Das bodenlose Staunen

Gedanken zu Licht und Finsternis.

Im Menschenherzen wohnen Licht und Finsternis oft erschreckend dicht beieinander. Im Augenblick kann das Gefühl für den Mitmenschen glühend sein, doch im nächsten Moment kann Kälte, Verachtung und Hass an seine Stelle treten. Über viele Jahre kann ein Mensch geachtet sein, doch plötzlich ist alles anders. Dann wird ihm geradezu der Tod gewünscht. Völker können über lange Zeit friedlich nebeneinander wohnen, doch dann reitet der Teufel ein Volk, dass es im Krieg über den Nachbarn herfällt. Licht und Finsternis wohnen dicht beieinander!

 

Ich habe mir Äußerungen von Menschen angehört, die in einer Religionsgemeinschaft über Jahrzehnte mit allen ein friedliches Auskommen hatten. Sie haben sich gegenüber ihren Glaubensgenossen vorbildlich benommen, waren für andere da und setzten sich für sie ein. Sie haben viel Zeit, Geld und Herzblut für ihre Geschwister eingesetzt, weil sie sich in Liebe für sie verantwortlich fühlten. Und sie hatten gehofft, im Herzen anderer einen kleinen Platz zu finden, nur einen kleinen Platz, der sie veranlasst hätte, ein wenig Achtung, Dankbarkeit und Wohlwollen zu entwickeln. Sie haben erwartet, dass ihr eingesetztes Kapital eines Tages im Herzen  ihrer Glaubensgeschwistern Zinsen trägt.

Aber sie wurden bitter enttäuscht! Gerade deshalb, weil sie das Christentum ernst nahmen und fest davon überzeugt waren, mit ihrer Liebe zum Ziel zu kommen. „Das Ziel dieses Auftrags ist die Liebe, und zwar Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ (1. Tim. 1:5) Dieser Satz stand und steht über ihrem Leben! Sie glaubten fest daran, dass die Liebe nicht zur Enttäuschung führt.

Als sich aber eines Tages ungeheure Dinge entwickelten und sie nach einer Zeit des Schweigens nicht mehr schweigen konnten und sie Kritik an den herrschenden Verhältnissen übten, da wendete sich das Blatt! Weil ihr Gewissen schrie und sich gegen die ungerechten Verhältnisse empörte, machten sie den Mund auf. Sie sahen das als ihre Christenpflicht an, denn sie hatten dies beherzigen wollen:

„Fragt immer danach, was dem Herrn gefällt, und beteiligt euch nicht an den nutzlosen Dingen, die aus der Finsternis kommen, sondern stellt sie vielmehr bloß.“ (Eph. 5:10, 11)

Sie dachten auch an Jesaja, der dies geschrieben hatte, nachdem im Volk die Gerechtigkeit, die Treue und die Wahrheit gestrauchelt waren:

„Das alles hat Jehowah gesehen, und ihm missfällt, dass es kein Recht mehr gibt. Er sieht, dass niemand sich regt, und wundert sich, dass keiner dazwischentritt.“ (Jes. 59:15, 16)

Das Unrecht wurde allgemein gebilligt, man sah – aus Feigheit? – darüber hinweg und redete sich ein, zum Volk Gottes zu gehören! „Der Tempel Jehovas ist doch hier!“, so beruhigten sich die Juden, und so belogen sie sich selbst. Und wer den Mund aufmachte, wurde verachtet und geächtet. An jene, die dem „Wort Jehowahs entgegenbebten“ richtete Jesaja diese Worte:

„Es höhnen euch eure Brüder, die euch hassen, die euch verstoßen, weil ihr zu mir steht.“ (Jes. 66:5)

Das habe ich selbst für erledigte Geschichte gehalten. Dass sich die Verhältnisse unter den Zeugen Jehovas wiederholen könnten, kam mir nicht in den Sinn. Aber ich täuschte mich! Denn auch ich hatte mir, wie alle anderen Zeugen auch, eingeredet: „Wir sind doch Gottes Volk, und Gott wird nicht zulassen, dass so ein Fehlverhalten alltäglich wird. Er wird doch eingreifen und es ändern.“

