Scharlatane – Anatomie einer Verführung – Teil 2 –

(Wenn ich den Ursachen der Verführung auf den Grund gehen möchte, dann muss ich mein eigenes Mitwirken daran eingestehen. Manche Betroffene sehen sich als reine Opfer. Wer sich als reines Opfer fühlt, schiebt seine Verantwortung beiseite, er sucht die Schuld seines Versagens bei anderen. Er wird wenig dazulernen.)

Nach Rutherford hat sich ein System entwickelt, das dem der Pharisäer in nichts nachsteht.  Denn der „Richter“ hatte Menschen um sich gesammelt, die von vorauseilendem Gehorsam und Dienstbeflissenheit überliefen.  Sie haben dem „Richter“ zur Hand gearbeitet. Sie haben bis heute einen Gesetzeskodex entwickelt, der das Leben von acht Millionen Menschen bis in kleine Einzelheiten beherrscht. Sie haben durch spitzfindige und logisch wirkende Argumente eine Art Zwangsjacke für jeden gefertigt, der sich ihnen anschließt.

Durch Schläue und Durchtriebenheit, durch Heuchelei und Doppelzüngigkeit haben sie gewirkt, und nicht so sehr mit Liebe, Vertrauen, Anständigkeit, Glauben und Gottesfurcht. Sie haben gut geredet, aber oft genug entgegengesetzt gehandelt. Sie haben zweierlei Maß: Eines für sich und das andere für ihre folgsamen Schäfchen.  Sie zeigten manchmal überhimmlische Gedanken neben unterweltlichen Sitten.  

Sie haben immer noch Erfolg!

Nach den Präsidenten kam die Leitende Körperschaft. Ich sehe vor mir die leuchtenden Augen, wenn Zeugen Jehovas im Königreichssaal sitzen und eine Vorführung von JW. Broadcast verfolgen. Sie fühlen sich geehrt, dass ein Vorstandsmitglied zu ihnen spricht.  Und es scheint nicht so sehr darauf anzukommen, was gesagt und gezeigt wird. Man hat sich jede Kritik versagt, denn alles das kommt ja von oben (damit will man sagen: von Gott).

Natürlich gibt es immer mehr kritische Stimmen im privaten Bereich. Aber so richtig offen und ehrlich will man nicht sein, weil man sich fürchtet. Durch die Dauerpropaganda  ist der Mut zur Wahrheit und zum eigenen Entscheiden unterdrückt worden; man hat das Gewissen manipuliert. Der Vorstand duldet keine Kritik!  Er hat die höchste Meinung von sich selbst! Er redet anstelle Gottes, auch wenn es Dinge sind, die nicht in der Bibel stehen! 

Menschenfurcht  kommt den Betrügern entgegen.

Und auch ich gehörte einmal zu diesen Menschen, die aus Unkenntnis und Naivität auf sie gehört haben! Mir waren viele Dinge unbekannt, aber trotzdem regte sich von Zeit zu Zeit mein Gewissen. Deshalb kann ich feststellen: Ich habe die Grundlagen meines Glaubens bewahrt. Aber ich hatte nicht den Mut, früher dagegen aufzustehen und zu sagen, dass Böses immer böse und Gutes immer gut bleibt (Jes. 5:20). Menschenfurcht hielt mich gefangen. Und ich stelle fest, dass es vielen anderen auch so ging.

Ich färbte alles schön.

Ich habe es den Scharlatanen in gewisser Hinsicht leicht gemacht, mich hinters Licht zu führen. Als ich mich den Zeugen Jehovas anschloss, traf ich auf viele, denen ich ihre Anständigkeit, ihren guten Willen und ihre Aufrichtigkeit abnahm; sie hatten mich überzeugt, weil sie sich christlich verhielten. Das übertrug ich auf alle, auch auf die „Leitende Körperschaft“. Ich sah alles im idealisierenden Licht, ich färbte mir alles schön. Natürlich fielen mir auch Ungereimtheiten auf, aber ich verdrängte diese mit dem Hinweis darauf, dass es eben Menschen seien. Ich habe zu vieles entschuldigt, weil ich meine kleine Welt heil erhalten wollte. Ich hatte also ein Problem mit der inneren Wahrhaftigkeit (Ps. 40:10).

