes ausgedacht: Der (völlig machtlose) Direktionsausschuss der WTG wurde auf 11, im Jahre 1974 auf 18 Personen erweitert, und so sollte die jahrzehntelange Zusicherung von der Existenz einer „Leitenden Körperschaft“ nun endlich zutreffen.   Der Wachtturm vom 1.4.1972 (Seite 217) jubelte: “Die Tatsachen sprechen lauter  als Worte. Die leitende Körperschaft ist vorhanden. Dankbar und mit Überzeugung erklären Jehovas christliche Zeugen,  dass ihre Organisation kein Einmannsystem ist.“

Der Neffe des Stellvertreters N.H. Knorrs (Frederik Franz), nämlich Raymond Franz, der von 1971 bis zu seinem Ausstieg der Leitenden Körperschaft angehört hatte, kommentierte dies später mit den Worten: „Leider war das ganz einfach nicht wahr“  („Der Gewissenskonflikt“, in der 4. Auflage Seite 81). In diesem Buch berichtet Raymond Franz, dass sich an den tatsächlichen Machtstrukturen nichts geändert hatte. Die LK war eine „Leitende Körperschaft“, die nicht leitete! Sie konnte höchstens nebensächliche Aufgaben wahrnehmen wie ein Unterausschuss.[2]

Das aber ließen sich die Mitglieder der LK eines Tages nicht länger bieten. Raymond Franz berichtet, dass einer von ihnen, Grant Suiter,  hoch emotional  ausrief: „Wenn wir jetzt eine leitende Körperschaft sein sollen, dann soll es aber auch losgehen mit  dem Leiten! Ich habe bisher jedenfalls nichts zu  leiten gehabt.“[3] 

Unter dem Eindruck dieser deutlichen Worte raffte sich der  anwesende Präsident N. H. Knorr zu einer Erklärung auf, in der er den Vorschlag machte, man möge doch einen Plan aufstellen, wonach  die Leitende Körperschaft ganz im  Sinne eines früheren Wachtturmartikels „die Führung der Zeugen Jehovas übernimmt. Ich werde mich weder dafür noch dagegen äußern“.  Auch „Freddy“ Franz stimmte diesem Vorschlag zu; er wurde von allen einstimmig angenommen.

Knorr und „Freddy“ Franz aber scheinen diesen Beschluss bald bereut zu haben, denn fortan widersetzten sie sich beharrlich seiner Realisierung. Es kam zu dem oben  von mir erwähnten jahrelangen Machtkampf, der 1976 mit der Übernahme der Macht durch die Leitende Körperschaft endete.

 o Lehrmäßig scheint nach der Machtübernahme der LK indes alles beim Alten geblieben zu sein. In den Wachtturm-Ausgaben von 2016  wird z. B. wiederholt  daran erinnert, dass unter den ZJ nur eine  kleine Minderheit eine  himmlische „Berufung“ hat, während die Masse der ZJ  „auf einer paradiesischen E r d e“  ewiges Leben erlangen werden. Erstere nennt man bei den Zeugen Jehovas seit ihrer Gründung „die Gesalbten“ (im Gegensatz zur „großen Volksmenge“, von der im letzten Buch der Bibel die Rede ist).

Der Wachtturm vom 15.1.2016, S. 21, Abs. 18, spricht nun aber von einer gewissen Beunruhigung, die unter den ZJ eingetreten sei, weil heute „sich immer mehr zu den Gesalbten zählen“. Dies kann der neuen Führung der ZJ nicht gefallen, denn das Zubereiten und Austeilen „geistiger Speise“ sieht sie  nur als i h r e Aufgabe an. Offenbar fürchtete sie, diese Neuzugänge könnten ihr  jetzt  das Monopol  streitig machen und entschloss sich daher zu einer Art Staatsstreich von oben: In einem „Wachtturm“-Artikel – und zwar in einem nebensächlichen Zusammenhang -- erwähnte sie scheinbar beiläufig:  Nicht alle „Gesalbten“, die auf Erden leben, seien der „treue und verständige Sklave“, wie bisher von ihr gelehrt wurde, sondern die Leitende Körperschaft. Also nur s i e! [4]

