„Erkenntnis in sich aufnehmen“

StudiumEin Zeuge Jehovas ist sein Leben lang damit beschäftigt, „Erkenntnis in sich aufzunehmen“, ist er doch überzeugt worden, dass sein ewiges Leben davon abhängt.

Zitat:  “Außerdem heißt es in der Bibel: „Dies bedeutet ewiges Leben, dass sie fortgesetzt Erkenntnis in sich aufnehmen über dich, den allein wahren Gott, und über den, den du ausgesandt hast, Jesus Christus“ (Johannes 17:3). Man kann seine geistigen Bedürfnisse nur befriedigen, wenn man eine genaue Erkenntnis über Jesus hat”. w05 15. 9. S. 3

Johannes 17:3 ist der Schlüsseltext mit dem uns die WTG auffordert, zur Befriedigung unserer geistigen Bedürfnisse die Publikationen der WTG und ihre Lehransichten zu verinnerlichen, da diese zum ewigen Leben führen.

„Erkenntnis in sich aufnehmen“ bedeutet für einen Zeugen Jehovas demnach nichts anderes als lernen, studieren und verinnerlichen der jeweiligen Wahrheiten des treuen und verständigen Sklaven, dem Lehrkörper der Zeugen Jehovas. Dies beginnt damit, dass ein Interessierter mittels eines „Heimbibelstudiums“ oder, wie es in jüngster Zeit heißt, durch einen „Bibelkurs“ Erkenntnis aufnimmt. Dann geht es weiter durch Belehrung in den Versammlungen, besonders aber durch das „persönliche Bibel-Studium“ an Hand der Literatur der WTG, denn es wird seitens der WTG streng darüber gewacht, dass nur Literatur der WTG zum persönlichen Studium verwendet wird.

Erkenntnis in sich aufnehmen

Die Redewendung „Erkenntnis in sich aufnehmen“ ist gestützt auf die stark tendenziöse Wiedergabe aus Joh. 17:3, “hina ginōskōsin se” in der WTG –eigenen Neuen Weltübersetzung (NWÜ). Der griechische Begriff “hina ginōskōsin se” bezieht sich laut Gräzistik (die Wissenschaft von der Sprache und Literatur des Altgriechischen) jedoch nicht auf ein intellektuelles Erkennen und Lernen von Fakten durch ein sogenanntes Studium, sondern auf das Eingetreten sein in ein andauerndes Vertrauensverhältnis mit Gott dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Keine andere Übersetzung fügt das urtextfremde Aktionswort “aufnehmen” plus “in sich” ein, was von dem einzigen ursprünglichen Verb “erkennen (ginōskō)” weglenkt und dies in ein Nomen umwandelt.

Dies muss als eine bewusste Fehlübersetzung gesehen werden, um die darauf aufbauende Ideologie von Studium, studieren, persönliches Studium usw. für das ewige Leben als ein biblisches Erfordernis zu belegen.

Gemäß dem Wachtturm 1992, 1. 3. S. 23 “Erkenntnis in sich aufnehmen über Gott und Jesus”, stützt sich die grammatikakrobatische WTG-Apologetik betreffs Joh. 17:3 auf die Tatsache, dass dem griechischen Präsens ein “durativer Aspekt” innewohnt. Jedoch stellt sich hier die Frage, weshalb die NWÜ nicht konsequenterweise jeden griechischen Präsens mit “andauernd” oder “fortgesetzt” ergänzt, und wieso ein weiteres zusätzliches Verb in den Satz hineingeschmuggelt wird (“aufnehmen“), das explizit nicht im Urtext steht?

