Neues Phänomen: Missionierende Kinder

Im Dezember 2020 berichtete JZ Help über die Briefoffensive der Zeugen Jehovas. Im Bieler Tagblatt vom 25. Januar findet sich ein großer Beitrag zum Thema. Aufhänger ist ein Missions-Brief von Kindern.

Bieler Tagblatt | Montag, 25.01.2021 – Region

Coronakrise werde von den Zeu- gen Jehovas als eindeutiges Zei- chen aufgefasst, dass nun die letzte Phase der letzten Tage an- gebrochen sei. «Daher eignet sich die Corona-Pandemie als Anlass für die briefliche Missionie- rung», so Schaaf. Dass diese Briefe nun offenbar auch von Kindern verfasst werden, ist weder Spiess noch Schaaf bisher bekannt gewesen. Zitat aus dem Brief an Frau Zurbruchen:

«Sehr geehrte Frau Zurbuchen.

Ich heisse Ida* und bin 10 Jahre alt. Mit meiner Freundin Sarina* wollen wir Ihnen diesen Brief schreiben.»

Die Zeilen sind in freundlichem Ton verfasst. Der offensichtlich von Kinderhand geschriebene, an die private Adesse geschickte Brief verweist auf Covid-19, weswegen die beiden Mädchen nicht persönlich vorbeikommen könnten. Sie stellen die Frage, wie es wohl weitergeht mit «dieser Pandemie»?

Und dann: «Mit unseren Eltern haben wir gelernt, dass die Bibel diese Fragen beantwortet.» Es folgen ein Bibeltext und ein Verweis auf die Website der Zeugen Jehovas «mit mehr Informationen und auch Videos für Groß und Klein.» Man dürfe auch auf die Mail der Eltern schreiben oder anrufen, steht zum Schluss.

Der Brief ist offenbar kein Einzelfall. Das BT weiß von zwei anderen Haushalten in der Region, die einen von Kindern verfassten Werbebrief der Zeugen Jehovas erhalten haben. Den meisten bekannt sind die Zeugen Jehovas (ZJ), weil sie an der Türe klingeln oder auf der Straße Druckerzeugnisse verteilen. Doch Kinder, die per Brief missionieren, das scheint ein neueres Phänomen zu sein.

«Problematisch», «Indoktrination»

Seitdem im Frühling 2020 wegen Covid-19 der Predigtdienst eingestellt worden ist, seien von den ZJ Tausende Missionierungsbriefe geschrieben und verschickt worden, informiert die Zeugen-Jehovas-Kennerin Regina Spiess von der Organisation JZ Help. Auch Schweizer Politikerinnen und Politiker, Firmen, Anwälte und Ärztinnen seien in den letzten Monaten vermehrt angeschrieben worden.

Zeugen Jehovas sind zur Mission verpflichtet und ihre Aktivitäten müssen der Gemeinschaft rückgemeldet werden, wie Susanne Schaaf von der Fachstelle für Sektenfragen Infosekta bestätigt. «Je aktiver in der Verkündung, desto vorbildlicher.» Die meist mit handgeschriebenen Briefen werben Kinder für die Zeugen Jehovas.

Schaaf meint, es sei aus der Perspektive der ZJ konsequent. Kinder würden grundsätzlich in der Erziehung, in den Versammlungen und auch durch entsprechende Trickfilme in diese enge Glaubenswelt eingeführt. «Wir halten das aber für problematisch, weil bereits bei den Kleinsten angstvolle Bilder zu Satan und Weltuntergang verankert werden.»

Sektenexperte Hugo Stamm ist nicht minder überrascht von der Aktion. «Für mich handelt es sich hierbei um eine Form der Indoktrination: Die Einbindung und Konditionierung auf die radikalen religiösen Dogmen soll möglichst früh passieren.»Rechtlich lasse sich dagegen schwerlich etwas unternehmen, weil die Erziehungshoheit und die religiöse Erziehung bei den Eltern liege, so Stamm.

Kinder werden «miteinbezogen»

Darauf berufen sich denn die Zeugen Jehovas auch. Dominic von Niederhäusern, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei den ZJ Schweiz sagt, Kinder und Jugendlichen würden in die religiöse Weltanschauung «miteinbezogen». Die hier erwähnte Briefaktion von Kindern sei nicht konzertiert, sondern es handle sich dabei um individuelle Entscheidungen. Darauf beruft sich auch der Vater (Name der Red. bekannt) des zehnjährigen Mädchens. Er betont, seine Tochter habe dies freiwillig gemacht, «weil das Gebot von Jesus, zu predigen, auch an die Kinder gerichtet ist».