Frühe Erziehung zum Heucheln

Ich denke an meine Erziehung. Von früh auf wurden wir dazu erzogen, auf die Ansichten anderer Menschen Rücksicht zu nehmen. „So etwas tut man nicht! Was sollen die Leute von uns denken!“, so wurden wir erzogen und daran gewöhnt, auf die Meinung und die Reaktion anderer Menschen Rücksicht zu nehmen. Wir wurden dazu erzogen, unser Verhalten nach den Normen einer Masse auszurichten. Und es ist ja nichts gegen Rücksichtnahme einzuwenden, solange es nicht dazu führt, das eigene Gewissen zu überhören. Aber diese feine Grenze wurde selten beachtet. Die eigene Ehre, die Ehre der Familie oder die Ehre einer Gemeinschaft, der wir angehörten, hatten immer größeres Gewicht als die Stimme des eigenen Gewissens. Wir wurden zur Gedankenlosigkeit und auch zur Gewissenlosigkeit erzogen, wenn es um die Reputation ging!

Meine Furcht vor der Ächtung

Diese Tatsache ist ausgenützt und durch Angstmache verstärkt worden, denn früh lernte ich, was ein Gemeinschaftsentzug bei den Zeugen Jehovas ist, was er bedeuten kann. Das wurde mir klar, als sich ein 19-jähriger selbst tötete, nachdem er wegen ausserehelichen Gechlechtsverkehrs  ausgeschlossen worden war. „Weil mir nicht zu helfen war!“, so schrieb er in seinem Abschiedsbrief. Mit der Drohung des Gemeinschaftsentzugs wurde bei allen Angst erzeugt. Ausgeschlossen wurde auch, wer anderer Meinung war als die Führung! Dadurch hat man sich erpressen lassen und aus Furcht vor dieser Konsequenz berechtigte Kritik unterdrückt; man hat sich den Mund verschließen lassen.

Durch diese Angst kann die Stimme des Gewissens ganz leise werden. Es reicht schon ein Verziehen der Lippen, ein missbilligender Blick, das Ausweichen auf die andere Straßenseite und ein unterkühlter Gruß, um uns schon bei der kleinsten Abweichung von der Massennorm zu massregeln. Einen Gemeinschaftsentzug sah man als sozialen Tod, den man selbst nie erleben wollte. Man hat sich daran gewöhnt, dass diese Furcht lebendig erhalten wird; immer wieder wird daran erinnert, wie konsequent jeder Zeuge Jehovas mit den Regeln des Gemeinschaftsentzuges umzugehen hat, wenn er deutlich zeigen will, dass er „Jehova loyal ergeben ist“. Verletzt er diese Regeln, dann wird er schlimmstenfalls ebenso geächtet wie der Ausgeschlossene.

Diese Angst kann alle vernünftigen Argumente und Regungen des Gewissens niederschlagen. Sie macht uns zu Feiglingen, denen die Ehre von Menschen viel wichtiger ist, als die Ehre von Gott. Und diese Furcht macht uns auch zu Lügnern, denn wir machen uns und anderen etwas vor, was nicht der Wahrheit entspricht und wo unser Gewissen anders urteilt.

Ich ließ mich verführen, weil ich die Ehre von Menschen liebte

Jeder Mensch braucht Anerkennung. Bei mir war der Wunsch nach Anerkennung besonders groß, denn ich war in meiner Kindheit und Jugend immer ein Außenseiter. Da traf es sich dann gut, dass man bei den Zeugen Jehovas ständig gelobt wurde. Es ging soweit, dass man es darauf anlegte, gelobt zu werden und manche gute Tat entsprang dem Wunsch nach Anerkennung. Und wenn andere mich nicht lobten, dann lobte ich mich selbst, indem ich eine Erfahrung von mir erzählte. (Eingeweihte wissen, wie das geschickt gemacht werden kann, damit es nicht nach Angeberei aussieht.)

