Pharisäer – damals und heute

image4„Sie binden schwere Lasten zusammen und legen sie auf die Schultern der Menschen“, mit diesen Worten charakterisierte Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten. Und er fuhr fort: „Sie selbst aber wollen sie nicht mit ihrem Finger bewegen“. Und er warnte vor ihrer Heuchelei: „Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, das heißt vor ihrer Scheinheiligkeit!“ (Luk. 12:1)

Das sind harte Worte! Aber trafen Jesu Worte nur auf die Geistlichen seiner Tage zu? Wenn man genau hinsieht, dann haben sie auch heute aktuelle Bedeutung.

Die Sekte der Pharisäer entstand nach dem babylonischen Exil. Damals musste man sich neu orientieren, denn der Tempel der Juden war verschwunden, es gab keinen jüdischen König mehr und es stand die Frage im Raum, wie das religiöse Leben der Juden fortgeführt werden könnte. Man besann sich auf den Menschen, der ohne den sichtbaren Tempel seinen Alltag vom Gesetz Mose bestimmen lassen sollte. So wurden z. B. die Reinigungsvorschriften der jüdischen Priester auf den Alltag der Juden übertragen, und daher kamen die rituellen Waschungen, derentwegen Jesus oft kritisiert wurde, weil er sie nicht einhielt.

Schon in dieser Hinsicht tritt ein Problem der Pharisäer zu Tage.

Sie begriffen nicht den Sinn des Gesetzes, sie blieben an der Oberfläche haften. Sie wurden zu Legalisten und Formalisten.

Sie klebten am Buchstaben. Obenan stand bei ihnen das „Gesetz“ oder das Menschengebot und nicht der einzelne Mensch. Sie waren unfähig, an den Sinn eines Gesetzes zu denken und daran, dass das Gesetz für den Menschen da war und nicht umgekehrt. Ja, man muss sagen, dass ihnen die Menschen fast gleichgültig waren. Das erkennt man immer wieder, wenn sie Jesus kritisierten, weil er am Sabbat heilte. Besonders auffällig in diesem Zusammenhang der Bericht aus Markus 3:3-6: „Wieder ging Jesus in die Synagoge. Dort war ein Mensch mit einer verdorrten Hand. Sie lauerten darauf, dass Jesus ihn an einem Sabbat heilte, damit sie ihn anklagen könnten. Und Jesus sagte zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und tritt in die Mitte. Und er fragte sie: Was ist am Sabbat erlaubt? Gutes tun oder Böses? Soll man einem Menschen das Leben retten oder ihn umkommen lassen?

Alle schwiegen. Und nachdem er sie wegen ihrer Gefühllosigkeit mit Abscheu und Zorn angeblickt hatte, sagte er zu dem Mann : Strecke deine Hand aus! Er streckte seine Hand aus und wurde geheilt. Die Pharisäer gingen hinaus, verbündeten sich mit den Parteianhängern des Herodes und beschlossen, ihn zu vernichten.“

Die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten ein großes Problem: Sie waren Heuchler! Sie wollten vor den Menschen als besonders rechtschaffene Menschen erscheinen. Aber da sie genau wie alle anderen Sünder waren, gab es einen tiefen Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Um den guten Schein zu wahren, waren sie gezwungen so zu tun, als ob sie besonders tugendhafte Menschen seien. Und da diente ihnen das Aufstellen menschlicher Regeln und Gebote als Werkzeug, um vom Wesentlichen abzulenken. Es kam bei den Pharisäern darauf an, diese veräußerlichten Dinge sehr genau zu tun und es möglichst öffentlich, vor aller Augen, zu tun.

Da gab es zeremonielle Handwaschungen, laute Gebete auf öffentlichen Straßen, auffällige Kleidung und viel Angeberei. Das Gleichnis Jesu aus Lukas 18:9-13 gestattet einen Einblick in die Geisteshaltung der Pharisäer: Hier betet ein Pharisäer ganz typisch: „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie alle anderen Menschen, Erpresser, Ungerechte, Ehebrecher … Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich erwerbe.“

Menschengebote

 Mit der Zeit wurde die klare Aussage der Bibel durch viele unsinnige Gebote und Vorschriften überwuchert. Es gibt massenhaft Kommentare zur Thora im Talmud. Die Kommentare der Mischna z. B. überwuchern schon rein optisch ein kleines Gebot aus dem Gesetz Mose. Man gewinnt den Eindruck, dass das ursprüngliche Wort Gottes hier von vielen Kommentatoren unter kaum zu verstehenden Wortgeflechten begraben wurde. Hier lag nicht nur ein Schleier auf dem Herzen (2. Kor. 12-16), sondern eine dicke Schicht von verfälschten Traditionen auf dem Wort Gottes.