Das bodenlose Staunen

Und dann begann für uns das bodenlose Staunen. Von Heute auf Morgen erlebten wir, dass die früheren freundschaftliche Gefühle tot waren. Und das alles, weil man einem Menschengebot gehorchte! Denn die Ächtung, wie sie von der „Leitenden Körperschaft“ befohlen wird, ist mit der Bibel nicht zu begründen. Ein Betroffener, der seine begründete Kritik an der Führung in einem Brief öffentlich gemacht hatte, klagte:

„Ich habe einige getroffen, denen ich meinen Brief habe zukommen lassen. Die schweigen alle, keiner sagt etwas, keiner. Kein Wort! Bestenfalls gucken die mich so an, als wollten sie sagen: „Was tust du da?“ Oder vielleicht denken sie auch: „Der ist bald ausgeschlossen“. Was weiß ich, was sie denken. Keiner sagt was! Niemand ist irgendwie betroffen über die Dinge, die da im Hintergrund laufen in ihrer eigenen Religion. Sie sagen nicht einmal „Das kann nicht sein!“ oder verteidigen es, als ob das normal wäre, dass in der „wahren Religion“ so ein Verhalten üblich wäre. Das stört sie alle nicht! Ich weiß nicht, ob die sich inzwischen erkundigt haben, aber sie sind so abgebrüht, so unmenschlich. Das Einzige, was sie einem immer erzählen: Das ist das Volk Gottes, das ist die Organisation Gottes. Es ist das, was sie in jeder zweiten Zusammenkunft ins Ohr geblasen bekommen. Und damit wird alles entschuldigt. … Es ist so unfassbar ernüchternd, obwohl man das vorher schon geahnt hat. … Bei den Personen, die man näher kennt, ist es dann doch ernüchternder. Ich verstehe das nicht. Dreißig bis vierzig verlorene Jahre. … Auch mit Menschen zu tun gehabt zu haben, die überhaupt nicht die eigenen Werte teilen. … Wir befinden uns zur Zeit im luftleeren Raum.“ 

Wir haben uns alle täuschen lassen, weil man uns erzählte, dass die Führung, der „treue und verständige Sklave“ ja auch nur aus Menschen bestehe, die „Fehler“ machen können. Aber Jesus Christus hat ja auch die „Leitende Körperschaft“ und die „Ältesten“ in seiner rechten Hand, wie es das Bild in der Offenbarung nahe legt. Daraus haben wir abgeleitet, dass Jesus Christus über die Verhältnisse in der „Organisation“ wacht. Und wir haben erwartet, dass Jesus eingreift, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Hinkende Vergleiche, Denkschlamperei, unsaubere Argumente

Heute geht man ganz bewusst in der Täuschung noch eine Schritt weiter, wenn man auf die 7 Briefe Jesu an seine Versammlung hinweist. Man argumentiert so: In den einzelnen Versammlungen sind schlimme Praktiken an der Tagesordnung gewesen. Wenn so etwas heute auch beobachtet wird, dann ist das quasi im Normbereich. Die Versammlungen blieben ja die Versammlungen Jesus Christi; er hat sie ja nicht abgeschafft. So solle man ganz ruhig darauf warten, bis Jesus die Dinge richtig stellt. Wer selbst eingreift, macht sich schuldig! Und hier weist man auf „das warnende Beispiel der Rotte Korah“ hin, die Moses kritisierte. Sie wurde bekanntlich vernichtet. Mit diesem und ähnlichen hinkenden Vergleichen will man den Kritikern den Mund verbieten. Man sagt doch tatsächlich, dass niemand das Recht und die Autorität habe, den „Sklaven“ und die Ältesten zu kritisieren!

Der Vergleich mit Moses und der „Rotte Korahs“ hinkt tatsächlich. Der wesentliche Unterschied liegt hier: Moses war direkt von Gott autorisiert worden, das Volk Israel zu führen. Die Autorität Moses wurde durch die Wunder bestätigt, die Moses im Auftrag Gottes wirken durfte. Sie wurde auch durch die Inspiration bestätigt, die zu einem guten Teil der Bibel wurde. Und sie wurde auch durch das Leben Moses bestätigt. Alle diese Bestätigungen hat der „Sklave“ nicht! Er hat sie sich nur eingebildet und angemaßt. Auf diesen „Sklaven“ trifft aber mit 100prozentiger Sicherheit ein Wort aus dem 5. Buch Moses, 18:20-22 zu:

„Doch der Prophet, der sich anmaßt, etwas in meinem Namen zu verkünden, das ich ihm nicht aufgetragen habe, oder im Namen anderer Götter spricht, dieser Prophet muss sterben. Wenn du aber denkst: ‚Woran soll ich denn erkennen, welches Wort nicht von Jehowah kommt?’ Wenn der Prophet etwas im Namen Jehowahs sagt, das sich nicht erfüllt und nicht eintrifft, dann hat Jehowah nicht durch ihn gesprochen. Der Prophet hat es sich angemaßt. Du sollst dich nicht vor ihm fürchten.“

Man sollte bei diesem Gedanken ein wenig an die Geschichte der Zeugen Jehovas denken. Dann wird man schnell einige „Prophezeiungen“ finden, die nicht eingetroffen sind. Es waren Anmaßungen; Gott hat nicht durch diese Männer geredet! Also hat man sie auch nicht zu fürchten!

Und noch etwas „hinkt“: Wer mit den Briefen Jesu aus der Offenbarung sagen will, dass Jesus die Verhältnisse „zu seiner Zeit“ ändern wird, irrt sich gewaltig. Jesus fordert die Änderung des Verhaltens von seinen Nachfolgern. Sie sind verantwortlich, weil sie die klaren Anweisungen Jesu kennen und danach handeln können. Wer das nicht tut, und wer nicht auf berechtigte Kritik reagiert, macht sich in den Augen Jesu schuldig und wird zur Rechenschaft gezogen.

Die Angst vor dem Gemeinschaftsentzug, die Angst voreinander

Aber wir beobachten, dass sich die Zeugen Jehovas doch vor diesem „Propheten“ fürchten. Diese Furcht kann so stark werden, dass sie alle Bedenken besiegt und Menschen dazu bringen kann, Unrecht und Falschheit einfach zu billigen, still zuzusehen und am Unrecht mitzuwirken. Der falsche Prophet hat ein teuflisches Instrument geschaffen, mit dem er meint, jede Kritik unterdrücken zu können: Es ist der Gemeinschaftsentzug, ein Verfahren der Ächtung, die dem Geächteten die menschliche Würde nimmt und ihn von allen anderen Mitgliedern seine Gemeinschaft, ja sogar von Ehepartnern, Eltern und Kindern trennt. Denn wer dieses Urteil nicht unterstützt und doch normale Kontakte weiterhin pflegt, wird ebenfalls ausgeschlossen. Das erzeugt Angst, vor dem Urteil der Führung und vor dem Nebenmann, der zum Denunzianten werden kann.

Und plötzlich wird ein Mensch, der untadelig gelebt hat, geächtet. Er wird von niemanden mehr gekannt, man grüßt ihn nicht, man schaut durch ihn hindurch, man hilft ihm nicht, man verachtet ihn nur. Diese soziale Ächtung ist für so manchen auch der Weg in die Depression oder den Suizid gewiesen. Ich will hier nicht auf die Einzelheiten eingehen, dafür gibt es andere Artikel und Erfahrungsberichte auf dieser Seite.

Nur darauf möchte ich noch aufmerksam machen: Wer solche Sanktionen verhängt, missachtet das fundamentale Recht auf Religionsfreiheit! Denn wenn das Verlassen einer Religionsgemeinschaft mit solcher Strafe belegt wird, dann ist man in seiner Entscheidung nicht mehr frei; dann wird Erpressung geübt, wird Druck erzeugt und mit Angst geherrscht. Dann wird dieses Grundrecht verletzt, denn es garantiert die freie Wahl des Beitritts und des Austritts.

Hat Jesus gedroht und geächtet?

Und nun wäre noch etwas Grundsätzliches zu sagen: Jesus Christus hat alle Menschen eingeladen, zu ihm zu kommen. Und wer zu ihm kam, konnte ihn auch wieder verlassen. Er hat es abgelehnt, die freie Entscheidung eines Menschen mit sofortigen Strafen zu belegen. Das haben die Pharisäer ja getan. Auch sie haben unliebsame Kritiker ausgeschlossen. An Jesus, ihrem Hauptkritiker, wagten sie sich nicht heran, weil sie die Meinung des Volkes fürchteten. Aber als die Gelegenheit kam, ließen sie ihn hinrichten!