Jedes noch so kleine „Vorrecht“ fasste ich als persönliche Ehre auf. So wurde ich eines Tages Ältester und fühlte die Blicke aller auf mich gerichtet. Plötzlich begann das „Amt“ mich zu verändern. Unter dem Druck, immer ein Vorbild sein zu müssen, wurde ich manchmal innerlich unehrlich. Manches habe ich nur getan, weil mein „Amt“ mich dazu drängte und nicht die aufrichtige Liebe. Durch das Eingespanntsein in den „Betrieb“ hatte ich kaum Zeit und Raum für das persönliche, dem Geist Gottes hingegebene Lesen der Bibel. Alles wurde mehr oberflächlich erledigt, weil mir die Zeit fehlte. Später habe ich diesen Zeitdruck dadurch gemildert, dass ich mir einfach Zeit oder besser eine Auszeit nahm, um mich zu besinnen. Das ging aber nicht immer mit einem guten Gewissen ab.

Wie ich Kritik in mir erstickte.

Wenn ich etwas bemängelte, dann bildete ich mir ein, dass es „von oben“ geändert werde. Wenn ich etwas erlebte, was ich ganz und gar als ungerecht empfand, dann sagte ich mir einfach, dass es eben „menschelt“.  Ich erinnere mich daran, oft zu mir gesagt zu haben, dass zwar nicht alles optimal sei, es aber mit der Zeit geändert werden würde, weil der Wille zum Guten schon vorhanden wäre. Ich traute den Verantwortlichen soviel Anständigkeit zu, bis ich einsehen musste, dass es Dinge gibt, die sie nicht ohne Gefahr für das Ganze ändern können!

Oder ich sah auf andere, die noch böser handelten, und ich tröstete mich mit dem Unterschied. Manchmal neigte ich aber auch dazu, den Unterschied zu vergrößern, indem ich tendenziös urteilte oder auf negative Dinge hinwies, die mit der eigentlichen Sache nichts zu tun hatten. Das war ein Hang zu Unehrlichkeit, den ich heute verabscheue.

Ich sah zu oft weg.

Eine andere Taktik des Selbstschutzes war das bewusste Wegsehen. „Das ist nicht meine Verantwortung!“, sagte ich zu mir. So billigte ich vieles, was eigentlich Gottes Wort als böse verurteilt, bis mir eines Tages deutlich wurde, dass Wegsehen und Billigen in Gottes Augen eine Sünde sein kann: „Glücklich der Mensch, der sich nicht selbst ins Gericht bringt, durch das, was er billigt.“ (Rö 14:22b)

Die Fehler der Jugend

Als ich die Zeugen Jehovas kennenlernte, beeindruckte mich ihre entschiedene Haltung zur falschen Religion. Sie waren ja früher recht deutlich. Diese Entschiedenheit resultierte aus der Überzeugung, die Bibel richtig verstanden zu haben. Ihr Auftreten erinnerte mich an die frühen Reformatoren. Das war mir symphatisch und entsprach meiner jugendlichen Unbekümmertheit; ich kam sehr absolut daher. Dadurch hatte  sich bei mir die Überzeugung verfestigt, zu einer wirklich christlichen Gemeinschaft zu gehören, die in der Wahrheit des Wortes Gottes verwurzelt war. Ein junger Mensch ist leicht zu beeinflussen und schaut gerne zu anderen Menschen auf, weil er noch keine eigene Lebenserfahrung hat. Das macht ihn anfällig für Täuschungen. 