Die Pharisäer hatten wohl die Absicht, die Menschen zum Glauben zu führen, indem sie sie zwingen wollten, Riten und Frömmigkeitsübungen peinlich genau einzuhalten. Sie waren doch tatsächlich der Meinung, dass ein Mensch durch bestimmte Tätigkeiten zur Tugend und zum Glauben geführt werden kann. Es regierte die veräußerlichte Aktivität als Ersatz für die Unmittelbarkeit in der Beziehung zum Schöpfer. An die Stelle Gottes trat etwas anderes: Die Herrschaft von Menschen über das Gewissen der Mitmenschen. Die Anhänger der Pharisäer, und in der Zeit Jesu die meisten Juden, sahen in der Erfüllung der Menschengebote das Ziel des Glaubens. Aber was war das denn für ein Glaube, den die Pharisäer vermittelten?

Die Pharisäer hatten es geschafft, durch Heuchelei, durch Scheinheiligkeit, die Masse der Juden zu täuschen! In den Augen der Juden standen sie ganz groß da und nichts konnte den schönen Schein trüben! Sie hatten ein ausgeprägtes Elitebewusstsein, das sie bei jeder Gelegenheit auch ausdrückten. Wo sie waren, da war Heiligkeit und alles Gute!

Man kann sich gut vorstellen, dass sich alle, die nach den pharisäischen Regeln leben wollten, ziemlich deprimiert worden sind, denn nie, niemals konnte man mit sich zufrieden sein. Immer gab es einen „Grund“ Schuldgefühle zu haben. Und immer hatten die Pharisäer als „Lehrer“ des Volkes und als „Ausleger“ der Bibel gute Gründe, Druck auszuüben und den Menschen ein schlechtes Gewissen einzupflanzen. Solche Menschen mit tiefen Schuldgefühlen waren dann gut zu manipulieren und zu beherrschen.

Sie haben sich auf Moses Stuhl gesetzt

Das wollten sie tatsächlich! Zu Beginn seiner Rede weist Jesus darauf hin: „Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf Moses Stuhl gesetzt.“ Das heißt nicht weniger, als dass sie sich die Autorität eines Moses anmaßten, mit dem Gott ja bekanntlich „von Mund zu Mund redete“ (2. Mo. 33:11).

Moses war für die Juden DIE AUTORITÄT! Wer nicht auf Moses hörte, fiel bei Gott in Ungnade! Diese Autorität bestand zu Recht, aber sie war niemals auf einen anderen Menschen nach Moses übertragen worden. (Gemäß 5. Mose 18:18 liegt diese Autorität ausschließlich auf Jesus Christus!) Und nun bildeten sich die Pharisäer ein, die gleiche Stellung zu haben wie Mose. Sie haben diese angemaßte Stellung mit einer schlauen Theologie verfestigt, und da die Gläubigen ohnehin nicht Schriftforscher waren und das Nachdenken scheuten, hatten sie Erfolg. Das religiöse Judentum verkam zu einer von vielen Religionen, ohne dass die Mehrheit verstanden hätte, worauf es bei Gott wirklich ankommt. Gott war ihnen – und wen wundert es – fremd geworden.

Die neuen Pharisäer

Nun soll man nicht meinen, dass mit dem Ende des Pharisäertums das Problem ausgestanden wäre. Liest man die Kritik Jesu in Matthäus 23 aufmerksam durch, dann fallen einem, sofern man Katholik ist, viele Parallelen auf. Man gewinnt den Eindruck, dass die Lehre der Pharisäer überlebt hat. Aber man muss nicht bei den Katholiken stehen bleiben. Betrachtet man einige Besonderheiten bei den Zeugen Jehovas, dann kann man auch hier ins Grübeln kommen.

