Geoffrey Jackson von der LK spricht zum Thema „Neutralität“.

In einer Morgenansprache, die Geoffrey Jackson von der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas hält und die als Video betrachtet werden kann, befasst er sich mit dem Thema der „christlichen Neutralität“. Das Original-Video der Ansprache findet sich hier: Hier

Wir haben uns die Ansprache angehört und versucht, in dieser ca. 7-minütigen Rede eine Struktur, eine Linie, ein Konzept zu erkennen. Nachstehend fassen wir die Rede kurz zusammen:

Jackson nimmt Bezug auf die Prophezeiung aus Micha 4:5 und stellt fest:

„Micha Kap. 4 beschreibt, was sich heutzutage mitten unter uns abspielt: „…Alle Völker werden im Namen ihres Gottes wandeln.“ Was erleichtert es allen Zeugen Jehovas weltweit, so vereint zu sein, unbeteiligt an den Kriegen dieser Welt?

Dazu gehört unter anderem unsere christliche Neutralität. 

Was verstehen wir darunter?

Neutral zu sein bedeutet für uns, bei politischen Themen keine Partei zu ergreifen. Wir halten uns aus politischen Debatten und Streitfragen der Welt heraus.

Warum ist das so wichtig?

Es wird nun Offenbarung 13:16, 17 zitiert: 16 Und es (das „wilde Tier“ – steht nach den Lehren der WTG für die politischen Systeme dieser Welt) übt auf alle Menschen einen Zwang aus, auf die Kleinen und die Großen und die Reichen und die Armen und die Freien und die Sklaven, daß man diesen auf ihrer rechten Hand oder auf ihrer Stirn ein Kennzeichen anbringe 17 und daß niemand kaufen oder verkaufen könne, ausgenommen jemand, der das Kennzeichen hat, den Namen des wilden Tieres oder die Zahl seines Namens.

Wir spüren heute schon, wie uns das politische System seinen Stempel aufdrücken will, auf unser Denken wie auf unser Handeln. Wir müssen völlig sicherstellen, dass wir bei politischen Fragen der Welt neutral bleiben, indem wir uns nicht aktiv politisch beteiligen und sogar unseren Gedanken verbieten, parteiisch zu werden.

Er beleuchtet dann drei Bereiche, für die das beispielhaft wichtig sei soll.

a) Die von der Welt verbreitete Propaganda.

„Wir wissen ja, was die Medien so alles über Zeugen Jehovas von sich geben – was da manchmal alles verdreht wird und was für ein negatives Bild man von uns zeichnet. Sollten wir also von ihnen bei anderen Themen eine neutrale Berichterstattung erwarten?“

b) Sportveranstaltungen – haben nationalistische Ziele

c) Politische Versprechen, besonders, wenn Wahlen anstehen

Der Kerngedanke der Ansprache von Jackson soll die „christliche Neutralität“sein. Doch es ist äußerst schwierig, die Ansprache überhaupt zu analysieren, weil Gedanken aneinander gereiht werden, die im Grunde nichts miteinander zu tun haben. Es werden Thesen ohne jede Grundlage oder biblischen Beweis in den Raum gestellt.

Der Reihe nach: die Prophezeiung von Micha über eine Zeit, in der viele Menschen dem wahren Gott folgen werden, wird genutzt, um den Begriff der „Einheit“ der Zeugen Jehovas hervorzuheben.

Doch beachten wir die Formulierung: „Was erleichtert es allen Zeugen Jehovas weltweit, so vereint zu sein, unbeteiligt an den Kriegen dieser Welt?“

Dieser Satz ist – bei Licht betrachtet, einfach nur unsinnig.

Jehovas Zeugen sind eine weltweit vertretene Religionsgemeinschaft. Sie sehen sich als weltweite Bruderschaft, die „Einheit im Glauben“ hat. Dieser Umstand wird in einem Atemzug genannt mit „… unbeteiligt an den Kriegen dieser Welt.“

Es ist eine Tatsache, dass Zeugen Jehovas den Kriegsdienst weltweit verweigern und somit kein Zeuge Jehovas als Person aktiv an Kriegshandlungen teilnehmen würde. Wir wollen uns an dieser Stelle mit diesem Umstand nicht auseinandersetzen und diesen weder religiös noch politisch bewerten.