In der veränderten Wiedergabe der 2013-Revision der NWÜ (“their coming to know you“) gibt die WTG ganz offen zu, dass ihre Wiedergabe im Sinne ihrer Zielvorgabe, Menschen zu Zeugen Jehovas zu machen, angepasst werde:

Zitat: Es studierten Leute jahrzehntelang die Bibel mit uns, andauernd – sie nahmen also fortgesetzt Erkenntnis in sich auf – doch erreichten sie jemals das Ziel, ein Gott hingegebener und getaufter Zeuge Jehovas zu werden? Die frühere Wiedergabe hob die bloße Tätigkeit der Erkenntnisaufnahme hervor (was von diesen Leuten getan wurde, ohne dass sie jemals am Ziel, ein Zeuge Jehovas zu werden, ankamen), wohingegen Jesus hier eigentlich das Erreichen des Ziels – einen Stand der Erkenntnis zu besitzen, der jemanden zu einem wahren Anbeter Jehovas –( sprich: Ein Zeuge Jehovas – macht) – hervorhob. Zitat Ende

Aus Versen wie 1. Kor. 8:3 Wenn jemand meint, etwas Besonderes erkannt zu haben, dann hat er noch nicht einmal erkannt, wie man erkennen soll.Wenn aber jemand Gott liebt, dann ist er von ihm erkannt worden“, oder Gal 4:9 „Aber zu der Zeit, als ihr Gott noch nicht kanntet, dientet ihr denen, die in Wahrheit nicht Götter sind. Nachdem ihr aber Gott erkannt habt, ……“ wird deutlich, worum es bei ” Erkennen” im biblischen Sinne geht: Nicht um ein bloßes intellektuelles Aufnehmen von Fakten, sondern um interpersonale “Beziehung”.

Wenn es heißt, Menschen werden von Gott “erkannt”, dann kann dies nicht bedeuten, Gott müsse erst einmal hinsichtlich der betreffenden Person lernen und Fakten über diese sammeln. Dies deckt sich mit dem Septuagintagebrauch von “ginōskō” im AT, z. B. in 1. Mose 4:1 “Adam erkannte (égnō, Präteritum von ginōskō) seine Frau“. Auch hier musste Adam nicht erst seine Frau im Sinne eines Faktenstudiums kennenlernen, sondern trat in eine “Beziehung” – in diesem Falle Geschlechtsbeziehungen – mit ihr ein.

Die N.E.T.-Studienbibel gibt folgenden Kommentar dazu: “Obgleich einige auf den Gebrauch von “erkennen” (γινώσκω, ginosko) als Beleg gnostischen Einflusses im 4. Evangelium (Johannes) hingewiesen haben, gibt es einen entscheidenden Unterschied: Für Johannes ist dieses Erkennen nicht ein intellektuelles, sondern eines, das auf einer Beziehung/einem Verhältnis beruht. Es bedeutet, eine Beziehung / ein Verhältnis zu (Gott und Jesus Christus) haben.”Der Begriff der Erkenntnis ist also in diesem Zusammenhang fehl am Platz.

Was ist Erkenntnis?

Der Begriff der Erkenntnis ist einer der Grundbegriffe der neuzeitlichen Philosophie. Er lässt sich nicht auf andere bekanntere oder übergeordnete Begriffe zurückführen und ist ohne Selbstbezug nicht definierbar. Sein Verständnis muss deshalb aus einer erläuternden Begriffsanalyse und durch Bestimmung der gebräuchlichen Verwendung anhand von Beispielen gewonnen werden. Der Begriff der Erkenntnis bezeichnet deshalb das Ergebnis (das Erkannte) und den Prozess des Erkennens (den Erkenntnisakt).

Die Vorsilbe „Er-„ im Wort Er-kenntnis ist ähnlich wie bei Er-fahren oder Er-leben eine Bezeichnung für eine über das bloße Kennen hinausgehende Einsicht in einen Gegenstand, die u. a. durch Verstehen von Wesensmerkmalen und Erinnerung gekennzeichnet ist.

Was bedeutet es überhaupt, „Erkenntnis“ zu erlangen und zu besitzen?