Als Jesus einem reichen Mann sagte, was er tun müsse, um ewiges Leben zu bekommen, ging der Mann betrübt weg. Jesus lief ihm nicht nach, noch bestrafte er ihn. Ebenso verfuhr er mit den Jüngern, die ihn verlassen haben, als sie seine Worte nicht verstanden. Er drohte ihnen keine Strafe an! Er hat sie in ihrer Willensfreiheit respektiert. Er setzte darauf, dass sich ihre Meinung ändern konnte und sie von sich aus zurückkehrten.

Was muss das für eine Religionsgemeinschaft sein?

Man soll sich auch fragen, was das für eine Religionsgemeinschaft ist, die ihre Mitglieder durch die Bedrohung mit der Ächtung an sich binden will.  Was bewegt diese Religionsgemeinschaft, dass sie sich einbildet, Abweichler und Kritiker aus den eigenen Reihen mit Angst und Drohen zum Bleiben und zum Schweigen zwingen zu können? Was ist das für eine Gemeinschaft, die auch jeden Sünder durch diese Strafe zurechtbringen will? Sollte das Christentum nicht den Weg der Liebe gehen? Und sollten Sünder nicht durch die Liebe zur Pflicht geführt werden? Warum maßt man sich an, zu sagen, dass jemand, der die Gemeinschaft verlassen hat, vernichtet werden wird? („Ist ein Abtrünniger immer ein Antichrist?)

Durch sein eigenes Reden und durch seine Apostel hat Jesus gezeigt, was es bedeutet, nach seinem „königlichen Gesetz“ zu leben. Jesus fordert ein Leben, das sich deutlich vom heuchlerischen Verhalten der Pharisäer unterscheidet. Die Pharisäer waren dafür bekannt, dass sie hart und streng über die Menschen herrschten. Gegen dieses Verhalten sprach sich Jesus in seiner verurteilenden Rede aus: In Matthäus 23 ist alles gesagt worden. Und was Jesus hier kritisierte, findet sich auch im Verhalten einer Religionsgemeinschaft wieder, die sich „Christliche Zeugen Jehovas“ nennt.

Als Jesus einmal einen Blinden geheilt hatte, wollten die Pharisäer von ihm wissen, wer das bewirkt hätte. Nach einigem Hin und Her sagte der Blinde, dass es Jesus gewesen war. Und als die Pharisäer das Wunder in Frage stellten, und Jesus als Sünder hinstellten, wunderte sich der Geheilte laut und meinte, dass Gott nicht durch einen Sünder so eine Heilung bewirkt haben konnte. Da wurde der Geheilte kurzerhand ausgeschlossen! So ging man schon vor fast 2000 Jahren mit Kritikern um. Und immer ist es der Konflikt zwischen Licht und Finsterns, der sich so äußert.

Wie sieht das Leben im Licht aus?

Das Leben im Licht ist ein Leben in Gottverbundenheit. Denn Gott ist Licht und er duldet in seiner Nähe keine Finsternis. Darum hat er seine Kinder aus der Finsternis in sein „wunderbares Licht gerufen“, damit sie „verkündigen, wie unübertrefflich er ist“. (1. Pet. 2:9b) Kinder Gottes führen also ein Leben, wie es im 1. Brief des Johannes skizziert wird:

„Gott ist Licht; in ihm gibt es keine Spur von Finsternis. Wenn wir behaupten, mit Gott Gemeinschaft zu haben, und trotzdem in der Finsternis leben, dann lügen wir: Unser Tun steht im Widerspruch zur Wahrheit.“ (1. Joh. 1:5, 6)

„Die Finsternis weicht ja zurück und das wahre Licht leuchtet schon. Wer behauptet, im Licht zu leben und dabei seinen Bruder oder seine Schwester hasst, ist immer noch in der Dunkelheit. Doch wer seine Geschwister liebt, lebt im Licht und dort gibt es nichts, was ihn zu Fall bringen kann. Wer seine Geschwister hasst, lebt in der Finsternis. Er tappt im Finstern umher und weiß nicht, wohin er geht. Die Dunkelheit hat ihn blind gemacht.“ (1. Joh. 2:8-11)

Jesus Christus fokussiert das Leben im Licht immer wieder auf die Liebe zu den Geschwistern. Wer hier versagt, hat im christlichen Glauben versagt und Gott und seinen Sohn Jesus Christus verleugnet.

