Der Kampf  eines Jüngers Jesu

Raymond Franz schrieb, dass er sich als Verführter fühle, der von verführten Verführern betrogen worden sei. Auch mir ging es so. Plötzlich stand ich vor der Frage, wie ich auf die gleiche Verführung hereinfallen konnte. In einem Nu war ich heimatlos geworden, denn ich hatte mir eingebildet, in einer Organsation, einer christlichen Religionsgemeinschaft zu Hause zu sein.

Ein großer Teil meiner Welt stürzte zusammen. Es geht ja nicht um einen kleinen Irrtum, sondern für manche um ein Leben, das unter falschen Voraussetzungen selbt zur Lebenslüge geworden war.  Warum  hat Gott das zugelassen, wo man doch in aller Aufrichtigkeit glaubte, das Richtige getan zu haben?  Ich finde, dass man dieser Frage nicht ausweichen sollte, denn es ist wichtiger, eine Antwort zu finden, als Zweifel zu haben und sie vor sich herzuschieben.

Was schützt uns davor, betrogen zu werden?

Zunächst sollte der Blick auf uns selbst gerichtet werden, denn dass wir auch unseren Teil dazu beigtragen haben, dass man uns betrügen konnte, ist klar. Und wie sah unser Beitrag aus? Hier kann ich nur auf mich selbst schauen und über mich selbst reden. Und ich komme rasch darauf, dass es nicht nur meine Naivität war, meine jugendliche Unerfahrenheit, es war mehr! Es war auch mein Wunschdenken, meine Sucht nach Harmonie und Frieden, nach menschlicher Wärme und Nähe. Jetzt, wo ich alt geworden bin, weiß ich genau, dass gerade diese Wünsche und Sehnsüchte von Betrügern ausgenützt werden.

Bis hierhin ist also meine Schuld noch relativ klein, aber sie wird größer, wenn ich an meine innere Wahrhaftigkeit denke, die nicht so groß war, dass sie mich hätte hindern können, mich dieser Sekte anzuschließen. Ich wollte anerkannt sein! Ich wollte, dass alles um mich herum wahrhaftig und gut sei. Und das ist gefährlich, denn dieser Wunsch verstellt den Blick auf die Wirklichkeit. Ich färbte also alles schön, ich redete mir vieles schön, auch wenn es nicht so war. Da war ich von der offenen Lüge nur noch um Haaresbreite entfernt. Mein mentaler, billiger Trost lautete so: „Jehowah wird das nicht zulassen. Er wird das ändern!“ Erst sehr viel später wurde mir bewusst, dass ich damit meine eigene Verantwortung auf Gott schob. Heute weiß ich, dass dies nicht sein darf und nicht geht.

Die entscheidende Frage

Sie lautet für mich: „Wie werde ich vom Irrtum frei?“ Sie lautet nicht: „Warum irre ich mich?“ Denn Leben bedeutet immer Auseinandersetzung mit Irrtum und Wahrheit, mit Recht und Unrecht! Leben ist immer eine Gratwanderung, ein Probieren verschiedener Möglichkeiten. Auch unter göttlicher Aufsicht muss man dauernd Entscheidungen fällen und seinen von Gott verliehenen freien Willen und sein Gewissen gebrauchen. Und wenn das so ist, dann muss ich jedesmal  die Richtung neu bestimmen.

Leben bedeutet auch der Kampf mit sich selbst! Und es gibt so einiges, gegen das man kämpfen muss. So ist Leben, wenn man es in voller Verantwortung führen will, der Kampf um die eigene innere Wahrhaftigkeit. Es ist das Ringen mit dem Gewissen. Um die Entscheidungen des Gewissens wahrzunehmen, muss man seine Stimme zulassen! Und hier sind wir an einer Stelle, wo alle Verführer ansetzen: Sie alle gängeln das Gewissen, manipulieren es oder setzen es ganz einfach außer Kraft. 

