Unser christliches Rechtssystem (Teil 1)

Kommitee 2.001Wie sollten Christen in ihrer Versammlung mit Sündern umgehen? Welche Richtlinien hat unserer Herr hierzu erlassen? Gibt es überhaupt so etwas wie ein “Christliches Rechtssystem”?

Um darauf eine Antwort zu bekommen, sollten wir uns anschauen, wie Jesus auf eine andere Frage der Jünger, nämlich: “Wer ist der Größte im Königreich der Himmel?” (Mat 18:1) reagiert. Obwohl vordergründig beide Fragen nicht miteinander in Verbindung zu stehen scheinen, lohnt sich ein genauerer Blick. Das Thema um Rang und Ansehen, beschäftigte die Jüngerschaft nämlich immer wieder. (Siehe Mar 9:33-37; Luk 9:46-48; 22:24)

Ihr Herr machte ihnen aber unmissverständlich klar, dass sie sich von vielem, was sie in der Vergangenheit gelernt hatten, wieder freimachen mussten, denn ihre Vorstellung von Führerschaft, Ansehen und Größe war völlig verkehrt. Ohne eine radikale Änderung ihrer geistigen Einstellung, würden sie nie ein Teil des Königreiches der Himmel werden. Tatsächlich könnte sie dieses Versäumnis das ewige Leben kosten und ihr Scheitern obendrein katastrophales Leid für die ganze Menschheit bedeuten.

Jesus gebrauchte ein einfaches Beispiel:

“Und als Jesus ein Kind herbeigerufen hatte, stellte er es in ihre Mitte und sprach: Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen. Darum, wenn jemand sich selbst erniedrigen wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Reich der Himmel; und wenn jemand ein solches Kind aufnehmen wird in meinem Namen, nimmt er mich auf.” (Mat 18:2-5)

Man beachte: Er sagte, sie müssten “umkehren”, was bedeutet, dass sie bereits in eine verkehrte Richtung unterwegs waren. Dann sagt er, um “groß” sein zu können, müsse man sich auf die Stufe eines Kindes begeben und genauso klein werden. Ein Erwachsener wird sich vielleicht über seine Eltern hinausgewachsen sehen. Ein kleines Kind aber sieht zu seinen Eltern auf. Es nimmt die Antworten der Eltern voll Überzeugung an, hält sie für allwissend und vertraut bedingungslos darauf, dass sie es niemals anlügen würden.

Genau dieses tiefe Vertrauen sollten wir in Gott haben und in den, der das genaue Abbild seines Vater ist – Jesus Christus. Wenn wir uns in diese demütige und vertrauensvolle Haltung eines Kindes begeben, erst dann dann können wir “groß” in der eigentlichen biblischen Bedeutung des Wortes sein. (Joh. 5:19)

Und wenn es uns nicht gelänge, diese demütige Geisteshaltung einzunehmen? Das könnte in der Tat schwerwiegende Konsequenzen haben. Hier ist Jesu Warnung dazu: Wenn aber jemand einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Anlass zur Sünde (zum Straucheln) gibt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde. (Mat 18:6)

Aus dem Verlangen nach Ansehen erwächst oft eine stolze Geisteshaltung, die zu Machtmissbrauch führen kann und dazu, die “Kleinen” zum Straucheln zu bringen. Die Vergeltung für eine solche Sünde wäre schrecklich, demgegenüber würde die Versenkung durch einen riesigen Stein um den Hals des Sünders, das kleinere Übel darstellen. Angesichts der unvollkommenen menschlichen Natur sah Jesus die Unvermeidbarkeit eines solchen Szenarios jedoch voraus: “Wehe der Welt, denn sie verführt (gibt Anlass zum Straucheln und zum Unglauben). Solche Versuchungen können ja nicht ausbleiben. Aber wehe dem, der daran schuld ist! (der Anlass zum Straucheln und zum Unglauben gibt)” (Mat 18:7)

Wehe der Welt!

Die stolze Haltung und das Streben nach Macht und Ehre hat christliche Führer immer wieder dazu verleitet, einige der schlimmsten Grausamkeiten der Geschichte zu verüben. Das Mittelalter, die Inquisition, unzählige Kriege und Kreuzzüge, die Verfolgung treuer Jünger Christi – die Liste läßt sich endlos fortsetzen. Und alles nur, weil Menschen gemäß ihren eigenen Vorstellungen über andere herrschen wollen, statt demütig kindliches Vertrauen in Christus als wahren Führer der Gemeinde zu leben. In der Tat – Wehe der Welt!