Es ist aber so, dass das menschliche Miteinander bei weitem nicht nur von Kriegen geprägt und beeinflusst wird. Bedauerlicherweise gibt es ständig eine Vielzahl von nationalen und internationalen Konflikten, aber es gibt darüber hinaus hunderte von Lebensbereichen, die das Leben von Menschen positiv oder negativ beeinflussen können und der überwiegende Teil der Menschheit lebt nicht im Krieg, sondern in relativem Frieden.

Jackson tut jedoch so, als ob es jeder der ca. 8.000.000 Zeugen Jehovas aufgrund seiner religiösen Einstellung jeden Tag vermeidet, in den Krieg zu ziehen – er suggeriert, dass der Rest der Bevölkerung in den USA, in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Australien, also weltweit, täglich aufeinander los geht, weil keine religiöse Einheit besteht.

Er wirft „Politik“ und „Kriege dieser Welt“ in einen Topf; er benennt dies in einem Atemzug, als ob die Politik nur aus dem einen Thema besteht, gegen wen man in den Krieg ziehen könnte. Jackson erklärt weiter: „Dazu gehört unter anderem unsere christliche Neutralität.“

Christliche Neutralität

Bitte suche in der Bibel das Wort „neutral“ oder das Wort „Neutralität“. Du wirst es nicht finden! Der Begriff der „christlichen Neutralität“ ist eine Erfindung von Zeugen Jehovas, den sie aus bestimmten Aussagen der Bibel ableiten, ebenso wie das Gebot, keinen Geburtstag zu feiern oder nicht zu rauchen. Es gibt keine Aussage in der Bibel, die eine „christliche Neutralität“ gebietet.

Gleichwohl wird dieser Begriff als bekannt und akzeptiert vorausgesetzt – Jackson führt weiter aus:

Neutral zu sein bedeutet für uns, bei politischen Themen keine Partei zu ergreifen. Wir halten uns aus politischen Debatten und Streitfragen der Welt heraus.“

Von Micha springt Jackson in die Offenbarung; die zitierte Textstelle soll vermutlich aussagen, dass man seiner Existenz beraubt wird, wenn man nicht mit den Regierungsmächten kooperiert.  Dann erklärt Jackson: „

Wir spüren heute schon, wie uns das politische System seinen Stempel aufdrücken will, auf unser Denken wie auf unser Handeln. Wir müssen völlig sicherstellen, dass wir bei politischen Fragen der Welt neutral bleiben, indem wir uns nicht aktiv politisch beteiligen und sogar unseren Gedanken verbieten, parteiisch zu werden.“

Diese Aussage wollen wir nun genau unter die Lupe nehmen: Was sagt Jackson und was bedeutet das konkret. Wie verhalten Zeugen Jehovas sich tatsächlich? Dieses Forum ist in deutscher Sprache und richtet sich daher tatsächlich an den deutschsprachigen Raum: Deutschland, Österreich, Schweiz. Diese Länder sind Demokratien; sie sind technisch hoch entwickelt; die Bevölkerung lebt in relativem Wohlstand. Diese Länder sehen sich als Rechtsstaaten.

Nun fragen wir: was meint Jackson mit dem „politischen System“?

Ausgehend von Deutschland als demokratisch organisiertem Rechtsstaat mit einer den christlichen Werten verpflichteten Verfassung, untersuchen wir einmal das „politische System“, aus dem man sich aufgrund seiner „christlichen Neutralität“ aufgrund der „religiösen Einheit“ heraushalten soll.

Als Jesus auf der Erde wirkte und seine 12 Jünger um sich sammelte, um das Königreich Gottes auf der Erde zu verkünden, tat er die bekannte Äußerung aus Johannes 17:16:“… ihr seid kein Teil der Welt…“.

