Die Rache des Herrn

Die Rache des Herrn

Paulus nimmt in seinem Brief an die Christengemeinde in Rom Bezug auf 5. Mose 32,35: “Mein ist die Rache, spricht der Herr.” Beim Lesen des ersten Kapitels im Römerbrief bin ich nachdenklich geworden: “Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her gegen alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen geoffenbart, die die Wahrheit in ungerechter Weise unterdrücken…” (Römer 1,18).

Passt der zornige Gott in die christliche Ära und zu der Lehre Christi?

Wie passen die Rachegedanken aus 2. Mose 21,24 “Auge um Auge, Zahn um Zahn” zu Jesu Aussage in seiner berühmten Bergpredigt Mat. 5, wenn er sagt:   “Ich aber sage euch, dass ihr nicht Gleiches mit Gleichen vergelten sollt. …. Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.”?

Oft halten wir Wut und Zorn für eine egoistische und zerstörerische Emotion. Warum sich der Wut nicht einmal neutral annähern! Epheser 4,26 fordert:

“Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.”

Die Aufforderung besteht nicht darin Wut zu vermeiden (oder sie zu unterdrücken oder zu ignorieren), sondern mit ihr angemessen umzugehen.

Auch Jesus war zornig, aber nicht um sich durch Strafe oder Rache Genugtuung zu verschaffen. Jesu Ziel war die Erlösung und Versöhnung.

In zivilisierten Kulturen verurteilt der Staat einen Straftäter zu einer Gefängnisstrafe. Diese Maßnahme kostet z. B. die Schweiz pro Monat und Gefangener 12’000 Franken. Ein Mörder, der 15 Jahre im Gefängnis sitzt, kostet den Staat rund 2,1 Millionen Franken. Ein Strafgefangener belastet den Steuerzahler enorm und trotzdem vertreten die allermeisten Bürger die Ansicht, dass man solche Menschen einsperren und nicht exekutieren soll. Das Ziel und die Hoffnung besteht darin, dass der Verurteilte einsichtig wird und erkennt, dass er durch sein Verhalten andere geschädigt oder verletzt hat, und er das friedvolle Zusammenleben von Menschen behindert. Kehrt die Einsicht ein, freut sich die Gesellschaft, und in vielen Fällen kann dann ein Häftling auch vorzeitig entlassen werden. Der Strafvollzug hat sich gelohnt, obwohl er sich buchhalterisch nicht lohnte.

Diesem Gesellschaftsverhalten ging ein Prozess über viele Jahrhunderte voraus. Von der Selbstjustiz zur Rechtsstaatlichkeit war es ein langer Weg.

Bei archaischem Verhalten steht die Vergeltung und Rache im Vordergrund. Das entspricht auch dem alttestamentarischen Verständnis von Gerechtigkeit und der Wiederherstellung von Gerechtigkeit.

Im modernen Strafvollzug steht aber nicht der Vergeltungs- und Racheaspekt im Vordergrund, sondern eine gelungene Resozialisierung des Täters.

Jesus demonstrierte so ein Vorgehen par excellence im Umgang mit einer ertappten Sünderin. Forderten die gerechten Juden-Ältesten, entsprechend dem Gesetz Mose, den sofortigen Strafvollzug durch Steinigung, warf Jesus die entscheidende Frage nach der eigenen Schuldhaftigkeit in den Ring. Die Begegnung endet mit der Chance auf einen Neubeginn für die Straftäterin:

“Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr.”

Mit dem Kommen Jesu hielt Gott die Menschen für gereift genug, ein neues Kapitel im Umgang mit Unrecht und Zorn aufzuschlagen. Jesus lebte die Umsetzung dieses Wechsels. Sollte der Gott unterstellte Zorn im Alten Testament gar eine Konzession an menschliche Unreife sein? Wie Eltern, die einem störrischen Kleinkind nicht mit Argumenten, sondern einfach mit einer klaren Ansage kommen?

Und die Schreiber des Neuen Testaments sind dann, um in diesem Wortbild zu bleiben, schon fortgeschritten, also die geistigen Teenager, in deren Ära sich dieser Umbruch vollzogen hat. Der Spur nach wussten Sie, dass neue Saiten aufgezogen worden sind; aber in Realität klammerten sie sich doch immer wieder mal an die alten Zöpfe. Die Grundlage war jedoch durch Jesus gelegt; und das für das gesamte christliche Abendland.

