Jehovas Zeugen – Pro und Kontra

Jehovas Zeugen – Pro und Kontra

Wer mit Jehovas Zeugen die Bibel „studiert“ wird früher oder später vor der Entscheidung stehen, ob er ein Zeuge Jehovas werden will. Diese Entscheidung, sich als Erwachsener einer neuen Religionsgemeinschaft anzuschließen, ist nie ganz rational: Es sind letztlich die Emotionen, die mitentscheidend sind.

Viele ehemalige Zeugen und sogar Aktive beschreiben es als einen Zustand der Verliebtheit und mit einer rosaroten Brille sehen sie bei den Zeugen Jehovas die einzig wahre Bestimmung. Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen ist für sie der Inbegriff von Perfektion und die lange gesuchte Lösung aller Probleme. Kritik von außen bestätigt sie nur in ihrer Überzeugung. Geschickt nutzt die Führung der Zeugen eventuelle Einwände von Außenstehenden als Angriffe Satans und der Interessierte wird von Anfang an darauf vorbereitet.

Diese Euphorie ist sicherlich bei praktisch allen religiösen Gruppen, denen man nicht per Kindstaufe beitritt, zu beobachten. Die Verwandten und Freunde von solchen “Verliebten” sind aber auch in einer schwierigen Gefühlslage: Sie sind erschrocken, verwirrt und wütend und glauben oft, eine Person würde von den Zeugen Jehovas per Gehirnwäsche gefügig gemacht und mental entführt.

Dabei gibt es zu vielen Themen durchaus gute Argumente für und gegen die Zeugen – man sollte sie sich zumindest in einem ruhigen Moment anhören und akzeptieren, dass die Gegenseite nicht immer falsch liegen muss. Ich versuche hier ein paar zu sammeln und ich verhehle nicht, dass für mich die Kontra-Argumente überwiegen (sonst wäre ich längst Mitglied). Vielleicht ist das auch eine Hilfe für Menschen, die sich für die Zeugen interessieren oder die Angst davor haben, Freunde oder Verwandte an sie zu verlieren.

Wie stehen Zeugen Jehovas zu BILDUNG, BERUF, GELD

PRO: Jehovas Zeugen sind für eine grundlegende Ausbildung und Arbeitsfähigkeit ihrer Mitglieder. Sie sollen sich und ihre Familien erhalten können. Sie argumentieren gegen Geldgier und Profitsucht, ohne aber grundsätzlich gegen irgendwelche Wirtschaftssysteme zu sein (jedenfalls so lange, bis “das System” verschwindet).

Die Organisation wird durch Spenden und Gratisarbeit finanziert. Dazu wird immer wieder recht deutlich aufgefordert. Einen Zwang gibt es aber nicht, ebenso keine direkte Kontrolle, wer wieviel spendet. Die Organisation verfügt über ein milliardenschweres Vermögen (insbesondere angelegt in Immobilien, die typischerweise von den Versammlungen finanziert und dann der Organisation überschrieben werden), es gibt aber keine Anzeichen, dass sich damit jemand persönlich bereichert oder ein exzessives Luxusleben finanziert.

KONTRA: Die Wachtturmgesellschaft propagiert es immer wieder als vorbildlich, wenn Mitglieder ihre beruflichen Wünsche zurückstecken und sich stattdessen “vollständig Jehova hingeben”. Ausbildung und Beruf gelten zwar, wie bereits erwähnt, als notwendig, um sich selbst erhalten zu können, sollten aber im Zweifel immer gegenüber der theokratischen Arbeit bei den Zeugen hintangestellt werden. Ein großes Ideal ist der Pionierdienst, in dem der Predigtdienst zum (unbezahlten) Neben- oder sogar Vollzeitjob wird.

Ausdrücklich gewarnt wird dagegen vor weiterführender Bildung an Hochschulen: Die sei nicht nur unnötig, sondern auch mit dem großen  Risiko behaftet, mit unnützem weltlichen Wissen und falschen Weltanschauungen verdorben zu werden.

