Meine “Kontroverse” mit den Zeugen Jehovas

Von Teresa Nauber | Veröffentlicht am 20.11.2016 |

Mitglieder der Religionsgemeinschaft „Zeugen Jehovas“ auf der Suche nach Gesprächspartnern.  Quelle: pa/dpa

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article159613558/Mein-Zusammenprall-mit-den-Zeugen-Jehovas.html

trolly-001Sie stehen mit ihrem „Wachturm“ an den Bahnhöfen und lächeln selig. Akzeptiert. Dass diese religiöse Sekte allerdings in der U-Bahn Kinder mit Filmchen auf dem iPad bedrängt, geht gar nicht.

Ich sehe sie jeden Morgen. Sie stehen bei Wind und Wetter vor dem Bahnhof neben ihren Wägelchen und sehen freundlich dem Strom von Berufspendlern entgegen. Niemand bleibt stehen, um mit ihnen zu sprechen. Sie kommen trotzdem jeden Morgen wieder.

Und weil sie so nett aussehen, grüße ich sie: die rothaarige junge Frau, die so gekleidet ist wie meine Großmutter, die vergangene Woche 103 Jahre alt geworden wäre, und den Mann neben ihr.

Ich bin davon überzeugt, dass sie es gut mit uns meinen. Sie wollen uns retten, ja wirklich. Die Zeugen Jehovas glauben, dass nur eine bestimmte Anzahl von Menschen in den Himmel darf. Und dass ihr Glaube sie vor dem Satan schützt.

Dass sie da stehen und anbieten, über Gott zu sprechen, kann ich ihnen aus diesem Grund verzeihen. Jeder kann ja selbst entscheiden, ob er sich darauf einlässt oder nicht.

Sie hielt meinem Kind ihr iPad unter die Nase

Ich habe einen festen Glauben und brauche keinen neuen. Also grüße ich und gehe weiter. Bis heute morgen. Da stieg eine ältere Dame in die S-Bahn und setzte sich mir und meiner knapp dreijährigen Tochter gegenüber.

Sie nestelte an ihrem iPad, sah mich an und fragte, ob ich ihre Website schon kenne. Ehe ich mich versah, hielt sie meinem Kind ihr iPad unter die Nase und zeigte ihm ein animiertes Video.

Ein Mädchen sang in diesem Film, wie lieb es seine Eltern hätte. Lauter so putzige Videos hätten sie im Angebot, teilte mir die Frau ungefragt mit. Ich war einigermaßen irritiert, meine Tochter hingegen ganz entzückt. Sie darf nie in der S-Bahn Videos schauen.

Wir gehören zur Ein-Buch-ist-eine-super-Unterhaltung-für-eine-Dreijährige-Fraktion. Der Dreijährigen lässt sich das bloß nicht immer so gut vermitteln. Meine Tochter starrte also begeistert auf den Bildschirm und stellte fest: „Das Mädchen singt.“

Als das Mädchen damit fertig war – und ich leider noch immer völlig sprachlos – tippte die Frau aufgeregt auf dem iPad herum und schon lief der nächste Film. Erst jetzt bemerkte ich die Adresszeile im Browser: jw.org – die Internetadresse der Wachturm-Gesellschaft.

„Mami, ich möchte lieber wieder lesen“ Ich sah die Frau an und fragte mich, was ich jetzt tun sollte. Ich hätte ihr gern das iPad aus der Hand geschlagen und sie gefragt, was ihr einfällt, einem nicht einmal dreijährigen Kind – ohne die danebensitzende Mutter zu fragen – missionarische Videos zu zeigen.

Ich habe das nur deshalb nicht getan, weil ich mein Kind nicht verunsichern wollte. Die nonverbale Kommunikation zwischen uns funktioniert allerdings erstaunlich gut. Die Kleine sah zu mir herauf und sagte: „Mami, ich möchte lieber wieder lesen.“ Wirklich, das hat sie gesagt. Tolles Kind.

Die Frau schaute missbilligend zurück, schüttelt den Kopf, steckte das iPad weg und begann leise flüsternd in einer Bibelausgabe der Zeugen zu lesen. Ich frage mich seitdem, ob das ein Einzelfall war. Die Wachturm-Gesellschaft bietet auf ihrer Internetseite eine ganze Reihe solcher Videos an. Sie erzählen davon, wie man den Mut aufbringt, zu seinem Glauben an Jehova zu stehen, davon, dass zu einer Familie immer Papa (also ein Mann), Mama (also eine Frau) und ein Kind gehören, oder davon, dass „Jehova alles schön gemacht“ hat.