Die NWÜ übersetzt ja “hina ginōskōsin se” aus Joh.17:3 bekanntlich mit dem tendenziösen “Erkenntnis in sich aufnehmen” auf das studieren und konsumieren „geistiger Speise” des treuen und verständigen Sklaven reduziert. Das wurde dann in der 2013-Revision dahingehend gestreamlined, dass es nun heißt, ich zitiere noch einmal in Englisch, da die dt. Übersetzung noch nicht vorliegt: “…their coming to know you…”, was sich laut WTG-”Gräzistik” insofern von der früheren Wiedergabe unterscheiden soll, dass es nicht mehr um einen andauernden Lern-PROZESS handelt, sprich, ein jahre- oder jahrzehntelanges Heimbibelstudium mit JZ, ohne jemals den Weg zum Taufbecken zu gehen, sondern gemäß der “revidierten” Variante nun doch bitte sehr auch Fakten geschaffen werden sollen: “

„… COMING to know …”, also, irgendwo hin zu KOMMEN, nämlich dahin, ein ordentlich getaufter Zeuge Jehovas zu werden. Nachdem wir aber auch so viel Studier-Zeit in dich investiert haben, soll da aber auch bitte schön am Ende etwas dabei herauskommen!

Grundsätzlich ändert sich also am eigentlichen, von der WTG verstandenen und gewollten Gehalt der NWÜ-Wiedergabe von Joh. 17:3 nichts: Erkenntnis = Faktenwissen; Erkenntnisgewinn = lernen, studieren und konsumieren der von der WTG als “(über)lebensnotwendige geistige Speise” bezeichneten Organisationsdirektiven mit der selbstverständlich zu erfüllenden Zielvorgabe der GEHORSAMEN UMSETZUNG des Gelernten, in den Predigtdienst einführen und Bericht abgeben.

Schaut man sich diverse Kommentare zum Wort “gínomai ” an, dann wird recht schnell klar, worum es hier eigentlich geht, und was in der „WTG-Exegese” komplett ignoriert, bzw. verzerrt, verbogen und verfälscht wird.

Zum Beispiel der N E T-Studienbibelkommentar: “(γινώσκω, ginosko) … dieses Erkennen [ist] nicht ein intellektuelles, sondern eines, das auf einer Beziehung/einem Verhältnis beruht. Es bedeutet, eine Beziehung / ein Verhältnis zu haben.”

Peoples New Testament Notes sagt: “The key to that knowledge is faith and love”, woraus ebenfalls deutlich wird, dass es hier nicht um kühlen Faktenkonsum geht.

“Erkenntnis” zu besitzen, bedeutet also in all diesen Fällen, in einem Vertrauensverhältnis zu stehen, in der inneren Gewissheit dessen, was das mit sich bringt, was des Öfteren als “Gotteskindschaft” bezeichnet wird. Geradeso wie ein kleines Kind nicht erst mal seinen Papi “studieren” und intellektuell “analysieren” muss (wie groß? wie schwer? dick, dünn, Augen-, Haarfarbe, große/kleine Hände, Ingenieur bei IBM, Hobbies …), bevor es sich vertrauensvoll an ihn kuschelt und sich total geborgen fühlt, fern jeder Angst und Sorgen um das Morgen, egal, ob der Papi dick oder dünn ist, genauso verhält es sich mit “Gotteskindern”

In diesem Zusammenhang sind auch die Worte Jesu zu verstehen, wenn er sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“. Matth. 18:2-5

Gotteskindschaft und die WTG-Theologie

Nun ist dieses Konzept der “Gotteskindschaft” der WTG-Theologie völlig fremd; so etwas kennt die WTG, kennen Zeugen Jehovas nicht. Sie DÜRFEN es nicht kennen, denn die WTG reserviert die Segnung der “Gotteskindschaft” ausschließlich für “Gesalbte”: “Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.” (Röm. 8:16). Die Masse an “nichtgesalbten” ZJ wird von der WTG pausenlos belehrt: “Nein – nicht ihr, NUR Gesalbte.”

Ist das vielleicht der Grund, warum in den letzten Jahren die Zahl an “Gedächtnismahlteilnehmern” (Personen, die von den Symbolen nehmen) sprunghaft in die Höhe schnellt? Merken hier Menschen instinktiv, wie sie um dieses unsäglich wunderbare Vertrauensverhältnis zum Schöpfer und zum Christus, dem “Oberhirten unserer Seelen”, geprellt werden?

