Die Gitterstäbe des goldene Käfigs der “Organisation Jehovas”

Durch welches Tor muss man gehen, um die Organisation zu verlassen?

Christen, die einer Religionsgemeinschaft angehören, benennen ihre Religionszugehörigkeit meistens mit der Nennung ihrer Kirche: „ich bin evangelisch“; „ich bin katholisch“ oder „ich bin neuapostolisch“. Zeugen Jehovas sagen auf Nachfrage: „ich bin Zeuge Jehovas“.

Die Christenheit im allgemeinen erklärt, sie gehöre dieser oder jener Kirche an; Zeugen Jehovas erklären, sie gehören „zur Organisation“. „Die Org“ ist ein Begriff und das gibt dann eine Zugehörigkeit, aber auch Treue und Loyalität „zur Organisation“.

Das wird an dieser Stelle und zuerst ausgeführt, um sich damit zu befassen, was die Menschen in der Religion der Zeugen Jehovas hält und was sie hindert, diese Religionsgemeinschaft möglicherweise zu verlassen. Ein Zeuge Jehovas wird auf Nachfrage normalerweise erklären, dass er seiner Religionsgemeinschaft nach einem ausführlichen Studium der Bibel folgt und das ihn die Liebe zu Gott motiviert, sich für „die Organisation“ einzusetzen; dies versteht ein Zeuge Jehovas als Gottesdienst, weil er sich als „Teil der von Gott geleiteten Organisation“ sieht.

Wir wollen uns dem Thema jedoch einmal von der soziologischen Seite nähern:

Nach der Theorie der Maslowschen Bedürfnispyramide hat der Mensch physiologische Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen. Danach kommen seine Sicherheitsbedürfnisse; hier gibt es natürlich Überschneidungen: ein Schlafplatz allein ist notwendig; dieser sollte aber auch sicher sein. Dann folgen die sozialen Bedürfnisse. Hierzu gehört der Wunsch nach Freundschaften, sozialen Kontakten. Auf die sogenannten „Individualbedürfnisse“ folgt der Wunsch nach Selbstverwirklichung.

Erst in der Erweiterung dieser Theorie sah Maslow die sogenannte „Transzendenz“, also die Suche nach Gott.

Nach der Theorie müssen erstgenannten Bedürfnisse weitgehend erfüllt sein, damit der Mensch sich der jeweils höheren Stufe seiner Bedürfnisse in der „Bedürfnispyramide“ zuwenden kann. Es gibt aber natürlich Überschneidungen; das Modell soll lediglich eine Klassifizierung von Bedürfnissen erlauben und es ermöglichen, diese im Verhältnis zueinander zuzuordnen.

Nach einer anderen theoretischen Darstellung hat jeder Mensch das Bedürfnis nach eigener Integrität, also nach Schutz, Anerkennung und Zugehörigkeit. Wird eines dieser Bedürfnisse stark vernachlässigt, so führt dies zu psychischen Problemen, der Betroffene ist anfällig für radikale oder fundamentalistische Gruppen, die das Defizit beheben.

Das Bedürfnis nach „Schutz“ ist auf der zweiten Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide angesiedelt, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist auf der dritten Stufe, den sozialen Bedürfnissen angesiedelt. Das Bedürfnis nach Anerkennung ist ein „Individualbedürfnis“; das ist auf der vierten Stufe der Bedürfnispyramide.

Man erkennt, dass die Modelle sich ergänzen: während Maslow meint, das die Bedürfnisse eine gewisse Rangfolge haben, sieht die Theorie über die „Integrität“ drei Grundbedürfnisse nebeneinander, die alle gleich wichtig sind; ist eines davon unterdurchschnittlich befriedigt, kommt es zu Störungen.