Die Rolle des Gewissens in der Organisation

Schafft man eine Organisation, wie es Rutherford gemacht hat, dann muss man zwangsläufig auch die Rolle des Gewissens abschaffen oder herunterspielen. Warum? Einfach deshalb, weil sich eigenes und freies Gewissen zusammen mit einer „von Gott geleiteten Organsiation“ nicht vertragen! Der Mensch in der „einzigen Organisation, durch die Jehowah seinen Willen ausführt“, braucht sein Gewissen nicht mehr, denn alle Entscheidungen für sein Leben trifft im Wesentlichen die Organisation, die ja von Gott geleitet wird! Innerhalb der Organisation kann es dann keine Gewissensfragen geben, sondern nur Gehorsam, weil Gott durch die Organisation schon klare Entscheidungen getroffen hat!

Das Dilemma

Das schafft für viele ein Dilemma, dem sie sich ein Leben lang ausgesetzt fühlen und das zu starken seelischen Schmerzen führen kann. Wie bringe ich das auf einen Nenner, wenn ich beobachte, dass in der Organisation offenes Unrecht geschieht und Gott es angeblich zulässt oder gewollt hat? Wenn ich den Mut aufbringen sollte, mich diesem Zweifel zu stellen, gerät meine Seele in Aufruhr. Dann beginnt die Zeit des Nachdenkens und der schlaflosen Nächte. Aber dieser Kampf muss sein, er gehört zu meinem Leben.

Gewissen und Glauben gehören zusammen

An Timotheus schrieb Paulus:

„Bleibe in deinem Glauben fest und bewahre dir ein reines Gewissen. Einige haben das leider von sich gestoßen und dadurch im Glauben Schiffbruch erlitten.“ (1. Tim. 1:19)

In der ganzen Bibel wird das Gewissen des Menschen als die Stelle beschrieben, an der Gott im Menschen „spricht“, denn es beruht ja auf einen Wertekatalog, den der Mensch von Gott verliehen bekommen hat. Das Gewissen soll dem Menschen ein Führer und ein Licht im Leben sein. Denkt man diesen Gedanken zu Ende, dann wird deutlich, dass es keine Koexistenz zwischen einem individuellen Gewissen und einer Organisation geben kann, die sich eindeutig über das Gewissen des Einzelnen stellen muss, wenn sie als Organisation in dieser Welt Erfolg und Bestand haben will! Ich darf niemals vergessen, dass diese Welt in der Macht dessen liegt, der böse ist (1. Joh. 5:19).

Und eine Organisation in dieser Welt wird zwangsläufig auch ein Teil von ihr. Das beginnt schon damit, dass sie es immer mit dem Staat zu tun hat, der die Einhaltung ganz bestimmter Gesetze fordert, die nicht immer mit den hohen Normen des Christentums übereinstimmen. Und wenn die Organisation dann auch noch Schutz beim Staat sucht (KdöR), dann muss sie dafür bezahlen und wird automatisch korrumpiert. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite ist, dass es immer Menschen gibt, die nach Macht streben. Davor ist in der Bibel schon eindringlich gewarnt worden, und doch vollzieht es sich in jeder christlichen Kirche jederzeit von neuem. Es bleibt immer die Tatsache, dass Satan reines Christentum im Sinne Jesu nicht will, nein, unter keinen Umständen!

Diese Tatsache betrifft mein Leben! Denn der böse Geist der Finsternis will nicht, dass ich mich frei und bewusst zu Jehowah und Jesus bekenne. Wenn mir bewusst ist, dass ich selbst in diesem Kampf um Wahrheit verwickelt bin, dann heißt das für mich, dass ich ständig dafür kämpfen muss, um mit Gott verbunden zu bleiben. 

Gewissen und Mut gehören zusammen

Ich muss noch eine Tatsache ins Auge fassen: Mein Gewisen ist kein starres, unveränderbares Gut! Das Gewissen kann nicht nur überhört werden, weil es anscheinend gute Gründe gibt, das zu tun, es kann auch manipuliert, d. h. verändert werden. Diese Gewissensmanipulation ist Teil des Propagandaprogramms der WTG. Man redete mir ein, das Gewissen müsse geschult werden.

Damit täuschte man mich, denn in der Bibel steht doch nur, dass es durch Gebrauch geübt werden kann. Der ständige Gebrauch des Gewissens stärkt es zur Unterscheidung von Recht und Unrecht Eine „Schulung“ kann höchstens darin bestehen, es zu verändern, es in seiner Wahrnehmung zu verändern. Und sie kann noch etwas anderes bewirken: Sie kann mich für die Warnungen des Gewissens taub machen.