Fühlen sie, dass ihnen “wahre Gottes-ERKENNTNIS” – Gotteskindschaft, dieses unvergleichliche Vater-Kind-Vertrauensverhältnis mit dem Schöpfer – vorenthalten wird? Das, von dem Jesus sagte: “Damit sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, dass auch sie in uns eins seien … dass sie eins seien, wie wir eins sind – ich in ihnen und du in mir -, dass sie in eins vollendet seien”? Joh. 17:21

Gott erkennen, heißt Gott erfahren in dem, was dieses herzliche, vertraute Verhältnis an innerer Zuversicht und Ruhe ins Menschenherz strahlt. Das Bewusstsein, sich nicht durch das hektisch/panische Abarbeiten eines angeordneten Katalogs an Anforderungen (studieren – predigen – den Wachtturm studieren –Versammlungen besuchen – predigen – Kongresse besuchen – predigen – noch mehr, immer mehr predigen …) die Rettung (v)erdienen, das Beste geben, wissend, dass die größten Segnungen die Gott uns gibt, “chárisma” – Gnade, ein Geschenk – sind, die man sich nicht erarbeiten kann.

Frieden – Zuversicht – Herzensruhe – das ist für mich zumindest das, was “Erkenntnis” bedeutet, und das hat nichts mit WTG-verordnetem “Studieren geistiger WTG-Speise” zu tun. WTG-Speise führt zu Unrast, Unruhe, Rastlosigkeit, Schuldgefühlen, immer noch nicht “genügend” zu tun und “noch mehr” tun zu müssen, um nicht in Harmagedon vernichtet zu werden. Das hat nichts mit wahrer “gnōsis”, mit echtem “ginōskō” zu tun. Lassen wir uns hiervon nicht nur selbst leiten, sondern tragen wir es auch hinaus, überall dort hin, wo Menschen unter WTG-Diktat um eines der herrlichsten Dinge gebracht werden, die wir Menschen haben können: Um ein herzliches Vertrauensverhältnis zu Gott dem Vater und zum Sohn Jesus Christus: “Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort bewahren, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.” (Joh. 14:23)

Erkenntnis und der Anspruch auf die absolute Wahrheit

gk29ud_640_427Unter uns Zeugen Jehovas kann man feststellen, dass tiefer gehende geistige Gespräche nicht nur nicht erwünscht sind, sondern oft auch nicht möglich (es sei denn, es treffen sich zwei, die innerlich schon mit Problemen, Zweifeln und Fragen ringen). In der Regel geht solch eine Person, die Fragen und Zweifel hat, nicht zu den Ältesten, denn ihre Antworten kann sie sich selbst geben.

Die Erkenntnis, dass auch wir als Zeugen viele Dinge nicht völlig verstehen, ist den meisten Zeugen fremd. Es ist auch nicht verkehrt, bezüglich solcher Dinge neugierig zu sein, zu spekulieren oder zu interpretieren, solange wir unsere Schlussfolgerungen nicht in sektiererischer Weise zur absoluten Wahrheit, zu heilsnotwendigen Erkenntnissen oder zu für andere verbindlichen Dogmen hochstilisieren und erklären. Wir werden heute nicht auf alle Fragen eine allein richtige und verbindliche Antwort finden; um so weniger darf man Menschen, die in solchen Punkten vielleicht anderer Auffassung sind, ihr ‘Christsein’ absprechen oder sie gar in angemaßter Richtereigenschaft verurteilen.

So wollten zum Beispiel die Jünger Jesu nach seiner Auferstehung von ihm erfahren, ob er in jener Zeit das Königreich aufrichten würde. Aber er sagte ihnen, dass das Wissen

darum nicht ihre Angelegenheit sei (Apg. 1:6-8). Wer die Anstrengungen kennt, die manche Menschen oder religiöse Führer unternommen haben, um biblische Prophezeiungen bezüglich der Endzeit auszulegen und chronologisch zu berechnen, und welche Enttäuschungen dadurch hervorgerufen wurden, kann verstehen, warum uns Jesus Christus davor warnte. Er kann die Torheit begreifen, und man versteht auch gut die Gott nicht ehrenden Folgen, die sogar psychisch krank machen.