Eisegese

Kommitee.001Bevor wir mit unseren Betrachtungen fortfahren, werden wir uns mit einem Instrument beschäftigen, das von “Möchtegern-Führern” und sogenannten “großen Männern” gerne benutzt wurde und wird, um ihre Macht zu untermauern. Wir reden von “Eisegese”. Dieser Begriff entstammt dem Griechischen und beschreibt eine Bibelstudienmethode, vermittels derer man von einer feststehenden Annahme ausgehend, nach Schriftstellen sucht, die sich so verdrehen lassen, dass sie die vorgefasste Annahme zu beweisen scheinen.

Es ist wichtig, dies zu verstehen, denn von diesem Punkt ausgehend werden wir sehen, dass unser Herr nicht nur die Frage der Jünger beantwortet, sondern weit darüber hinaus geht, um ein viel tieferes und vielschichtigeres Fundament für das Christentum zu errichten. Wir werden erkennen, wie wir richtigen Gebrauch davon machen sollten. Im Zuge dessen, wird uns klarwerden, wie viel Leid die Falschauslegung der Organisation für die Zeugen Jehovas gebracht hat. Aber betrachten wir weiter, was Jesus uns über die richtige Bedeutung von “Größe” vermitteln wollte.

Die Gründe für das Straucheln und seine Falschauslegungen

Jesus zeichnet uns ein weiteres kraftvolles Bild: “Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dir Anlass zur Sünde (zum Straucheln) gibt, so hau ihn ab und wirf ihn von dir! Es ist besser für dich, lahm oder als Krüppel in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Händen oder mit zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dein Auge dir Anlass zur Sünde (zum Straucheln) gibt, so reiß es aus und wirf es von dir! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle des Feuers geworfen zu werden.” (Mat 18:8, 9)

In den Publikationen der WTG werden diese Verse üblicherweise auf Dinge wie Unmoral, gewalttätige Unterhaltung (Filme, Fernsehsendungen, Videospiele und Musik), Materialismus, die Gier nach Ruhm und Ansehen, sowie auf “Höhere Bildung” angewendet. (w14 7/15 S. 16 Abs. 18-19; w09 2/1 S. 29; w06 3/1 S. 19 Abs. 8)

Aber hat Jesus denn hier plötzlich und willkürlich das Thema gewechselt? Wollte er wirklich sagen, dass wir den zweiten Tod in der feurigen Gehenna erleiden würden, wenn wir uns falsche Filme anschauen, verkehrte Videospiele spielen oder zu viele Dinge kaufen?  Wohl kaum. Was also ist seine Botschaft? Wir sehen, dass diese Verse zwischen den Warnungen in den Schriftstellen 7 und 10 platziert sind: Wehe der Welt der Verführungen (der Anlässe zum Straucheln) wegen! Denn es ist notwendig, dass Verführungen (Anlässe zum Straucheln) kommen. Doch wehe dem Menschen, durch den die Verführung (der Anlass zum Straucheln) kommt! (Mat 18:7) sowie …

Seht zu, dass ihr nicht eines dieser Kleinen verachtet! Denn ich sage euch, dass ihre Engel in den Himmeln allezeit das Angesicht meines Vaters schauen, der in den Himmeln ist. (Mat 18:10)

Genau in diesem Kontext rät Jesus uns, das Auge auszureißen oder eine Gliedmaße abzutrennen, wenn diese uns zum Straucheln bringen könnten. In Vers 6 schickte er voraus, dass, wenn wir die ” Kleinen ins Straucheln” bringen würden, es besser für uns wäre, mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würden, als die gerechte Strafe zu empfangen. Wir würden in der Gehenna enden, wie Vers 9 erklärt, wenn wir es zuließen, dass unser Auge, unsere Hand oder unser Fuß, uns Straucheln lässt.