„Jeder, der seinen Bruder oder seine Schwester hasst, ist ein Mörder. Und ihr wisst, dass kein Mörder ewige Leben in sich trägt.“ (1. Joh. 3:15)

Das Leben im Licht findet also seine Erfüllung und Bestimmung in der Liebe zu den Geschwistern. Auf diesem Gebiet bewährt sich der Glaube der Jünger Jesu an Gott und Christus, denn nur an der Liebe werden sie als Kinder Gottes erkannt. (Joh. 13:34, 35) Dieses Gebot der Liebe ist das „königliche Gesetz“ der Nachfolger Jesu! Es allein entscheidet darüber, wie Gott und Jesus uns beurteilen. Was muss das also für eine Gemeinschaft sein, die Mitglieder nur dann liebt, wenn sie völlig konform mit ihr sind und alle schlechten Taten und Irrlehren tolerieren? Wie viel böse Intoleranz und welche Unbarmherzigkeit zeigen sich, wenn ein Bruder oder eine Schwester nur deshalb ausgestoßen wird, weil sie Dinge ansprechen, die sich gemäß der Bibel nicht gehören? Das ist eindeutig das Verhalten, das zur Finsternis gehört! Während sich das Licht nicht vor der Wahrheit fürchtet, ist die Lüge in der Finsternis zu Hause. Die Lüge hat das Licht immer zu fürchten, weil sie die Bloßstellung fürchten muss.

Wie es sein sollte, …

Es ist unter Menschen allgemein üblich, dass nicht alle einer Meinung sind. Das war in der Versammlung der frühen Christen nicht anders. Aber unterschiedliche Meinungen haben nicht dazu geführt, dass jemand dafür ausgestoßen wurde. Mit groben, unbelehrbaren Sündern hat man das sehr wohl getan, weil man wusste, dass Licht nichts mit Finsternis zu tun haben kann.

Und wenn Kritik geübt werden musste, weil die Gefahr bestand, dass eine christusfeindliche Auffassung Platz greifen konnte, dann wurde ohne Ansehen der Person kritisiert! Und wir erfahren aus den Schriften der Apostel, dass man sich entweder auf dem Boden der Schrift und unter dem Einfluss des Geistes Gottes einigte oder dass der Betroffene sein Verhalten änderte. Die Praxis der Pharisäer übte man damals nicht. Man war immer bemüht, in Verantwortung für den anderen, zu helfen und barmherzig zu sein. Jakobus schrieb dazu:

„Wenn jemand unter euch von der Wahrheit abirrt, meine Brüder, und ein anderer bringt ihn zur Umkehr, dann denkt daran: Wer einen Sünder von einem falschen Weg zurück bringt, wird dessen Seele vom Tod retten und eine Menge von Sünden zudecken.“ (Jak. 5:19)

… und wie es ist

Jakobus spricht hier nicht von dem, was den „Abtrünnigen“ von den Zeugen Jehovas gewöhnlich zur Last gelegt wird. Er spricht eindeutig vom Verlassen der christlichen Wahrheit, vom Abirren von der christlichen Lebensweise, vom Sündigen. Er bezeichnet nicht die berechtigte Kritik am Verhalten der Führung als Sünde, sondern das Missachten christlicher Normen. Kritiker der Zeugen Jehovas werfen ihrer Führung das klare Abweichen von diesen Normen vor. In diesem fall müssten sich die Verantwortlichen ändern und einsehen, dass sie falsch gelebt haben. Aber nein, sie lassen sich nicht zur Umkehr bringen, sondern entfernen den lästigen Kritiker aus ihrer Gemeinschaft. So zeigen sie deutlich, dass sie in der Finsternis leben. Und sie haben keine Bedenken, die folgenden Worte Pauli auf die von ihnen ausgestoßenen Kritiker anzuwenden:

„Lasst euch nicht mit Ungläubigen in dasselbe Joch spannen. Wie passen denn Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit zusammen? Oder was haben Licht und Finsternis gemeinsam? Welche Übereinstimmung gibt es zwischen Christus und dem Teufel? … Wir sind doch der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: ‚Ich werde in ihnen wohnen und unter ihnen sein. Ich bin dann ihr Gott und sie sind mein Volk.’ Darum ‚zieht weg und trennt euch von ihnen’, spricht der Herr, ‚und rührt nichts Unreines an, dann werde ich euch aufnehmen. Ich werde euer Vater und ihr sollt meine Söhne und meine Töchter sein’, spricht der Herr, der Allmächtige.“ (2. Kor. 6:14-18)

Hier wird die ganze Sache auf den Kopf gestellt: Nicht der willentliche Sünder wird bestraft, sondern der, der die Sünde offen beim Namen nennt! Was Paulus aber sagen will, ist für jeden klar und deutlich zu erkennen. Er hat dann die persönliche Pflicht, sich von denen zu trennen, die in der Finsternis leben, weil sie sich nichts sagen lassen und mit ihrem Fehlverhalten einfach fortfahren.

Ich denke, dass dies deutlich genug ist, um zu handeln. Den „Abtrünnigen“ wird vorgeworfen, den Weg der „Wahrheit“ verlassen zu haben. Man macht sie bei jeder Gelegenheit schlecht und versäumt nicht, sie mit Vernichtung zu bedrohen. Man hat sich die Arroganz der Stolzen angeeignet und bezeichnet jede Kritik an der Führung der Zeugen als Verleumdung und Lüge. Wenn Journalisten über die Vorwürfe im Hinblick auf Kindesmissbrauch berichten und die Führung zur Stellungnahmen einladen, dann wird gesagt: „Das lassen wir sterben!“. Man verhält sich ebenso wie ein Staatsmann in Amerika: Man schreit: „Fake news!“.

Nun sollte man ja erwarten, dass durch die Reihen der Zeugen Jehovas ein Aufschrei geht, wenn die Führung offiziell und gerichtsfest eines Verbrechens überführt wird und dies durch die Medien geht. Man sollte erwarten, dass sich das Gewissen regt und man der „leisen Stimme“ folgt. Denn dazu ist ein Christ geradezu verpflichtet, weil er die Gefahr kennt, die mit der Missachtung des Gewissens verbunden ist: Man kann den Glauben verlieren! (1. Tim. 1:19)Es sollte doch möglich sein, sich selbst ein Urteil über einen Menschen zu bilden, mit dem man lange Zeit zusammen war und dessen christliche Qualitäten man gesehen und geschätzt hat. Und nun ist er unter das Urteil der Führung gefallen, wird ausgeschlossen, weil er ehrliche Kritik geübt hat! Und  jetzt ist plötzlich alles anders? Jetzt kennt man ihn nicht mehr? Jetzt verurteilt man ihn als bösen Sünder, als Verleumder und Abtrünnigen? Und das Gewissen schweigt?

Und wieder setzt bei mir das bodenlose Staunen ein: Es geschieht nichts – oder nur ein wenig. Man schweigt, man duldet, man hat Angst! Ein paar werden sich wundern, werden das nicht gutheißen und vielleicht weggehen. Aber die schweigende Mehrheit bleibt und billigt, was eigentlich klar zu verurteilen ist. Und das, so finde ich, ist eine markante Charakterschwäche, deren man sich eigentlich zu schämen hat, wenn man dazu überhaupt in der Lage ist. Aber was hat schon Jeremia festgestellt?

„Schämen müssten sie sich wegen ihres schändlichen Treibens. Aber sie denken gar nicht daran. Sie kennen keine Scham.“ (Jer. 8:12)

So kommt neben dem bodenlosen Staunen auch noch Ekel dazu. Was tue ich in dieser Situation? Ich verstehe diese feigen, unaufrichtigen Menschen nicht! Aber wie gehe ich damit um? Ich will niemanden hassen oder verurteilen, auch wenn ich ihn nicht verstehe und seine Haltung verabscheue. (Ich habe auch jene Menschen nicht missachtet, die früher wegen sittlicher Vergehen ausgeschlossen worden waren, denn ich konnte auch damals nicht mit der Anordnung der LK einverstanden sein.) Ich will versuchen, für solche verirrten Menschen um Einsicht zu bitten. Denn ich weiß, dass es bei Gott möglich ist, dass auch „ein Kamel durch das Nadelöhr kommt“. Und vielleicht schafft es ja das eine oder andere „Kamel“. Es ist immer zu wünschen und zu hoffen!