Ein Zeuge Jehovas hat jedoch auf seine Bedürfnislage eine andere Sicht: angesichts des nahe bevorstehenden Gerichtstages, so wird ihm intensiv beigebracht und vermittelt, sind die eigenen Bedürfnisse – beginnend bei den Grundbedürfnissen – hinten an zu stellen. Die Religion – eigentlich die höchste Stufe der Bedürfnispyramide – nimmt die Rolle wahr, alle natürlichen Bedürfnisse ihrer Angehörigen ad adsurdum zu führen.

Dies lassen wir ebenfalls so im Raum stehen – wir hinterfragen nicht, ob dies seine theologisch/religiöse  Berechtigung hat oder nicht. Was aber passiert, wenn ein Zeuge Jehovas deutliche Zweifel an seiner Religion hat und die Religionsgemeinschaft verlassen will?

Dafür muss man folgendes wissen: Jehovas Zeugen sehen sich selbst als die einzig wahre Religionsgemeinschaft an. Es gehört zu ihrer Doktrin, Menschen außerhalb ihrer Religionsgemeinschaft sozial zu meiden, da diese für ihre Religionsausübung hinderlich sind.  Theologisch begründen sie dies damit, dass alle Menschen außerhalb ihrer Religionsgemeinschaft zu „Satans Welt“ gehören, die „Gottes Königreich“ nicht anerkennt. Sie sehen die nahe Vernichtung aller gottlosen Menschen und halten alles außerhalb ihrer eigenen Religionsgemeinschaft für böse, satanisch, schlecht und der Vernichtung geweiht. Die Institutionen und Vereinigungen, die das menschliche Leben auf staatlicher und nichtstaatlicher Ebene strukturieren und organisieren und die kollektiven Bedürfnisse der Menschen befriedigen, wirken aus ihrer Sicht direkt gegen Gott.

Du hältst das für übertrieben und glaubst nicht, das Zeugen Jehovas so „ticken“? Wir zitieren aus dem Buch: „Frieden und Sicherheit – wie wirklich zu finden“ von 1986:

Kap 11 Abs. 26

„Einige mögen einwenden: „Aber viele Organisationen der Welt tun Gutes, arbeiten zum Schutz und für die Gesundheit, die Bildung und die Freiheit des Volkes.“ Es stimmt, daß gewisse Organisationen einige wenige Schwierigkeiten, unter denen das Volk zu leiden hat, vorübergehend beheben. Doch sie sind alle ein Teil der von Gott entfremdeten Welt. Und sie veranlassen die Menschen, ihre Aufmerksamkeit auf den Fortbestand des gegenwärtigen Systems der Dinge zu richten. Keine dieser Organisationen befürwortet Gottes Regierung über die Erde — das durch seinen Sohn regierte Königreich. Übrigens mögen selbst Kriminelle Kinder aufziehen, für sie sorgen und wohltätige Werke für ein Gemeinwesen tun. Würden aber diese Dinge es rechtfertigen, kriminelle Organisationen auf irgendeine Weise zu unterstützen? (Vergleiche 2. Korinther 6:14-16.)“

Den Mitarbeiter beim Roten Kreuz, den Feuerwehrmann, den Polizisten vergleichen Zeugen Jehovas mit „Kriminellen, die natürlich auch ihre Kinder gut behandeln, was aber ihre kriminellen Taten nicht besser macht und es nicht rechtfertigt, sie deshalb zu unterstützen“.

An dieser Stelle müssen wir konstatieren: es nützt nichts, festzustellen, dass man einen Zeugen Jehovas kennt, der ganz nett sei und mit dem man auch schon mal zusammen Kaffee getrunken hat. Denn gleichzeitig müssen Zeugen Jehovas den Spagat leisten, zum einen ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sich also sozialen Kontakten in der Arbeitswelt auszusetzen und zum anderen, genau den Umstand, dass sie alle Andersgläubigen meiden, so zu kaschieren, dass sie diese nicht vor den Kopf stoßen und daher in der Lage sind, die Menschen im Rahmen ihrer Missionstätigkeit im „Predigtdienst“ an den Haustüren und in der Öffentlichkeit anzusprechen. Dies gelingt ihnen gut: sie mimen den netten Nachbarn von nebenan, ihr sozialer Umgang ist Privatsache und so ist für die Mehrheitsgesellschaft nicht offenkundig, dass Zeugen Jehovas innerhalb ihrer Religionsgemeinschaft eine Parallelgesellschaft aufgebaut haben.