Jesus hat hier keinerlei Themenwechsel vollzogen. Er ist beantwortet noch immer die Frage “Wer ist der Größte im Königreich der Himmel?”. Seine Warnungen betreffen hier das Machtstreben des Menschen: Das Auge begehrt das Ansehen und die Bewunderung der Menschen. Die Hand bezieht sich auf unser Tun, das, was wir einsetzen, um dieses Ziel zu erreichen; der Fuß bringt uns zum Ziel. Die im Vers 1 gestellte Frage offenbart eine falsche Einstellung und ein verkehrtes Begehren (das Auge). Die Jünger wollten wissen, wie (vermittels Hand und Fuß) man “Größe” erlangen könne. Doch sie befanden sich auf dem falschen Weg. Gelang es ihnen nicht umzukehren und einen Sinneswandel vorzunehmen, würden sie sich selbst und viele andere zu Fall bringen, mit der Möglichkeit des ewigen Todes.

Durch die Falschanwendung von Mat 18:8-9 und Eingrenzung dieser Verse auf Themen von Wandel, Moral und persönlicher Wahlfreiheit, verkennt die LK eine wesentliche und wichtige Warnung: Brüdern das eigene Gewissen aufzwingen zu wollen, kann tatsächlich Ursache zum Straucheln für diese werden. So wird Eisegese zur Falle. Auch für sie.

Für sich selbst genommen können diese Verse sehr leicht falsch angewendet werden. Wenn man den Kontext außer Acht lässt, könnten die LK-Erklärungen sogar logisch erscheinen. Doch der Bezugsrahmen enthüllt etwas völlig anderes.

Jesus führt seine Gedanken fort…

Er vertieft seine Belehrung eindringlich: “Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins von ihnen sich verirrte, lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen und geht hin und sucht das irrende? Und wenn es geschieht, dass er es findet, wahrlich, ich sage euch, er freut sich mehr über dieses als über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind. So ist es nicht der Wille eures Vaters, der in den Himmeln ist, dass eines dieser Kleinen verloren gehe.” (Mat 18:12-14)

Hier sind wir nun beim Vers 14 angelangt und haben folgendes gelernt:

  1. Der menschliche Weg zur “Größe” entspringt dem Stolz.
  2. Gottes Weg zur wahren “Größe” beruht auf kindlicher Demut.
  3. Der menschliche Weg zu “Größe” führt zum zweiten Tod.
  4. Er bringt “die Kleinen zum Straucheln”.
  5. Er speist sich aus verkehrten Wünschen (“Auge”, “Hand”, “Fuß” im übertragenen Sinne).
  6. Jehovas Wertschätzung gehört den “Kleinen”.

Jesus bereitet uns darauf vor, zu herrschen

Jesus kam, um den Weg für die Auserwählten Gottes vorzubereiten, für jene, die als Könige und Priester zum Zweck der Versöhnung der ganzen Menschheit mit Gott, zusammen mit ihm herrschen würden. (Offb 5:10; 1Kor 15:25-28)Doch all diese Männer und Frauen müssen zuerst lernen, mit dieser Autorität richtig umzugehen. Das alte Modell der gelebten Macht würde unweigerlich ins Verderben führen. Es war Zeit für etwas Neues.

Jesus war gekommen, um das Gesetz zu erfüllen, den mosaischen Gesetzesbund zu beenden, und einen neuen Bund ins Dasein zu rufen. Er war befähigt, Gesetze zu erlassen. (Mat 5:17; Jer 31:33; 1 Kor 11:25; Gal 6:2; Joh 13:34)

Dieses neue System mußte aber auch verwaltet und umgesetzt werden.

Überlegen wir: Würde man sich dem Risiko aussetzen, in einem Land zu leben, dessen Rechtssystem ungerecht ist? Wie viel Leid mussten Menschen aufgrund mangelhafter Rechtssysteme erfahren! Hätte unser Herr uns, an der Schwelle zur Einführung des Christentums in der Luft hängen lassen, ohne Anweisung zur korrekten Ausübung dieser Gerechtigkeit? Das ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern gänzlich unmöglich.

Hätte er uns nicht darüber in Kenntnis gesetzt, wenn er eine Art Hybrid auf der Grundlage des jüdischen Rechtsmodells erschaffen wollte, dem wir weiterhin Folge leisten sollten?