(Heute hat die Beeinflussung von Kindern ein Maß erreicht, das früher nicht möglich war. Die WTG schämt sich nicht, alle medialen Register zu ziehen, um schon die Kinder zu manipulieren. Sie nutzt mit ihren Videobotschaften die Unerfahrenheit und die Glaubenswilligkeit der Kinder gewissenlos aus. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf sie! Das ist einfach unmoralisch, denn für die Herzens- und Glaubensbildung der Kinder sind allein die Eltern zuständig.) 

Wichtigtuerei

Ich nahm mich auch zu wichtig. Wenn man sich zu wichtig nimmt, hat man gute Gründe, den Schein zu wahren. Auch das hat  den Scharlatanen die Arbeit leichtgemacht. Durch Kritik an der Führung oder am Ganzen stellt man sich auch selbst infrage. Und einem jungen Menschen fehlt im Allgemeinen die Reife, sich selbst infrage zu stellen. Man hat ja gerade angefangen, sich eine neue Weltsicht aufzubauen und dabei sind Zweifel eher hinderlich. Da geht man lieber leichtfüßig drüber hinweg. Wer will schon zugeben, dass er auf einen falschen Zug gestiegen ist?

Ich habe mich auch selbst getäuscht

Ich muss also gestehen, dass ich mich selbst getäuscht habe, dass auch ich dasselbe tat, wie so viele andere Menschen, die verführt worden sind. Nun will ich aber nicht sagen, dass alles falsch war, was ich bei den Zeugen Jehovas gelernt und getan habe. Von meinem heutigen Standpunkt aus kann ich aber sagen, dass die „Organisation“ ein durch und durch menschliches Konstrukt ist, das deshalb immer fragwürdig ist und bleibt. Das Problem besteht darin, dass man einer „Organisation“ Qualitäten zuschreibt, die sie nicht haben kann, wenn Jesus Christus im Auftrag Gottes seine Schafe leitet, denn glauben kann man nur allein, wenn Gott es durch Jesus gestattet und ermöglicht. Sowie aber einer „Organisation“ göttliche Eigenschaften zugeschrieben werden und sie sich zum Stellvertreter aufschwingt, wird es gefährlich für die Menschen, die ihr angehören.

Wir wissen aus Erfahrung, dass unser wichtiges Regulativ, unser Gewissen, von einer „Organisation“ ausgehebelt wird. Und damit steht auch unser Glaube auf dem Spiel! (1. Tim. 1:19) Auch die Rolle Jesu, unseres Retters und Erlösers, steht auf dem Spiel! (Joh. 14:6) Und das kann weitreichende Folgen haben, denn das ewige Leben kommt durch Jesus Christus und niemals durch die Dienste einer „Organisation“. Man wird nicht in einer „Organisation“ gerettet, sondern durch seinen Glauben an Jesus Christus. 

Zweifel führten mich auf den richtigen Weg 

Als meine Zweifel an der „Organisation“ immer größer wurden, nahm ich mir vor, ganz gewissenhaft in der Bibel zu lesen. Ich wollte mich ganz bewusst dem Geist des Wortes Gottes ausliefern. In dieser Zeit habe ich angefangen mich selbst und meine Glaubenssätze infrage zu stellen. Auf dem Prüfstand der Bibel löste sich manches einfach in Luft auf: Ich fand einfach keinen Beweis für den göttlichen Ursprung einer „Organisation“! Ich fand keine Beweise für das Datum von 1914, das ja ein Grundstein in der Selbstdarstellung der „Organsisation“ ist. Es war kein Beweis vorhanden für die Behauptung, dass der „treue und verständige Sklave“ von Gott oder Jesus eingesetzt worden war. So fiel eins nach dem anderen in Trümmern, von dem ich einmal dachte, es sei fest und sicher.