Sie kann mir auch den Mut rauben, das Gewissen zu beachten! Denn immer wieder hörte und las ich in diesem Zusammenhang, dass „man sich nicht auf seinen eigenen Verstand stützen“ soll. Aber was nützt ein Feuermelder, wenn er keinen Alarm gibt? Was nützt er, wenn der Mut fehlt, auf ihn zu hören? Das Gewissen hilft mir nur, wenn ich den Mut zu Gewissensentscheidungen habe!

Es gibt keine Entlassung aus diesem Kampf!

Jeder Zeuge Jehovas kennt diese Worte: „Prüft immer wieder, ob ihr im Glauben seid!“ (2. Kor. 13:5) Aber was prüfen denn im Allgemeinen diese Menschen? Sie prüfen, ob sie allen Forderungen der Organisation befolgen. Sie prüfen nicht die Grundlagen ihres Glaubens, sondern ihre Haltung zur Doktrin. Die Doktrin steht im Mittelpunkt ihrer Prüfung, nicht so sehr ihr Gewissen oder die Bibel als maßgebende Quelle.  Sie sind blind gemacht worden für das gesunde Misstrauen gegen jede menschliche Lehre, gegen jede Ungereimtheit, die sich immer wieder ergibt, wenn Wunschdenken und Wirklichkeit nicht zusammen passen. Und dabei werden Christen doch zum Misstrauen gegenüber ihren Lehrern und gegen sich selbst aufgefordert!

Durch Prüfung soll jeder feststellen, was der Wille Gottes ist (Rö. 12:2). Man soll nicht jeder „inspirierten Äusserung“ glauben, sondern sie prüfen! (1. Joh. 4:1) Man soll sich nicht „vorschnell erschüttern lassen“ von irgendwelchen „inspirierten Äusserungen“ (2. Thes. 2:2). Man ist verpflichtet, sich ständig zu vergewissern, um bis zum Tage Christi lauter zu sein (1. Thes.5:21; Phil. 1:1). Und wie setzt man das im Leben um? Man kann es nur umsetzen, wenn man den Mut hat Fragen zu stellen, den eigenen Zweifeln nachzugehen, sein Gewissen sprechen zu lassen, die Bibel wirklich mit dem Herzen zu lesen und sich durch Jesus Christus führen zu lassen!

Christen haben also die heilige Pflicht, sich und ihren Glauben ständig zu prüfen, denn im Leben bleibt bekanntlich nichts so, wie es war. Auch der eigene Glaube ist keine Einrichtung auf Dauer; er muss immer wieder neu gelebt werden. Glaubensleben ist die ständige Auseinandersetzung mit Gott, sich selbst und der uns umgebenden Welt. Nur so ist es möglich, der Verantwortung vor Jehowah gerecht zu werden.

So gesehen darf ich mich niemals in einem „Haus“ der Religionsgemeinschaften sicher fühlen und meinen, dass für meinen Glauben schon alles getan ist, wenn ich den Anweisungen von oben gehorche. Ich darf mir  nicht einbilden, dass „schon alles richtig“ sei, weil es von einer Organisation kommt, die von sich behauptet, der „Mitteilungskanal Gottes“ zu sein. Ich darf einfach nicht blind glauben, dass man in einer Organisation sicher sei. Diese falsche, eingebildete Sicherheit hat schon den Juden in der Zeit Jeremias geschadet (Jer. 7:1-15).

Die Juden machten tatsächlich eine Lüge zu ihrer Zuflucht, weil es an innerer Wahrhaftigkeit fehlte und an Mut, zu gewissen Sünden „Nein!“ zu sagen. Diese „Zuflucht“ in der Lüge hat geschadet und gleichgültige, leichtgläubige Menschen in die Irre geführt. Für meinen Glauben, für mein Verhältnis zu Gott, trage ich ganz allein die Verantwortung! Sie darf nicht in die Hände von Menschen und ihren Organisationen gelangen. Sie gehört allein mir!

