Die WTG und Paulus – Gesetz und Liebe

„Wir wissen, dass ein Mensch nicht gerecht wird, weil er das tut, was im Gesetz geschrieben steht, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, …. denn durch das Tun dessen, was im Gesetz geschrieben steht, wird kein Mensch gerecht werden”. Galater 2:16,17 (Zürcher Bibel)

Ganz offensichtlich hat die Wachtturmgesellschaft das Gesetz Christi, das Gesetz der Liebe, beiseite geschoben. Sie wollen die Worte des Paulus: „Christus ist das Ende des Gesetzes“, nicht akzeptieren. Es gefällt der WTG, die paulinischen Briefe als eine Art Talmud und Mischna zu verwenden, womit Paulus wieder zu dem gemacht wird, was er nicht mehr sein wollte, als er seine Briefe schrieb: ein Pharisäer.

Die Mischna (hebr. מִשְׁנָה, „Wiederholung“) ist die erste größere Niederschrift der mündlichen Tora und als solche eine der wichtigsten Sammlungen religionsgesetzlicher Überlieferungen des rabbinischen Judentums. Die Mischna enthält vorwiegend Bestimmungen zur Halacha – dem jüdischen Religionsgesetz.

Nehmen wir als Beispiel die, von Paulus im Galaterbrief, aufgezählten Werke des Fleisches, die er der Frucht des Geistes gegenüberstellt. Es handelt sich hierbei nicht um einen Laster- und Tugendkatalog, um anzuordnen, das eine zu lassen und das andere zu tun.

Vielmehr verdeutlicht er, in welche Richtung das sündige Fleisch führt und was das beständige Wandeln im Geist bewirkt. Solange wir im Fleisch und somit im sündigen Zustand sind, werden wir auch niemals die Begierden des Fleisches vollständig abtöten oder ausschalten können, jedenfalls nicht aus eigener Kraft, denn sonst würden wir ja das Opfer Jesu Christi für unnütz erklären und verleugnen. Nur wer erkennt, dass Christus die Mitte des Alten und Neuen Testaments und des Evangeliums ist, dem wird auch gewahr, dass er eben nicht durch Gesetzeswerke oder Gesetzesdenken gerecht wird, sondern nur durch Glauben.

Die WTG und ihr Lehrkomitee hingegen, fordern ständige Werks-, Leistungs- und Gesetzesgerechtigkeit und treten damit (bewusst oder unbewusst) die Person und das Opfer Jesu mit Füßen. Es besteht keine Akzeptanz, hinsichtlich dessen, dass allein Christus für Christen der Heilsweg und das Ende des Gesetzes ist. Sie können nicht verstehen, dass Christen deshalb nicht gesetzlos werden, da Christen ja unter dem dreifachen Gesetz der Liebe – dem königlichen Gesetz – dem Gesetz des Christus, stehen.

Der Glaube eines Christen hebt das Gesetz nicht auf, sondern er richtet es auf, durch die Anerkennung, dass es zur Erkenntnis der Sünde dient und als Zuchtmeister zu Jesus führt. Er allein ist der Mittler, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er hat uns als Helfer den Heiligen Geist verheißen und keine Hilfsmittel einer Organisation. Auch Christen bleiben weiter im Fleisch gefangen, was bewirkt, dass auch sie zuweilen immer noch sündige Taten begehen. Doch selbst dann findet man Zuflucht beim Herrn Jesus und dem himmlischen Vater.

Christen leben nicht mehr gedankenlos und bewusst  für das Fleisch, sondern für den, der für uns starb. Sie kämpfen als Kinder Gottes für Wahrheit und Recht, indem sie das Evangelium weitergeben und mit Zuversicht auf die Erlösung warten. Keinesfalls werden Christen die „gute Botschaft“ auf das Königreich reduzieren, wie es von der WTG verkündigt wird, denn sonst würde allen etwas fehlen: Unser Zentrum –  der Christus.

Gesetzesdenken, der Feind der christlichen Freiheit

Paulus sagt: “[Sie] hätten uns gerne wieder unter das Gesetz gezwungen.”  (Galater 2:4, GN.)