Und der Öffentlichkeitsbeauftragte weiter: «Wie alle anderen Eltern erziehen wir unsere Kinder, wie wir es für richtig halten und teilen unsere religiöse Weltanschauung mit ihnen.» Gleichzeitig betont er, Kinder würden «zu eigenständigen Erwachsenen erzogen, die eine eigene Meinung haben dürfen». Auf das Thema der Ächtung (siehe auch Text unten) ange- sprochen, reagiert er ausweichend. Und bezüglich der Trickfilme auf der Zeugen-Jehovas- Website, in denen Kindern strenge Verhaltensregeln allgemein und für den Predigtdienst im Speziellen vorgegeben werden, meint von Niederhäusern: «Manchen Kindern passt ja ein sonntäglicher Zoobesuch auch nicht, trotzdem müssen sie mitgehen. So ist das auch bei der Missionstätigkeit.»

In das gleiche Horn bläst der Vater: «In einem Unternehmen kann man schliesslich auch nicht machen, was man will.»

«Hilfe ist oft nicht erwünscht»

Auf der Erziehungsberatung in Biel habe es bisher keine Anfragen für eine Beratung im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft oder Sekte gegeben, auch nicht vonseiten der Schulen, wie Co- Leiterin Kathrin Hersberger bestätigt. Und auch bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Biel scheint es sich um ein unbekanntes Vorgehen zu handeln, wie Leiterin Henriette Kämpf sagt.

Dass in der Region Kinder zu Missionarszwecken benutzt werden, höre sie zum ersten Mal. «Auch haben wir bisher keine Meldung im Zusammenhang mit den Zeugen Jehovas erhalten», sagt sie. Das liege eventuell daran, dass es sich um eine in sich geschlossene Organisation handle, bei der wenig nach außen dringe. «Selbstverständlich sind wir aber bereit, das Thema aufzugreifen, wenn es um die Gefährdung des Kindswohls geht.»

Dazu brauche es aber konkrete Anhaltspunkte, denen die Kindesschutzbehörde nachgehen könne. Dies könne etwa der Fall sein, wenn Eltern bei einem Kind eine lebenswichtige Bluttransfusion verweigern würden.

Allgemein gibt sie zu bedenken, dass behördliche Schritte in Familien bezüglich der religiösen Erziehung heikel seien. «Wir wollen den Eltern ja Hilfe anbieten und sie in ihrer Erziehungsarbeit stärken. In solchen Glaubensgemeinschaften ist Hilfe aber oft nicht erwünscht.»

* Namen geändert.
Info: JZ Help informiert über Men- schenrechtsverstösse bei Zeugen Jehovas und unterstützt Ausstiegs- willige. www.jz.help

 

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Es gibt Kindertaufen, und die Leute haben auch Kinder an den Haustüren gesehen, die Propaganda-Material dem Wohnungsinhaber anbieten. Kurz: Kinder arbeiten für ein Unternehmen, wie auch der Vater zugibt. Oder hat jemand schon einen Staubsaugervertreter mit seinen Kindern an der Haustür gesehen?

Die Kinderschutzbehörde soll einfach mal nur ihren Job machen, und nicht faul auf irgendwelche Hinweise warten.
Jetzt haben sie ja die benötigten Hinweise, oder etwa nicht?

Gerade gestern telefonierten wir mit einem unserer Bibel-Studenten. Er erzählte uns, er habe von einem unserer früheren Brüder, einem Zeugen Jehovas, die Woche einen Zeugnisbrief erhalten. Es gehe zunächst einleitend darum, dass der Zeuge wegen der Pandemie nicht persönlich vorstellig werden könne.

Wir haben unseren Bibelstudenten darüber aufgeklärt, dass das kein spontaner Brief einer Einzelperson ist, sondern von der JW.Org-Leitung so angeordnet wurde. “Ach so,” meinte er, “dann ist der Brief auch gar nicht so aufrichtig gemeint.” — Der Brief stammte von einem allgemeinen Pionier, der natürlich einige Stunde zusammenbringen will, damit er diese berichten kann.

hallo, hier spricht HijodeDios alias Eddie – nicht Ede, mit dem ich manchmal verwechselt werde: Zwei Dinge: Die Masche mit dem Briefeschreiben ist nicht neu. Bereits in den 1980-er Jahren gab es diesen Weg für alte ZJ, die nicht mehr von Haus zu Haus gehen konnten, aber trotzdem “Dienst machen” wollten (oder wohl besser: sollten?) im Sinne der WTG – nicht der Bibel. Ich kann mich noch gut an eine alte und kranke Schwester in der Versammlung meiner Eltern erinnern, die solches tat und damit sogar in einer lokalen Tageszeitung in die Presse kam, weil sie aus dieser Zeitung stets… Weiterlesen »