Beim eingangs erwähnten Blättern in den neueren  Wachtturm-Exemplaren las ich in der Ausgabe vom 15.3.2015,  Seite 13: „Dieser Sklave sollte sich als eine kleine Gruppe von gesalbten Männern herausstellen, die in den letzten Tagen die Führung unter den Nachfolgern Christi übernehmen würden. Jesus warnte diese Männer davor, untreu  zu werden […], indem er allen Gesalbten durch dieses Gleichnis [Mat 25,10] sagte: „Wacht daher beharrlich“.

 o Auf dieses Wort Jesu haben die Führer der  Wachtturm-Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte sich immer wieder berufen, wenn sie T e r m i n e  errechneten, wann das Ende dieses „Systems der Dinge“ und der Anbruch der neuen Welt Gottes zu erwarten sei, vor allem aber, wann die „Gesalbten“ in den Himmel kämen. In allen Fällen erwiesen sich diese Termine als Irrtum. Doch statt Buße zu tun  erfand die WTG Ausreden, in denen sie – freundlich ausgedrückt - nicht  bei der  W a h r h e i t  geblieben ist.  Z. B.:

Der Wachtturm behauptete mit großer Sicherheit: „Die Watch Tower Society hatte recht in ihrem dreißigjährigen öffentlichen Feldzug, durch den  sie die Heidennationen vor dem verhängnisvollen Jahr 1914 warnte.  Einzelne jedoch […] waren enttäuscht, weil sie […] gedacht hatten, sie kämen 1914 in den Himmel.“ (WT 15.5.1955, Seite 302).

Tatsache aber ist, dass der frühere Präsident  Russell selber dies gelehrt  und es nach 1914 im neuen Vorwort zu Band 2 der „Schriftstudien“ zugegeben hat:  „Der Autor gibt zu, dass er in diesem Buch den Gedanken nahelegt, dass des Herrn Heilige erwarten dürfen, am Ende der Zeiten der Nationen [nach Wachtturmlehre 1914!] bei ihm zu sein in  Herrlichkeit. Dies war ein Fehler.“ Damit hat Russells Buch die Darstellung des Wachtturms unbestreitbar entlarvt als bewusste Geschichtsfälschung!

Ein zweiter Fall: In  den zwanziger Jahren proklamierte der Wachtturm, das für  1914  Erwartete werde im Jahr 1925 eintreten. Noch 1924 hieß es in des Wachtturms Schwesterzeitschrift „Das Goldene Zeitalter“ (heute „Erwachet!“): „Wir erwarten mit voller Gewißheit, dass die jetzige große Drangsal im  Jahre 1925, etwa im Herbst, ihren furchtbaren Höhepunkt erreicht und dann zum endgültigen Abschluss kommen wird …“ Anschließend werde – kurz und in klarem Deutsch gesagt - das erhoffte Paradies auf Erden beginnen. Auch sollten die „Gesalbten“ 1925 in den Himmel kommen.

36 Jahre später jedoch lasen die ZJ im Buch der Wachtturm-Gesellschaft „Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben“ deutsch 1960, Seite 107, der Wachtturm habe die Brüder g e w a r n t.  Wörtlich heißt es an der Stelle,  dass 1925 „für eine Anzahl Zeugen Jehovas ein kritisches Jahr war. Die Gesalbten hatten im Allgemeinen  die Ansicht vertreten, daß die Überrestglieder des Leibes Christi in jenem Jahre ihre Verwandlung zur himmlischen Herrlichkeit erfahren würden. […] schon die ersten Jünger Jesu erwarteten das in ihren Tagen […], aber sie wurden davor gewarnt, so wie die Brüder im Jahre 1925 gewarnt wurden. Der Wachtturm führte aus: Christen sollten nicht so tief bekümmert sein um das, was sich während dieses Jahres ereignen mag...“[5] Mit dieser unwahren Darstellung leugnete die WTG ihre Verantwortung für die in den zwanziger Jahren  mit großem propagandistischem Aufwand betriebene Verkündung des Endtermins 1925.  