Predigen nach Stunden

Zum Beispiel sollen alle Zeugen Jehovas über den Zeiteinsatz beim Predigen von Tür zu Tür einen Bericht abgeben; sie sollen aufschreiben, wie viele Stunden sie damit verbracht haben, wie viele Zeitschriften sie abgegeben und wie viele Besuche sie bei den Hausbewohnern gemacht haben. Das wird fast als eine heilige Pflicht betrachtet. Zitat WT v. 15.11. 2014, In allen Lebensbereichen heilig sein, Abs. 13 Warum geben wir unseren Bericht ab?

Unsere Schlachtopfer der Lobpreisung sind persönliche Opfer, die wir freiwillig darbringen, weil wir Jehova lieben (Mat. 22:37, 38). Trotzdem werden wir darum gebeten, über unseren Einsatz im Predigtdienst zu berichten. Wie sollten wir dazu eingestellt sein? Unser monatlicher Bericht ist ein Ausdruck der (Heiligkeit) Gottergebenheit“

In der Bibel ist das natürlich nicht zu finden, aber als „Richter“ Rutherford, der zweite Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, am Beginn der 1920er Jahre die Stundenziele festsetzte, sprach er ausdrücklich im Namen Jesu! So hat er jedenfalls behauptet! Und seither dreht sich bei den Zeugen Jehovas fast alles um diesen kleinen Zettel. Man gewinnt den Eindruck, dass der „Predigtdienst“ das Wichtigste im Leben eines Christen sei.

 Woran ein Mensch gemessen wird

Dieser „Predigtdienstbericht“ wird dann auch zum Maßstab für den Wert eines Menschen. Niemand kann ein Versammlungsältester sein, wenn er nicht ein bestimmtes Stundensoll (mindestens 10 Stunden im Monat) aufweist. Es geht hier nicht mehr um das „Jüngermachen“, von dem Jesus in Matthäus 28:19 sprach: „Geht daher hin und macht Jünger aus Menschen aller Nationen, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch geboten habe.“

Wettbewerb der unguten Art

Der Einsatz im Verkündigungsdienst nach Stunden führt natürlich zum Vergleichen. Jemand, der nach der Terminologie der Zeugen „vorbildlich“ und „fleißig“ ist, bekommt das auch zu hören. Und er wird mit anderen verglichen. Das kann für diejenigen, die nicht so „fleißig“ sind oder sein können, bedrückend sein. Und so wird oft darauf hingewiesen, dass man stolz ist auf die „Pioniere“, die im Monat ca. 70 Stunden „predigen“. (Ich setzte dieses Wort ausdrücklich in Anführungszeichen, denn wem kann ein Zeuge heute noch wirklich predigen? Sind nicht die Haustüren schon deshalb verschlossen, weil sie durch ihre Beharrlichkeit aufdringlich wirken und in der Öffentlichkeit immer wieder irgendwelche Skandale berichtet werden, welche die Zeugen lieber nicht hätten?)

Aber nichtsdestotrotz ist ein „Pionier“ immer ein gutes Vorzeigemodell, um andere „anzuspornen“ dasselbe zu tun. Da werden 100-jährige Frauen erwähnt, die im Pionierdienst stehen! Wenn das nicht anspornend wirkt! Oder: Da wird ein völlig paralysierter Zeuge Jehovas im Rollstuhl von einem Prediger von Tür zu Tür mitgenommen. Und immer wenn sein Bruder spricht, blinzelt er zustimmend. Auch dieser Gelähmte ist ein Vollzeitprediger! Und wer ist der jüngere Mensch, der nicht irgendwie Schuldgefühle hat? Wird einem hier nicht die Frage suggeriert: „Warum bist DU nicht Pionier?“ Oder „Was hindert DICH daran, noch mehr Zeit einzusetzen?“ Da spielt es keine Rolle, wenn man Familie und Arbeit hat, die einen vollen Zeiteinsatz verlangen. Mit dem nicht ausgesprochenen Hinweis: „Andere tun das auch!“, wischt man alle Bedenken vom Tisch. Man meint es angeblich ja nur gut, man will ja nur ein wenig „anspornen“, in der christlichen Lauterkeit nicht nachzulassen“.

Eine Lüge

Aber ist das christliche Leben nur Predigtdienst? Jedenfalls gewinnt man den Eindruck, dass allein der Predigtdienst von Haus zu Haus wirklich zählt. Aber ist es wirklich so? Nein, es ist die ganze Bandbreite gefragt! Jakobus fasst die Anbetung, die vom Standpunkt Gottes aus rein und unbefleckt ist, so auf: „nach Witwen und Waisen in ihrer Drangsal zu sehen und sich selbst von der Welt ohne Flecken zu bewahren.“ (Jak. 1:27).