Betrachtet werden soll hier aber die Wirkung nach innen: ein Zeuge Jehovas meidet nach Möglichkeit den gesamten Sozialraum, auch seine andersgläubigen Verwandten; er nimmt nicht an religiösen Familienfeiern teil, auch kennt er keine Geburtstagseinladungen oder gesellige Anlässe zum Jahreswechsel. Im Rahmen seiner Missionstätigkeit hat er seinen Mitmenschen erklärt, dass sie in Kürze die Vernichtung zu erwarten haben, wenn sie nicht zu der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas konvertiert, sich also „Gottes Organisation“ anschließen.

Verlässt ein Zeuge Jehovas seine Religionsgemeinschaft, so hat dies die Ächtung durch die Angehörigen der Gemeinschaft zur Folge. Ausdrücklich betrifft dies auch die Familienangehörigen.

Für alle, die diese Religionsgemeinschaft nicht kennen: „Ächtung“ bedeutet, dass es den Angehörigen der Religionsgemeinschaft verboten ist, einen ehemaligen Zeugen Jehovas auch nur zu grüßen. Der ehemalige Glaubensbruder wird behandelt wie Luft. Wer dies missachtet, läuft Gefahr, selbst ausgeschlossen und geächtet zu werden.

Bekanntschaften und Freundschaften sind von heute auf morgen auf Eis gelegt – sie existieren ab sofort nicht mehr. Kinder meiden ihre Eltern; Eltern meiden ihre Kinder. Enkel dürfen nicht mehr zu Oma und Opa, sei es, weil die Kinder bei Jehovas Zeugen ausgeschieden sind oder weil die Eltern dort exkommuniziert wurden.

Es gibt 5 Wunden der Seele, die Narben hinterlassen:

  • die Erniedrigung
  • die Enttäuschung
  • die Gleichgültigkeit
  • der Verrat
  • der Verlust

Die Erniedrigung ist eine Verletzung des Selbstwertgefühls; das Selbstwertgefühl ist auf der vierten Stufe der Bedürfnispyramide unter den „Individualbedürfnissen“ zu finden.

Die Enttäuschung ist eine Verletzung sowohl der Sicherheitsbedürfnisse, wenn jemand sich auf etwas verlassen hat und sich dementsprechend sicher fühlte; es ist aber auch eine Verletzung der sozialen Bedürfnisse, weil die Enttäuschung auf zwischenmenschlicher Ebene stattfindet.

Ebenso verhält es sich mit der Gleichgültigkeit: eben noch glaubte man, einen Stellenwert zu haben, eine Rolle zu spielen, Bedeutung im sozialen Gefüge zu haben, um festzustellen, dass all das nicht mehr der Fall ist: man ist den anderen egal.

Sich verraten zu fühlen berührt das Bedürfnis nach Sicherheit, es verletzt natürlich auch das Selbstwertgefühl als „Individualbedürfnis“.

Verliert man Liebgewonnenes oder Wertvolles, so kann dies alle Bereiche der menschlichen Bedürfnisse bis hin zu den Grundbedürfnissen betreffen.

Wir wollen uns an dieser Stelle nicht mit dem Verfahren beschäftigen, das Jehovas Zeugen im Rahmen ihres sogenannten „Rechtskomitees“ betreiben. Dieses Verfahren ist in einem Druckwerk festgelegt, welches den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft nicht zur Verfügung steht; es steht lediglich den „Ältesten“ der Ortsversammlungen zur Verfügung.

Man kann aber folgendes feststellen: im ersten Jahrhundert entstand die Christenheit. Aus der Urchristenversammlung entstand eine Weltreligion, die sich aufgrund von Unterschieden in den Auffassungen bald in zahlreiche Richtungen aufspaltete. Über die Evangelien und die Apostelgeschichte sowie die Apostelbriefe im neuen Testament wissen wir einiges über die ersten Christen. Die Bibel beendet ihre Beschreibung jedoch im ersten Jahrhundert.

