“Siehst du diese Frau?”

“Siehst du diese Frau?” von Bruder HGM, (Quelle: www.gutenachrichten.org)

Als Jesus einst bei einem Essen im Hause eines Pharisäers zu Gast war, ließ er sich von einer Frau mit zweifelhaftem Ruf die Füße waschen. Sein Gastgeber entsetzte sich. Doch Jesus hatte ihm – und uns – etwas zu sagen.

 Wer der Aufforderung Jesu “Folgt mir nach!” gehorchen möchte, muss lernen die Menschen so zu sehen, wie Jesus Christus sie sah – nicht nur mit den physischen Augen, sondern besonders mit den Augen unseres Herzens.

Wie oft kommt es vor, dass wir jemanden nach seinem äußeren Erscheinungsbild beurteilen, ohne zu wissen, was sich wirklich in seinem Herzen abspielt? Christus wusste, dass wir Menschen oft zu falschen Urteilen neigen, die auf dem Äußeren beruhen und darauf, was die Menschen über eine Person sagen. Als er einmal in Kapernaum als Gast an einem Essen teilnahm, erteilte er seinem Gastgeber diesbezüglich – und auch uns – eine wichtige Lektion.

Das Essen des Gastgebers wird unterbrochen

Sünderin.001Lukas 7:36 berichtet darüber, wie der Pharisäer Simon Jesus zu sich nach Hause zu einem Essen einlud. – Nach den Versen 33-34 ging Jesus der Ruf voraus, dass er gern mit Sündern und Zöllnern aß, was für manche ein Widerspruch zu seinem sonstigen Verhalten zu sein schien. Jesus von Nazareth war kein “durchschnittlicher Rabbiner”.

Damals war es üblich, dass man einen Rabbiner zu einem Hausbesuch einlud. Oft gesellten sich dann diejenigen dazu, die dem Lehrer gerade zugehört hatten. Die Bibel nennt uns keinen Grund für seine Einladung. Vielleicht aber lud Simon Jesus ein, weil er wissen wollte, wer er wirklich war.

Der Bericht lässt erkennen, dass Simon seinem Gast Jesus nicht mit der gebotenen Höflichkeit begegnete, was möglicherweise an seiner negativen Voreingenommenheit ihm gegenüber lag.

In dieser Tafelrunde aßen und unterhielten sich Simon, Jesus und die anderen Gäste, wie es damals üblich war. Mitten im Essen hielten sie inne, und die Unterhaltung stockte, als plötzlich eine weibliche Person eintrat, die anscheinend keine Einladung erhalten hatte. Sie war eine Sünderin, und in modernen Übersetzungen wird sie als Prostituierte identifiziert. Lukas 7:37 GN

Wir können uns die Reaktion der Gäste auf diesen Eindringling vorstellen: Was glaubte denn diese Person, wer sie sei? Diese Frau nahm jedoch von der Gesellschaft nicht weiter Notiz, sondern interessierte sich nur für eine Person: Jesus von Nazareth. In diesen wenigen Augenblicken erfüllte sie nur der eine Gedanke seine Gegenwart zu suchen.

 Eine schockierende Handlung

Nun starrten sie alle unverwandt auf diese Frau, und man fragte sich, was sie wohl vorhaben mochte. Sie hielt eine kleine Alabasterflasche in der Hand, das konnte jeder sehen. Damit kniete sie vor Jesus nieder und fing an zu weinen, wobei ihre Tränen auf seine Füße fielen.

Dann tat sie etwas, was für eine ehrbare erwachsene Frau in der jüdischen Kultur jener Zeit undenkbar war. Mit ihren Haaren fing sie an Jesus die Füße zu trocknen und dann küsste sie auch noch seine Füße – sozusagen als hautnaher Ausdruck ihrer Ehrerbietung. Danach rieb sie seine Füße auch noch mit dem wohlriechenden Salböl aus ihrer Alabasterflasche ein. Unerhört, ja geradezu peinlich muss das vor allem Simon, dem Gastgeber, gewesen sein. Zum besseren Verständnis des Berichtes nach Lukas bedenken wir bitte, dass man damals mit ausgestreckten Beinen auf niederen gepolsterten Bänken zu Tisch lag.