Ebenso wie die Pharisäer glaubt auch die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, dass es allein auf gewisse Äußerlichkeiten ankomme, um zum Glauben zu kommen. Wie oft liest oder hört ein Zeuge Jehovas die Ermahnung, den Predigtdienst obenan zu stellen, zu studieren, zu beten und die Zusammenkünfte zu besuchen? Damit ist fast das ganze Gebiet des Glaubens abgedeckt, und mehr fällt ihnen nicht ein? Studieren wird zum fast gedankenlosen Anstreichen, Nachdenken zum Nachplappern und der Predigtdienst zum „Stunden machen“. Und die Zusammenkünfte regen nur noch selten zur Liebe und guten Werken an. Aber was Glaube eigentlich ist, haben scheinbar nur wenige begriffen.

Auch die Pharisäer sahen im Glauben nur die Ausübung einer Religion!

Sie konnten sich nicht damit anfreunden, dass ein Mensch durch das Band der Liebe, mit seinem Gewissen und seiner inneren Wahrhaftigkeit mit dem Schöpfer verbunden sein kann. Nein, die Pharisäer hatten sich zwischen Gott und den Menschen gedrängt. Und unsere WTG unterscheidet sich in diesem Punkt nicht von den Pharisäern der Tage Jesu. Auch sie ist der Meinung, dass man ihr nur gehorchen müsse, um ewiges Leben zu bekommen. Deutlicher kann man sich den Pharisäern nicht annähern.

Der Kampf an vielen Fronten

Es ist nicht einfach, nach den Menschengeboten und Vorgaben der WTG zu leben. Und Hunderttausende der Zeugen Jehovas versuchen so zu leben! Sie sind bewundernswert und verdienen Respekt, denn sie kämpfen darum, von der sie umgebenden Welt nicht vereinnahmt zu werden. Es ist für sie nicht leicht, auf der ganzen Erde den Wehrdienst zu verweigern, ehrlich und rechtschaffen zu sein und die biblischen Maßstäbe für die Ehe und die Familie konsequent zu beachten. Daneben haben sie die Pflicht, an zwei Tagen in der Woche die Zusammenkünfte zu besuchen, mit der Familie einen „Studierabend“ abzuhalten, selbst das Bibelleseprogramm zu absolvieren, sich auf die Zusammenkünfte vorzubereiten, Kongresse zu besuchen und öffentlich zu predigen. Und dann kümmern sich viele noch aktiv um Alte und Kranke, arbeiten als Freiwillige an Bauvorhaben der Wachtturm-Gesellschaft mit und sind für andere Aktionen oft abrufbar.

Was braucht ein Christ wirklich?

Man kann sich denken, dass sie ohnehin in einer schwierigen Außenseiterposition kämpfen und deshalb das brauchen, was Paulus so formulierte: „Nicht, dass wir die Herren über euren Glauben sind! Wir sind Mitarbeiter an eurer Freude.“ Was sie aber nicht brauchen können, ist die ewige Unzufriedenheit ihrer Führung. Nie ist es genug Geld, was gespendet wird, nie ist es genug Einsatz im Predigtdienst und niemals ist man zufrieden mit dem Gehorsam gegenüber der Führung. Die Aufsätze in ihrem offiziellen Organ „Der Wachtturm“ drehen sich in der letzten Zeit viel um Geld (!) und Gehorsam gegenüber dem „Sklaven“ (so nennt sich die Führung, tritt aber als „Herr“ auf).

Stattdessen: Propaganda

Eine ständige Propaganda bewirkt eine Art Gehirnwäsche, so dass der einfache Zeuge Jehovas langsam zu der Überzeugung gelangt, das sei alles Gottes Wille und jedes Aufbegehren und jede Kritik am „Sklaven“ sei schließlich gegen Gott gerichtet. Die Propaganda nimmt mitunter bizarre Formen an. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit werden „Erfahrungen“ eingestreut, die niemand nachprüfen kann; alles, was irgendwie das Bild schönt, wird verwendet, jeder, der „vorbildlich“ ist, wird als „Vorbild“ hingestellt. Deshalb wundert sich niemand mehr über das großzügig verstreute Eigenlob. Da benutzen Älteste das Rednerpult als eine private Bühne zur Selbstdarstellung. Von beziehungsvollen Anspielungen auf die eigene Leistung bis zum krassen Selbstlob ist alles zu finden. Und jeder Zuhörer weiß dann: „Das ist ein toller Kerl!“ Und dabei wird vergessen, dass Paulus anders dachte: „Lasst uns nicht ichsüchtig werden, indem wir miteinander wetteifern und einander beneiden. (Gal. 5:26)

