Die Diebe, die uns beraubten

Von Rebecca Leon

Quelle: https://www.openmindsfoundation.org – freie Übersetzung aus dem Englischen

Ich wuchs als Zeugin Jehovas auf, bin also, wie man so sagt, „in der Wahrheit“ groß geworden. Für einige mag die Organisation der Zeugen Jehovas harmlos wirken und nichts mit einer Sekte zu tun haben. Sie arbeitet auch mit allen Mitteln daran, ein Bild der Harmlosigkeit zu erzeugen. Das ist einer der Gründe, warum ich meine Erfahrungen hier niederschreibe.

Nach meiner Erkenntnis und der vieler Aussteiger stimmt dieses Bild nicht. In Wirklichkeit nutzt diese Organisation allumfassend Techniken zur Gedankenkontrolle und  Persönlichkeitsveränderung, um ihren Mitgliedern alle Neigungen abzugewöhnen, die nicht den Interessen ihrer Organisation dienlich sind.

Wir haben erkannt, dass man uns der Fähigkeit kritisch zu denken, aber auch der Fähigkeit kritisch zu FÜHLEN, beraubt hat. Die Entfernung dieser beiden Eigenschaften, ist entscheidend, um erfolgreich konditioniert und versklavt zu werden.

Die meisten Menschen geraten in die Fänge einer Sekte, weil sie auf der Suche nach einem größeren Sinn und Zweck ihres Lebens sind und zu einer andersartigen Gemeinschaft mit anderen Regeln gehören wollen. Alle Religionsführer und Anwerber spielen dabei mit diesen Gefühlen, um Schwachstellen zu finden. Einmal in das Sektenleben integriert, werden unsere Ideen und Gedanken durch gezielt angewandte Manipulationstechniken verformt und konditioniert.

Erfolgt der Kontakt mit dieser Religionsgemeinschaft im Erwachsenenalter, vollzieht sich dieser Prozess schrittweise. Es wird nach und nach verlangt, mit allen Lehren und ihrer Doktrin übereinzustimmen und diese auch zu vertreten. Wer dies nicht tut, wird verurteilt, kritisiert und solange gemobbt, das heißt gemieden, bis er von selbst geht oder ausgeschlossen wird. Bei Kindern und Jugendlichen hingegen, aufgewachsen in der Organisation, greifen die Indoktrinationen und Konditionen viel tiefer, besonders durch die Manipulation des Online – Fernsehsenders JW Broadcast. Für die nachfolgenden Generationen der Zeugen wird es so immer schwerer aus diesem System auszubrechen – sie haben nie eine Alternative kennengelernt.

Für diese Menschen werden die Anweisungen der Organisation, wie zum Beispiel die Praxis des Kontaktabbruchs, kein Problem mehr darstellen, es wird in kürzester Zeit als normal betrachtet. Bei Heranwachsenden erscheinen vielleicht kleinere Veränderungen unter dem Blickwinkel des „Anziehens der neuen Persönlichkeit“ als normal. Diese Form der extremen Konditionierung erzeugt aber eine ungesunde Loyalität zu einer Organisation oder einem Führer, die aber in Wirklichkeit allen natürlichen Neigungen diametral widerspricht.

Menschen werden gezwungen, ihre Gefühle wie Liebe und Sehnsucht, alle normalen und inneren Bedürfnisse zu verleugnen und im Namen Gottes genötigt ihre Kinder, Eltern oder Geschwister zu verlassen, wenn sie einen anderen Lebensstil oder Glauben haben, der als unakzeptabel gebrandmarkt ist.

Wie wird diese Loyalität erreicht? Es wird gelehrt, dass es sich hierbei um Opfer für Gott handelt. Jehova belohnt seine „Loyalgesinnten“, ja für diese schmerzhaften Opfer wird man von Gott in überreichem Maß belohnt werden. Diese Entbehrungen verblassen im Vergleich zu dem, was Gott in der Zukunft für seine loyalen Diener bereithält. Um Segnungen seines Gottes zu erhalten, wird gefordert, den Kontakt zu seinen Angehörigen mehr oder weniger zu opfern, egal wie schmerzhaft dies für alle Beteiligten ist.

Die Organisation der Zeugen Jehovas verlangt, dass du deinen Glauben durch Arbeit unter Beweis stellst. Je größer das Opfer, umso mehr Hingabe beweist das. Angeblich vergrößert sich Gottes Gunst, wenn maximale Opfer gebracht werden. Das beste Opfer, dass du Gott Jehova darbringen kannst, ist natürlich der Einsatz im Predigtdienst. Zur “Ermunterung”  werden regelmäßig 90-jährige oder schwer kranke Verkündiger als Vorbilder vorgeführt oder erwähnt.

Sobald man diesen Leistungsdruck für sich verinnerlicht hat, erreicht man ein vitales, aber ultimativ falsches Verständnis über das, was Gott von uns erwartet. Durch diesen Prozess  ändern sich unser Denken über Gott und dessen Liebe und sein Gnadengeschenk. Und auch unser Urteil gegenüber unseren Brüdern ist gleichsam abhängig von Leistung und Einsatz im Predigtdienst, den er erbringt. Wir bewerten unsere Geschwister im Glauben aufgrund ihrer erbrachten Leistungen. Viel Einsatz bedeutet – reifer Bruder; wenig Einsatz, obwohl im Vollbesitz seiner Kräfte heißt – schwach im Glauben. Alle anderen Menschen liegen sowieso falsch, da sie die „Wahrheit“ ablehnen.

Von natürlichen Verhalten zur Selbstverleugnung

Mit der Zeit wird Selbstverleugnung zum “täglich Brot”. Der Film den man gern sehen würde, das Konzert, das man gern besuchen würde, das Telefonat, das man gerne mit seinem Kind führen würde, die Eltern zu sehen, denen man nicht einmal „Auf Wiedersehen!“ sagen konnte. All dies untersagt man sich, all dies opfert man, um „Gott zu gefallen.“

Dies ist für mich das herzzerreißendste, das diese umstrittenen Gruppen tun können – Familien und Beziehungen zu zerstören, ist eine sehr ernste Angelegenheit und bringt unwiderruflichen Schaden mit sich. Dies ist selbst nach dem Verlassen der Organisation noch der Fall. Es braucht Zeit, liebevolle Unterstützung und manchmal eine Therapie, seine Freiheit des Geistes wiederzugewinnen. Und es braucht die selbe Arbeit und Mut, sich den  Dieben, die uns alle natürliche Liebe raubten, entgegenzustellen.

Nach meinem Ausstieg war es für mich die größte Herausforderung, zu lernen, andere Menschen so zu lieben und zu akzeptieren, wie sie sind. Diese Erfahrung ist wunderschön und ein Gewinn für alle Beteiligten.

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Carl-Heinz L.

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