Ganz sicher sogar! Auf dieser Grundlage wollen wir nun zwei Dinge untersuchen:

  • Was hat Jesus tatsächlich gesagt?
  • Wie haben Jehovas Zeugen Jesu Aussagen interpretiert?

Die Aussage Jesu

Wenn die Jünger die Angelegenheiten einer neuen Welt von Hunderten von Millionen auferstandenen “Ungerechten” regeln – ja, wenn sie sogar Engel richten sollten – dann müssten sie geschult werden. (1 Kor 6:3) Es wäre nötig, so wie ihr Herr, Gehorsam zu lernen. (Heb 5:8) Sie hätten eine Eignungsprüfung zu bestehen (Jak 1:2-4) und zu lernen, demütig wie kleine Kinder zu sein. Auch dürften sie dem Wunsch nach Ansehen und Macht nicht nachgeben, um sich selbst zu erhöhen. Eine besondere Gewichtung lag auf dem Umgang mit Sündern in ihrer Mitte. Also gab Jesus ihnen folgende, aus drei Schritten bestehende rechtliche Verfahrensweise vor.

“Wenn aber dein Bruder sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein! Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt werde! Wenn er aber nicht auf sie hören wird, so sage es der Gemeinde; wenn er aber auch auf die Gemeinde nicht hören wird, so sei er dir wie der Heide und der Zöllner!” (Mat 18:15-17)

Eine wichtige Feststellung: dies ist die einzige Anweisung, die unser Herr in Bezug auf eine rechtliche Verfahrensweisen nannte. Da er diesbezüglich nichts weiteres sagte, können wir schlussfolgern, dass es alles ist, was wir brauchen! Leider betrachtete die Führung der Zeugen Jehovas zurück bis Richter Rutherford diese Richtlinien als nicht ausreichend.

Wie legen JZ Matthäus 18:15-17 aus?

Obgleich dies die einzige Aussage Jesu in Bezug auf die Handhabe von Sünde in der Versammlung ist, scheint die LK zu glauben, dass es da noch mehr geben muss. Sie behauptet, diese Verse würden lediglich einen kleinen Teil des christlichen Rechtssystems ausmachen und sich deshalb nur auf “persönliche Sünden” beziehen. (Siehe Wt vom 15.10.1999 S. 19 Abs. 7)

Wie steht es mit Sünden wie Hurerei, Abtrünnigkeit oder Gotteslästerung? Der gleiche Wachtturm sagt im Abs.7:

“Unter dem mosaischen Gesetz reichte bei bestimmten Sünden die Vergebung der Person, gegen die man sich vergangen hatte, nicht aus. Gotteslästerung, Abtrünnigkeit, Götzendienst und die geschlechtlichen Sünden Hurerei, Ehebruch und Homosexualität waren meldepflichtig, und Älteste (oder Priester) mussten sich damit befassen. Das trifft auch auf die Christenversammlung zu (3. Mose 5:1; 20:10-13; 4. Mose 5:30; 35:12; 5. Mose 17:9; 19:16-19; Sprüche 29:24). Beachten wir jedoch, dass die Kategorie von Sünden, die Jesus hier ansprach, zwischen zwei Personen bereinigt werden konnten. Einige solche Fälle: Aus Zorn oder Eifersucht verleumdet jemand seinen Mitmenschen. Ein Christ verpflichtet sich vertraglich, einen Auftrag mit bestimmten Baustoffen auszuführen und die Arbeit bis zu einem bestimmten Termin zu leisten. Jemand anders sagt zu, Geld in bestimmten Raten oder zu einem festgesetzten Datum zurückzuzahlen. Ein anderer trifft mit seinem Arbeitgeber die feste Vereinbarung, ihm, wenn er ihn ausbilde, keine Konkurrenz zu machen (auch nicht bei einem Stellenwechsel) und über einen vereinbarten Zeitraum hinweg oder in einem bestimmten Gebiet nicht zu versuchen, dem Arbeitgeber Kunden abzuwerben. Würde ein Bruder hierbei sein Wort nicht halten und eine Verfehlung wie diese nicht bereuen, wäre das gewiss schwerwiegend (Offenbarung 21:8). Dennoch könnten solche Verfehlungen zwischen den beiden Beteiligten geregelt werden.” 

Das ist ein Musterbeispiel für Eisegese – das Überstülpen einer Schriftstelle mit einer bereits vorher festgelegten Auslegung.