Und die Führung redet in inflationärer Weise von der „wunderbaren Organisation“ und auch von Gott, ersetzt aber die tätige Nächstenliebe durch hektische Aktivitäten (der Monat August im Jahr 2014 wurde zum „größten Monat aller Zeiten“ gemacht!) Die Pharisäer hatten sich auch um ihren Dienst zu kümmern und konnten deshalb einem Überfallenen nicht beistehen (Luk. 10:29-37). Und hat ein „Vollzeitdiener“ hilfsbedürftige Eltern, dann wird geraten, die Verantwortung für sie der Versammlung zu übertragen, damit der „Vollzeitdiener“ seinen „Vollzeitdienst“ nicht aufgeben muss. Das ist dann „Korban!“.

 Die Kultur des Eigenlobs

Und so wie es manche Ältesten machen, so macht es auch der allgemeine Zeuge Jehovas. Es hat sich eine Kultur des geschickten Prahlens etabliert. Das ist genau jener Ungeist, den Jesus nicht haben wollte. Er sagte: Achtet gut darauf, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden; sonst werdet ihr keinen Lohn bei eurem Vater haben, der in den Himmeln ist. Wenn du also Gaben der Barmherzigkeit spendest, so posaune es nicht vor dir her, wie es die Heuchler … tun.“ (Matthäus 6:1, 2)

 Die Angst vor der freien Meinungsäußerung

Nun haben Menschen mit eingeredeten Schuldgefühlen selten den Mut, nachzudenken und sich solchen Einflüssen zu entziehen. Ja, sie haben vielleicht nicht einmal den Mut, offen über ihre Probleme zu sprechen, ihre Zweifel mit jemandem zu teilen. Denn man hat ihnen fast jede Möglichkeit genommen, mit anderen in der Gemeinschaft offen und ehrlich über das zu sprechen, was eigentlich nicht zum Christentum gehört, sondern eine Last ist, die man ihnen aufgebürdet hat. Wohlgemerkt: Man beklagt sich nicht über die Last, die man mit Jesus gemeinsam trägt! Es sind die Lasten, die man ihnen außerdem noch zumutet. Es ist die Last der Unfreiheit.

 Gruppenzwang und Heuchelei

Sie brauchen die Gemeinschaft, sie brauchen Menschen, die so denken und fühlen wie sie. Aber diese Gemeinschaft hat auch ihre Gefahren. Sie erzieht, indem man sich ständig mit anderen vergleicht, zum Wetteifern. Man will ja gut dastehen! Man will beachtet werden, weil man funktioniert! Jeder Mensch braucht Anerkennung und bemüht sich darum. Das kann dann dazu führen, dass ein Klima der Heuchelei entsteht. Dieses Klima wird auch dadurch begünstigt, weil man gewissermaßen Angst voreinander hat. Wer möchte schon bei all seinem Einsatz mit dem Makel versehen werden, er sei nicht „vorbildlich“? Denn „vorbildlich“ zu sein wird immer wieder als ein großes und lohnendes Ziel hingestellt, dem viele hinterher laufen.

„Kritik ist böse!“

In der Meinung, dass Kritik (und jede nichtkonforme Äußerung wird so betrachtet!) unchristlich sei und die Autorität des „Sklaven“ missachte, verbietet man sich selbst jede kritische Äußerung, und sei sie noch so berechtigt. Das kann sich darin äußern, dass man privat eine andere Meinung hat, als beim Kommentare geben in der Versammlung. Viele spielen geradezu die Rolle eines tadellosen Zeugen Jehovas: Sie sind fleißig im Predigtdienst, sie besuchen alle Zusammenkünfte, sie lesen die Bibel nach einem Programm, das für alle gilt, sie streichen die Antworten im „Wachtturm“ rot, grün und blau an (es kann jeder sehen, wie gut man „studiert“ hat), sie geben politisch korrekte Antworten (gewöhnlich sagt man das, was gedruckt ist) und sind immer freundlich.