Auf dieser Aussage fußt die Doktrin der WTG von der „christlichen Neutralität“. Weder wollen wir diese Doktrin hier näher darstellen noch wollen wir die Aussage Jesu:“… ihr seid kein Teil der Welt….“ theologisch betrachten. Hierzu gibt es beispielsweise auf der Seite „Bruderinfo“ eine Abhandlung, die lesenswert sein mag.

https://www.bruderinfo.de/fixnews/ihr-seid-kein-teil-der-welt/

Wir betrachten die Aussage von Jackson rein praktisch!

Nimm an, Du bist ein Zeuge Jehovas und lebst in einem abgeschiedenen Dorf mit 99 Einwohnern. Es sind 30 Männer, 28 Frauen und 41 Kinder unter 18 Jahren in diesem Dorf. In dem Dorf lebt es sich ganz gut, denn der Ackerbau funktioniert; das Dorf hat einen kleinen Fluss und über eine Landstraße wird das Dorf mit allem versorgt, was es nicht selber erzeugen kann. Man verkauft, was man produziert und nicht selber braucht; von den Erlösen kauft man das, was man braucht, aber nicht selber produzieren kann.

Wie funktioniert diese Dorfgemeinschaft? Man redet miteinander und findet Konsens, wenn es Interessenkonflikte gibt. Für Entscheidungen von größerer Bedeutung treffen sich die Erwachsenen im Dorf, diskutieren und stellen Dinge zur Abstimmung. Alle Erwachsenen dürfen sich äußern und schlussendlich bei jeder Abstimmung gleichberechtigt teilnehmen.

Wird der Zeuge Jehovas an den Dorfversammlungen teilnehmen? Wird er sich äußern? Wird er mit abstimmen?

Es handelt sich um Belange des allgemeinen Lebens und jeder Christ sollte sich fragen: wieso – um alles in der Welt – soll ich mich als Mensch, als Bürger eines Landes, als Steuerzahler, als Elternteil, als Mitglied einer Interessengemeinschaft nicht an der Entscheidungsfindung von Dingen des täglichen Lebens beteiligen?

Was aber ist Politik? Politik besteht darin, Interessen und Bedürfnisse zu erkennen und diese für eine Gemeinschaft zu verwirklichen bzw. zu befriedigen. Jedes Individuum und jede Gemeinschaft trifft auf natürliche Grenzen, auf Zielkonflikte, auf begrenzte Ressourcen. Dann gilt es, Prioritäten zu setzen und zu Entscheidungen zu kommen, die es dann umzusetzen gilt.

Auf kommunaler Ebene sind dies:

  • Kindergartenplätze vom 1.-6. Lebensjahr, die ca. 20 % eines kommunalen Haushalts ausmachen können
  • Schulen von der 1. – 13. Klasse in verschiedenen Schulformen
  • Bücherei
  • Jugendarbeit
  • Einwohnermeldewesen
  • Standesamt
  • Vereinswesen/Ehrenamt
  • Sozialleistungen für Bedürftige/Rentner
  • Schwimmbäder
  • Unterhaltung eines Straßennetzes
  • Unterhaltung von Gemeinschaftseinrichtungen aller Art, einschließlich Friedhöfe
  • Selbstorganisation der Verwaltung (Personal, EDV, Finanzen)
  • Verwaltungseinrichtungen wie ein Bauhof, Klärwerk, Abfallentsorgung
  • Naturschutz
  • Tourismusförderung
  • Krankenhäuser
  • Seniorenpflegeeinrichtungen
  • Feuerwehr

Kommunen verfügen nicht über eigenes Militär. Auf Landesebene gibt es eine Vielzahl von Aufgaben:

  • Schulwesen – pädagogisches Personal
  • Hochschulen
  • Straßenbau – und unterhaltung
  • Polizei
  • Gerichtswesen, Strafvollzug