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Wie wahr, lieber Tilo — wie wahr! Du hast so viel Wichtiges angesprochen: Danke, danke, danke!
Es ist tatsächlich so, dass es einem oft die Sprache verschlägt, wenn man sieht, was so alles in der JW.Org möglich ist, ohne dass es die Mehrheit darin stört. Bleibt zu hoffen, dass dennoch der eine oder andere aufrichtige Leser durch den Artikel, in dem viel Herzblut steckt, zum Nachdenken und Handeln motiviert wird (auch noch Unschlüssige, die schon länger erwacht sind). Jesus erwartet von seinen Nachfolgern eindeutige Bewegung ins Licht.

Tilo: … beim letzten Satz mußte Ick schon schmunzeln und na klar, … um nicht zu hassen … ist jeder andere Versuch, UM genau DASS zu vermeiden MEHR wert. Recht soo. Du hast Dir wieder viel Mühen gegeben, um „100Seiten Gedanken“ auf anderthalb zu reduzieren. Und Ick finde … gelungen mein chapó ick mag jetzt nix weiter kommentieren …durch irgendwelch emotionales „pipapo“ undundund (dass hat/hätte nat. seine Berechtigung… auf jeden Fall) Deine thematische Abhandlung Zitat: ˋwie es sein sollte ´ UND ˋwie es ist´ : die NT bibl Gegenüberstellung mag mit Sicherheit … dem einen oder anderen NOCH stillen Mitleser… Weiterlesen »

Lieber Tilo,
schön dass dich gibt. Schön das du deinem Gewissen nicht nur folgst, sondern dies auch für Dritte in Worte kleidest!
“Was ist das für eine Religion, die ihre Mitglieder durch die Bedrohung des GE an sich bindet?” Als ich die Frage las, fiel mir unwillkürlich der Mauerbau ein. Von oben angeordnet, vom eigenem Volk gebaut und bewacht. Die eigenen Bürger erschossen…aber sie waren es ja selbst schuld, sie wußten ja was passieren wird.
Ein anderes System der gleiche Zynismus.

Lieber Tilo, danke für deine nachdenklichen Worte! Du schreibst: „Und plötzlich wird ein Mensch, der untadelig gelebt hat, geächtet. Er wird von niemanden mehr gekannt, man grüßt ihn nicht, man schaut durch ihn hindurch, man hilft ihm nicht, man verachtet ihn nur.“ Dazu auch dieser Erfahrungs-Bericht von unserem lieben Boas (aus seinem Krankenbett aus geschrieben):  https://www.bruderinfo.com/blut-ist-dicker-als-wasser Weiter schreibst du: „Denn wenn das Verlassen einer Religionsgemeinschaft mit solcher Strafe belegt wird, dann ist man in seiner Entscheidung nicht mehr frei; dann wird Erpressung geübt, wird Druck erzeugt und mit Angst geherrscht.“ Ein älteres Ehepaar aus Tirol schrieb mir mal vor Jahren:… Weiterlesen »

Jehovas Zeugen lassen einen wichtigen Gesichtspunkt außer Acht. In 1. Korinther 5:9-11: heißt es nämlich: “Ich habe euch in dem Brief geschrieben, dass ihr nichts zu schaffen haben sollt mit Unzüchtigen. Damit meine ich nicht allgemein die Unzüchtigen dieser Welt oder die Habgierigen oder Räuber oder Götzendiener; sonst müsstet ihr ja die Welt verlassen. Vielmehr habe ich euch geschrieben: Ihr sollt nichts mit einem zu schaffen haben, der sich Bruder nennen lässt und ist ein Unzüchtiger oder ein Habgieriger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit so einem sollt ihr auch nicht essen.” Selbstverständlich… Weiterlesen »

Last edited 16 Tage zuvor by www.Christusbekenner.de

Hallo Christusbekenner, die WTG / LK hat mit genau diesem Brief vom Paulus die Legitimation erhalten! Leider! Lies: “… oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit so einem sollt ihr auch nicht essen.” Paulus spricht von” Lästerer”. In diesen Begriff kann man ALLES, aber wirklich alles mit einpacken! Ein Bruder, der mit einer bestimmten Auslegung einer Lehre der Lk nicht einverstanden ist, aber dennoch im christlichen Glauben bleibt, wird einfach als “Lästerer” tituliert und schon gibt es für ihn kein Entkommen mehr. So einfach ist das. So gut es Paulus auch gemeint haben mag, leider hat er… Weiterlesen »