Das geht eindeutig zu weit. Es gehört offenbar zum Konzept der Glaubensgemeinschaft, Kleinkinder mithilfe kurzer Trickfilme zu aufrechten Zeugen zu erziehen, damit auch sie später bereit sind, bei Wind und Wetter vor Bahnhöfen zu stehen. Oder in den Worten der „Leitenden Körperschaft“ der Zeugen aus den USA: um schon den Kleinsten die „Liebe zu Jehova ins Herz zu pflanzen“.

Wenn die Zeugen Jehovas meinen, das sei eine adäquate Form frühkindlicher Erziehung, können sie ihre eigenen Kinder von mir aus mit solchen Filmchen ruhigstellen. Fremden Kindern in der S-Bahn solche Videos zu zeigen, geht aber ganz eindeutig zu weit.

Vor allem, wenn der Sinn und Zweck der Vorführung nicht offengelegt wird – nämlich die unausgesprochene Hoffnung, dass das Kind später noch mehr von diesen Videos schauen will und womöglich fragt, wer denn dieser Jehova sei.

Ich kenne mein Kind. Noch heute Abend wird sie Sätze sagen wie: „Ich möchte, dass das kleine Mädchen noch mal singt.“ Dann ist es an mir, sie davon zu überzeugen, dass ein Bilderbuch immer noch die beste Unterhaltung ist. Schönen Dank auch!

[Gesamt:36    Durchschnitt: 5/5]

Ähnliche Artikel

neueste älteste
Benachrichtige mich bei
Tilo

Was Frau Nauber beobachtet hat, trifft den Kern der ganzen Sache: Der “Dienst” mit  Trolley und iPad dient den Zwecken der religiösen Propaganda. Auf meinen letzten Reisen durch Europa sah ich immer wieder, wie Zeugen Jehovas zu zweit mit dem Wägelchen im “christlichen Predigtdienst” standen, während die Menschen tatsächlich unbeeindruckt und mit sich selbst beschäftigt vorbeigingen. Keinen Blick hatten sie für die bunten Plakate übrig! Die beiden “Verkündiger” unterhieten sich und taten so, als wären sie nicht zuständig. Das soll wohl bedeuten, dass sie durch ihre Gegenwart nicht “abschreckend” wirken sollen. Trotzdem habe ich auch nach längerem Beobachten niemanden gesehen,… Weiterlesen »

mausi

Super – ihr habt das ja gleich als ganzen Artikel gebracht 🙂 SUPER!   “…..geht aber ganz eindeutig zu weit.” Wüsste diese Journalistin noch besser über die internen Verhältnisse, Praktiken, Strategien, Zielsetzungen und Ergebnisse Bescheid hätte sie klarer formuliert: Und das Wort verwendet was hier “angebracht” ist. Zeugen Jehovas sind grundsätzlich “übergriffig” und “usurpatorisch”. veranlagt und das ist ihre Vorgehensweise – die sie nur sehr mühsam verhehlen und verdecken. “wenn der Sinn und Zweck der Vorführung nicht offengelegt wird….” So ist es. Es ist nämlich das als was es vorgetäuscht wird – zweckfreie Freundlichkeit oder “Nettigkeit” einem fremden Kind gegenüber. Völlig… Weiterlesen »

Tschango

Hi,

Ist tatsächlich so. Ich bin viel im öffentlichem Raum unterwegs, eigentlich tagtäglich und ich sehe nie dass sich jemand dafür interessiert. Die einzige Unterhaltung die sie meistens führen, ist die untereinander. Wenn man bedenkt was für eine riesen Propaganda für den Wundertrolli gemacht wurde welch Segen das doch nicht von Jehova wäre, ist die Realität doch sehr ernüchternd, wenn nicht sogar extrem peinlich. Aber für die Trolligeher ist es ok, Hauptsache die Zeit verstreicht, der Stundenzettel passt, und das unangenehme Türenklopfen muss nicht getan werden.

Treuer Zeuge

Es ist ja auch nicht notwendig dass Sie angesprochen werden, allein dass man Sie sieht legen Sie Zeugnis für Jehova ab.