Die Länder verfügen ebenfalls nicht über eigenes Militär. Dies wird von uns nur deshalb betont, weil Jackson so tut, als ob die einzige staatliche Aufgabe darin besteht, Kriege anzuzetteln und zu führen. Die Bundesrepublik als Staat schließlich erfüllt alle Aufgaben, welche nicht von Ländern und Kommunen erfüllt werden,

  • Hochschulen
  • Bundesstraßen und Bundesautobahnen
  • Militär/Landesverteidigung einschließlich Grenzschutz; Bundespolizei
  • Finanzverwaltung des Bundes
  • Zoll
  • Auswärtige Beziehungen mit anderen Staaten
  • Handels- und Wirtschaftspolitik – staatlich

Diese staatliche Politik wird wiederum durch überstaatliche Organisationen wie die Europäische Union beeinflußt. Die repräsentative Demokratie funktioniert so, dass Bürger ihre Interessen formulieren; Interessenvertreter befassen sich damit und suchen Lösungen.

Die Willensbildung erfolgt durch „Parteien“; diese benennen Kandidaten und so entstehen in demokratischen Wahlen Stadträdte, Kreistage, Landesparlamente und das Bundesparlament.

 

Rein praktisch fragen wir uns nun: wie funktioniert das Leben, wie soll es funktionieren, wenn niemand sagen darf, was er sich vorstellt und wie er es am liebsten hätte?

Wenn alle Menschen in Deutschland so „christlich“ wären wie Zeugen Jehovas, wer würde dann eine politische Richtung vorschlagen und wer würde sie durchsetzen?

Nehmen wir einmal ein „Extrembeispiel“, das katholisch geprägte Land Polen. Ca. 97 % aller Menschen gehören der gleichen Kirche an – sie sind katholisch. Angenommen, die katholische Kirche würde für ihre Mitglieder die „christliche Neutralität“ entdecken. Der Staat könnte dann noch von 3 % der Bevölkerung gestaltet werden…

Damit wären wir bei einem weiteren Thema: dem Staatsaufbau.

In den westlichen demokratischen Staaten herrscht Gewaltenteilung, indem die gesetzgebende Gewalt, also das Parlament vom Volk gewählt wird; die ausführende Gewalt, also die Verwaltung bzw. auf Bundes- und Länderebene die Ministerien führen die Gesetze aus und bei Streitigkeiten kommt die dritte Staatsgewalt zum Zuge: unabhängige Gerichte sprechen in mehreren Instanzen Recht.

Zeugen Jehovas weltweit haben keine Probleme damit, als Staatsbedienstete, also auch als Beamte, zu arbeiten. Beamte sprechen einen Eid, in dem sie geloben, die Verfassung zu wahren. Die Verfassung zu wahren bedeutet jedoch weit mehr, als die Verfassung nur zu achten. Etwas zu „wahren“ bedeutet, es zu schützen und zu verteidigen.

In der Verfassung stehen jedoch die Grundsätze des Staatsaufbaus; wer die Verfassung wahrt, muss staatstreu sein, also den Staat insgesamt tragen und zu den Staatsorganen insgesamt loyal sein. Staatsorgane sind jedoch, wie oben ausgeführt, auch Parlament und Gerichte. Kurzum: wer für die Exekutive des Staates arbeitet, ist Teil der Staatsgewalt; er ist EIN Teil der Staatsgewalt, die sich in die drei Gewalten: Legislative, Exekutive, Judikative unterteilt.

Wie kann man erklären, „christlich neutral“ zu sein und gleichzeitig für die Exekutive des Staates arbeiten und im Rahmen dessen auf die gesamte Verfassung schwören und beloben, diese zu verteidigen? Wohlbemerkt: ein Christ kann das ohne Probleme, weil es dem Christentum nicht widerspricht. Zeugen Jehovas können es auch – wobei unklar ist, wie sie dies mit ihrer „christlichen Neutralität“ vereinbaren können.