Wenn man Gebiete berührt, die in der Schrift nicht völlig erläutert werden, dann muss man nicht nur Sorgfalt walten lassen – das sollte selbstverständlich sein -, sondern sich auch immer die eigene Fehlerhaftigkeit, die Möglichkeit des eigenen Irrens vor Augen halten. Es ist sicher eine menschliche Neigung, sich gerade gern in solche Themen zu vertiefen. Probleme entstehen dabei jedoch erst dann, wenn es den Auslegern und Kommentatoren an Demut fehlt und sie ihre aus stückweisem Erkennen herrührenden Schlussfolgerungen als völlige und sogar verbindliche Wahrheit ausgeben.

Es wird allerdings immer Personen geben, die überzeugt sind, mehr als andere zu wissen, und die auch kühn genug sind, ihre Behauptungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie mögen dann so weit gehen, zu behaupten, dass ihre Erkenntnisse zur Rettung unerlässlich seien. Doch wenn wir im Sinne der Bibel richtig eingestellt sind, werden wir uns von solchen Anmaßungen nicht übermäßig beeindrucken oder beeinflussen lassen oder zulassen, dass uns solche Personen einschüchtern.

Wir werden daran denken, was Paulus in 1.Kor. 13:9-13 sagte, und uns daran erinnern, dass alles, was zur Rettung notwendig ist, in der Schrift klar beschrieben wird.

„Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Enttäuschung darüber, dass wir gewisse Dinge nicht wissen oder mit stückweisem Erkennen leben müssen, ist oft nur ein Mangel der Betrachtungsweise, des richtigen Blickwinkels. Jemand, der seinen Glaubensweg unter die Leitung des Geistes Gottes gestellt hat, der ‘geistig’ eingestellt ist, hat nicht das Bedürfnis, wegen jeder Frage, in der unterschiedliche Meinungen bestehen, zu streiten oder zu debattieren, und dies deshalb, weil eine geistig reife Person auf solche Punkte viel weniger Wert legt als ein ‘unreifer’ Christ.

Eine wirklich geistig gesinnte Person weiß, dass die Frucht des täglichen Lebens, die der Liebe zu Gott und dem Nächsten entspringt, viel wichtiger ist als Kopfwissen in mehr oder weniger zweitrangigen Fragen. Sie weiß auch, dass Personen, welche die Gabe größerer Einsicht in das Verständnis der Schrift haben als sie selbst, und die den Geist Christi haben, persönliche Demut und Respekt für andere widerspiegeln werden.

Diese werden keine ‘Schläger’ sein – Leute, die ihre Darlegungen mit unbeherrschter oder maßloser Sprache, mit Scheingeistigkeit oder mit Absolutheitsanspruch und Autoritätsanmaßung vortragen oder vermengen (1.Tim. 3:3; Jak. 3:13).

Die stückweise Erkenntnis, zu der wir Zugang haben, ist dennoch sehr umfassend und groß. Man könnte wohl mehrere Menschenleben damit zubringen, alles zu verarbeiten und zu ergründen, was uns heute schon zugänglich ist. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf diese uns zugängliche Erkenntnis richten, sollte unser Ziel sein, die Gedanken Gottes zu verstehen, herauszufinden, wie wir denken und handeln sollten in Übereinstimmung mit seinem geoffenbarten Willen (Matth. 7:21).

Wir sollten uns beschäftigen, göttliche Weisheit in unserem Alltag hier und jetzt anzuwenden. Was jenseits unseres Lebens liegt, ist immer noch in beträchtliches Dunkel gehüllt.