Tiefe Verunsicherung

Die Folge davon war eine tiefe Verunsicherung, die von der beunruhigenden Frage begleitet war, ob ich denn alles so richig sah. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch, der teilweise im Dunkeln tappt. Wo ist oben, wo ist unten? Und dann stand lauernd im Hintergrund die Angst: Was werden meine Geschwister zu meinen Zweifeln sagen? Werden sie mich aus der Versammlung hinauswerfen? Und wie wird mein Leben danach aussehen, wenn sie das tun, was sie schon in unzähligen anderen Fällen getan haben? Werde ich diese Ächtung und Verachtung  ertragen können?

Anfangs äusserte ich meine Zweifel leise im privaten Rahmen. Wenn ich auf einen Skandal stieß, ließ ich es die Ältesten wissen. Und dann überraschte es mich, dass niemand auf meine Zweifel einging. Ich wurde mit leeren Argumenten beiseite gestoßen und ich bemerkte auch eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Fakten über die WTG, die ich aus den Medien entnahm. „Ich glaube lieber dem Sklaven!“ „Wohin sollen wir gehen?“ „Du weißt nicht alle Tatsachen!“ „Was bildest du dir ein! Willst du klüger sein als der Sklave?“ „Darüber denke ich anders!“

Sprechverbot

Als ich nicht aufhörte, über die Probleme in der „Organisation“ zu reden, wurde mir der Mund verboten. Man konnte gegen die Tatsachen nichts vorbringen und meinte sich dadurch zu retten, indem man mir Schweigen auferlegte. Aber gerade dieses Vorgehen bestärkte mich in meiner Haltung, denn es ist ein geistiges Armutszeugnis, wenn eine „Organisation“ sich nicht anders zu helfen weiß, als durch Redeverbot und Drohung.

Gott schenkt Mut!

Inzwischen weiß ich, wie meine Geschwister teilweise über mich denken. Ich werde ausgegrenzt und gemieden. Man verleumdet mich. Und wie nehme ich das auf? Ich nehme es gelassen! Ich habe mich zurückgezogen, um nicht ständig einer gewissen „Hexenjagd“ ausgesetzt zu sein. Mein persönlicher Frieden ist mir so wichtig geworden, dass ich nicht anders kann. Aber was ich hier so leicht hinschreibe, war nicht so leicht! Zuerst brauchte ich Mut, den Mut zu Wahrheit und Wahrhhaftigkeit. Ich fragte mich: „Was fürchtest du?“ Ich fürchtete die Menschen und musste verinnerlichen, was es bedeutet, wenn Jesus sagt:  „Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen nicht kennen will, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel nicht kennen.“ (Mat. 10:32, 33)

Was will Gott in dieser Hinsicht von mir? An Hiob hat er dessen Rechtschaffenheit gelobt. Das hatte auch damit zu tun, dass Hiob die Menge nicht fürchtete: „Habe ich wie Adam meine Sünde versteckt, meine Schuld in meine Brust versteckt, weil ich die große Menge scheute, die Verachtung der Familie mich schreckte, so dass ich schwieg und nicht zur Tür hinausging?“  (Hiob 31:33, 34)

Man kann Hiobs innere Wahrhaftigkeit gegenüber seinen Sünden auch auf das Allgemeine übertragen: Die Wahrheit soll nicht verheimlicht werden aus Furcht vor der Masse und der Familie!

Aber ich fürchtete um meinen Ruf. Aber Jesus sagte, dass es eine Ehre für seine Jünger sei, seinetwegen in Unehre zu geraten!  Und dann wollte ich  nicht in eine Lage kommen, wo ich den Blick Jesu auf mich fühlen würde, wenn ich ihn verriete (Luk. 22:61, 62).

Ich wurde mutig, denn mein Glaube war durch das Wort Gottes so gestärkt worden, dass ich den ‚Unsichtbaren’ sah. Und wie Paulus fragte ich dann: „Was kann mir ein Mensch antun?“, (Hebr. 13:5, 6).