Es sei ein weiteres Problem angemerkt:

Beamte haben in ihrer Amtsführung politisch neutral zu sein. Als Privatpersonen dürfen sie jedoch durchaus eine politische Meinung haben; sie dürfen sogar politische Ämter bekleiden. Ein Beamter darf in der Gemeinde, in der er als Kommunalbediensteter tätig ist, nicht gleichzeitig dem Stadtrat angehören, wohl aber in einer Nachbarkommune, wenn er dort wohnt (der Wohnsitz ist Voraussetzung dafür, in einer Kommune in den Rat gewählt zu werden).

Klar ist somit, was bei Beamten mit „politischer Neutralität“ gemeint ist; unklar ist, was Zeugen Jehovas mit „christlicher Neutralität“ meinen.

Schauen wir auf die weiteren Ausführungen von Jackson:

Wir spüren heute schon, wie uns das politische System seinen Stempel aufdrücken will, auf unser Denken wie auf unser Handeln. Wir müssen völlig sicherstellen, dass wir bei politischen Fragen der Welt neutral bleiben, indem wir uns nicht aktiv politisch beteiligen und sogar unseren Gedanken verbieten, parteiisch zu werden.“

Diese Äußerung von Jackson ist – gelinde ausgedrückt – völlig sinnfrei! Das „politische System will uns seinen Stempel aufdrücken“?!

Die Menschen leben in Gemeinschaften; die Welt ist in Staaten aufgeteilt; innerhalb der Staaten herrscht idealerweise ein nicht korruptes, rechtstaatliches System mit Regeln, die idealerweise christlichen Grundwerten entsprechen. Nicht die Rede ist somit von Unrechtsstaaten, Diktaturen oder religiös geprägten Regierungen, die den Staat nach religiösen Gesetzen diktatorisch und religiös unfrei regieren.

Erneut mag die Bundesrepublik Deutschland als Beispiel dienen: aus Steuern und Abgaben generiert der Staat Einnahmen; die Hälfte aller im Inland produzierten Waren und Dienstleistungen sind direkt oder indirekt staatlicher Natur.

Was heißt das? Die Kindergärten und Schulen, in die unsere Kinder gehen, sind staatlich. Die Schwimmbäder, in denen wir schwimmen, sind kommunal/staatlich.

Die Straßen, auf denen wir fahren, wurden durch die Kommunen, die Länder und den Bund hergestellt. Der Stadtpark, in dem wir spazieren gehen, wurde durch die Kommune hergerichtet. Das Licht, welches wir anschalten, bekommt seinen Strom von den kommunalen Stadtwerken und die Toilette, die wir benutzen, entsorgt in das kommunale Klärwerk. Nachts werden die Straßen durch kommunale Leuchten erhellt und wenn wir Gefahr wittern, rufen wir die (Landes-)Polizei.

Nochmals: DIE HÄLFTE des Umsatzes eines Staates ist staatlich; die andere Hälfte ist privater Natur, indem Leute Geld verdienen und ihr Nettogehalt für ihren privaten Konsum verwenden, also kurzfristiger Konsum (Lebensmittel, Mietzahlungen), mittelfristiger Konsum (Haushaltsmaschinen, KFZ), langfristiger Konsum/private Investition (Wohneigentum) und indem Firmen Waren und Dienstleistungen produzieren.

Es handelt sich hier um einen Wirtschaftskreislauf, der nach komplexen Gesetzmäßigkeiten funktioniert und natürlich auch staatlich, also politisch beeinflusst wird durch Handelspolitik, Steuerpolitik, Geldpolitik und viele weitere Faktoren.

Niemand will Zeugen Jehovas „einen Stempel aufdrücken“

Es ist also nicht so, dass sich der Staat oder „die Politik“ in irgendeiner Weise speziell für Zeugen Jehovas interessiert. Niemand will Zeugen Jehovas „einen Stempel aufdrücken“. Staaten und auch überstaatliche Organisationen wie die Welthandelsorganisation, die Europäische Union und vergleichbare Vereinigungen haben das Ziel, global für eine große Gemeinschaft von Menschen ein gutes Leben zu realisieren.