Beachten wir zunächst, dass Jesus in diesen Versen nichts über persönliche Sünden sagt. Er sagt “Wenn aber dein Bruder sündigt”. Er sagt jedoch nicht “Wenn aber dein Bruder gegen dich sündigt”, oder “Wenn aber dein Bruder eine persönliche Sünde begeht”. Da Jesus nichts über die Art der Sünde sagt, welches Recht haben wir, dies stellvertretend für ihn einzugrenzen?

Des Weiteren beschreibt die LK gemäß dem Abs. 7 des o. a. Wachtturmartikels, wie Sünden unter dem Gesetzesbund behandelt wurden und zitiert eine Reihe von Schriftstellen, die ihre Ausführungen stützen sollen. Gibt es aber auch nur einen einzigen Bezug zu den christlichen Schriften? Nein, nicht einen. Sie behaupten munter weiter, dass die Handhabe derartiger Sünden unter dem mosaischen Gesetz, auch auf die Christenversammlung zutrifft. Aber auf welcher Grundlage? Die einzige Grundlage scheint zu sein, dass sie es gesagt haben. Das muss reichen.

Ein unbedarfter Leser könnte jetzt schlussfolgern, dass alles in der rechtlichen Verfahrensweise der ZJ, auch in den Rechtsvereinbarungen des mosaischen Gesetzes zu finden ist. Wie auch immer, Eisegese charakterisiert sich noch durch ein weiteres Merkmal: Man pickt sich einfach die Rosinen heraus, oder einfacher gesagt: man reißt die Textstellen aus dem Zusammenhang und verwendet nur die, die zu passen scheinen.

Und das geschieht so: Zunächst löst der Sklave Mat 18:15-17 aus dem Kontext heraus, so dass man denselben nicht mehr zum Verständnis der Worte Jesu heranziehen kann, sondern auf die Auslegungen der Veröffentlichungen angewiesen ist. Es ist, als ob sie nach einem bestimmten Muster vorgehen, um dieses Resultat für sich zu erhalten:

Die Herde Gottes soll sich uns gegenüber verantwortlich fühlen. Ihre Sünden sollen sie vor denen bekennen, die wir dazu bestimmt haben. Sie sollen wegen Vergebung zu uns kommen und glauben, Gott würde ihnen nicht vergeben, wenn wir hierbei nicht involviert sind. Sie sollen unsere Macht fürchten und sich unterordnen. Wir wollen jeden Aspekt ihres Lebens kontrollieren. Wir sagen, dass die Reinheit der Versammlung oberste Priorität hat, weil nur so unsere absolute Herrschaft gesichert ist. Sollten einige Kleine dabei auf der Strecke bleiben, so dient es einem guten Zweck.

Leider bietet Mat 18:15-17 keine Grundlage für derlei Machtstreben, also müssen sie die Wichtigkeit dieser Schriftstelle herunterspielen. Deshalb nehmen sie diese künstliche Unterscheidung zwischen “persönlichen” und “schweren Sünden” vor. Und deshalb müssen sie die klare Anweisung aus Mat 18:17 weg von der Versammlung, auf ein ausgewähltes Dreier – Komitee von Ältesten verlagern, so dass man diesen gegenüber verantwortlich ist und nicht mehr allen Gemeindemitgliedern.

Einen Höhepunkt erreicht die Rosinenpickerei, wenn sie Schriftstellen wie 3Mo 5:1; 20:10-13; 4Mo 5:30; 35:12; 5Mo 17:9; 19:16-19; Spr 29:24 bemühen, um ihr erwähltes Rechtssystem durch das mosaische Gesetzes zu begründen, mit dem Hinweis, dieses müsse nun auch auf das Christentum angewendet werden.

Selbstverständlich können sie nicht alles aus dem Gesetz gebrauchen, denn sonst würde offenbar, dass sie ihre Rechtsverfahren einer öffentlicher Untersuchung aussetzen müssten, getreu dem Muster, das damals in Israel praktiziert wurde, als Rechtsangelegenheiten im Stadttor in aller Öffentlichkeit unter voller Beobachtung der Bürgerschaft verhandelt wurden. Hinzuzufügen sei, dass die älteren Männer, die solche Fälle beurteilten, nicht von der Priesterschaft eingesetzt waren, sondern ihre Befugnis zu richten von der örtlichen Bevölkerung erhielten, die sie einfach als weise Männer anerkannte. Diese Männer standen im Dialog mit dem Publikum.