Die Info passt nicht ganz zum Thema, darum im Forum als eigenes Thema eröffnet:
https://www.bruderinfo-aktuell.org/forum/austausch/recht-umgang-eltern-mit-kindern-und-den-neuen-medien-co-und-zoom/#post-5764
Recht der Kinder am eigenen Bild, korrekter Umgang mit neuen Medien & Co und Zoom.
LG RoKo

An der hohen Beteiligung zu diesem gut geschriebenen Artikel, erkennt man, wie stark das Thema berührt. Deshalb noch einen Gedanken. Das Ganze erinnert mich an das Experiment von Herrn Iwan Petrowitsch Pawlow. Die Menschen bei ZJ sind genauso psychisch konditioniert wie dieser Hund. Es braucht nur der Anschein da sein, das mit einer Person etwas nicht stimmt, da ziehen sich schon die ersten zurück. Alles wartet begierig auf die Ankündigung von der Bühne damit ihre Handlungsweise legitimiert wird. Mit der täglichen Dosis Gift, in Form von WT-Publikationen, wird stetig dafür gesorgt das die meisten ihr eigenes Gewissen verlieren. Denn es… Weiterlesen »

Lieber Tilo. Toller Text. Nur eine Kleinigkeit zu dem Jesajatext. „Das alles hat Jehowah gesehen, und ihm missfällt, dass es kein Recht mehr gibt. Er sieht, dass niemand sich regt, und wundert sich, dass keiner dazwischentritt.“ (Jes. 59:15, 16) ER wundert sich… Ob das eine glückliche Übersetzung ist, bleibt den Fachleuten überlassen. Erstaunt halte ich im Deutschen für besser. Begründung: Die Normopathie der Völker rings um Israel war Jahwe ja wohlbekannt. Aber dass sein eigenes Volk, dass ja aus der ägyptischen Sklaverei durch Gott befreit war, auch in diese Normopathie fallen würde, das erstaunte Gott. Eigentlich hätten sie es ja… Weiterlesen »

Kurz gesagt.
Hier wird aus der Sicht der Verantwortlichen Ältestenschaft der ZJ das Gleichnis vom verlorenen Sohn gem. Luk. 15:11–32 total missachtet!
Anstatt wie es im letzten Vers besagt : V.32 Du solltest aber fröhlich sein und dich freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, und er war verloren und ist wiedergefunden worden!

Shalom José

Lieber Tilo, liebe Geschwister, wahr und richtig, diese Beobachtung. Aber werden Jehovas Zeugen dazu angeregt, zu beobachten und dann in Verbindung mit dem eigenen Gewissen Schlüsse zu ziehen? Mitnichten! Die Lehren der LK sind Gesetz und werden nicht/kaum hinterfragt. Beobachtet werden die Geschwister, ob sie sich an diese Vorschriften halten, um sie in “liebevoller Fürsorge” zu melden, damit ihnen “geholfen” werden kann. Schlimmstenfalls ist die “Liebe” so groß, sie vollständig fallen zu lassen und sie zu ächten und somit zu richten. Das tun alle, und weil es alle tun ist es richtig….. Von Gerichtsverfahren gegen die Organisation und Fehlverhalten im… Weiterlesen »

Grüezi alle In allen Versammlungen herrscht ein Zustand den man in der Mafia “Omertà” nennt. Ein kollektives Schweigen zu kritischen Themen. Keiner will sich äussern noch etwas zu tun haben mit dem der die Kritik äussert.  Das oft Nicht-Wissen oder Unwissen erklärt sich aus einer Weckguck-Kultur die Teil dieses traditionellen Schweigens ist.  Ein sizilianisches Sprichwort dazu:  “Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.” Heute wird eine Realität so lange verschwiegen, bis man selbst nicht mehr an sie glaubt.  Als ich noch Kind und Jugendliche war (vor 50 Jahren), duldete man noch eher Diskussionen im Kreise der ZJ.… Weiterlesen »

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