Zeugen Jehovas sprechen allen bekennenden Christen das Christsein ab. Wer ihrer Glaubensgemeinschaft einmal beigetreten ist und sie danach wieder verlässt, gilt als „abtrünnig“, unabhängig davon, ob er sich danach als „freier Christ“ sieht, sich einer anderen christlichen Religionsgemeinschaft anschließt oder nur gegen die Regeln der Gemeinschaft so verstoßen hat, dass man ihn exkommuniziert.

Was macht das nun mit dem so Geächteten?

Bedenken wir: Als Zeuge Jehovas ist man in seiner Religionsgemeinschaft – und so weit wie möglich „kein Teil der Welt“, wie oben ausgeführt. Man hat somit – das wäre das Ideal der Gemeinschaft – keine „weltlichen Freunde“, wenig Kontakt mit „weltlichen Angehörigen“, so wenig Kontakte wie möglich außerhalb der Religionsgemeinschaft.

Alle bisherigen Freunde, Bekannten und die Verwandten innerhalb der Religionsgemeinschaft strafen den Betroffenen mit Nichtachtung. Sie grüßen ihn nicht mehr, sie meiden den Kontakt, geschweige denn helfen ihm aus einer Notlage. Ächtung ist die höchste Form der Erniedrigung: eine Person wird dadurch zur Unperson.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Jehovas Zeugen können das

Bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, in diesem Moment jemanden freundlich anzulächeln und mit ihm umzugehen, um nach einer Bekanntmachung von der Bühne die gleiche Person zu ächten.

Natürlich ist es für einen „Ausgeschlossenen“ enttäuschend, wenn Menschen, um die er sich selbst verdient gemacht hat, ihn aufgrund eines Fehlverhaltens, welches diese Menschen gar nicht direkt betrifft oder aufgrund einer geänderten Überzeugung plötzlich links liegenlassen. An Bekannte und Freunde hat man natürlicherweise Erwartungen. Man meint möglicherweise, diese würden sich dem Ächtungsgebot nach Ausschluss aus der Gemeinschaft nicht anschließen und vielleicht heimlich Kontakt halten, um einen nicht fallen zu lassen, jedoch selbst keine Nachteile zu erleiden. Man wird jedoch feststellen, dass die Meisten sich an das Ächtungsgebot halten.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Aber bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, einen Freund einfach fallen zu lassen. Das tun sie von einem Moment zum anderen – die Bekanntgabe eines Gemeinschaftsentzuges oder die Mitteilung: „Bruder xy ist kein Zeuge Jehovas mehr“ reicht dafür aus. Jehovas Zeugen müssen dafür keine Gründe oder Hintergründe kennen. Sie sind ihrer Glaubensgemeinschaft treuer als jedem noch so gutem Freund, den sie in der Gemeinschaft hatten.

Der Betroffene sieht sich somit der völligen Gleichgültigkeit seines gesamten bisherigen sozialen Umfeldes gegenüber. Wurde beispielsweise jemand wegen „Unmoral“ ausgeschlossen, weil man ihm seine Reue nicht geglaubt hat, strebt aber seine baldige Wiederaufnahme an, so wird er weiterhin die Zusammenkünfte besuchen, er wird spät kommen, sich in die letzte Reihe setzen und nach der Zusammenkunft schnell wieder gehen. Es können hundert Menschen um ihn herum sitzen und stehen: sie beachten ihn einfach nicht. Sie sehen ihn nicht an, sie grüßen ihn nicht, sie geben ihm nicht die Hand – während sie sich aber miteinander rege vor und nach dem Gottesdienst unterhalten, scherzen, plaudern und sich zu Freizeitaktivitäten verabreden.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Aber bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, einen Menschen, mit dem sie noch gestern normal umgingen, der sich mit ihnen im gleichen Raum aufhält, wie Luft zu behandeln – oder: noch weniger, denn Luft atmet man ja ein und aus und braucht sie zum Leben.