 Lukas beschreibt das Geschehen im Kapitel 7:36-38 wie folgt:

 “Ein Pharisäer hatte Jesus zum Essen eingeladen. Jesus ging in sein Haus und legte sich zu Tisch. 37 In derselben Stadt lebte eine Frau, die als Prostituierte bekannt war. Als sie hörte, dass Jesus bei dem Pharisäer eingeladen war, kam sie mit einem Fläschchen voll kostbarem Salböl. 38 Weinend trat sie an das Fußende des Polsters, auf dem Jesus lag, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Mit ihren Haaren trocknete sie ihm die Füße ab, bedeckte sie mit Küssen und salbte sie mit dem Öl.” GN

 Für die Sünderin spielte es keine Rolle, dass man wusste, wer sie war. Es ist anzunehmen, dass sie Jesus vom Hörensagen als den verheißenen Messias und Erlöser der Menschheit anerkannte und bei sich beschlossen hatte, sich vor ihm bei nächster Gelegenheit zu demütigen, ohne sich dabei von ihrem Vorhaben irgendwie abbringen zu lassen.

Doch Jesu Gastgeber, Simon der Pharisäer, entsetzte sich. Wie konnte sich diese Frau, deren sündhaftes Verhalten sie unnahbar machte, die Kühnheit anmaßen, sein Gastmahl so empfindlich zu stören und seine Gäste durch ihre Gegenwart vor den Kopf zu stoßen?

Wie all jene, die sich für besonders gerecht halten, hatte Simon seine eigenen Vorstellungen darüber, wie sich ein wahrer Diener Gottes zu verhalten hatte. Demnach hätte sich Jesus nicht von der Frau berühren lassen dürfen: “Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.” Lukas 7:39

Seine Bemerkung ließ erkennen, dass er Jesus nicht als den Sohn Gottes akzeptierte. Diese kritische Haltung des Unglaubens war typisch für die stolzen Pharisäer der damaligen Zeit im Allgemeinen, denn die Bezeichnung Pharisäer bedeutete “die Abgesonderten”, abgesondert vom gemeinen Volk, dessen Verhalten nicht dem Gesetz Mose entsprach.

 Eine vergleichbare Einstellung kann man auch bei Jehovas Zeugen im Allgemeinen, gerade bei den Ältesten in den Versammlungen besonders ausgeprägt beobachten. Jehovas Zeugen betrachten sich ebenfalls als aus der übrigen Menschheit herausgehoben und von ihr abgesondert, als die Einzigen, die die Gebote Gottes ernst nehmen und umsetzen, um so einen Zugang zu Gott zu finden. Sie sind zwar der Ansicht, sie würden durch ihren “Predigtdienst” zeigen, dass sie die Menschen lieben, aber sie vermeiden jeden näheren Kontakt zu den “Weltmenschen” im Gegensatz zu Jesus Christus, der offen und ohne Vorurteile auf die Menschen zuging.

 Diese Überheblichkeit zeigt sich leider bei vielen Ältesten in ihrer Eigenschaft als Hirten der Versammlung. Aus ihrem Umgang mit “Sündern”, die vor einem so genannten Rechtskomitee erscheinen müssen, tritt diese hochmütige Einstellung ganz besonders deutlich hervor.

Welche Absicht verfolgt man denn bei einer solchen “Komiteeverhandlung”? Zeigt man für die Probleme eines unglücklich Gestrauchelten Verständnis, will man gütig helfen oder nur tadeln, gnädig vergeben oder hart bestrafen?

Vordergründig beteuert man, nur beste Absichten zu haben und erklärt, man wolle dem Sünder nur dabei helfen mit Gott wieder ins Reine zu kommen.

Da erhebt sich schon die Frage, wie diese Männer, die selbst darauf angewiesen sind durch das Opfer Jesu mit Gott ins “Reine zu kommen”, einem Sünder helfen könnten dieses Ziel zu erreichen. Nun kann man diese Männer, die in aller Regel wirklich wohlgesonnen sind, wegen ihrer Vorgehensweise nicht einfach verurteilen. Denn sie sind alle gehalten, nach den Anweisungen ihres schriftlichen Leitfadens vorzugehen, der den Titel trägt “Hütet die Herde Gottes”, kurz auch “Hütebuch” genannt.

In diesem “Hütebuch” für Älteste geht es in erster Linie darum, in welchen Situationen sie in einem Rechtskomitee zusammenkommen sollten, um zurechtzuweisen, zu bestrafen oder jemanden von sogenannten Dienstvorrechten zu entbinden mit dem Ziel, jemanden wieder auf Kurs zu bringen. Dem Sünder wird vermittelt: Du musst dich jetzt schon anstrengen, kämpfen und dein Äußerstes geben, wenn du wieder als achtbares und wertvolles Glied der Versammlung gelten möchtest.