Systeme sind mitunter durchdrungen von Korruption oder Betrug. Auf der Suche nach dem besten Weg gibt es viele Möglichkeiten und auch viele Irrungen. Dies liegt in der Natur der Sache und war schon immer so – es ist aber kein religiöses Thema.

Jackson untermauert seine These dann mit 3 Beispielen:

Er diskreditiert pauschal die Medien – und zwar alle Medien und erklärt diese für unglaubwürdig; (Trump lässt grüßen) Er regt dazu an, den Medien einfach keine Beachtung zu schenken. Er stellt nationale Sportveranstaltungen als fragwürdig hin, weil dies den Nationalismus fördern könne. Und er diskreditiert pauschal alle Politiker, weil diese im Rahmen von Wahlkampf immer mehr versprechen, als sie dann halten.

Hierzu sagen wir kurz und knapp folgendes:

Die Pressefreiheit hat in Deutschland und in vielen anderen Staaten Verfassungsrang. Für die Pressefreiheit sind viele Menschen bereit, zu kämpfen und Nachteile in Kauf zu nehmen, um die Pressefreiheit zu erhalten. Die Medien also pauschal zu diskreditieren mit der Behauptung, sie würden Falsches über Zeugen Jehovas verbreiten – das ist schon frech.

Internationale Sportereignisse dienen nicht dem Nationalismus, sondern der Völkerverständigung, dem Entgegenwirken von Rassismus und der internationalen Freundschaft. Sie sind der Höhepunkt des Sports an sich, der von der Spaßliga über regionale zu überregionalen Wettkämpfe auf die nationale und dann die internationale Ebene geht.

Der Sport wiederum dient als Breitensport der Gesundheit der Menschen; als Leistungssport ist es ein Geschäftszweig wie viele andere. Und: ja, natürlich kann der Sport für Nationalstolz und Nationalismus missbraucht werden; Christen haben damit aber keine Probleme.

Politiker machen Wahlkampf, um gewählt zu werden; sie bilden Meinungen für Mehrheiten, um danach zu gestalten. Die politische Gestaltung ist geprägt von Mehrheitsbildungen und Kompromissen; die Ergebnisse sind vielfach nicht das, was ursprünglich nach der reinen Lehre beabsichtigt und versprochen war.

Aber auch das ist nur ein Spiegel der Lebenswirklichkeit, die eben Wagnisse, Unvorhergesehenes, auch Unlauteres oder Unehrliches beinhaltet. Politiker sollen und wollen das Leben gestalten – sie wollen nicht als Prediger in der Kirche für die seelische Erhebung des Volkes sorgen, sondern dafür, dass das Volk gut gebildet, mit Nahrung und Wohnraum versorgt ist und ein soziales und kulturelles Umfeld vorfindet, das als attraktiv angesehen wird. Diese Vorstellungen sind einem stetigen Wandel unterworfen und so ist es auch die Politik. Darüber hinaus sind die Vorstellungen auch von Region zu Region – sogar innerhalb eines Landes, teilweise unterschiedlich.

Für einen Zeugen Jehovas sind die Aussagen von Jackson klar und unmissverständlich, es bedarf keiner Begründung oder Erklärung – schon gar nicht eines biblischen Belegs.

Denn ein Mensch, der als Zeuge Jehovas aufgewachsen ist, dem wurden von Anfang an jegliche Informationen entweder vorenthalten oder die Informationen wurden als falsch, schlecht, nicht zielführend, unchristlich, weltlich oder satanisch dargestellt. Politik, Interesse am gesellschaftlichen Geschehen, gar Teilhabe wurden als weltlich, Zeitverschwendung, Kraft in das „derzeitige System der Dinge“ dargestellt.

Bildung wurde als nicht nutzbringend abgelehnt; ein Beruf mit einem Mindesteinkommen, das es erlaubt, als Prediger seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, wurde als erstrebenswert dargestellt und eine solche „Karriere“ brachte Ansehen innerhalb des Mikro-Kosmos der Ortsversammlung. So sind viele über ein solches Stadium nicht hinausgekommen und fühlen sich bis heute sehr wohl in einer solchen Rolle.