Verrat ist ein besonders schwerer Vertrauensbruch, der die angenommene Loyalität verletzt. Ein Zeuge Jehovas, der sowohl Familie als auch Freunde in der Glaubensgemeinschaft hat, vertraut natürlich auf die Freundschaft und die Loyalität dieser Menschen. Wird er aber ausgeschlossen oder tritt selbst aus der Gemeinschaft aus, wobei es weder mit seiner Familie noch seinen Freunden einen sachlichen Zusammenhang gibt, so verweigern diese Menschen ihm jegliche Loyalität – sie lassen ihn einfach fallen. In dem Moment, wo das Urteil durch das geheim tagende „Komitee“ gesprochen und am kommenden Freitag der Versammlung verkündet wurde, kennen diese Menschen ihn nicht mehr.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Aber bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, eine Freundschaft einfach aufzukündigen. Sie sind nicht persönlich betroffen; der Freund hat ihnen nichts getan. Nur aufgrund der nun fehlenden Zugehörigkeit zur eigenen Religionsgemeinschaft lösen sie nicht nur die Freundschaft, sondern lassen den Betroffenen in jeder Beziehung im Stich.

Familienangehörige, also Eltern zu Kindern, Kinder zu Eltern, Onkel und Tanten zu Nichten und Neffen verhalten sich genauso. Und das bemerkenswerteste: leben minderjährige ausgeschlossene Kinder im Haushalt ihrer Eltern, so werden diese weiter für sie sorgen, mit ihnen aber „keine geistige Gemeinschaft“ haben. Ziehen die Kinder jedoch aus dem gemeinsamen Haushalt aus, so werden sie geächtet.
Stellen wir uns vor: die 16-jährige Annika ist schwanger; sie bekommt ein Kind. Sie will sich nicht von ihrem Freund trennen; sie kann aber auch nicht mit ihm zusammenziehen. Da sie sich von ihrem Freund nicht trennt, ihn aber auch nicht heiratet, wird sie ausgeschlossen. Die Eltern – und zum Kind von Annika die Großeltern sorgen für Tochter und Enkelkind, da sie in ihrem Haushalt leben.

Annika wird nun 18 Jahre alt und zieht in eine eigene Wohnung. Ab diesem Zeitpunkt haben die Eltern weder Kontakt zu ihrer Tochter noch zu ihrem – in Sippenhaft genommenen – Enkelkind.

Der Gemeinschaftsentzug von Zeugen Jehovas führt beim Betroffenen zu größten Verlusten. Sämtliche sozialen Kontakte sind von einer Sekunde auf die andere verloren. Hilfsgemeinschaften, in denen man sich gegenseitig unterstütze, indem man beim Umzug half, beim Renovieren unterstützte, auf die Kinder aufpasste, sind von einem Tag zum anderen zerstört. Man verliert sein gesamtes soziales Umfeld.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Aber bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, einem Mitbruder oder eine Mitschwester auf Zuruf diesen Verlust zuzufügen. Sie sind aber auch in der Lage, von einem Tag auf den anderen auf einen Freund zu verzichten, weil dieser nicht mehr in ihrer Glaubensgemeinschaft ist.

Zusammenfassend stellen wir fest: jeder Mensch hat gewisse Bedürfnisse. Diese physischen und psychischen Bedürfnisse werden von Zeugen Jehovas systematisch kanalisiert; die Mitglieder werden angehalten, diese nur innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft zu befriedigen. Es wird dadurch eine Abhängigkeit hergestellt, die eine Abkehr von der Gemeinschaft praktisch unmöglich macht, ohne einen totalen psychischen Kollaps zu erleiden. Zeugen Jehovas – je strenger sie ihren Glauben leben, befinden sich in einer Parallelgesellschaft, die ihr Bedürfnis nach Integrität durchaus befriedigt, aber sie sind sozial so isoliert, dass sie die Gemeinschaft nicht verlassen können, ohne ihre Integrität von einem Tag zum anderen völlig zu verlieren und allein und isoliert darzustehen.