Petrus111

  Liebe Freunde,   als Christus auf die Erde kam, um die Erlösung durch sein Opfer zu bringen und zu verkünden, dass Gottes Reich sich genaht habe, da war er erst mal der einzige Christ – bzw. der Christus selbst. Er sammelte 12 Jünger um sich – und begann, zu missionieren.   Die Botschaft war recht einfach: Gottes Reich hat sich genaht. Glaube an den Christus und werde erlöst.   Bekehrungen gingen recht schnell von statten – denn die Juden kannten Gottes damaliges Wort – sie kannten seine Schriften und sie erwarteten den Erlöser. Die, welche Christus anerkannten, fanden also… Weiterlesen »

ManfredF

BAck to the roots Als ZJ anfingen hatten sie Plattenspieler mit, sie stellten sich vor die Tür und spielten dann eine Platte ab und anschließend verkauften sie Zeitschriften. Heute nimmt man ein ipad, spielt Videos ab. Mit der Verkündigung der Guten Botschaft von Jesus hat das gar nichts zu tun. Und die meisten merken das nicht einmal. Noch interessant. In einem Bericht aus einem WT aus dem Jahr 2000 erzählt der Zeitzeuge, wie er an der Tür alle 6 Bände der Schriftstudien erworben und “die biblische Wahrheit” regelrecht verschlungen hat. Wenn ein ZJ m Jahr 2000 oder heute die “biblischen… Weiterlesen »

Ordnungszahl 83 (kristallin)

Liebe Leser, diese kleine Story legt vieles dar. Die aufdringliche, bewegtbildpenetrierende Zeugin hat den Druck, jw.org in die Welt zu tragen, an einem “willkommenen Opfer” abgelassen. Normal. Man darf es nie vergessen: Die WTG ist eine Druckerei. Sie ist eine DRUCKerei (bitte wortwörtlich nehmen)! Denn sie stellt nicht nur Vierfarbdrucke auf 32g/m2-Papier her, sie erzeugt auch jede Menge heiße Luft und eben noch mehr Druck. – du musst in der Schule in der Adventszeit deinen Schulkollegen klarmachen, warum sie ungläubige Heiden sind (respektvoll, freundlich, aber bestimmt [wenn möglich])* – dann musst du deinen Lehrern Paroli bieten, dass du nicht studieren… Weiterlesen »

M.N.

Liebe Freunde, was sich derzeit (aufgrund des penetranten diesbezüglichen Dauerpushens seitens der JW.Org) in puncto “Belästigung der Öffentlichkeit mit JW.Org-Videoclips” abspielt, kann nur noch als unerträglich peinlich und fürchterlich nervig bezeichnet werden. Es überkommt mich jedesmal wieder kalt, wenn das SCHON WIEDER betont wird, dass “wir das jetzt SOOO machen, weil das der geoffenbarte Wille des obersten JW.Org-Zentralkomitees und damit der Wille des Allmächtigen ist” (Stichwort “Der himmlische Wagen rennt ja soooo schnell – HALTEN WIR AUCH SCHRITT MIT IHM?” Ach so, ja – JHWH möchte auch über Apple, Samsung & Co. seinen reichen göttlichen Segens ausschütten). Also kann hier… Weiterlesen »

Ömmelchen

Kann sich irgendjemand Jesus vorstellen, wie er neben einem Handwagen voller bunter Schriftrollen rumsteht und stumm ins Leere lächelt … ?

Magda

Säuglinge zu taufen finde ich noch schlimmeren Eingriff als mal ein Filmchen. Ausserdem kann ich die Dame nicht verstehen. Meinem Kind hält keiner einfach in IPAD unter die Nase. Hätte ja sonst was sein können. Die Kommentare zu dem Bericht auf N24 finde ich sehr ausgeglichen.

Noomi

Hallo ÖmmelchenSchön wieder mal etwas von dir zu hören. Wir haben dich schon lange vermisst!
Gruss Noomi

Treuer Zeuge

Bravo Magda, Du hast es genau auf den Punkt gebracht.

Magda

Dann die Gegenfrage. Was können die Menschen von heute überhaupt noch aufnehmen. Glaube die wenigsten könnten nur annähernd den Ausführungen hier folgen. Die Menschen sind abgestumpft und kaum Aufnahmefähig. Am liebsten wenig Text und viel Bilder.  Wie soll man den Menchen denn eurer Meinung nach predigen? Ganz ernstgemeinte Frage.

Auftrag: predigt allen Menschen von Gottes Königreich.    Wie machbar?

Leo@Alle

Hallo an alle,

wenn ich die Kommentare von Magda so lese beschleicht mich immer so ein ungutes Gefühl.

Es kommt mir so vor, als ob hier jemand, wie ja schon oft geschehen, versucht die WTG Lehre hier unterschwellig zu positionieren.

Ich habe nichts dagegen wenn Zeugen hier offen ihre “Wahrheit” verteidigen.  Aber dieses Gerede wie: ” ja ich bin auch nicht mit dem und dem einverstanden aber imGroße und Ganzen ist es doch in Ordnung was wir Zeugen so lehren und machen”, empfinde ich verdächtig.

Oder sehe ich das falsch?

LG

Leo

 

Gerd

Weihnachtsgeflüster:

Christenheit feiert wie alle Jahre vehement

scheinheilig den: “Advent”.