Nun kann man als Insider nicht an der Tatsache vorüber gehen, dass man auch die „Werktagsseite“ ihres Wesens kennt. Und man fragt sich, warum verstellen sie sich so? Warum passen manchmal ihre Taten nicht zu ihren Worten? Warum stehen sie nicht dazu? Das wäre doch normal und würde dem entsprechen, was der Steuereinnehmer in dem vorhin erwähnten Gleichnis sagte: „O Gott, sei mir, einem Sünder gnädig!“ Sie haben Menschenfurcht! Es ist ihnen so wichtig, wie Menschen sie sehen, dass sie vergessen, dass Gott auch alles andere sieht und sie nicht nach dem beurteilt, was andere Menschen von ihnen halten.

Verbot der Gedankenfreiheit

 Weil man nicht unangenehm auffallen will, äußert man berechtigte Kritik nur privat, zu Hause. Man hat Angst davor, als kritisch zu gelten, wo doch alles so „wunderbar“ ist in der „wunderbaren Organisation“! Freie Meinungsäußerung ist verpönt. Auch das freie, d. h. nicht gesteuerte Bibelstudium im Verein mit anderen Zeugen Jehovas ist verboten. Im September 2007 bekamen die Zeugen einen Brief von der Führung zu lesen, in dem die Frage beantwortet wurde, ob es erlaubt sei, sich zu versammeln, um eigenständig biblische Themen zu untersuchen. Die Antwort war kurz: „Nein.“

Zur Begründung wurde darauf verwiesen, dass die Zeugen ausreichenden Stoff hätten, den sie betrachten könnten. Seltsam! Versucht man, das Denken zu verbieten? Aber wer das Denken und die Gedankenfreiheit verbieten will, stellt sich eindeutig gegen die Menschenrechte, gegen die Bibel, gegen Gott! Durch das Unterbinden des eigenen Nachdenkens nimmt man den Menschen jegliche Verantwortung ab. Es wird zwar viel von Nachdenken geredet, doch gemeint ist das Nach-denken des vor-gedachten und veröffentlichten Stoffes. Und was man lange kaut, wird Brei.

Das Gewissen

Und schon befindet man sich in der trauten Gemeinschaft mit Pharisäern, die ja auch das eigene Denken durch Propaganda zu unterbinden suchten. Vom Verbot der Gedankenfreiheit bis zur Aushebelung des eigenen Gewissens ist es dann nicht mehr weit. Und tatsächlich: „Innerhalb der Organisation gibt es keine Gewissensfragen, sondern nur Gehorsam!“ Solche Sätze kann man von der Führung hören! Aber die Wahrheit für einen Zeugen Jehovas ist anders! Er wird daran denken: „Wo die Lüge zum täglichen Brot wird, verhungert das Gewissen!“ (Ernst Ferstl)

Und es kann sehr schwer sein, sich gegen lügenhafte Propaganda zu wehren, die das Gewissen ausschalten will. Aber mit Hilfe der Bibel kann man dem Einfluss der Propaganda standhalten. Und es geht, wenn man weiß, dass im Gewissen Gott zu uns spricht! Es geht, wenn man die Furcht vor Gott über die Menschenfurcht stellt. Es geht, wenn man den Mut zum Glauben, den Mut zur Wahrheit und zur Wahrhaftigkeit durch den Glauben hat. Und dann müssen wir eher auf Gott hören als auf Menschen (Apg. 5:29).

„Kommt zu mir, die ihr euch abmüht und beladen seid“

Es ist kein Geheimnis, dass es unter den „glücklichen Zeugen Jehovas“ viele Depressive und „Unerquickte“ gibt. (Die vielen Seelenärzte in Deutschland wissen es.)