Wären ihre Rechtsentscheidungen von Vorurteilen oder anderen Umständen beeinflusst gewesen, so hätte sich dieses Fehlverhalten für die Beobachter des Verfahrens als offenkundig erwiesen. (5Mo 16:18; 21:18-20; 22:15; 25:7; 2Sa 19:8; 1Kö 22:10; Jer 38:7)

Um hiervon abzulenken, sucht sich der Sklave passenden Verse, die seine Autorität stützen sollen, heraus und schiebt die “unbequemen” beiseite. Basierend auf dem “Ergebnis” dieser Eisegese finden alle Komiteeverhandlungen geheim statt. Es sind weder Beobachter, Tonaufnahmen oder Verhandlungsprotokolle, die bei Gerichtsverhandlungen innerhalb der zivilisierten Welt üblich sind, zugelassen. Es gibt somit keine Möglichkeit, Entscheidungen eines Komitees zu überprüfen, da diese immer schön im Verborgenen bleiben.

Wie kann so ein System Gerechtigkeit für alle gewährleisten? Wo gibt es nur einen biblischen Beleg für diese Vorgehensweise? Etwas später werden wir Beweise für das wirkliche Wesen eines Rechtsverfahrens, im Sinne des Herrn betrachten, aber lasst uns zurückkehren zu dem, was Jesus dabei tatsächlich im Sinn hatte.

Der Zweck des christlichen Rechtsprozesses

Bevor wir das “Wie” untersuchen, wollen wir uns mit dem wichtigeren “Warum” beschäftigen. Was ist das Ziel dieser neuen Verfahrensweise? Nun, das Ziel ist in jedem Fall nicht, die Reinerhaltung der Versammlung. Wenn es das wäre, dann hätte Jesus das sicher erwähnt, stattdessen spricht er im gesamten Kapitel von Vergebung und Fürsorge für die “Kleinen”. Im Gleichnis von den 99 Schafen, die der Hirte zurückgelassen hat, um das eine Verlorene zu suchen, macht er ganz deutlich, wie weit wir in unserer Fürsorge gehen sollten. Jesus schließt das Kapitel mit einer Veranschaulichung über die Notwendigkeit von Barmherzigkeit und Vergebung. All dies, nachdem er betont hatte, dass der Verlust auch nur eines “Kleinen” nicht hinnehmbar ist und “Wehe” dem Menschen, der ihn zum Straucheln bringt.

Mit diesem Wissen, sollte es uns nicht überraschen, dass der Sinn des christlichen Rechtsprozesses, darin besteht, wirklich alles zu unternehmen, um dem Verirrten zu helfen und ihn zu retten.

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Petrus111

Liebe Freunde, das “Rechtskomitee” ist eine Erfindung von JZ. Allein der Umstand, dass die Verfahrensvorschriften des Religionsrechts in einem fast 200 Seiten starken Buch zusammengefasst sind, das nur Ältesten zugänglich ist, spricht schon für sich. Allerdings ist es so, dass hinsichtlich des “Ausschlussverfahrens” an vielen Stellen die Anweisung gegeben wird: “… wenn dies oder das im Raum steht: Nichts weiter veranlassen – in Selters anrufen und nach Anweisungen fragen.” Das heißt: wesentliche Teile dessen, was die “Rechtsprechung” ausmacht, sind noch geheimer als geheim – und auch für Älteste nicht transparent. Kurioserweise liegt aber die Verantwortung hinsichtlich des Verfahrens dennoch immer… Weiterlesen »

Matthäus

Ein anderes Beispiel dafür wie JW.org eine biblische Anweisung für ihre Zwecke missbraucht. Wahrscheinlich hat schon jeder einmal eine “öffentliche Zurechtweisung” in der ZK mit erlebt, doch gibt es eine solche Anweisung in GW? Hier das Zitat von Paulus an Timotheus – man beachte die Überschrift – JW.org macht daraus eine öffentliche Demütigung eines Sünders. 1. Tim. 5: Die Leiter der Gemeinde (aus der HfA) 17 Alle, die der Gemeinde als Leiter verantwortungsvoll dienen, sollen nicht nur gut versorgt, sondern auch hoch geachtet werden; vor allem, wenn sie Gottes Botschaft verkünden und die Gemeinde im Glauben unterweisen. ….19 Nimm eine… Weiterlesen »

Jesus-Maria

Ein sehr guter Artikel, bei dem ich sicherlich in Zukunft zurückgreifen werde!