Mit anderen Worten: die Doktrin von der „christlichen Neutralität“ hat vielen Zeugen Jehovas die Scheuklappen aufgesetzt, die es braucht, nur in eine Richtung zu marschieren und alles, was links und rechts ist, überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Damit wären wir dann beim eigentlichen Sinn der Doktrin:

Ein Christ kümmert sich – wie der beispielhafte Samariter – um sein Umfeld, ist aufmerksam und engagiert. Deshalb gibt es so viele ehrenamtlich organisierte Organisationen, in denen Menschen sich in den verschiedensten Bereichen gegenseitig unterstützen. Jehovas Zeugen nehmen dies nicht nur nicht zur Kenntnis –sie bestreiten diese Tatsache aktiv. Sie erklären, dass es keine Nächstenliebe unter den „Weltmenschen“ gäbe; statt dessen seien Egoismus, Eigennutz, Unehrlichkeit, Selbstsucht vorherrschend; keiner sei bereit, für den anderen etwas zu tun. Nur sie selbst opfern sich für ihre Mitmenschen auf, indem sie predigen – aber es werde ihnen mit Undank und Unglauben vergolten.

Damit ist die WTG am Ziel: ihre Schäfchen folgen brav der Doktrin – und interessieren sich in der Regel für nichts außer den Aktivitäten, die ihnen als die einzig lohnenden in der untergehenden Welt dargestellt werden: predigen, noch mehr predigen, bis zum Schluss predigen – und je weniger Leute das interessiert, desto mehr fühlen sie sich bestätigt.

DAS ist das, was der Verkündiger in der Ortsversammlung glaubt – weil er einfach nichts anderes kennt. Und warum kennt er nichts anderes?

Wegen Morgenansprachen wie der von Geoffrey Jackson.

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Benachrichtige mich bei
Heinz G.

Ergänzend zum Sinn dieser Doktrin von Geoffrey Jackson möchte ich hinzfügen: Es geht auch um Alleinstellungsmerkmale. Nur wir sind neutral, die böse Welt ist es nicht. Nur wir feiern keinen Gebutrstag und kein Weihnachten/Ostern etc. Nur wir verweigern Bluttransfusionen. Nur wir predigen. Das predigen würde ich allerdings gern in Anführungsstriche setzen. Es ist ein Verbreiten von JW.org-Doktrinen, die jederzeit geändert werden können und zwar vor und zurück. Z.B. obrigkeitliche Gerwalten: vor dem zweiten Weltkrieg ist es der Staat, dann Jehova/Jesus, dann ab 1963 wieder der Staat. Nur wir verweigern den Ersatzdienst und gehen dafür ins Gefängnis (in der BRD). Aber… Weiterlesen »

David

Hallo BI,

vielen Dank für diesen ausgesprochen guten Artikel.

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Raffaela

Das Geleier kenne ich schon seit über  40 Jahren .  Wir sollen unsere Gedanken verbieten ,damit wir für sie leichter

manipulierbar sind. Als ein eingeschlossener ZJ sieht man es nicht,man kann es nicht sehen. Gerade als

junger Mensch ist es fasst unmöglich. Ich danke Gott Vater und sein Sohn Christus für die Freiheit.

LG  Raffaela

M.N.

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Ulla

Hallo Heinz, “Alleinstellungsmermale”….naja, da hatten wohl so manche schon vor dem ersten Weltkrieg “mehr helleres Licht” als die Bibelforscher: In einer Doku über die “Hutterer” (1870 gegründet) war zu erfahren, dass sie schon wegen ihrer Kriegsdienstverweigerung im ERSTEN Weltkrieg verfolgt wurden und fliehen mussten. Zunächst nach Osteuropa, dann bis nach Canada, wo sie heute in Kommunen friedlich zusammenleben. Also in einer Zeit, in der 1915 die deutschen Bibelforscher noch ermutigt wurden, den Kaiser dabei zu unterstützen, Jerusalem von den Türken zu befreien und in der in den WT-Ausgaben noch die Feldpostbriefe erwähnt wurden und Namen von Einberufenen und Gefallenen im… Weiterlesen »

Horst

Lieber Bruder “Bert”,

wieder einmal führt kein Weg an den Fakten vorbei, mit denen Du das Pamphlet des ahnungslosen und realitätsfremden Mr. Jackson quasi “zerrupfst”. – Danke für Deine Mühe.