In meinen Gebeten stellte ich immer wieder die Bitte, dass mich Gott auf einen festen Boden stellen möchte, dass er meine Zweifel auflösen und mir eine klare Einsicht in die einfachen und gerechten Aussagen seines Wortes schenken möchte. Diese Bitten hat er mir erfüllt. Dadurch bin ich Gott noch näher gekommen.

Es war eine Zeit großen inneren Aufruhrs. Wenn ich heute zurückblicke, dann bin ich damit zufrieden, denn durch diese Unruhe wurde mir vieles bewusst. Ich sah immer wieder, dass ich mich zu wichtig genommen hatte. Verletzte Gefühle machten mich sogar ungerecht, ich schuf in meinem Denken Feindbilder, setzte meine Geschwister herab, wollte mich vor ihnen rechtfertigen und konnte schlecht einsehen, dass es nicht auf Rechthaben ankommt, sondern auf Barmherzigkeit und den Frieden mit Jehowah. So musste ich lernen, das ganze Problem, das ja teilweise mein Problem war, mit Abstand zu betrachten. Ich musste mich immer wieder selbst zurechtweisen, damit ich nicht ungerecht handelte. Und ich wollte mich auch nicht auf das Niveau der WTG herablassen. Auf diese Weise wurde ich gezwungen, mich ganz einfach auf den Boden der Bergpredigt zu stellen.

Beim Lesen der klaren Worte Jesu empfand ich eine ungeheure Genugtuung. Diese schlichte Predigt bringt immer wieder eine Saite zum Klingen, deren Ton ich liebgewonnen habe. Da ist das Leuchten der Wahrheit, da ist Liebe, Barmherzigkeit, Treue und Wahrhaftigkeit, da scheint die große Hoffnung auf, da wird Gott zum Vater und unsere Sehnsucht findet hier ihren Weg. So möchte der Mensch in uns sein! Das ist unser Weg und unser Ziel.

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noomi an Tilo

  Hallo Tilo Danke für den zweiten Teil deiner Abhandlung. Deinen Mut so offen über deine Gefühle zu schreiben und den langen Werdegang zu beschreiben macht auch mir Mut. EIN GROSSES DANKESCHÖN dafür!! Beide Artikel sind auch eine Antwort auf meine vielen Gebete, ob ich auf dem richtigen Weg bin oder nicht. Es zeigt mir, dass es nicht von heut auf morgen geschieht bis man merkt, dass wir nicht in DER WAHRHEIT sind, sondern immer noch auf der Suche nach ihr. Das kann ein längerer Prozess sein. Mir haben beide Abhandlungen deutlich gezeigt, dass ich unvollkommenen Menschen nachgelaufen bin und… Weiterlesen »

Omma@Tilo

Lieber Tilo, danke für deinen Artikel, indem du uns an deinem innersten Denken und Fühlen Anteil nehmen lässt.  Ist es nicht so, dass ein Jeder von Zeit zu Zeit so eine Prüfung für sich allein durchführen sollte? Es wird wohl keinen geben, der dich für deine offenen Worte kritisieren wird, im Gegenteil, wir wollen daraus lernen und auch mit uns und unseren Gefühlen offen umgehen. Dabei hat Jeder seine Persönlichkeit und seinen persönlichen Weg, den er geht.  Selbst in einer so engen Beziehung, wie eine Ehe, geht doch jeder einzelne seinen Weg des Glaubens, auch wenn wir uns gegenseitig beeinfussen… Weiterlesen »

Petrus111

Liebe Freunde, auch ich danke für diesen wirklich ansprechenden und interessanten Artikel. Ich möchte wie folgt kommentieren: Zitat: Als ich mich den Zeugen Jehovas anschloss, traf ich auf viele, denen ich ihre Anständigkeit, ihren guten Willen und ihre Aufrichtigkeit abnahm; sie hatten mich überzeugt, weil sie sich christlich verhielten. Ende Zitat JZ verhalten sich AUGENSCHEINLICH christlich; in Wirklichkeit verhalten sie sich keineswegs christlich. Dies ist mir selbst aber auch 50 Jahre lang nicht aufgefallen. Warum nicht? Wir leben in einer toleranten Gesellschaft. Wenn jemand sich nicht beteiligen möchte, wenn jemand in seinen eigenen Kreisen verkehrt; anständig seine “Pflicht” auf der… Weiterlesen »