Gesetzesdenken ist schon seit frühester Zeit das Haupthindernis auf dem Weg zum wahren Christentum. Besonders die Denkweise der „Pharisäer“ war davon geprägt. Erläuterung zum Begriff: Pharisäer wird übersetzt mit  „die Abgesonderten“ und es spricht vieles dafür, dass sich dieser Name durchsetzte, weil diese Gruppierung sich selbst als das wahre Israel sah und sich vom Rest der Nation absondern wollte.

Halten wir hier inne und fragen uns: Finden wir genau dieses Denken nicht auch unter Jehovas Zeugen? Sehen sie sich nicht auch als Teil des „wahren Israels“? Betrachten wir uns nicht auch als besondere Menschen, „abgesondert“ von der übrigen Menschheit, als etwas Besseres?

Die Pharisäer, in vorchristlicher Zeit, verfolgten im Grunde edle Ziele. Sie traten, mit religiösem Eifer, für Gehorsam gegenüber Gottes Gesetz (der Thora) ein, das damals, durch den zunehmenden griechischen Einfluss,  bedroht war. Die Pharisäer glaubten, dass eine Rückkehr zu vollständigem Gehorsam, gegenüber dem Gesetz, unbedingt notwendig sei und wollten sich so auf das Kommen des Messias vorbereiten.

Fragen wir uns: Verfolgen Jehovas Zeugen im Grunde nicht auch edle Ziele und treten mit religiösem Eifer für Gehorsam, gegenüber dem Gesetz Gottes, ein? Glauben wir nicht auch, durch vollständigen Gesetzesgehorsam „Freunde Gottes“ werden zu können?

Gesetzesdenken

Am Ende jedoch, waren die Pharisäer die Hauptgegner des Messias. Keine andere Gruppe forderte so sehr und immer wieder Christi Tadel heraus. Ihr Bemühen, um Loyalität gegenüber Gott und seinem Gesetz, resultierte in  reinem Gesetzesdenken. Jesus bezeichnete sie als engstirnig und starrsinnig, als solche, die die wichtigsten Dinge aus den Augen verloren haben: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Treue, Nächstenliebe.

Fragen wir uns weiter: Werden Jehovas Zeugen nicht auch gedrängt, Loyalität gegenüber Gott, seinem Gesetz und gegenüber “seiner Organisation” zu zeigen? In ihrer Verirrung und dem krankhaften Bemühen, dem mosaischem Gesetz zu folgen, spielt Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe nur eine untergeordnete Rolle. Wenn du das als überzogene Behauptung empfindest, betrachte den Umgang der WTG mit missbrauchten Kindern. Hier beruft die Organisation sich auf die, in diesem Zusammenhang, zweifelhafte Zweizeugenregel, aus 5. Mose 19:15.

https://www.oliverwolschke.de/warum-vier-zahlen-mein-leben-veraendert-haben/die-zwei-zeugen-regel/

So wie die Pharisäer, sind Jehovas Zeugen intensiv damit beschäftigt, alles zu vermeiden, was sie in den Augen Gottes „unrein“ machen könnte, ohne zu erkennen, wie sehr sie dabei die Lehre Jesu außer Acht lassen. Jesus trat immer für Sünder und Opfer ein und war dabei sogar bereit, das Gesetz zu übersehen. Er sprach davon, dass die Pharisäer „schwere Lasten auf die Schultern der Menschen legen“ – Lasten, für die sie als geistliche Führer keinen Finger bewegten. (Matthäus 23:4) Durch die Konzentration auf das Gesetz wurden sie selbstgerecht; sie brüsteten sich damit, dass sie es genauer einhielten, als die Übrigen und begannen, andere zu richten, die nicht ihren Maßstäben entsprachen. Dieses uralte Schema der Pharisäer, mit buchstäblich denselben Resultaten, kann man, auch heutzutage, bei  Jehovas Zeugen und anderen fundamentalistischen Gruppen beobachten.