Das bedeutet oft, dass höhere Ausbildungen abgebrochen oder gar nicht versucht werden und die berufliche Karriere geopfert wird – ein Schritt, der mitunter später bereut wird.

Berufe oder freiwillige Tätigkeiten, die besonders zeitaufwändig sind, möglicherweise Waffengebrauch gegen Menschen verlangen oder einfach als zu stark “systemlastig” oder gesellschaftlich integriert gelten, sind teils verboten, teils verpönt. Das gilt für Polizei (wie natürlich Militär), sowie für freiwillige Arbeit bei der Feuerwehr oder dem Roten Kreuz und jegliche kirchennahe Organisationen. Die Dienstleistungen solcher Institutionen werden aber angenommen. Die professionelle Ausübung von Kampfsport (z.B. Boxen) ist verboten.

Spenden an die Organisation werden “für das weltweite Werk” verwendet. Systematisch organisierte humanitäre Hilfe wird damit ausdrücklich nicht bezahlt, weil die Organisation das Verkündigen als ihre primäre Aufgabe sieht. Über die Finanzen wird keine umfassende Rechenschaft abgelegt, es gibt darüber nur fragmentarische Berichte.

KONTAKT ZU AUSSENSTEHENDEN, ZUR “WELT”

PRO: Die Zeugen Jehovas verlangen keinen äußerlich isolierten Lebensstil – Mitglieder arbeiten mit Nicht-Mitgliedern in normalen Firmen und normalen Jobs, gehen in normale Schulen. Sie werden dazu angehalten, einen guten Eindruck auf andere zu machen.

KONTRA: Der tatsächliche Kontakt zu Nicht-Zeugen ist immer auf das Notwendige beschränkt und bleibt bewusst freundlich, aber distanziert. Enge Freundschaften oder gar Liebesbeziehungen mit Ungläubigen sind zwar nicht kategorisch verboten, gelten aber als sehr unerwünscht bis gefährlich. Wer neu einsteigt, wird dazu angeregt, bisherige (“weltliche”) Beziehungen langsam zu reduzieren – das ergibt sich auch aus dem großen Zeitaufwand, der verwendet wird, um regelmäßig zu allen Zusammenkünften zu erscheinen, sich darauf vorzubereiten und in den Predigtdienst zu gehen. Bald besteht das engere soziale Umfeld nur mehr aus Zeugen Jehovas, man verbringt sehr wenig Zeit außerhalb der Arbeit mit „Ungläubigen“, also Nichtzeugen.

Für Außenstehende wirkt das wie eine Selbstisolation, aber auch die neuen Mitglieder gewinnen den Eindruck, die anderen würden sich nun von ihnen abwenden, während die Zeugen sie mit offenen Armen empfangen. Hier entstehen Bruchlinien quer durch Familien, so werden oft jahrzehntelange Freundschaften kaltgestellt. Das ist umso unangehmer, wenn Mitglieder irgendwann später zu zweifeln beginnen: Draußen haben sie nun niemanden mehr, dem sie vertrauen, also sehen sie sich gezwungen bei den Zeugen zu bleiben.

FRIEDE UND GLEICHHEIT

PRO: Die Zeugen Jehovas sind in praktischer Hinsicht Pazifisten, Antinationalisten und Antirassisten: Gewaltanwendung (über Notwehr hinaus) wird abgelehnt, Zugehörigkeit zu Nationen oder “Rassen” spielt keine Rolle. Obwohl man zu Nichtmitgliedern distanziert bleibt, pflegt man doch grundsätzlich höflichen Umgang mit ihnen (sofern es sich nicht um Ex-Mitglieder handelt). Immigranten werden mit eigenen Versammlungen in ihrer Sprache, sowie informellen Sprachkursen unterstützt.

KONTRA: Im engeren Wortsinn sind die Zeugen Jehovas keine Pazifisten. Sie glauben durchaus an eine extrem gewalttätige Lösung aller Probleme und gehen davon aus, dass alle Ungläubigen (oder zumindest die große Mehrheit) bald getötet werden – aber eben nur durch Gott, keinesfalls durch ihr Zutun. Selbst bezeichnen sie sich stets als neutral, nicht als pazifistisch.