Ulla

Lieber Tilo, obwohl mir immer noch ziemlich der Kopf (vom Twisselmann-Buch-lesen) brummt, komme ich nicht umhin, dir zu danken für den zweiten Teil deiner Abhandlung, den ich soeben gelesen habe… Es tut so gut, zu erfahren, was anderen half, frei zu werden…als ich 2005 die Gemeinschaft verließ mit den Zeilen, dass ich psychisch eh nicht mehr die Kraft habe für Predigtdienst und Versammlung (da hatte ich deswegen noch lange ein schlechtes Gewissen, weil es sich für mich wie ein Versagen anfühlte), möchte ich aus “Ehrlichkeit die Gemeinschaft verlassen und wünsche auch keine Gespräche mehr”, fiel ich erst mal in ein… Weiterlesen »

Birgit

Hallo ihr Lieben, heute war es bei mir soweit.Mein irdischer Vater (87 J.seid 30 Jahren Ältester)hat sich von mir getrennt.Er hat keine Tochter mehr.Obwohl ich nie getauft war,darf er auch nicht mehr mit mir telefonieren!!Fälschlicher Weise würde ich behaupten,das er einer Aktiengesellschaft angehört.Das würde nicht stimmen!!!Ich hätte einen schlechten Einfluß auf ihn.Naja,ich wußte das das passiert,sonst würde sich die Bibel nicht erfüllen.Was für eine Macht diese Miese Gesellschaft über Hirngewaschene haben.Eigenes Denken nicht erlaubt.Was glaubst du,fragte ich ihn zum Schluss….Wer ist wohl deiner Meinung nach auf der sicheren Seite?Ich mit Jesus unserem Herrn oder du mit deinem Aktienimperium?Keine Antwort,nur,so kommen… Weiterlesen »

Ulla

Liebe Birgit, meine Güte: Ich hab zwar heut schon zweimal meinen “Senf” dazugegeben, aber bei uns in Bayern ist Senf ne feine Sache!….. Vielen Dank, BI, dass alle hier so offen schreiben dürfen.. Birgit, wenn man liebe Familienangehörige durch sein Aufwachen aus dem WTG Schlaf verliert, tut das erst mal unendlich weh…da hilft es auch erst mal wenig, dass Jesus ja vorhersagte, er käme, um Familien zu trennen…und wer ein Nachfolger von ihm werden möchte, muss diese Verluste erst mal in Kauf nehmen… Aber emotional tut es doch in der Seele SAU WEH !!!!!!! Ich fühle mit dir und würde… Weiterlesen »

Wahrheit

Lieber Tilo, vielen Dank für die beiden Teile deiner Abhandlung. Ja!!! Es ist nicht einfach, sich SELBST WIEDER ZU FINDEN durch die Gnade Gottes und seines Sohnes Jesus Christus. Aber jeder , muss SELBST , ENTSCHEIDEN bleibt er in der Organisation oder schließt sich einer anderen Gemeinschaft an oder gar keiner. Ich für mich , BEKENNE MICH OFFEN , zu meinen HERRN , RETTER , ERLÖSER JESUS CHRISTUS in der VERSAMMLUNG! Dabei bekomme , ich Merckwürdige BLICKE!!!! Ich KORRIGIERE , Absätze in Wachtturm Studium , anhand der SCHRIFT , so daß SIE VERSTUMMEN UND NICHTS  SAGEN KÖNNEN. Ich möchte meine… Weiterlesen »

Rafffaela

Lieber Bruder Tilo,danke für deine Vorträge sie helfe mir immer wieder.Ich bin auf den richtigen Weg.Jesus ist mein Weg zum Vater . So eine änliche innerliche Erfahrung habe ich auch inter mir. Deine Worte stärken mich . LG Raffaela

Janus

Guten Morgen,

mal etwas eher Allgemeines. Ich sehe immer mal wieder Links die hier auftauchen, bei denen Texte und Links aus anderen Foren kopiert werden. Ich denke es wäre fair, auch diese Foren als Quelle (z.B. durch “via” o.ä.) bzw. als Ursprung anzugeben.