Eine WTG-Gesetzessammlung wird entwickelt

In den Wachtturm-Schriften äußerte man sich oft, in einer sehr abwertenden Weise, über die Entwicklung des jüdischen Talmuds, der sich auf die rabbinischen Auslegungen des mosaischen Gesetzes gründet. Und doch hat die Organisation, in den vergangenen Jahrzehnten, ebenfalls ihre eigene Gesetzessammlung entwickelt, die auffallend umfassend, komplex und vergleichbar mit den rabbinischen Auslegungen des mosaischen Gesetzes ist. Das alles ist mit dem Anspruch geschehen, „die Versammlung rein zu halten“ und „getrennt von der Welt“ zu sein. Damit rechtfertigte man dieses Gesetzesdenken vor Gott.

Diese „theokratische Gesetzessammlung“ ist in den letzten sechs Jahrzehnten weiterentwickelt worden. Sie entstand aus den Auslegungen biblischer Aussagen, führt diese weiter aus und ergänzt sie, mit immer mehr Fallbeispielen „für das tägliche Leben.“

Es ist richtig: Jehovas Zeugen sagen, dass sie nicht mehr unter dem Gesetz Mose stehen. Tatsächlich aber leben sie heute unter einem anderen Gesetz und ordnen sich diesem unter; sie glauben, ihre Rechtfertigung sei daran gebunden, dieses „theokratische Gesetz“ zu halten.

Eine Rechtsordnung wird durch eine andere ersetzt

Eine interne Wachtturm-Publikation, mit dem Titel: „Hütet die Herde Gottes“, dient als Anleitung für Älteste und ist eine Ansammlung von Gesetzen und Vorschriften, nach denen Älteste, im Umgang mit der „Herde“, verfahren sollen. Es wird behauptet, Christen würden „einer neuen Rechtsordnung unterstehen“, einer Sammlung von Regeln  für christliches Handeln und Benehmen, die für alle Zeugen „bindend“ und „durchsetzbar“ sei.

Paulus selbst jedoch gab unmissverständlich zu verstehen, dass das „Gesetz des Christus“ ganz bestimmt keine neue Rechtsordnung oder Sammlung von Regeln ist. (Galater 6:4)

Als Gott Christen aus dem Gesetzesbund in seinen neuen Bund führte, ließ er sie nicht von einer Gesetzessammlung zu einer anderen  „Rechtsordnung“ oder „Sammlung von Regeln“ hinüberwechseln. Das „Gesetz des Christus“ findet sich in seinen Lehren, in seinem Vorbild und in seiner Lebensweise  und nichts davon weist auf eine sogenannte neue Rechtsordnung hin. Wir sehen vielmehr, dass sein Gesetz „das königliche Gesetz der Liebe“ und das „Gesetz des Glaubens“ ist und Liebe und Glauben können unmöglich auf eine Sammlung von Regeln und Vorschriften reduziert werden oder in ihnen zum Ausdruck kommen.

(Vergleiche Galater 6:2 mit Römer 3:27, 28; 13:8; Jakobus 2:8.)

Man kann Menschen nicht durch Vorschriften dazu bewegen, Liebe und Glauben zu haben. Zweifellos aus diesem Grunde sagt der Apostel Paulus:  „Das Gesetz stammt nicht aus dem Glauben“. Warum? Weil ein Gesetz (im Sinne einer Sammlung von Regeln) sich im Wesentlichen nur auf Unterordnung und nicht auf Glauben gründet, man befolgt es oder auch nicht. Der Gehorsam gegenüber dem Gesetz wird zum Kriterium für Gerechtigkeit. Wer sich an die Vorschriften hält, den nennt man gerecht; wer es nicht tut, den bestraft man. Die überragende Bedeutung des Glaubens ist hierbei ohne Belang.