 Beibehaltene WTG-Denkschemata

Nach einer jahrzehntelangen Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft hat man auch gewisse Ausdrucksweisen und Formulierungen übernommen. Aber das ist nicht entscheidend, sondern der Inhalt dessen, was man sagt, ist wichtig. So gebrauchte zum Beispiel Johannes Ausdrücke sowohl der griechischen Philosophie (logos, gnosis usw.) als auch der jüdischen Apokalyptik (Offenbarung), gab ihnen aber ganz andere, nämlich christliche Inhalte. Es sollte sich daher niemand abschrecken lassen, wenn man bei einem Schreiber vielleicht noch Anklänge an WT-Stilistik entdecken mag, so wie theologische Ausdrucksweisen uns zurückhalten sollten, die zum Ausdruck gebrachten Gedanken zu erwägen.

Wie schon angeführt, haben Zeugen Jehovas in der Regel kein Verlangen nach biblischen Diskussionen. Man besucht die Zusammenkunft und verinnerlicht den Stoff wie er dargeboten wird und geht nachhause, um weiter zu machen wie bisher. Das fehlende Verlangen nach biblischen Diskussionen oder Gedankenaustausch – nicht das sogenannte ‘Studieren’ der WT-Publikationen – würde sich kaum ändern, wenn mehr Gedankenfreiheit bestünde. Der Einfluss von oben ist so stark, dass die Mehrheit der Zeugen sich

bei freien biblischen Diskussionen nicht wohl fühlen würde, schon bei den geringsten Ansätzen dazu kommt häufig der Kommentar: ‘irgendwann werden wir es wissen’, was sagen soll: „nur jetzt keine beunruhigenden Diskussionen, lasst uns lieber auf den ‘Sklaven’ warten und beim Althergebrachten bleiben! Nicht aufregen, ich will meine Ruhe und meinen Frieden behalten. Seltsamerweise gilt dies aber nur für einen Zeugen Jehovas. Wenn es darum geht, anderen Menschen die „Wahrheit“ zu bringen, wird rücksichtlos diskutiert, egal, ob der Betreffende seinen Frieden und sein soziales Umfeld verliert oder nicht. Dann wird erwartet, dass der Betreffende für die „Wahrheit“ Stellung bezieht, er ein Zeuge Jehovas wird.

Fragen zum Schluss

Fragen wir uns: Sind wir als Zeugen dabei, durch das Betonen von Erkenntnis als Wissen, das Wichtigste, den Dienst am Nächsten, außer Acht zu lassen?

Sehen wir die Grundlage der Rettung in der Erkenntnis im Sinne von Wissen?

Haben wir verstanden, dass unsere Rettung nur im Erkennen Gottes, seines Sohnes und seiner Gerechtigkeit liegt, so wie es Jesus Christus in Johannes 17:3 zum Ausdruck bringt?

Haben wir verstanden, dass es nicht falsch ist, sich mit Fragen auseinander zu setzen und Antworten zu suchen, aber Diskussionen und Erörterungen uns nicht trennen dürfen? Kommt es wirklich darauf an, alles richtig zu verstehen, und ob wir mit der richtigen Gemeinschaft oder Kirche verbunden sind?

Ein Zeuge Jehovas tut sich mit der Antwort auf diese Fragen schwer, zu sehr ist er davon überzeugt, die Wahrheit zu besitzen und dass die „Erkenntnis im Sinne von Wissen“ für das ewige Leben unerlässlich ist.

 

[Gesamt:3    Durchschnitt: 5/5]

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O.W. Schade

Zum Thema “Erkenntnis in sich aufnehmen” Danke für die wertvolle Recherche-Arbeit Eures Artikels! Wir Menschen wollen zu Recht verstehen und erkennen, wollen Einsicht, Durchsicht und Übersicht. Und nur zu gerne nimmt unsere menschliche Natur für diesen mühsamen Weg die Abkürzung: Das Sammeln von Fakten und das Abarbeiten eines Pensums. Das Erkennen mit Wissen und Erleben, mit Glauben und Vertrauen einhergeht wird dabei leicht übersehen. Nicht umsonst spricht Paulus in Römer 6:17-19 vom Glaubensgehorsam, der aus dem HERZEN kommt. Während der Kopf also mit Fakten “gefüttert wird”, wird das gehorsame Herz mit lebendigen Erfahrungen “gefüttert”. Jetzt erst bekommt das biblische Erkennen… Weiterlesen »