Ganze Nationen scheinen einen zivilisierten Umgang mit Zorn zwischenzeitlich begriffen zu haben. Wer allerdings nicht nur ab und zu nach alten Zöpfen langt, sondern diese geradezu in die Länge züchtet sind die Vordenker der Zeugen Jehovas. Sie pflegen das Image des zornigen, rachsüchtigen Gottes.

Zitat: “Jehovas Zorn kann nur dann beschwichtigt werden, wenn der Gerechtigkeit entsprochen wird. Gottes Grimm richtet sich gegen jede Ungerechtigkeit. Er duldet weder Ungerechtigkeit, noch gewährt er die Straffreiheit, der Strafe verdient.” (Siehe https://wol.jw.org/de/wol/d/r10/lp-x/1200000278#h=2)

Der Gerechtigkeit des Vaters wird jedoch weder durch die komplette soziale Ächtung eines Sünders noch durch ein finales Massenabschlachten aller Bösen entsprochen sondern dadurch, dass Jesus sich für uns dahingegen hat.

Durch das Opfer seines Sohns hat er alles getan, damit seiner Gerechtigkeit genüge getan wird.

Jesus präsentierte das wahre Wesen Gottes. Reife Menschen können damit umgehen, dass die Arbeiter im Weinberg für unterschiedliche Leistung alle den gleichen Lohn erhalten. Als Jesus verhaftet wurde, riet er, als die Situation zu eskalieren drohte, “stecke das Schwert weg, denn jeder der zum Schwert greift, soll durchs Schwert umkommen”. In der Bergpredigt stellte er richtig: “Ihr habt gehört, dass gesagt wurde-Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, leistet dem Bösen keinen Widerstand, liebt eure Feinde!”

Schon klar, auch die andere Seite der neutestamentarischen Bezugnahme ignoriere ich nicht. In der christlichen Überlieferung (Joh. 3,35-36) heißt es:

“Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm.”

Schon mal überlegt, was es bedeutet, wenn Gottes Zorn auf jemandem bleibt? Nach herkömmlicher Auffassung werden die Auswirkungen von Rache und Zorn erlitten. Der Schuldige muss büßen und schmoren. Der Zorn Gottes, der auf jemandem bleibt, heißt aber nichts anderes, als dass Gott diesen Menschen nicht mit dem Geschenk der ewigen Existenz durch Christus beglückt! Das Ausleben niederer Triebe ist Gott fremd. Aber mit diesem liebevollen Gott kann man halt keine Angst machen, keine Menschen manipulieren.

“Liebe treibt die Furcht aus” (1. Joh. 4,18).

Die furchtbefreiten Menschen lassen sich nicht gängeln und triezen, und taugen nicht als Manövriermasse machtverliebter Religionsführer.

Deshalb wird das Image des zornigen, rachsüchtigen Gottes fleißig weiter bedient.

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Tilo

Normal 0 21 Es wird ja gern von Fundamentalisten der „Rachegott“ als Drohung gegen jedermann gebraucht, der sich diesen Leuten nicht widerspruchslos fügen will. So wird Gottes Zorn als Drohung gerne gegen jene geschleudert, die sich ihnen nicht anschließen oder bei ihnen bleiben wollen. Auf der Gegenseite sind häufig die zu finden, die von einer allgemeinen Versöhnung sprechen, alles mit Gottes Liebe überzuckern und nur für Barmherzigkeit plädieren. Tasache bleibt aber, dass Gott durch Jesus Gericht halten wird, und dass wird nicht ohne Strafe abgehen. Es wird ein gerechtes Gericht sein und kein Zornausbruch, wie es im Aufsatz schön gesagt… Weiterlesen »

RoKo

Tilo hat es treffen formuliert

Die Mildgesinnten – sie werden einmal die Erde besitzen.

Die genaue Textdeutung verstehen heute leider noch zu wenig eifrige Zeugen.