Tut niemanden weh, aber ist denen fair gegenüber, welche diese Links raussuchen und die Foren am laufen halten. Auch kann es helfen, das alle Foren etwas bekannter werden – was sicher auch der Aufklärung dient.

Einen sonnigen Sonntag euch allen,

Janus

Johnny

Eine Halbwahrheit ist viel gefährlicher als eine ganze Lüge, denn die ganze Lüge wird früher oder später aufgedeckt werden.
Eine Lüge ist natürlich eine Lüge. Sie ist nur ein Palast aus Spielkarten – eine kleine Brise und der ganze Palast kollabiert in sich selbst.
Aber die Halbwahrheit ist gefährlich. Es kann sein, dass Du sie niemals entdecken wirst. Du kannst auch weiterhin denken, dass es die ganze Wahrheit ist. Also ist das eigentliche Problem nicht die ganze Lüge, sondern das eigentliche Problem ist die Halbwahrheit, die vorgibt, die ganze Wahrheit zu sein. Und das ist es, was diese Organisation macht.

Ulla

Hallo an alle,

ab heute startet ARD Themenwoche: Was glaubst du? Was glaubt Deutschland? uva.

Bestimmt interessant…

Servusli

Ulla

Birgit

An Tilo

Auch ich möchte mich anschliessen und meinen Dank aussprechen.

Auch ich habe erst vor ein paar Wochen durch die Medien und Kindesmißbrauch angefangen zu wühlen.Und Zack,kam ich recht schnell auf diese Seite.Da gingen wirklich alle Lichter an und ich hatte die Bestätigung für das,was ich immer ahnte.Diese Artikel herauszuarbeiten ist sicher mit viel Zeit und Liebe zu verbinden.Jesus Christus ist mit Dir Tilo,da bin ich mir sicher.

Danke

Birgit

Ulla

An alle lieben “Beröer”-Christen, die gerne forschen: Wie hier auf BI schon mehrmals dargelegt und durch unzählige Schriften, die die WTG herausbrachte (“des vielen Büchermachens nimmt kein Ende”), haben sich die sog. Bibelforscher bzw. Führer der WTG immer auf Mat. 24:45 berufen und diese Bibelstelle auf SICH angewandt: SIE allein seien der “treue und verständige Sklave”, der die einzig “richtige geistige Speise” austeile… siehe WT vom November 2016, S. 16, Abs. 9 : “Es gibt Personen, die denken, sie könnten die Bibel SELBST auslegen. Doch Jesus hat einzig und allein den tuvS zur Austeilung der geistigen Speise eingesetzt…” Nun, achtsame… Weiterlesen »

Barbara

Herzlichen Dank Tilo Chapeau wie offen du über deine Selbstkritik sprichst und dich nicht scheust deine “Fehler” offen darzulegen! Ich bin in geteiltem Haus aufgewachsen habe mich aber mit 12 gegen den Willen meines Vaters (Atheist und Alkoholiker, da als Vierzehnjähriger bei der Hitlerjugend) taufen lassen. 45 Jahre war ich “dabei”, aber immer irgendwie ein Aussenseiter, da kein Zugpferd…. Ja, mein Dienstzettel war wohl nichts wert… Als ich dann noch Depressionen bekam, als mein Vater starb, wurden wir sowieso wie Ausgeschlossene behandelt. Als wir dann ein neues Leben in Spanien begannen, machten wir auch einen Neustart in der hiesigen Versammlung.… Weiterlesen »