 

Fazit: Wenn gutgläubige  ZJ bis auf diesen Tag an den Haustüren erklären, nur sie hätten die Wahrheit und seien „in der Wahrheit“, so ist das Wunschdenken. Die WTG hat – nicht nur in den zwei genannten Fällen - die Unwahrheit geschrieben.[6] Bezeugen wir ihnen doch, was uns  Jesus Christus bedeutet, der allein von sich sagen konnte: Ich bin der Weg und die  Wahrheit …“ (Joh 14,6).

[1] Das Aktienwesen wurde vom späteren Präsidenten Nathan Homer Knorr bald nach dessen Amtseinführung (1942) abgeschafft.

[2] Das Buch  von Raymond Franz, Der Gewissenskonflikt  ist beim Bruderdienst Missionsverlag in Zusammenarbeit mit der Karlsruher Gruppe „Ausstieg“ erschienen (Versandadresse auf Seite 2 des vorliegenden Heftes).

[3] Raymond Franz im genannten Buch, Der Gewissenskonflikt, Seite 90 oben.

[4] Ein ausführlicher Bericht darüber erschien  in der BzM 3/2013 und  im Materialdienst der EZW (12/2013, S. 469 – 472).

[5] Der letzte Satz stand erst  im Wachtturm, als nichts auf eine Erfüllung der WTG-Prognosen hindeutete.

[6] Ausführlich nachgewiesen im Beitrag von Rainer Ref  in Nummer 205 der BzM, S 15-16.

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Veröffentlicht : 20. Oktober 2019 7:10
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@gerd

Hallo Gerd

Ein zweiter Fall: In  den zwanziger Jahren proklamierte der Wachtturm, das für  1914  Erwartete werde im Jahr 1925 eintreten. Noch 1924 hieß es in des Wachtturms Schwesterzeitschrift „Das Goldene Zeitalter“ (heute „Erwachet!“): „Wir erwarten mit voller Gewißheit, dass die jetzige große Drangsal im  Jahre 1925, etwa im Herbst, ihren furchtbaren Höhepunkt erreicht und dann zum endgültigen Abschluss kommen wird …“ Anschließend werde – kurz und in klarem Deutsch gesagt - das erhoffte Paradies auf Erden beginnen. Auch sollten die „Gesalbten“ 1925 in den Himmel kommen.

Dass dies hier Beschriebene eine Tatsache war, aber dies heute nur wenige wissen, habe ich von meinem Schwiegervater erfahren. Er hat es selbst erlebt, dass damals einige der Bibelforscher in weissen Gewändern auf einen Berg gingen um dort die Entrückung zu erleben.

Mein Vater erzählte mir, dass nach 1925 viele Versammlungen um die Hälfte zusammengeschrumpft sind.

Noomi

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Veröffentlicht : 20. Oktober 2019 10:43
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Wildblume
(@wildblume)

@noomi

Liebe Noomi!

Danke für diesen Post!

Mir ist diese Aussage früher schon ein paar mal beim Predigen begegnet.

Ich dachte immer, diese Leute verwechseln da was mit dem "Berg Jehovas"....behauptete schlichtweg, sowas  hätte es natürlich nie gegeben....konnte ich natürlich auch nicht wissen....

Im Nachhinein sehe ich mich sozusagen als "Produktvertriebler"

mit regelmäßigen "Tupperware--Motivationstreffen"....alter Schwede.....

Schwarzes Schaf, aber Schaf....

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Veröffentlicht : 20. Oktober 2019 12:20
(@admin1)
Admin
Veröffentlicht von: @noomi

Mein Vater erzählte mir, dass nach 1925 viele Versammlungen um die Hälfte zusammengeschrumpft sind.

Stimmt. Hier einige Zahlen dazu aus den alten Jahrbüchern und Zeitschriften zusammengetragen.

Partakers 1925

 

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Veröffentlicht : 20. Oktober 2019 13:12
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