Die höchste Führungsebene der Zeugen Jehovas repräsentiert kaum die internationale Verteilung der Gläubigen: Im Jahr 2014 sind fast alle Mitglieder weißer Hautfarbe und aus dem englischen Sprachraum (die meisten aus den USA). Frauen sind natürlich in keiner Führungsposition zu finden, sie sollen sich in der Versammlung, wie auch in der Ehe, dem Mann unterordnen.

Verschwiegen (sogar bestritten) wird heute, dass Publikationen der Zeugen Jehovas bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts immer wieder rassistische Aussagen enthielten. Typischerweise wurde dabei die Unterlegenheit der “schwarzen Rasse” angeblich biblisch belegt oder auch ihre angeblich besondere Eignung zum “Dienen” gelobt. Ebensowenig bekannt ist, dass noch im 1. Weltkrieg Zeugen Jehovas (damals “Bibelforscher”) aktiv im Kriegsdienst waren.

GEMEINSCHAFT

PRO: Die Zeugen Jehovas bilden eine enge Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig hilft. Besonders Neuankömmlinge fühlen sich oft mit Liebe überschüttet und mitunter wie in einer neuen, besseren Ersatzfamilie.

KONTRA: Die Nestwärme bei den Zeugen Jehovas ist eine bedingte. All die Nähe und Freundschaft kann schlagartig abkühlen, nämlich dann, wenn man im Verdacht steht, auf irgendeine Weise kein gutes Mitglied zu sein. Die Kündigung der Freundschaften oder gar der Familienkontakte ist keine individuelle Entscheidung, sondern ein gezielt eingesetztes, mehrstufiges Instrument, um strauchelnde oder abtrünnige Schäfchen wieder auf Kurs zu bringen. Im äußersten Fall – dem Gemeinschaftsentzug – wird man zu einer persona non grata und muss sich erst wieder die Anerkennung der Ältesten reuig erarbeiten.

Die enge Gemeinschaft kann auch mitunter zu eng werden: Jeder soll wohlmeinend “auf seinen Bruder achten” und Probleme den Ältesten melden. Daraus resultiert aber leicht ein Gefühl der Überwachung und Denunziantentum wird versteckt gefordert. Leider führt dies auch zu einer manchmal bösartigen Gerüchteküche in den Versammlungen. Letzteres ist ein Problem, das ich sowohl von höchst überzeugten und gläubigen ZJ, wie auch von Aussteigern immer wieder gehört habe.

PERSONENKULT?

PRO: Im Gegensatz zu vielen anderen Gruppen wird bei den Zeugen Jehovas kein Personenkult erwartet. Die Männer aus den diversen Führungsebenen werden zwar anerkannt, aber nicht angebetet. Ein “Guru” existiert genausowenig wie Heilige.

KONTRA: Ein fundamentaler Glaubenssatz der Zeugen Jehovas ist der Glaube an die Organisation: Man kann kein richtiger Christ sein, wenn man nicht die Organisation der Zeugen Jehovas als die eine und einzige anerkennt, die von Gott geleitet und ermächtigt ist. Um diese Organisation dreht sich alles und diese Organisation bestimmt, wie die Bibel zu verstehen ist (Gläubige sollen zwar die Bibel lesen, aber prinzipiell entscheidet die WTG, was darin wie zu verstehen ist). Die Leitende Körperschaft beansprucht eine exklusive, von Gott bzw. Jesus Christus gegebene Autorität.

Im Sprachgebrauch wird daher Gott stets mit der Organisation verbunden: Wer sich von der Organisation trennt, verlässt Jehova Gott und wer sich der Organisation anschließt und ihren Regeln folgt, dient Jehova. Für die Zeugen Jehovas selbst ist das völlig logisch und was nach außen hin als Organisationskult erscheint, ist für sie nur eine Anbetung Gottes, wie er das selbst verlangt.

GEHIRNWÄSCHE?