Danke

Edelmuth

Bekennst du deine Sünden? Jedem Zeuge Jehovas sind die Worte aus Jakobus 5:14-16 gut bekannt. (Jakobus 5:14-16) . . .Ist jemand unter euch krank? Er rufe die älteren Männer der Versammlung zu [sich], und sie mögen über ihm beten und [ihn] im Namen Jehovas mit Öl einreiben. 15 Und das Gebet des Glaubens wird dem sich nicht wohl Fühlenden zum Heil sein, und Jehova wird ihn aufrichten. Und wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben werden. 16 Bekennt also einander offen eure Sünden, und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet. . . Diese Schriftstelle wird vom Sklaven zum Anlass… Weiterlesen »

Täter des Wortes

Heute ist 1. Montag im Monat 🙂 . Seid ihr auch schon freudig gespannt auf das neue JW Broadcasting ?

Mowani

Hervorragend! Die Verbindung der Verse 7-10 und 15-17 habe ich noch nie gesehen. Jetzt ergibt es Sinn. Wie erfrischend das sein könnte.
Ich bin auch auf Teil 2 gespannt.

Neuer

Der Artikel stellt sehr schön und datailliert richtig. Und zeigt in gewissem Maß auf, wie die Zeugen Jehovas nicht nur einzelne biblische Passagen, sondern die christliche Lehre und Botschaft auf den Kopf stellen und in sein Gegenteil verkehren. Die Mühe die sich der Autor damt gemacht hat ist sicherlich Nachahmumg der Anstrengungen die unser himmlischer Vater unternimmt um auch nur ein einzelnes Schaf zu retten. Anders ist der Versuch, der Massenproduktion von geistigem Giftmüll der WTG entgegenzuwirken socherlich nicht zu verstehen. Interressant ist ja schließlich auch, dass Jesus Christus in seinem Gleichnis deutlich macht, dass er es für vertretbar und… Weiterlesen »

Edelmuth

Guten Abend Eine Behauptung des Sklaven lautet: » Jehova hat seine Gläubigen stets durch eine Leitende Körperschaft geleitet. « Als Grundlage dient dem Sklaven der Jerusalemer Beschluss, der aber bei genauer Untersuchung lediglich als Speisegebot gewertet werden kann. Seine Gläubigen durch eine Leitende Körperschaft zu leiten würde den Heiligen Geist überflüssig machen, denn die Leitung sollte durch die LK erfolgen. Im Gegenteil, der Heilige Geist kann dann nur noch störend wirken, wenn er einen anderen Gedanken als die LK lehrt. Jesus als der (Ver-)Mittler nicht nur des Lebens sondern auch des Verständnisses wäre überflüssig, denn die LK hätte diese Rolle… Weiterlesen »

Täter des Wortes

Hallo; habt ihr gestern Broadcast gesehen ? Was hat euch am meisten beeindruckt ? War es der Blinde und Taube, der Ältester wurde und in Gebärden Vorträge hält ? War es der Bruder der die Geschichte von seinem hingerichteten Vater erzählte ? Oder war es das schöne Musikvideo ? Ich fand den Einblick in das Hiob Drama der Neuzeit sehr bewegend und kann den Sommerkongress kaum abwarten um das volle Video zu sehen. Wir können heute sehr schnell wie Hiob schlimme Dinge erleben. Arbeitslosigkeit, Krankheit, Tod… das alles macht natürlich nicht vor Gottes Volk halt. Es ist dann wichtig so… Weiterlesen »

Haraschmi

Hallo zusammen,

hat jemand von Euch Erfahrungen, wie das bei den ZJ gehandhabt wird, wenn man als ZJ bei einem kirchlichen Träger im Krankenhaus angestellt ist, bzw. wenn das KH der Träger wechselt?

Danke schon mal für die Mühe.

Gruß

Haraschmi