Das war für den Apostel Grund genug, um das Thema „christliche Freiheit“   (auch die Freiheit von einer, von Menschen gemachten, “bindenden“ religiösen Rechtsordnung) in äußerst deutlichen Worten darzustellen:

„Ich setze die unverdiente Güte Gottes nicht beiseite; denn wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, ist Christus tatsächlich nicht gestorben. Ihr seid von Christus losgetrennt, wer ihr auch seid, die ihr versucht, durch Gesetz gerecht gesprochen zu werden; ihr seid von seiner unverdienten Güte abgefallen.”  (Galater 5:4) 


Im Jahre 1976 beschloss die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, das Handbuch „Hilfe zur Beantwortung von Anfragen an das Zweigbüro“ zu überarbeiten. Das Buch gibt allen Zweigkomitees der Organisation Richtlinien an die Hand, wie sie Probleme behandeln sollten. Die Absicht der Revision war, neuere Entscheidungen der LK in das Handbuch aufzunehmen, das allein für den internen Gebrauch bestimmt ist.

Hier nur ein kleiner Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis der Themen, welche wie eine Art Gesetzessammlung behandelt werden:

Abtreibung, Abtrünnigkeit, Adoption, Alkoholische Getränke, Fehlverhalten, Arzt, Blut, Treueversprechen, Militärdienst, Berufstätigkeit, Geschäftsbeziehung, Tabak, Blutschuld, Brautpreis, Ehebruch, Familienangelegenheiten, Witwenrente, Geburtenkontrolle, Geisteskrankheit, Geschlechtsumwandlung, Hosen, Impotenz u.s.w.               

Praktisch jeder Lebensbereich, jede Familien- und Eheangelegenheit, der Beruf, soziale Beziehungen und das Verhältnis zu anderen Bevölkerungsgruppen wird von Richtlinien abgedeckt. Doch die 174 Titeleinträge, die im Register aufgeführt sind, geben nur oberflächlich wieder, was diese Seiten tatsächlich an kuriosen Anweisungen und Gesetzen enthalten. Sie vermitteln nur eine kleine Vorstellung davon, wie weitreichend und komplex die Verhaltensvorschriften der Organisation geworden sind.

Die Unmenge an Vorschriften und Untervorschriften kann man nur als “talmudisch” bezeichnen. Und mit jedem weiteren Jahr erscheinen neue Vorschriften, als Ergebnis von Sitzungen der leitenden Körperschaft. Diese Vorschriften werden dann auch mit derselben Achtung behandelt, wie   Aussagen, die direkt aus der Bibel stammen. Schon im Wachtturm, Februar 1945, Ausgabe Bern, Seite 8, lesen wir, Zitat:

“Es muss uns stets klar sein, dass die Organisation des Volkes Gottes theokratisch und nicht demokratisch ist. Die Gesetze für Gottes Organisation kommen von ihm selbst, dem großen Theokraten, Jehova, dem Höchsten, über allen Erhabenen. . . . Wenn man will, kann man sagen, eine theokratische Organisation werde von oben nach unten gelenkt (von Gott, dem Höchsten aus abwärts) und nicht von unten nach oben (von den Gliedern der Versammlung aufwärts).”

So wie die Pharisäer versuchten das Gesetz des Moses zu interpretieren, interpretiert auch die WTG das Gesetz und die Lehren von Jesu und die Worte des Paulus. Wenn uns Paulus z. B. ermahnt: „ … hütet euch vor Hurerei … “,  dann sehen die Verantwortlichen der WTG sich berechtigt, zu erklären was Hurerei ist und gehen dabei weit über das hinaus, was Paulus im Sinn hatte. Wenn z.B. heute Mann und Frau, ohne Trauschein, in einer eheähnlichen Gemeinschaft zusammenleben, werden sie als “Hurer”  bezeichnet und verurteilt, ohne zu berücksichtigen, dass es sich um  persönliche Entscheidungen dieser beiden Menschen handelt, die sie mit ihrem Gewissen vor Gott vertreten müssen.

Gesetzesdenken dringt geschickt ein

Während der Präsidentschaft von Charles Taze Russell (von 1881-1916), war die Organisation auffallend frei von Gesetzesdenken. Nach dem Tode Russells und der Wahl Rutherfords zum Präsidenten, machte sich ein völlig anderer Ton und Geist in der Verwaltung der Organisation breit. Rutherford war kein Mensch, der gerne Widerspruch duldete. Er war es, der den „Predigtdienst”, im Grunde zu einem „Gesetzeswerk“ für alle Mitglieder, festschrieb. Diesem ersten Schritt folgten weitere, die der „richtigen theokratischen Gesetzessammlung“ hinzugefügt wurden.