Ihr als Macher von BI seid doch alle oder so gut wie alle ehemalige Älteste der ZJ, oder? Ich habe während meiner Zeit als ZJ so gut wie keinen anständigen, geschweige liebevollen, mitfühlenden Ältesten kennengelernt. Die meisten waren bedrückende Wölfe, arrogant, selbstverherrlichend und fordernd, die ihre Schafe zu wasserlosen Gegenden führten. Wart ihr anders? Ich glaube kaum! Warum stellt ihr euch denn jetzt auf die Seite der Enttäuschten und Opfer, wo ihr sie früher doch selber verachtet habt, wenn sie euren Anforderungen nicht entsprachen oder einfach, weil ihr euch als bessere Menschen fühltet oder einfach nur deshalb, weil sie unter… Weiterlesen »

Ach du meine Güte!
Sonntäglicher Zoobesuch……
Kinder keine Lust in den Zoo zu gehen…..da lachen ja die Löwen….
Vergleiche haben die…..!
“Freiwillig” bin ich zwangsweise in Versammlung und PD mitgegangen Was anderes kam gar nicht infrage!
Wie habe ich den Dienst gehasst! Mitleidige Blicke….als Jugendliche war ich froh, wenn keiner aufmachte. Alles wird schön geredet, aber wenn man gegen all die Ablehnung anläuft, ist das schnell verflogen.
Besser, man nutzt die Zeit um für andere was zu tun, als diese Zeitschinderei beim Briefe schreiben. Das wäre ein viel größeres Zeugnis.
LG
Wildblume 🌺🌺🌺

JZ-“Kinder würden «zu eigenständigen Erwachsenen erzogen, die eine eigene Meinung haben dürfen».” LOL.

Ah ja. Und die Erde ist eine Scheibe, und 3 mal 4 macht Neune, widdewidde … “Eigene Meinung” unter ZJ, das ist so wie “relaxt chillen und cool abhängen mit dem brüllenden Drillsergeant auf dem Exerzierplatz” – ein Oxymoron. Einfach nur hirnrissig.

Ich kann Eure Meinung leider nicht ganz teilen….Persönlich finde ich gut, dass Kinder Briefe schreiben; Alternative wären ja die sozialen Netzwerke Facebook und Co oder Playstation….weil viel wird ja mit den Kindern nicht unternommen. Das Kinder ältere Menschen oder Pflegekräfte anschreiben(dazu etwas selbst gebasteltes hinzufügen) ist für mich sehr edel und keineswegs verwerflich. Wenn eine Schule eine solche Aktion starten würde, glaubt jemand das Kritik aufkommen würde? NEIN!!! Im Eifer der Ablehnung vergessen wir oft das edle und positive zu sehen….Nicht cool Leute

Was lese ich hier? Kinder schreiben ein paar nette Zeilen an Altenheimbewohner und basteln auch noch was Schönes dazu?Das gibt es nicht! Ich bin fassungslos!
Das ist definitiv ein Fall für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Sind Amnesty International diese Vorkommnisse bekannt?

Dann liefert doch einige Fakten…Ins Leere zu sprechen und nur zu polemisieren finde ich sehr dünn

Soeben hier drübergestolpert: https://taz.de/Ehemaliges-Sektenmitglied/!5729297 Sind zwar ein paar “komische Sachen” drin wie z. B. dass sie erst von Harmagedon hörte, als sie “tief in der Gemeinschaft verankert war” (Harmagedon ist grundlegendstes Grundwissen, welches man als “treuer Zeuge” bereits beim ersten Haustürbesuch weitergibt), sowie dass sie bei ihrem Abgang “eine sogenannte Ausstiegskarte” ausstellte – was soll das denn sein? Die einzige mir bekannte “Karte” bei JZ ist die “Verkündigerberichtskarte” (kurz VKB) S-21. Und für einen freiwilligen Austritt gibt es keine spezielle “Karte” – wenn man was schreiben will, dann macht man das ganz informell auf einem Stück Papier, in welchem Format… Weiterlesen »

Liebe Freunde, nur ganz kurz: nein, es ist kein Problem, wenn Kinder in diesen Zeiten nette Briefe schreiben. Ja, wenn man es ihnen entsprechend erklärt, machen sie das gern und finden, es sei eine soziale und gute Tat. ABER: 10-Jährige können nur stumpf das abschreiben, was man ihnen vorgibt – und dies immer und immer wieder zu tun, dient klar der Indoktrination dieser Kinder. Ehrlich gesagt, kann ich mir kaum vorstellen, dass ein 10-jähriges Kind nach 6 Stunden Homeschooling und sich daran anschließenden Hausaufgaben gern in Schönschrift diese Briefe schreibt. Das ist aber nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass… Weiterlesen »

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