PRO: Es gibt keine willenlosen Opfer in den Fängen der Zeugen Jehovas.
Ebenso gibt es keine Geheimlehren, die sich erst fortgeschrittenen Mitgliedern offenbaren. Die Lehren sind von Anfang an klar. Die Zeugen fordern dazu auf, ihre Lehren zu überprüfen und sich dann dafür zu entscheiden – oder auch nicht. Der Einstieg bei den Zeugen Jehovas ist kein brutales “Hineingezogenwerden”, sondern man geht selbst schrittweise auf sie zu – durchaus mit ein bisschen Ziehen und Anschieben, aber nie gegen den eigenen Willen.

KONTRA: Mit jedem Schritt wird aber der Spielraum verkleinert: Von Anfang an wird erklärt, dass Satan versuchen würde, den Neuling von den Zeugen abzuhalten – und das bedeutet, dass man auf Kritik von außen zunehmend weniger achten sollte. Kritikern wird stets unterstellt, sie seien böswillig oder von Satan beeinflusst, sodass man auf sie erst gar nicht hören darf. Die “freie Entscheidung” und Prüfung des Glaubens kann damit eigentlich nur auf Information der Zeugen Jehovas basieren und die ist sorgfältig gefiltert, um zur einzig richtigen Entscheidung zu kommen. Besonders Kinder, die in einer ZJ-Familie aufwachsen, haben so kaum eine ernsthafte Wahlmöglichkeit: Sie sollen von Anfang an strikt “in der Wahrheit” erzogen werden, die Taufe ist bereits ab etwa 10 Jahren möglich.

Wer sich als Zeuge Jehovas mit Abtrünnigen sehen oder mit der Literatur von Kritikern erwischen lässt, kann sich zumindest auf einen sorgenvollen Besuch der Ältesten gefasst machen. Wer als aktiver Zeuge ernsthafte Zweifel oder Kritik an der Organisation ausspricht, riskiert den Ausschluss aus der Gemeinschaft mit all seinen Konsequenzen.

Missstände in der Organisation sollten höchstens mit den Ältesten vertraulich besprochen werden; ansonsten soll man demütig auf Jehova warten, dass er diese bereinigt. Viele Aussteiger berichten von Schuldgefühlen und Angst, als sie erstmals kritische Texte über die Zeugen lasen. Sie hatten damit ein echtes Tabu gebrochen.

Obwohl es keine “Geheimlehren” im engeren Sinn gibt, wird den Zeugen Jehovas eine extrem gefilterte und geschönte Version der eigenen Geschichte vermittelt. Die aus heutiger Sicht bizarren und widersprüchlichen Lehren vergangener Zeiten sind so gut wie keinem Zeugen Jehovas auch nur ansatzweise bekannt. Wenn doch, so haben die Nachforschenden diese Informationen nur der verfemten Literatur von “Abtrünnigen” oder Kritikern entnehmen können.

MORALISCHE SICHERHEIT

PRO: Wie man auch zu den Lehren der Zeugen Jehovas stehen mag, sie sind zumindest in unseren Breiten durchweg mit den Gesetzen und vielen Moralvorstellungen verträglich: Diebstahl, Gewalt, Untreue, wie auch selbstzerstörerisches Verhalten (etwa Drogensucht, Alkoholismus) werden strikt abgelehnt. Wer in dieser Hinsicht labil ist, kann davon profitieren, dass das “richtige” Verhalten absolut klar ist. Bei den Zeugen Jehovas gibt es wenige Grauzonen und viel Bestätigung des richtigen, sowie Bestrafung des falschen Verhaltens.

Mit dem Wegfall großer moralischer Instanzen, wie der Kirche und in einer Zeit immer größerer Freiheiten und verschiedenster Lebensmodelle,  geben die Zeugen Jehovas eine Sicherheit, die attraktiv ist. Die Regeln sind klar, und verhält man sich konform, wird man von allen Seiten wohlwollend gelobt. Neben dem Gemeinschaftsgefühl ist das ein großer emotionaler Anreiz – eine schwere Last aus Entscheidungen und “Einerseits-Andererseits”-Erwägungen fällt weg, wenn man sich für ein vorgefertigtes Lebensmodell entscheidet.