Wenn sich Einzelne, aufgrund ihrer persönlichen Überzeugung nicht an diesem oder jenem beteiligen können, dann sollten sie das richtigerweise,  nach den Worten von Paulus in Römer 14:5-12, 22, 23, auch nicht tun. Doch fast keine Angelegenheit wurde dem Gewissen des Einzelnen überlassen; das Gesetz der Organisation regelte alles und um als treuer Christ angesehen zu werden, musste man es in jeder Hinsicht befolgen.

Dennoch war der Umfang der Reglementierungen, während Rutherfords Zeit, gering im Vergleich zu dem, was dann noch folgen sollte. Man sah zwar auf diejenigen, die sich nicht daran hielten, als „Kompromissler“ herab, doch auf Versammlungsebene wurden keine Strafmaßnahmen, wie z.B. Gemeinschaftsentzüge, durchgeführt. Man war einfach noch nicht geneigt, Personen unter die Lupe zu nehmen, was leider später so sehr üblich wurde.

Die wichtigste Periode „theokratischer“ Gesetzgebung

In den 1950er Jahren begann die eigentliche Entwicklung dessen, was man  als das Rechtssystem der Zeugen Jehovas bezeichnen kann – eine komplette Sammlung von Vorschriften und Regeln, die praktisch jeden Lebensbereich abdeckt und besonders seit 1944 setzte sich die Praxis des Gemeinschaftsentzugs durch.

In den ersten Jahren wurde einfach nur über Rat der Bibel selbst gesprochen, z.B. über den aus 1.Korinther, Kap.5, wo dringend geraten wird, keinem Umgang mit jemandem zu haben, „der sich Bruder nennt und dennoch Unzucht treibt, habgierig ist, Götzen verehrt, lästert, trinkt oder raubt”. Ohne Frage ist es weise, dem zu folgen. Doch mit der Zeit mutierte diese biblische Ermahnung zu einem Gesetz, so dass dazu eine richtige Vorschriftensammlung entstand.

Im Wachtturm, Februar 1945, Seite 7-11, wurden solche Texte wie Matthäus 18:15-17, 1.Korinther 6:1-8 und 2.Thessalonicher 3:14 besprochen. Es wurde hauptsächlich hervorgehoben, dass Fehlverhalten  nicht, (wie zuvor) von der Versammlung behandelt werden sollte, sondern von bevollmächtigten Vertretern der Theokratie. Spätere Artikel bauten darauf auf und das führte wiederum dazu, dass “ernannte Versammlungsdiener“ sich immer mehr mit Rechtsangelegenheiten befassten.

Viele dieser Männer richteten Anfragen an die Wachtturm-Weltzentrale in Brooklyn, da sie sich nicht befähigt fühlten, eindeutig darzulegen, was Gründe für einen Gemeinschaftsentzug waren und was nicht. Insider aus jener Zeit berichteten, dass dann in der Regel gesagt wurde: „Fragt Freddy!“

Mit „Freddy“ war Fred Franz gemeint, der zu jener Zeit der Vizepräsident der Watch Tower Society und anerkanntermaßen der Hauptverfasser und Bibelgelehrte der Organisation war. Man legte ihm die Frage vor und er lieferte für das entsprechende Thema die erbetene Definition oder die Anwendung aus der Bibel, gewöhnlich in Form eines Memorandums. Da die Bibel, in den meisten Fällen, keine spezielle Darlegung zum fraglichen Thema enthielt, bestand ein großer Teil der Antwort aus Argumentationen, basierend auf Interpretation des Vizepräsidenten. Er kannte die Umstände eines Falles nicht aus erster Hand. Überdies hatte er keinen persönlichen Kontakt zu den Menschen, die durch seine Entscheidungen betroffen waren.