Dazu gibt es ein hoch differenziertes, umfangreiches Regelwerk, ein einziger Talmud mit Hunderten von Anweisungen. Das Kapitel “Schwachen beistehen” beansprucht in diesem Buch ganze 9 Seiten. Für die Bildung eines Rechtskomitees und all die zahlreichen Schattierungen einer Beurteilung und der vorgeschriebenen Strafmaßnahmen, wie Ausgeschlossene behandelt werden dürfen, hat man aber mit rund 80 Seiten mehr als die Hälfte des Buchumfanges aufgewendet. Daraus ist zu ersehen, dass es der leitenden Körperschaft ungleich wichtiger ist, den Sünder zurechtzuweisen, zu überführen und in “Zucht” zu nehmen als ihn aufzuerbauen und ihn zu trösten.

Wie anders war doch Jesus gegenüber Sündern eingestellt. Er kannte ja die Mentalität der Pharisäer, und so wandte er sich an seinen Gastgeber, indem er ihn mit Namen ansprach:
“Simon, ich habe dir etwas zu sagen.” Lukas 7:40

Jesus redet mit der Autorität des Herrn und Lehrers, der er ja auch war. So kann man sich vorstellen, wie Simon und seine Gäste reagiert haben mussten, als Jesus seinen Blick auf ihn richtete, um ihm etwas zu sagen. Jesus war dabei ihm eine wichtige Lektion zu erteilen und benutzte hierfür das Beispiel von zwei Schuldnern mit ihren unterschiedlich großen Schulden:

“Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?” Luk. 7:41-42

Simon antwortete, wie wohl jeder vernünftige Mensch geantwortet hätte:
“Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat.”
Das war die Antwort, die Jesus erwartet hatte, und er antwortete:
“Du hast recht geurteilt.” Vers 43

 Was an Jesu Gleichnis jedermann einleuchtete, konnte Simon aber nicht auf die für ihn gerade sehr unangenehme Situation mit der Frau übertragen, die Jesus die Füße gewaschen hatte. Und auch uns als Zeugen Jehovas fällt es schwer hier einen Bezug zu erkennen. Deshalb hakte Jesus nach und fragte: “Siehst du diese Frau?”

Jesus stellte Simons Haltung der Haltung der Frau gegenüber. Als Gastgeber hatte Simon Jesus sogar die damals übliche Höflichkeit versagt, die man jedem Gast erwiesen hätte, der auf den staubigen Straßen Galiläas unterwegs war. Simon muss sich mit seiner abschätzigen Haltung ertappt gefühlt haben, als ihn sein Gast mit diesen Worten aus Luk. 7:44-46 ins Gebet nahm:

“Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.”

Simon war beschämt, denn als aufmerksamer Gastgeber wäre er gehalten gewesen zu tun, was nun die Frau an seiner Stelle getan hatte, und Jesus sagte zu Simon: “Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.” Vers 47

Der Sünderin sagte Jesus: “Dir sind deine Sünden vergeben.” Vers 48

Simon und seine Gäste wunderten sich über Jesu Feststellung gegenüber der Frau:
“Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt?” Vers 49 – Diese Worte mussten sie wohl völlig verstört haben.

Auf ihre Frage gab es nur eine mögliche Erklärung, die man entweder nur akzeptieren oder aber ablehnen konnte: Jesus war Gottes Sohn in Menschengestalt. Er war der vorhergesagte Immanuel, dessen Name “Gott mit uns” bedeutet – Matthäus 1:23.

Zum Schluss sagte Jesus der Frau“Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!” Luk. 7:50

 Wir dürfen davon ausgehen, dass sich diese Lektion in Simons Gedächtnis unauslöschlich eingegraben hatte, den Jesus lehrte sie wie einer, der Macht hat und nicht wie ihre Schriftgehrten. Mat. 7:29

 Ein verwandter Gedanke aus Röm. 13:8 rundet diese Lektion ab, wenn Paulus dort schreibt:

“Bleibt niemand etwas schuldig – außer der Schuld, die ihr niemals abtragen könnt: der Liebe, die ihr einander erweisen sollt. Wer den Mitmenschen liebt, hat alles getan, was das Gesetz fordert.” GN

 Liebe Älteste eines Rechtskomitees, wenn Christus einem Sünder so einfach und ohne großes Aufheben vergeben konnte, dann sollte man von besonders von eurer Seite mehr Milde und ein zugewandtes Verständnis für die Probleme eurer Schützlinge erwarten dürfen. Die eigentliche Sündenvergebung war durch Jesu Opfertod ja bereits zustande gekommen, sodass ihr euch darum ja nicht mehr zu kümmern braucht.