KONTRA: Das Lebensmodell der Zeugen Jehovas enthält viele Einschränkungen und stellt Anforderungen, die wenig mit Moral zu tun haben. Leicht passiert es, dass sich Mitglieder irgendwann nicht mehr für gut genug halten (weil sie zuwenig im Predigtdienst sind, Glaubenszweifel haben, sich mit “weltlichen” Interessen abgeben) oder dass ihnen das von anderen vorgehalten wird. In der Literatur der Zeugen Jehovas wird da aber kein Unterschied gemacht: Wer nicht mehr als guter Zeuge funktioniert, der riskiert auch sonst den Verfall und wird süchtig, kriminell, untreu usw.

AUSSTIEG

PRO: Der Austritt ist jederzeit möglich.

KONTRA: Es ist kaum möglich, ehrenhaft auszutreten. Wer einmal getauft ist und die Gruppe verlässt, wird mit den drastischen Worten aus dem zweiten Petrusbrief bedacht: “Auf sie trifft das wahre Sprichwort zu: Der Hund kehrt zurück zu dem, was er erbrochen hat, und: Die gewaschene Sau wälzt sich wieder im Dreck.”

Wer bewusst austritt, steht daher auf einer Stufe mit Ausgeschlossenen, wenn nicht sogar darunter. Das bedeutet: Sofortige Meidung durch alle Mitglieder und soziale Kontakte werden vollständig beendet. Aktive Mitglieder werden ständig ermahnt, Ausgetretene und Ausgeschlossene strikt zu meiden und keinerlei Kontakt zu halten. Tun sie das nicht, riskieren sie selbst den Rauswurf.

Viele Ausstiegswillige – besonders solche, mit vielen Familienmitgliedern in der Organisation – versuchen daher, sich leise zurückzuziehen. Sie erklären nicht ihren Austritt, sondern besuchen immer seltener die Zusammenkünfte und bleiben irgendwann ganz weg. Auf die unvermeidlichen Ältestenbesuche und Nachfragen reagieren sie höflich ausweichend; manche ziehen sogar um, damit sie weniger im Blickfeld stehen. Gelingt das, gelten sie nicht mehr als aktive Mitglieder, sind aber eben auch keine “Abtrünnigen”. Gelingt es nicht, können sie in Abwesenheit ausgeschlossen werden. Ein solcher Rückzug verhindert zwar nicht unbedingt die Ächtung durch einzelne Mitglieder, aber zumindest das Kontaktverbot für sämtliche Zeugen Jehovas.

Eine ähnliche Situation gilt für Menschen, die zwar mit den Zeugen verbunden waren, aber nie getauft wurden: Sie können zwar als “schlechter Umgang” gelten, ein Kontaktverbot gibt es aber nicht.

EHRLICHKEIT

PRO: Zeugen Jehovas sollen ein hohes Maß an Ehrlichkeit leben, auch wenn es für sie unangenehm ist. Selbst kleine “Alltagsschummeleien” sind dabei verpönt.

KONTRA: Während viele Mitglieder tatsächlich im Alltagsleben sehr ehrlich sind, gibt es gewisse Einschränkungen, sobald es um die Organisation selbst geht. Eine Rechtfertigung dafür ist der Begriff “theokratische Kriegführung”: Die Wahrheit darf verschwiegen werden, um Gott/die Organisation zu schützen. Das bedeutet in der Praxis, dass mit semantischen Tricks und Halbwahrheiten gearbeitet wird, die hart an der Grenze zur glatten Lüge sind.

Unter diese Rubrik fallen etwa Aussagen von ZJ-Sprechern, dass es kein Kontaktverbot gegenüber Ex-Mitgliedern gibt (das sei “eine individuelle Entscheidung”), dass niemand für die Akzeptanz von Bluttransfusionen ausgeschlossen würde oder dass man niemals das Schlagen von Kindern befürwortet habe. Solche Statements wurden oft im Zusammenhang mit den Anerkennungsverfahren in Deutschland und Österreich abgegeben.