Was sagte Jesus, als er die beladenen und von Schriftgelehrten und Pharisäern beherrschten Menschen sah? Was empfand er, als er die vernachlässigten Schafe sah, die keinen Hirten mehr hatten? „Kommt zu mir alle, die ihr euch abmüht und beladen seid, und ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf und lernt von mir, denn ich bin mild gesinnt und von Herzen demütig, und ihr werdet Erquickung finden für euch, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mat. 11:28, 29)

Der menschliche Jesus

Von Jesus wissen wir, dass er wesentlich war und die Menschen liebte. Wir finden bei ihm keine scharfen Worte, keine drohenden Andeutungen und keine jesuitische Rede, die nur dazu dienen soll, Schuldgefühle zu erzeugen. Er sprach ehrlich und so mitfühlend, dass man fast unwillkürlich gehorchte. Jesus weckte den Gehorsam des Herzens. Er hatte die Gabe, das Gute im Menschen zum Vorschein zu bringen. Er sprach mit einer Unmittelbarkeit, welche die Zuhörer spürten. Er war tatsächlich ganz anders als die Schriftgelehrten und Pharisäer. Er zog einfache Menschen zu sich wie zu einem wärmenden Feuer in der Nacht, und er tröstete sie. Sein Mitgefühl war keine Phrase, es war echt! Und so kamen die Menschen zu ihm, um sich trösten zu lassen. Er lehrte die Menschen, sich direkt und frei an Gott zu wenden.

Aber das hätte er nicht mit dem Stil erreicht, der Alltag geworden ist in so mancher Versammlung der Zeugen Jehovas. Statt Liebe empfinden wir eine bedeutungslose Freundlichkeit, statt echtem Interesse an unserem Leben Oberflächlichkeit, statt Tiefe schnelles Hinweghuschen. Im Mittelpunkt scheint nicht mehr der Mensch zu stehen, sondern die „Organisation“ und der „Verkündiger“, der gut funktioniert, auch wenn es weh tut. Unter diesem unchristlichen Einfluss wachsen dann die psychischen Krankheiten, denn die Schafe Jesu kennen seine Stimme und sie fürchten sich vor allen, die sich einbilden, an Jesu Stelle zu stehen.

Der böse Sklave

Man kann es beobachten: Die Reihen der Zeugen Jehovas lichten sich; in manchen Versammlungen herrscht eine bedrückende Stille. Man bleibt fort, wenn man sich schützen will. Und die heutigen Pharisäer nehmen es zwar zur Kenntnis, aber die Schuld wird   – wie immer – den Schafen zugeschoben. Auch diese Haltung zeigt ja nur den verachtenden Stolz solcher Menschen. Jesus hätte niemals so gehandelt, deshalb warnte er ja auch die Hirten und spricht von “bösen Sklaven, welche die Hausknechte schlagen“. Jesus wird sie „mit der größten Strenge bestrafen“ (Lukas 12:45, 46).

Was bleibt? Es bleibt unser Vater im Himmel und sein Sohn Jesus Christus! Und niemand darf sich dazwischen drängen. Wenn wir es aber zulassen, dass sich zwischen uns und unserem Vater im Himmel und seinem Sohn Menschen drängen, dann lassen wir uns auch von Menschen beherrschen. Dann liefern wir uns den Pharisäern aus. Und dann? Dann erfüllt sich auch an uns, was Jesus in Matthäus 15 Vers 14 sagte.

 

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M.N.

Eine hervorragende Analyse. Mit das Beste, was je auf BI veröffentlicht wurde. Danke BI.

LuRa

Hallo liebe Mitleser,
der Artikel ist trifft voll ins Scharze und zeigt den Zustand der Versammlungen. Eigentlich ist das ganze Gebaren, wie hier richtig dargestellt, eine “Zuchtanlage” für Heuchelei, Lug und Betrug.

Gruß LuRa

Hans2

Lieber Verfasser, eine sehr gute Beschreibung der Verhältnisse. Bei mir hat es 40 Jahre gedauert, bis mich der himmlische Vater berufen und errettet hat (2.Tim.1:9). Der Druck war einfach nicht mehr auszuhalten. Jesus hat mich gezogen und geholfen, denn Sinn seiner Worte zu erfassen, wie Joh. 14:26, der Heilige Geist als Helfer. Oder (Matth. 11:28-30) „Kommt zu mir [Christus] alle, die ihr euch abmüht und die ihr beladen seid, und ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin mild gesinnt und von Herzen demütig, und ihr werdet Erquickung finden für eure Seele.… Weiterlesen »

kritikus

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Hallo ihr gottesliebenden und nicht menschengefälligen!!

Interessant, interessant. Ich wusste gar nicht dass Zeugen Jehovas auch mal wirklich erfassen können um was es wirklich geht.

Liebe Grüße

Esther