Frage: führt Jesus sie zu einem guten End’?

Christenheit erwartet doch mit Geschenkeslust,

kaum Jesus, selten auch den Christus

sie geben auf seine Worte an Lukas kaum noch Acht:

“sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen in einer Wolke mit Macht”

feiernd gehen sie in die vorhergesagte Falle:

“denn wie ein Fallstrick wird er kommen über alle!”

Sie singen fröhlich: “Stille Nacht”,

ein “wartender” Christus  herrscht bald mit großer Macht!

Dann erlebt die gläubige Gemeinde:

Zu Füßen sind gelegt, Christi und auch unsere Feinde!

Jeder zur Kenntnis nehmen wird:

Befreiung ist dann da, Christi Königreich regiert!

DermitdemWolftanzt

Herr Bruderinfo, wie ich sehe wurde das Bild der beiden netten Personen aus dem Artikel “Meine Kontroverse mit den Zeugen Jehovas” entfernt. Da es nicht genutzt hat ihnen nur meinerseits zu schreiben musste ich die beiden informieren. Was kein Problem ist, da ich kein Zeuge Jehovas bin, sondern nur der Ehegatte einer 🙂 . Ich bitte sie in Zukunft besser darauf zu achten welches Bildmaterial sie oder die Schreiber der Artikel verwenden. Bestimmt möchte niemand, ungeachtet des Inhaltes einer Website, sein Bild ohne Einverständnis im WWW veröffentlicht sehen. Dieses bewusste Vergehen ihrerseits hat mir nunmehr deutlich vor Augen geführt wie sie hier auf… Weiterlesen »

DermitdemWolftanzt

Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin kein Zeuge Jehovas, weil ich nicht an Gott glaube. Das wird auch nicht meine Frau und auch kein Zeuge Jehovas der Welt ändern. Somit glaube ich auch nicht an das Ende der Welt, das Paradies usw. 😉 Ich kann also keine Fachexpertise zum Thema “Lehren der Zeugen Jehovas” abgeben und ihnen auch nicht mitteilen ob ich Harmagedon überlebe 😀 Ich kann NUR zu dem was ich sehe und erlebe eine Meinung abgeben. Ich mache auch keine Propaganda, sondern habe nur ganz offen meine Eindrücke und Erlebnisse geschildert. So etwas nennt man offenen Gedankenaustausch. Ich… Weiterlesen »

Fanny

Fanny@Petrus111

Hallo Petrus,du triffst wie immer den Nagel auf den Kopf!!!

Die Freundlichkeit und Tolleranz einen im geteilten Haus lebenden Partner dient im Endeffekt dazu den nicht gläubigen zu missionieren. Der gläubige Teil soll durch ihren Wandel und Unterwürfigkeit Ihren Partner ohne Worte gewinnen.Darum kann ich mir auch nicht vorstellen,dass der ungläubige Teil wirklich weiß,was der gläubige Teil durchmacht wenn er oder sie den Partner liebt.

GLG an dich

Fanny

Sylvia Geiser

Lieber Sledge Hammer Dein 3. Aspekt ist wirklich wahr. Ich musste beim Lesen lachen. Ich habe ebenfalls einen”ungläubigen” Ehemann, denn ich nie hätte bekehren können, weil er wie Du sagst, die sogenannten religiösen Spinner, so wird auch gedacht, es nicht zulassen würde. Nie wäre ich in der Schweiz in diese Sekte eingetreten, denn man kannte mein Mann zu gut in der Stadt. In Thailand sieht das etwas anders aus. Da ich aber nie ZEUGENKONFORM war und bereits nach ein paar Monaten nach der Taufe ihr wahres Gesicht erblickte, wurde mir sofort bewusst, dass ich gehen werde. Das VERHALTEN der ÄLTESTEN… Weiterlesen »

logofilus

Hallo Teresa, ich bin ein Zeuge Jehovas….nicht im Herzen aber offiziell….und zwar ein “bezeichneter”, heißt, dass man mich sozial isoliert hat, indem alle angehalten werden, mich nicht mehr einzuladen und Einladungen von mir nicht mehr zu akzeptieren, da ich die Autoritäts-Stellung der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas in Frage gestellt habe. Die Sache mit den Videos hat nun mal gar nichts mit der Bibel zu tun. Jehovas Zeugen sind eine Firma mit industrialisiertem “Evangelium” mit allen Merkmalen modernen Marketings und moderner Manipulation von Menschen…..meist unbedarften. Jehovas Zeugen überzeugen nicht, sondern manipulieren. Wenn sie nun jemanden auf Ihre Seite gezogen haben,… Weiterlesen »

Scroll to Top