Ebenfalls fragwürdig ist der Umgang der WTG mit Zitaten in ihren eigenen Publikationen. Besonders zu Themen wie Evolution oder Bibelchronologie werden gern Wissenschaftler derartig entstellend zitiert, dass sich deren Aussagen komplett ins Gegenteil verkehren oder immer wieder Laien als “Wissenschaftler” zitiert. Da kaum ein Leser Zugriff auf die Originalpublikationen hat, fällt das nicht weiter auf. Diese Praxis wird seit langer Zeit systematisch betrieben.

Was man vor der Taufe als Zeuge Jehovas unbedingt wissen sollte.

Wer sich zur Taufe entschließt um sich „Jehova hinzugeben“, (in der Sprache der Zeugen) sollte daran denken, dass er sich in Wirklichkeit einer Religionsorganisation anschließt, aus der er nur unter Schwierigkeiten wieder austreten kann. Es wird zwar behauptet, er könne jederzeit austreten, wird aber nicht über die Konsequenzen aufgeklärt, die sich daraus ergeben.

Erstens: Der Verlust aller Freundschaften, die in seiner Zeit als Zeuge entstanden sein mögen. Aber auch der Kontakt zu Familienmitglieder, die noch Zeugen sind, wird in der Regel erschwert und auf ein Minimum reduziert,wenn nicht sogar komplett eingestellt.

Er wird als Abtrünniger gebrandmarkt und ist für ehemalige Freunde und Familienmitgliedern, wie Vater, Mutter, Kinder, Geschwister, Onkel und Tanten nicht mehr existent. Seine Familie wird ihn auf Rat, oder besser gesagt, auf Anweisung der leitenden Körperschaft, meiden.

Der Umgang mit personenbezogene Daten

Wer sich taufen lässt und Verkündiger wird, erkennt an, dass die Organisation der Religionsgemeinschaft von Jehovas Zeugen, seine personenbezogene Daten verwendet. Die Erfahrungen von Aussteigern zeigen, daß der Verkündiger keine Einsicht erhält welche Daten über ihn gespeichert wurden, auch wenn offiziell etwas anderes behauptet wird.

Auch hat der Verkündiger keine Gewähr, dass seine personenbezogenen Daten beim Verlassen der Religionsgemeinschaft von Jehovas Zeugen gelöscht werden. Die Religionsgemeinschaft beruft sich dann auf ihr „berechtigtes religiöses Interesse“um diese Daten weiter zu verwenden, sollte der Betreffende z. B. einen Wideraufnahmeantrag stellen.

Personenbezogene Daten sind Name, Geburtsdatum, Geschlecht, Taufdatum, sexuelle Ausrichtung, Kontaktdaten und Informationen hinsichtlich seines geistigen Standes, seine Einstellung zu weltanschaulichen Fragen, sowie sein Predigtdiensteinsatz oder Funktionen, die innerhalb der Jehovas Zeugen ausgeübt hat.

Die Daten schließen Informationen ein, die die religiösen Überzeugungen des Verkündigers erkennen lassen und können auch andere sensible personenbezogeneDaten beinhalten. Verwendung personenbezogener Daten kann das Erheben, Erfassen, Organisieren, Ordnen und Speichern von Daten bedeuten, sowie vergleichbare Datenverarbeitungsvorgänge.

Verkündiger stimmen auf Grundlage ihrer Taufe der Verwendung ihrer personenbezogenen Daten durch Jehovas Zeugen für religiöse Zweckezu. Diese Personenbezogene Daten werden auf nicht näher bestimmte Zeit gespeichert, solange die oben genannten Zwecke oder andere berechtigte Interessen bestehen. Diese berechtigten Interessen bestehen auch nach dem Verlassen der Gemeinschaft.

Neu ist, dass seit 2018 jeder Verkündiger oder Täufling das Formular Erklärung und Einwilligung hinsichtlich der Verwendung personenbezogener Daten unterschreiben sollte. Wenn er sich weigert und dieses nicht unterschreibt, werden die Ältesten ein Gespräch mit ihm führen und zeigen, dass er sich dann nicht für gewisse Funktionen in der Versammlung eignet, da man nicht beurteilen kann, ob er den Anforderungen für diese religiösen Tätigkeiten entspricht.