Die Entwicklung der WTG, zu einer vom Gesetzesdenken geprägten Organisation, zeigt, wie verkehrt es ist, einem Menschen die eigentliche Entscheidung in Angelegenheiten zu übertragen, die mit gutem Grund dem Gewissen des Betroffenen zu überlassen sind, so wie es Paulus wiederholt betonte. Wie aufrichtig der Vizepräsident auch gewesen sein mag, es ist doch eine eindeutige Tatsache, dass er, durch sein ziemlich klösterliches Dasein in der Weltzentrale, vom Leben der normalen Menschen “draußen” (ein geläufiger Begriff in der Weltzentrale) isoliert war.

Warum sollten wir zulassen, dass solche Menschen unser Gewissen prägen? Warum sollten wir es anderen Menschen gestatten, unser Leben zu bestimmen? Lassen wir lieber unser Leben von Wahrheit bestimmen, die wir selbst erkannt und gelebt haben, nicht mit leeren Worten, sondern mit tatkräftiger Liebe und in aller Aufrichtigkeit.

Jesus lehrte uns gemäß 1. Johannes: 3:19-24, HFA:

„Daran erkennen wir, dass die Wahrheit unser Leben bestimmt. So können wir mit einem guten Gewissen vor Gott treten.  Doch auch wenn unser Gewissen uns schuldig spricht, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott barmherziger mit uns ist als wir selbst. Er kennt uns ganz genau.  Kann uns also unser Gewissen nicht mehr verurteilen, meine Lieben, dann dürfen wir voller Freude und Zuversicht zu Gott kommen.” 

Als Christen benötigen wir keine vom Gesetzesdenken geprägte Organisation, die unser Gewissen schulen möchte. Paulus, einst selbst geprägt durch Gesetzesdenken, kam als Nachfolger Christi, seines Herrn,  zu der Erkenntnis: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.” Röm. 14:17

Damit bringt er auch zum Ausdruck, dass die alltäglichen Dinge, welche die WTG mit ihren Regelwerken belegt, dem selbstbestimmten Christsein im Wege steht. Im Gegensatz zu dem, was die WTG, mit ihrem Reglement,   für uns festlegt, sprach Paulus von einem selbstbestimmten und persönlich erworbenen Glauben:

 “Den Glauben, den du hast, habe für dich selbst vor Gott. Selig ist, der sich selbst nicht verurteilen muss in dem, was er gutheißtWer aber zweifelt und dennoch isst, der ist schon verurteilt, denn es kommt nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde“.

 

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Horst

Horst @ Argentum und BenKenobi:

Danke Euch Beiden für die Zustimmung. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

Liebe brüderliche Grüsse Horst

ingolf-mann

Den letzten Bibeltext, den der Autor des Artikels verwendet, hat die WTG jahrelang dazu benutzt, um Personen, die von den Symbolen nahmen, und zweifelten, dass sie eine himmlische Berufung haben, zur Vernichtung zu verurteilen. Womit ich ein weiteres Beispiel für die Regeln genannt habe, die im Artikel erschöpfend ausführlich behandelt wurden. In der letzten Ansprache von Jackson über den geistigen Burnout konnte man wieder ein Phrase hören: “Die LK liebt euch und will dass ihr es schafft”. Hier meine Erfahrung: Wenn ich etwas liebe und einenge (wie durch Regeln, die zusätzlich zur Bibel erdacht werden) verliere ich den, den ich… Weiterlesen »

Meereswoge

Liebes Urmelchen, Schon viele traurige und ganz traurige Kommentare habe ich hier gelesen. Aber in Deinem habe ich mich in verschiedenen Passagen wiedergefunden. Ich nehme an, Du bist eine, naja “Ossischwester”. Ich auch und ich bin es gerne. Menschen, egal ob Bruder oder Schwester können mit ihrer Rücksichtslosigkeit und Besserwisserei den Partner mutlos, traurig, unsicher,nichtskönnend und nichts Wert machen. Auch wenn man diese Eigenschaften vorher von Gott gegeben, hatte. Zum Glück hattest Du Deine Tochter und Du bist heute glücklich unter uns, und das macht uns alle sehr glückliche. Du wurdest getragen in Deiner Not und unser gr Vater sandte… Weiterlesen »