Lichtspender

5. Mose 28:58-61 (bibel.heute): “58 Wenn du nicht alle Worte dieses Gesetzes, die in diesem Buch niedergeschrieben sind, sorgfältig beachtest, dass du Jahwe, deinen Gott, diesen furchtbaren und herrlichen Namen, fürchtest, 59 dann wird Jahwe dich und deine Nachkommen mit außergewöhnlichen Plagen, mit bösen und hartnäckigen Krankheiten schlagen. 60 Er wird alle Seuchen Ägyptens über dich bringen, vor denen dir graut, und sie werden an dir haften bleiben. 61 Auch alle Krankheiten und Plagen, die in diesem Gesetzbuch nicht erwähnt werden: Jahwe wird sie über dich bringen, bis du vernichtet bist.” Die Israeliten hatten die Wahl, wie sich Jahwe für sie erweisen konnte… Weiterlesen »

ManfredF

Ich habe mir mal den Film die Hütte – Gespräche mit Gott angesehen. Dort wird gesagt, Gott liebt alle seine Kinder – deshalb ist er ja in Jesus für alle gestorben – und zu dem Zeitpunkt wirklich für alle, also für uns SÜNDER. Im ersten Moment erscheint das Gottesbild etwas naiv, immer nur lieb. Als Gott dann gesagt hat, der Vater solle dem Mörder seines Kindes vergeben damit er frei wird kam die Frage, wie kannst du so einen Menschen lieben, wird denn niemand bestraft für das was er tut. In einem kleinen Nebensatz wurde das Bild von Gott der… Weiterlesen »

Horst

Liebe Autorin, danke für die Gedanken. Deine Ausführung hat mir mehr Verständnis eröffnet, da ich schon oft überlegte, wie der “zornige” Gott zu seiner grenzenlosen Menschenliebe und zu der von Christus praktizierten Nächstenliebe passt. Zwischen ZORN und WUT besteht jedoch ein grundlegender Unterschied: Abgesehen von Deiner schlüssigen Darlegung bezüglich der Trennung der Geschichte gemäss den Hebräischen Schriften und dem Schnitt bei Jesus Christus habe ich dazu noch folgende Details nachgelesen (Zitate aus einschlägigen Nachschlagewerken): Die WUT, (und da sollten wir zusätzlich abgrenzen), ist ein auf VERGELTUNG ausgerichteter Zustand,  allgemein und dumpf, und kann nach allen Seiten explodieren. Der ZORN entzündet… Weiterlesen »

Tilo

Ich habe noch etwas über diese Passage im Aufsatz nachgedacht: “Bei archaischem Verhalten steht die Vergeltung und Rache im Vordergrund. Das entspricht auch dem alttestamentarischen Verständnis von Gerechtigkeit und der Wiederherstellung von Gerechtigkeit.” In 2. Mose 34:5-7 könnte man schon mal auf den Gedanken kommen, dass es so sein könnte. Wenn es heißt, dass Jehowah Tausenden Gnade erweist und Schuld vergibt, dann ist das auch im Christentum so. Wenn es weiter heißt, dass er die Schuld von Vätern an den Kindern bis in die vierte Generation VERFOLGT oder STRAFE BRINGT, dann klingt das archaisch, aber es klingt nur so! Martin… Weiterlesen »

Lichtspender

  Der Apostel Paulus war eine gewachsene christliche Autorität. Und er vertrat gewiss einen ausgewogenen und inspirierten Standpunkt in dieser Frage: Jah ist kein „Rachegott“, aber er ist auch nicht der „liebe Gott“, der überall ein Auge zudrückt. Der Ewige hat ein absolut ausgeglichenes und heiliges Persönlichkeitsprofil.     Römer 2:4-11 gemäß der bibel.heute:   „Oder verachtest du nur seine große Güte, Nachsicht und Geduld? Begreifst du denn nicht, dass er dich mit seiner Güte zur Umkehr bringen will? 5 Doch du bist starrsinnig und nicht bereit, deine Einstellung zu ändern. So lädst du dir selbst den Zorn Gottes auf und… Weiterlesen »

Zillertaler

Wir hatten einen Bruder aus Afrika auf Besuch in Österreich und nahmen ihn mit zum Schifahren. Er war total begeistert und es war ein toller Schitag. Natürlich hat er dann gleich Bilder von der Abfahrt nach Haus geschickt (Nigeria oder so was ähnliches). Leider konnte seine sehr “theokratische” Familie seine Begeisterung nicht teilen. Sie meinten sogar, der Bub sei jetzt abgefallen und gibt sich “zügellosen Späßen” hin. –  Auf jeden Fall ein Skandal aus deren Sicht. Da denk ich mir nur, wie relativ die Sichtweise zu bestimmten “Problemen” oft ist.