Personenbezogene Daten können der Notwendigkeit und dem Zweck entsprechend an zusammenarbeitende Organisationen von Jehovas Zeugen weitergegeben werden. Es wird zwar gesagt „Verkündiger haben hinsichtlich ihrer personenbezogenen Daten, die Jehovas Zeugen speichern, das Recht auf Auskunftund Berichtigung unrichtiger Daten, sowie um Löschung oder Einschränkung der Verarbeitung zu ersuchen“.  Man beachte jedoch die Formulierung: „das Recht auf Löschung zu ersuchen“  

Weiter wird gesagt: „Falls ein Verkündiger seine Einwilligung in die Verwendung seiner personenbezogenen Daten zurückzieht, mögen Jehovas Zeugen auf Grundlage ihrer berechtigten religiösen Zwecke zur Pflege und Verwaltung der Mitgliederdaten von Jehovas Zeugen berechtigt sein, einige dieser personenbezogenen Daten ohne eine solche Einwilligung weiter zu verwenden.

Das alles sollte man im Voraus wissen

Quelle:https://www.jw.org/de/datenschutzerklaerung/verwendung-personenbezogener-daten/verwendung-personenbezogener-daten-schweiz/#?insight[search_id]=5207c716-9b7e-422e-aced-920e9169a6ef&insight[search_result_index]=0

 

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Giovanni

Vergleich Love-Scamming oder warum schaffe ich es nicht die ORG zu verlassen Love-Scamming: dem Verliebten kann …. Geld aus den Taschen gezogen werden, weil er verliebt ist. Ich habe ein Beispiel aus dem persönlichem Umfeld erfahren: auch nachdem sie (eine Frau) es erkannt hatte, konnte sie den Tatbestand fast nicht glauben… Sie war immer noch verliebt. Opfer von Love-Scamming brauchen nach dem sie den Schwindel aufgedeckt haben, noch Jahre um über den Verlust hinweg zu kommen, da sie ja echt verliebt waren …. Die Brüder sind „verliebt“, Liebe macht blind, dazu sind sie auch in Aufgaben total verbaut und in… Weiterlesen »

RoKo

Eine gute Zusammenfassung. Bezüglich der DSGVO wurde mir von anderen mit der Versammlung verbundenen ZJ übermittelt, gibt es auf dem aktuell neuen Kongress, ich glaube der Tagessonderkongress 2018/19, einen Programmpunkt zur Notwendigkeit der Datenerhebung durch JW.org. Wahrscheinlich war der Gegenwind doch zu kalt und sehr viele Mitglieder (auch Älteste) sehr unsicher, ihre Zustimmung zur Datenerhebung zu geben und diese zu großen Teilen ausblieb. Deshalb nun der Programmpunkt. Für zweifelnde Brüder und Schwestern wurde wohl eine “kleine Zustimmung” zur DSGVO ins Leben gerufen, eine Erklärung die der Betroffene bitte nur für die eigene Versammlung unterzeichnen soll, dass seine Daten nur innerhalb… Weiterlesen »

Horst

Lieber Autor, liebe Leser, dieser Pro- und Kontra-Artikel ist wirklich sehr um wahre und neutrale Aussagen bemüht. Die Lektüre ist jedem “Interessenten” der ZJ sehr zu empfehlen, damit er weiss, was u.U. auf ihn zukommt. Ich möchte ihn um einen Punkt ergänzen: Die “geistigen Hirten”, sprich die “Ältesten” der Ortsversammlungen, ermangeln jeglicher seelsorgerischen Ausbildung. Sie müssen blind, bar jeglichen Erbarmens und restriktiv die Anweisungen des weltweiten Führungsgremiums befolgen. Nur darin besteht ihre “geistige Reife”. Nachdem es ihnen jedoch oftmals an menschlicher Reife fehlt, haben sie die Macht, ihr persönliches Gutdünken, ihre persönlichen Abneigungen, Sympathien und Antipathien gegenüber Anderen  anzuwenden und… Weiterlesen »