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Gruss Horst

 

ProJesus

Jehovas Zeugen haben ihren eigenen Propaganda-TV-Kanal und nutzen also die Medien zu ihren Gunsten. G.W. Jackson von der Leitenden Körperschaft verunglimpft in seiner Propaganda-Ansprache die anderen Medien, indem er sagt: “Sollten wir also von ihnen bei anderen Themen eine neutrale Berichterstattung erwarten? Die Medien dieser Welt nähren bestimmte Vorstellungen …; das könnte auf uns abfärben. Wir müssen also aufpassen, dass wir uns von der Propaganda … beeinflussen lassen, besonders von Medienberichten und vielen Dingen mehr.” Ob die zuschauenden Zeugen Jehovas aber so weit denken können, mal ihren eigenen Propagada-Kanal diesbezüglich abzutasten? Ob sie merken, wie durch den JW.Org-TV-Kanal Sendung für… Weiterlesen »

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Wow – ich danke ALLEN Autoren hier für ihre Beiträge!
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Hallo zusammen, vielen Dank für diesen super Artikel. Zufälligerweise habe ich mit meinem Vater, einem Ältesten, genau über diesen Punkt letztens gesprochen. Er gab völlig offen zu, dass jede Person direkt ausgeschlossen wird, die offen sagt, das sie wählen geht. Auch Engagement in Vereinen sieht man sehr kritisch, man kann dann schnell mal alle “Vorrechte” verlieren. Aussage hier: Man hat ja schon gewählt und zwar Jehova. Alles andere geht nicht. Auf meine Erwiderung, dass es ja auch einen Haufen Beamte als ZJ gibt, die auf die Verfassung schwören, konnte er nichts erwidern. Außer: “Das machen die ja nur zu beruflichen Zwecken…” “Ach ne,… Weiterlesen »

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@ M.N. Lieber M.N. “Betrachtet man WTG-Auslegung im Lichte der “Heutigen ‘Ältesten’ haben die Aussicht, zu ‘Fürsten der Neuen Erde’ ernannt zu werden”-Lockung der WTG an jeden “getauften”, aktiven männlichen “Zeugen Jehovas”, so wird deutlich, dass es sozusagen der “Traum eines jeden männlichen ‘Zeugen Jehovas'” sein muss, auf der künftigen “Neuen Erde” einen möglichst hohen Posten in dieser von der WTG prophezeiten “Verwaltung” der “Neuen Erde” zu erhalten”. Danke für Deinen Kommentar. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Man beobachtet, wie derzeit ja vorrangig junge Älteste eingesetzt werden und die Alten immer mehr abdanken. Wer das Kongressprogramm am… Weiterlesen »

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Ich möchte für die tollen Gedanken von M.N., Markus, Horst, Boas, David, Martin, auch unseres Edes und allen anderen danken. Ein großes Lob für Eure Mühen.   Ja der Wind wird rauer. Da muss der Sklave die Verkündiger vorbereiten, damit sie weiter ihre Augen und Ohren verschließen.   Ein paar Gedanken, insbesondere an TdW mit seiner Frage, was zum Kongress gefallen hat.   Christliche Neutralität beginnt beim Nächsten! Wer ist Dein Nächster? Man muss nicht immer groß denken. Man sollte vielmehr im Kleinen beginnen. Wer ist der Nächste? In der Zeit der Zusammenkunft die Person vor Dir, neben Dir und hinter… Weiterlesen »

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