Tommy

Sehr guter Artikel und auch vielen Dank fuer die Muehe.
In einer Uebersetzung des Codex Sinaiticus steht z. B. ….dass sie Gott KENNEN und den, den er geschickt hat, Jesus Christus……
Ist m. E. nach die sinnvollere Uebersetzung und bestaerkt dass, was Jesus laut Schrift dann auch nachher sagt.
Leider ist es so, das man oft selbst lesen muss, manchmal aufgrung Aussagen anderer. Man prueft, wie der Beroeer. Ist m. E. bei den Zeugen nicht so sehr der Fall. Wird nicht gerne gesehen.
Tommy

kritikus

Danke! Der Artikel macht einen sehr vernünftigen Eindruck! Johannes 17:3 kann ich nach dem gr. Text in dem Sinne wiedergeben, dass es heißt: “Dies ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott erkennen und den, den du gesandt hast, Jesus Christus.” Dieses “Erkennen” wurde richtig definiert, und es hat tatsächlich wenig mit “studieren”, aber viel mit der Erfahrung zu tun, die ein Mensch mit Jehova machen kann. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich in einem Kochbuch lese (also Erkenntnis über die Zubereitung eines Essens aufnehme), oder ob ich dieses Essen auch selbst schmecke, rieche, koste und… Weiterlesen »

NEU

Lieber Autor, vielen Dank für deine Mühe. Die “Erkenntnis-Übersetzung” ist nicht mehr tragbar, war sie eigentlich nie. Danke für die präzise Aufarbeitung. Ich denke persönlich, dass die WTG in Bezug auf Joh. 17:3 und anderer Bibelverse ihrer revidierten NWÜ in Zeitlupe zurückrudert ist und wir einen revidierten Bibel Mix aus allen Übersetzungen im grauen Umschlag, bald als neues Licht in unseren Händen bewundern dürfen. (Alter guter Wein in neuen Schläuchen) Das Wörtchen “Erkenntnis” wird bestimmt nicht mehr in der revidierten deutschen NWÜ zu finden sein, sondern man wird sich der guten alten Elberfelder bedienen, wo zu lesen ist: “Das ist… Weiterlesen »

Matthäus

Danke für dieses Thema, eigentlich traurig wenn man darüber nachdenkt dass Millionen ZJ, viele Jahrzehnte mich eingeschlossen, den Menschen diesen Vers (Joh. 17:3) immer wieder vorgelesen hat und vermitteln wollte dass daraus das ewige folgt. Und das nur weil man tendenziös dem eigenen Vorteil folgend (Bücher, Zeitschriften etc. zu produzieren und lange Zeit auch zu verkaufen) von der wahren Botschaft zur Rettung abwich. Dabei hätte man nur ein paar Kap. davor in Joh es nachlesen können: 5:39 Ihr forscht doch in den Heiligen Schriften und seid überzeugt, in ihnen das ewige Leben zu finden – und gerade sie weisen auf… Weiterlesen »

Lehabim

hallo Und vielen Dank für den guten Artikel, wer immer ihn auch verfasst hat! Ich hatte ein paar Jahre nach meiner Taufe, das war vielleicht 1984, einen 5 Seiten Brief an die Gesellschaft gesandt, wo ich genau fast die gleichen Gedanken äußerte, weil ich damals schon den Eindruck gewann, Joh.17:3 nach der NWÜ wird dazu gebraucht, um die Brüder zum studieren anzuhalten, der eigentliche Sinn des Textes ginge aber verloren. Für mich gehörte das “Erkenntnis in sich aufnehmen” vielmehr zu einem Mittel um schließlich JHWH und Christus zu erkennen oder zu ” erfassen” in ihrer Gesamtheit. Wie sich jeder denken… Weiterlesen »

Mario Enge

@Frank & Frei

Hallo, schöne Zeilen hast du da geschrieben, darf ich da ein Lied draus machen?

Gruß

Mario der singende Zimmermann 🙂