stoertebeker

  Störti @ Alle, der Artikel, Jehovas Zeugen – Pro und Kontra ist gut und ziemlich objektiv geschrieben. Ich möchte mich hier nur auf einen Punkt beziehen, und zwar auf: „Personenkult?“ Pro Zitat: „Im Gegensatz zu vielen anderen Gruppen wird bei den Zeugen Jehovas kein Personenkult erwartet. Die Männer aus den diversen Führungsebenen werden zwar anerkannt, aber nicht angebetet. Ein “Guru” existiert genauso wenig wie Heilige.“ Es stimmt, ein „Guru“ existiert nun nicht mehr. Allerdings Russel und Rutherford waren nichts anderes. In der heutigen Hierarchie ist es aber unbestreitbar so, dass DA´s und Pioniere schon eine besondere Aufmerksamkeit bekommen. Älteste… Weiterlesen »

Susanne

Das ist ein sehr guter Artikel, der mich besonders zu einem Punkt an mein 1. Bibelstudium erinnert hat. Dem Verliebtsein. Mitte 20 habe ich mit meinem Exmann zusammen ein Bibelstudium begonnen. Ein junges Ehepaar, in unserem Alter, hat uns regelmäßig besucht und uns rasch für den Glauben der Zeugen Jehovas begeistert. Ja, dieses “Verliebtsein” hat sich sehr schnell eingestellt. Von der Bibel hatten wir beide keine Ahnung und wir waren auch nicht in gläubigen Familien aufgewachsen. Die Kirche sahen wir von innen bei Beerdigungen, an Hochzeiten, bei einer Taufe oder Konfirmation und ab und an  Weihnachten. Irgendein nennenswertes Bibelwissen hatte… Weiterlesen »

Westworld

Hallo, vielen Dank für den objektiven Pro und Kontra-Artikel, dem ich vollumfänglich zustimmen kann.. Ergänzen möchte ich fgendes: -immer mehr junge Leute bei den ZJ studieren, bilden sich weiter. Die Mahnungen der WTG zu höherer Bildung hat immer weniger Einfluss auf die Mitglieder – Ich kannte ein Ältester zu meiner aktiven ZJ Zeit der war / ist bei der Freiwilligen Feuerwehr, dies fanden viele sehr gut -kirchliche, caritative Einrichtungen durch Ehrenamt zu unterstützen ist verpönt, ggf. verboten (Träger ist ja laut WTG ja “Babylon die Größe”) -Vereine sind nicht verboten (außer aktiv Boxen) aber wenige ZJ sind in einem Verein.… Weiterlesen »

Opa Klaus

Ich bin Jg 1934, bei J.Z. 1950 ein- und 1979 ausgestiegen. Im Mai 1991 schaffte ich einen PC an. Dann im Dez. 1991 verfasste, vervielfältigte und verteilte ich einen Flyer: Gemeinschaft mit den “Zeugen Jehovas”… Vorteile, Nachteile und Konsequenzen     (c) Dez.1991 *********************************************** Seit 1950 war ich (Jg.34) dreißig Jahre dabei, habe meine Frau dort kennengelernt und wir haben 6 Kinder (16 bis 33 Jahre alt >1991). Bevor ich auf die Nachteile eingehe, geziemt es sich zu erwähnen was ich damals als Vorteile sah: Die Endzeitlehre und Hoffnung auf nahe bessere Zeiten hatten 1950 große Anziehungskraft auf mich. Ebenso das Bemühen,… Weiterlesen »

Zukunft / News

Die Zukunft sieht in der Tat düster aus für diese einst so stolze Organisation.    Die Zukunft sieht in der Tat düster aus für diese einst so stolze Organisation. Es scheint so, als ob nur ein total unerwarteter Glücksfall (z.B. der Wegfall des Internets) sie retten kann. Für mich ist die einzige Frage, wie lange es dauern wird, bis die letzte Druckausgabe des Wachtturms von der Druckerpresse rollen wird, und bis die Organisation auf eine Größe schrumpft, die unbedeutend ist. Das ist keine Frage des “ob”, mehr, sondern eine Frage des “wann”.Der Niedergang der Organisation ist besiegelt. Der Grund wird… Weiterlesen »