An sehr vielen Stellen im NT wird davor gewarnt, auf Betrüger hereinzufallen. Es wird dazu aufgefordert, solche bösen Bestrebungen bloß zu stellen: 

„Fragt immer danach, was dem Herrn gefällt, und beteiligt euch nicht an den nutzlosen Dingen, die zur Finsternis gehören, sondern stellt sie vielmehr bloß.“ (Eph. 5:11)

Wenn ich das tun will, dann muss ich Fragen stellen, die u. U. mir und anderen unbequem sind. Und genau solche Fragen waren es ja, die in der Geschichte des Christentums immer wieder Reformatoren, große und kleine, hervorbrachten. Es waren Menschen, die ihre Fragen mit der Bibel beantworten wollten und die sich dann bald im Gegensatz zur gerade gültigen Doktrin befanden. Sie wurden ausgegrenzt, sie wurden verfolgt und verleumdet. Damit rechneten sie, denn Jesus hat darauf hingewiesen.

In der Geschichte beobachten wir auch, dass jeder Reformator in seiner Wirkung eng begrenzt geblieben ist und dass seine Wirkung kurze Zeit später wieder in die alte Richtung umgebogen wurde. Es war also niemals möglich, zu sagen: „Jetzt bin ich im sicheren Hafen. Ich habe hier in dieser Gemeinschaft meinen Hafen gefunden!“ Das Wort von der ständigen Prüfung behält seine volle Gültigkeit, auch wenn Menschen das Gegenteil einzureden versuchen und ihre „Schäfchen“ in Sicherheit wiegen wollen und behaupten, dass man „in der Organisation gerettet wird“. Das kann es gemäß den Schriften des Neuen Testaments nicht geben:

„Gebt acht, dass euch niemand irreführt!“, erwiderte Jesus. „Viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen. ‚Ich bin der Christus!’ Damit werden sie viele verführen.“ (Mat. 24:4, 5)

Und das gilt seit der Auferstehung Christi bis zu seinem letzten Kommen. Und solange hat ein an Jesus glaubender Mensch immer den Kampf zu kämpfen. Immer wieder muss er sich gegen seine feindliche Umwelt, ja sogar gegen vermeintliche Brüder behaupten.

Beim letzte Passahmahl sagte Jesus:

„Ich habe euch das gesagt, damit ihr nicht unsicher werdet. Man wird euch aus den Synagogen [Versammlungen] auschließen. Ja, es kommt sogar eine Zeit, in der die, die euch töten, meinen, Gott einen Dienst damit zu tun. Sie werden euch das antun, weil sie weder den Vater noch mich kennen. Ich habe euch das gesagt, damit ihr euch, wenn die Zeit dafür gekommen ist, an meine Worte erinnert.“ (Joh.16:1-5)

Ich bin also ständig gezwungen, um meine Glaubensüberzeugung zu ringen und gegen Entmutigung zu kämpfen. Das Besondere ist, dass ich diesen Kampf nicht aus eigener Kraft und allein führe. Darum und dafür hat Jesus den Helfer vom Vater versprochen: Es ist der Geist der Wahrheit, der vom Vater zu uns kommt! Und noch etwas ist für mich wichtig geworden: Es ist das, was man mir lange Zeit vorenthalten wollte. Man wollte nicht, dass ich ein Bruder Christi bin, man wollte nicht, dass ich zur Hausgemeinschaft Gottes gehören sollte. Das alles sollte mir gemäß der Rutherford’schen Doktrin nicht zustehen! Das ist kaum vorzustellen! Aber so war es. Im Alter erst wurde mir das deutlich, was Jesus mit diesen Worten meinte:

„Wenn jemand mich liebt, …. wird er sich nach meinem Wort richten. Mein Vater wird in lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ (Joh. 14:23)

Als ich das verinnerlicht hatte, wurde mir der Kampf für meinen Glauben leicht. Ich wurde mutig, weil ich diese bemerkenswerten Gäste im Haus hatte! Denn sie waren ja nicht nur anwesend, sondern sahen meine Lage, kannten meine Gedanken und wussten um meine Wünsche. Und sie standen mir bei! Diese Erfahrung kann mir niemand mehr nehmen. Dafür bin ich dankbar.

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