Wenn schon Jesus als der vollkommene Sohn Gottes sich nicht dazu hergab, inquisitorisch im Leben der Sünderin nachzuforschen, was sie im Einzelnen alles getan hatte und ob sie auch wirkliche Reue zeigen würde, wie viel weniger seid ihr dann berechtigt oder in der Lage dazu so vorzugehen?

Es reicht offensichtlich völlig aus, wenn ein Sünder sich bewusst macht, dass er auf das Opfer Jesu angewiesen ist und ohne Wenn und Aber daran glaubt, dass es seine Sünden tilgt. Das würde sicher auch an seiner Haltung zu erkennen sein.

Rufen wir uns kurz ins Gedächtnis zurück, was Simon und seine Gäste gesehen hatten: Jesus betrat das Haus. Er aß mit den Gästen und beteiligte sich an der Unterhaltung. Die als Sünderin bekannte Frau trocknete Jesu Füße mit ihren Haaren. Simon zeigte darüber sein Missfallen. Sicher zeigte sich auf dem Gesicht der Frau Dankbarkeit, als Jesus ihr sagte, dass ihre Sünden vergeben waren. Ihr aufrichtiges beherztes Auftreten wurde über Erwarten belohnt.

 Wie schätzen wir uns als Zeugen Jehovas selbst ein?

Was will Jesus uns mit dieser Begebenheit denn zeigen? Er will uns begreiflich machen, dass wir uns selbst nur dann in realistischer Weise erkennen können, wenn wir das von Sünden erlösende Werk unseres himmlischen Vaters voll erfassen und bejahen, das er durch seinen Sohn verwirklicht hat.
In den Sprüchen Salomos lesen wir: “Manchem scheint ein Weg recht; aber zuletzt bringt er ihn zum Tode.” Spr. 14:12; 16:25. Es ist einfach nur tragisch, wenn sich Menschen auf dem richtigen Weg wähnen und davon überzeugt sind, den Willen Gottes zu verstehen und zu tun, wo doch in Wirklichkeit das krasse Gegenteil zutrifft.
Unsere menschliche Natur sträubt sich bisweilen dagegen, die nüchterne Feststellung des Apostels Paulus in unserem eigenen Fall wahrhaben zu wollen, wenn er über seinen erfolglosen Kampf gegen seine eigenen Verfehlungen schreibt:

“Ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt.
Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.” Röm. 7:18

 Das konnte Paulus mit Gottes Hilfe nach seiner Bekehrung vom Pharisäertum erkennen, der aktive Pharisäer Simon hingegen konnte es nicht. Es kann also durchaus sein, dass wir als Zeugen Jehovas wegen unserer trügerischen Selbsteinschätzung und unserer verkehrten Sicht auf andere das Bild vermitteln, als ob Gottes Sohn für alle anderen Menschen gestorben sei, nur nicht für uns selbst.

 Wir werden Gottes Freunde, wenn wir uns anstrengen das Richtige zu tun, so lautet die immer wiederkehrende Belehrung des Sklaven. Nun ist es sicherlich nicht verkehrt angestrengt an sich zu arbeiten, um dem christlichen Maßstab zu entsprechen. Doch sind unsere Anstrengungen, die wir ausschließlich im Hinblick darauf leisten, von Gott anerkannt zu werden, zum Scheitern verurteilt. Zeugen Jehovas verwerfen diese Erkenntnis jedoch, weil sie immer noch einer Vervollkommnung durch eigene Taten nachjagen.

 Wenn wir daher denken, nur aufgrund unserer eigenen Leistungen vor Gott einen gerechteren Stand einnehmen zu können als andere, und das Opfer Jesu nur als letzten Notanker betrachten, dann ähneln wir diesem Simon. Hier werden eifrige Zeugen einwenden, “ja ich glaube doch auch, dass ich die Erlössung durch Christus brauche.” Ja, das glaubst du aber nur in dem Maße, wie du annimmst, deine eigenen Anstrengungen und deine eigenen Taten könnten eventuell nicht ausreichen, um Gott annehmbar zu sein. Dann erst kommt in deinen Überlegungen das Opfer Jesu gleichsam wie ein letzter “Rettungsanker” zum Tragen, um schließlich doch noch “die erforderliche Punktezahl” für die Errettung zu erreichen. Diese Denkweise ist doch allzu irdisch menschlich, und sie hat mit der tatsächlichen Sündenvergebung durch Jesu Tod nichts zu tun.

 Gott sandte seinen Sohn doch einzig zu dem Zweck in die Welt, nicht etwa um gute Menschen besser zu machen, sondern damit geistlich Tote Jesus nachfolgen, an sein Sünden sühnendes Opfer glauben und zum Licht kommen sollten. Auf diese Weise sollten sie vor dem ewigen Tod bewahrt werden:

 “Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.

Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. Joh. 3:16-17 und Röm. 6:23

 Die Sünderin, die Jesus die Füße wusch, wusste ja genau, dass sie eine verachtete Prostituierte war, auf die man herabblickte. Sie wusste, dass es ihr an der Vergebung für ihre Sünden fehlte, und sie drückte ihre Dankbarkeit gegenüber Jesus so aufrichtig und von Herzen kommend aus, wie sie es nur konnte. Das Herz von Simon dem Pharisäer hingegen war verschlossen. Er schätzte die Sünderin falsch ein und sich selbst!

Jesus kam, um die Sünder zu rufen

Dem Evangelisten Lukas war das Thema Sündenvergebung offenbar sehr wichtig. Zusätzlich zum Beispiel der Sünderin hielt er in Kapitel 15 auch Jesu Gleichnisse fest, die Gottes Freude über den reumütigen Sünder beschreiben. Gehen wir dazu ein wenig näher auf die bekannte Begebenheit mit dem “verlorenen Sohn” ab Vers 11 ein:

 Der jüngere von zwei Söhnen ließ sich von seinem Vater seinen Anteil an der Erbschaft auszahlen und verließ die Hausgemeinschaft. Als er in der Fremde seinen Besitz vollständig verjubelt und mit Prostituierten durchgebracht hatte, wurde die ganze Gegend von einer Hungersnot heimgesucht. Da kam ihm das einstige Wohlergehen im Hause seines Vaters schmerzlich in den Sinn. Der Hunger, die Einsicht in seine Fehler und Reue über sein Vergehen vor Gott und seinem Vater ließen ihn endlich wieder den schweren Weg zurück nach Hause antreten. Schuldbeladen trat er dem Vater schließlich unter die Augen, als dieser seiner Freude mit den Worten nach Luk. 15:24 Ausdruck gab:

24 “‘Mein Sohn hier war tot, jetzt lebt er wieder. Er war verloren, jetzt ist er wiedergefunden.’ Und sie begannen zu feiern.” GN

Übertragen wir diese Situation einmal auf die übliche Vorgehensweise der Ältesten bei einer vergleichbaren Situation in der Versammlung heute: Jemand kehrt seiner Versammlung den Rücken und gibt alles, was er hat, bei Spielern und Prostituierten aus und wird dann noch vom Hunger heimgesucht. – Längst hätte sich ein Komitee gebildet und den undankbaren Kerl “als Bösen aus ihrer Mitte” ausgeschlossen.

In seiner Not entschließt sich der Gestrauchelte endlich reumütig zur Umkehr. Doch zu Hause angekommen, weichen ihm alle aus und niemand schließt ihn freudig in die Arme. Auf der Straße begegnet er seinen Brüdern, aber die kehren sich von ihm ab und wechseln auf die andere Straßenseite. Er besucht die Zusammenkunft, aber niemand redet mit ihm, keiner gibt ihm die Hand. Selbst sein Vater benimmt sich seltsam und wendet sich von ihm ab, so als ob er eine unerwünschte fremde Person sei, mit der man nichts zu schaffen haben will.

Hier im Gleichnis Jesu ein freudiger Empfang und ein gemeinsames Wiedersehensfest, da jedoch offene Feindschaft und strikte Ablehnung. Größer könnte die Diskrepanz unseres Verhaltens gegenüber einem Ausgeschlossenen im Vergleich zum Verhalten Jesu nicht sein.
Wo bleibt die Güte, wo die Bereitschaft zur Versöhnung, ohne dass man im Fehlverhalten des Gestrauchelten erst noch groß herumstochern müsste? – Ja, warum ist Jesus unter anderem wohl auf die Erde gekommen?

Lassen wir Jesus in Lukas 19, im Vers 10 selbst antworten: “Der Menschensohn [Jesus] ist gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten.”

Behalten wir bitte diesen lebenswichtigen Gedanken aus Jakobus 2:13 im Sinn, bevor wir andere in unserem Herzen negativ beurteilen: “Wer selbst kein Erbarmen gehabt hat, über den wird auch Gott erbarmungslos Gericht halten. Wenn aber jemand barmherzig war, dann gilt: Das Erbarmen triumphiert über das Gericht.”

 Wann endlich werden sich auch die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas und die Ältesten, die gehalten sind, im Geist der Milde und der Eigenverantwortung zu handeln, von Jesu Vorbild leiten lassen? Ohne Vorurteile lädt er alle mit seinen Worten ein: “Komm folge MIR nach!”

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