Wir haben uns in diesem Artikel nicht mit den Glaubenslehren und den Hintergründen der Religion, irgendwelchen theologischen Herleitungen oder dergleichen befasst.

Wir haben lediglich dargestellt: als Zeuge Jehovas befindet man sich in einem geschlossenen Sozialraum – die Begrenzung erfolgt durch die Androhung des „Gemeinschaftsentzuges“, der denjenigen tief ins Mark trifft, je mehr und intensiver er mit seiner Religionsgemeinschaft verwoben ist. Spielt Familie eine Rolle, weil viele Verwandte auch zur Gemeinschaft gehören, ist es noch viel schlimmer für den Betroffenen.

Und: Jehovas Zeugen können das. Normal konditionierte Westeuropäer haben über ihre Erziehung und Bildung – ohne religiösen Hintergrund – ein Mindestmaß an Anstand und Mitmenschlichkeit, das sie daran hindert, ihre Mitmenschen emotional zu verletzen. Bei Zeugen Jehovas ist es aber anders. Sie sind so konditioniert, dass sie genau das auf Befehl können und auch tun. Sie verfahren so mit ihren besten Freunden und mit ihren liebsten Familienangehörigen.

Uns fehlt das Fachwissen, dies psychologisch zu erklären; wir haben aber die Erfahrung, dass es in der Gemeinschaft genau so ist und genau so funktioniert.

Das ist – wenn man es sich einmal klarmacht, einfach gruselig.

Diese Darstellung war theoretischer Natur. Ich habe in 30 Jahren der Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas viele emotional grausame Szenen erlebt, die wirklich skurril anmuteten, wäre es nicht so traurig gewesen. Und ich habe selbst den Ausstieg hinter mir – und zwar sowohl die „schnelle Variante“ als auch einen etwa einjährigen Prozeß, so dass meine Freunde und Bekannten tatsächlich informiert waren und sich ein Bild machen konnten. ALLE kannten den im Raum stehenden theologischen Konflikt; als mein Ausschluss bekanntgegeben wurde, haben allerbeste Freunde, die mich in Kenntnis der Problematik 14 Tage vorher zum Essen eingeladen hatten, um mich in meiner Auffassung umzustimmen, mich und meine nicht vom Ausschluss betroffene Familie von einem Tag zum anderen gemieden.

Ich persönlich verstehe jeden, der aus diesem „Käfig“ nicht rauskommt, weil er die ihn erwartenden seelischen Verletzungen einfach nicht aushält.

Ich selbst habe mir allerdings nach meinem Ausstieg auch klar gemacht, dass ich in all den Jahrzehnten allein durch meine Mitgliedschaft eine Organisation unterstützt habe, die genau so mit ihren Mitgliedern umgeht, wie es oben beschrieben wird. Obwohl ich mich gegen Freunde und Bekannte nicht an das Ächtungsgebot gehalten habe und es heimlich aktiv unterlaufen habe, habe ich es doch mitgetragen als Mitglied der Glaubensgemeinschaft.

Es gibt ausführliche theologische Abhandlungen darüber, dass das Ächtungsgebot Ausgeschlossener religiös nicht zu rechtfertigen ist. Darauf geht diese Abhandlung nicht ein.

Sie benennt einfach, was Zeugen Jehovas tun, wie es wirkt und was es mit den Menschen macht.

Dies mag bereits ausreichen, Menschen dafür zu sensibilisieren, sich zu fragen, ob sie in diese Religionsgemeinschaft eintreten oder ob sie weiterhin eine Gemeinschaft tragen wollen, bei der der „Käfig“ aus Gitterstäben seelischer Grausamkeiten besteht, die die Mitglieder der Gemeinschaft daran hindern, diese zu verlassen.

 

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Sehr gut geschrieben!
Nur leider sehr lang. Wie könnte man in kurzen Worten eingeschlossene ZJ‘s sinngemäß erklären, welche dramatischen Auswirkungen diese Religion auf die Mitglieder hat und sie seelische Grausamkeiten im Namen Gottes verüben?
Kurz aber treffend, das ist sehr schwierig, aber vielleicht hat jemand gute Gedanken! LG A.N.

Oh ja: “Jehovas Zeugen können das”. Und sie glauben, das absolute Ignorieren eines Ausgeschlossenen sei ein Akt der Liebe. Sie kennen nicht die wahren Hintergründe des Gemeinschaftsentzuges und sie wissen nicht, dass die meisten Ältesten sich bei einer Rechtskomitee-Verhandlung nie auf ein Gespräch über handfeste biblische Argumente einlassen werden: sie tun als Ignoranten stur, was die Organisation ihnen in dem Hirten-Buch vorschreibt. Ja, “sie können das”. Nur um eine Sache klarzustellen: Wir akzeptieren die Notwendigkeit, einen reuelosen Sünder aus der Gemeinschaft einer Christenversammlung zu entfernen. Jesus selbst gab uns ein 3-stufiges Procedere, das in Matthäus 18:15-17 beschrieben wird. Es konzentriert… Weiterlesen »

Danke für diesen Artikel! Er beschreibt neutral, daß die “Organisation” ihre Mitglieder so konditioniert, daß so gut wie niemand mehr fähig ist eine natürliche, menschliche Regung, nämlich echte christliche Liebe zu Menschen, auszuleben. Die Mitglieder von “Jehovas Volk” werden gezwungen die “Organisation” sprich die selbsternannte “ltd. Körperschaft” und die von ihr ins Leben gerufene “WTG” bedingungslos zu lieben und ihr nachzufolgen. Und was wirklich erschütternd ist. Dieses Volk, das behauptet die Liebe Gottes auszuleben, lässt sich so konditionieren, daß es diese Lieblosigkeit aktiv auslebt. “Jehovas Volk” ist nicht frei zu sprechen von Schuld! Ja, Jehovas Zeugen können das!, was in… Weiterlesen »

Die Welt ist genauso.
Wenn die Politik/Medien von heute auf morgen den Leuten einredet „alle Angehörigen der Nation XY sind ab sofort unsere Feinde“ dann werden die noch viel schlimmer behandelt. Enteignungen, Ächtungen, Kontaktabbruch, Reiseverbote, Beleidigungen am Telefon bis hin zur Teilnahme am Krieg gegen Nation XY.

Danke für diesen Bericht. In der Wt-Literatur kann man nachlesen, wie der Umgang mit Ehemaligen immer mehr verschärft wurde. Hat sich Jehova und seine Meinung zu Andersdenkenden etwa geändert? Hat er “seiner Organisation” neues Licht gegeben? Gilt sein geschriebenes Wort nicht mehr? Was sagt Jesus: (Markus 9:40-42, NWÜ) 40 Wer nämlich nicht gegen uns ist, ist für uns. 41 Und wer euch einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört, wird auf keinen Fall seine Belohnung verlieren. Das versichere ich euch. 42 Doch wer einen von diesen Kleinen, die Glauben haben, zum Stolpern bringt, für den wäre es besser, man würde ihm… Weiterlesen »

BREAKING NEWS von gestern, 27. Oktober 2022.

GENERALSTAATSANWALT Pennsylvania / USA Josh Shapiro*1), erhebt ANKLAGE gegen 4 JEHOVAS ZEUGEN wegen Kindesmissbrauch:

https://www.cbsnews.com/pittsburgh/news/pa-attorney-general-josh-shapiro-announces-charges-against-four-men-for-sexual-abuse-of-minors/

https://youtu.be/0qbD24iLN2Q

*1) Das ist derselbe, der die Ermittlungen gegen die kath. Kirche führte:

https://youtu.be/6TgXzA0USjA

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