Dinge über die man nach dem Ausstieg kaum spricht

Vor einigen Monaten veröffentlichte BI einen Artikel mit Video, der die Kriterien –   aus Sicht der Organisation der Zeugen Jehovas –  für die Auswahl eines idealen Ehepartners, beleuchtet. Die Empfehlung “nur im Herrn heiraten” bedeutet –  laut WTG – keinen „Weltmenschen“ zu ehelichen, sondern am besten eine fleißige und theokratische Schwester, bzw. einen vorbildlichen Bruder, der am besten noch mit einem Dienstamt aufwarten kann.

Doch wie ergeht es oft den Paaren, die genau diesem Rat gefolgt sind? Was passiert, wenn man nach diesen Vorgaben auswählt und seine eigenen Wünsche völlig ignoriert – wenn man sich Fragen, wie: “Wer passt zu mir? Was erwarte ich von einem Partner? Wer bin ich überhaupt?” nicht stellt und sie vollkommen verdrängt?

Ist durch die Empfehlung der WTG das Eheglück so wirklich garantiert? Funktioniert eine Verbindung auf dieser Grundlage und welche Basis hat so eine Beziehung dann?

Hier meine Erfahrung:

Mein Ehemann und ich sind in “der Wahrheit” groß geworden. Wir wurden erzogen, o.g. Kriterien zu entsprechen, nicht nur, um so einen passenden Ehepartner zu finden, sondern in der festen Überzeugung, dass Jehova das so wünscht. Einen von uns trieb hauptsächlich die Angst vor Vernichtung – warum sollte Jehova ihn in Harmagedon retten, wenn er keinen „triftigen Grund“ hatte, NICHT Pionier zu sein? Der andere ging mit Leib und Seele in der Organisation auf – ohne Angst – sondern mit dem tiefen Gefühl, von Herzen etwas für Jehova tun zu wollen.

So wurden wir beide eifrige Pioniere und waren auf der Suche nach einem Partner, der die angeblich biblischen Vorgaben des Sklaven erfüllte. Dies schien uns die  Garantie für eine glückliche Ehe zu sein. Wir hatten keine einzige andere Liebes-Beziehung vor unserer Ehe und das Kennenlernen verlief ähnlich, dem vieler anderer auch: man begegnet sich in einer Pionierschulung oder auch als Helfer bei Bauprojekten, spürt Sympathie füreinander, tauscht sich aus und stellt fest: der andere entspricht wirklich dem Idealbild eines Partners, so wie die Organisation ihn uns empfiehlt. Jede/r junge Verkündiger/in, die/der sich nicht in „der Gewalt hat“ und nicht ehe- und kinderlos bleiben möchte, sehnt sich genau SO einen Partner herbei!

Nach sieben Monaten Bekanntschaft hielten wir das erste Mal Händchen – dies nur unter Beobachtung und ganz vorsichtig. Den ersten Kuss tauschten wir nach einem Jahr bei der Verlobung und geheiratet wurde ein halbes Jahr später.

Als Pioniere gingen wir beide einer Teilzeitarbeit nach. Mein Mann war obendrein Dienstamtgehilfe und wir genossen einen guten Ruf, waren fleißig, eifrig und ohne “Makel“. Ja, wir beide waren wirklich vorbildlich! Naja, nicht ganz: eigentlich hätte er noch die Schule für die Dienstamtliche Weiterbildung besuchen können (an dieser Stelle, einen von Herzen kommenden Gruß an Konja Simon Rohde, dessen wunderbares Buch ich gerade gelesen habe!) …

Da wir nur ein geringes Einkommen hatten, lebten wir ein bescheidenes, einfaches Leben in einer 1,5 Zimmer-Wohnung. Nach einiger Zeit wurde er zum Ältesten ernannt und wir füllten voll und ganz die Rolle des fleißigen, vorbildlichen jungen Ehepaares aus. Auf Kongressen dienten wir den Brüdern und gleichaltrigen Verkündigern als Vorzeigepaar. Natürlich fühlte ich mich super dabei. Und natürlich habe ich Ehepaare, die beide Vollzeit arbeiten, insgeheim verurteilt, genauso wie die Schwester, die nicht arbeitet, sich aber nur ab und zu für den Hilfspionierdienst meldet. Wie untheokratisch!

Ich gebe offen zu, dass ich oft gedacht habe: „Hey, ich gebe alles – ich verzichte auf  so viel und die machen sich ein schönes Leben.“ Innerlich war ich entrüstet. Heute im Rückblick erkenne ich, dass ich eigentlich nur neidisch war. Neidisch darauf, dass sie sich trauten, ihren eigenen Weg doch irgendwie zu gehen und noch ein bisschen sie selbst geblieben sind.

Im zweiten Jahr unserer Ehe stieg ich aus dem Pionierdienst aus – es wurde mir doch zuviel, ständig den Stunden hinterherzurennen. Ich war nervlich schon leicht angeschlagen und kam mir wie ein Versager vor. Nach fünf Jahren bekam ich unser erstes Kind (was in den 90ern noch Anfeindungen und blödes Gerede bedeutete) und mein Mann gab den Pionierdienst auf und arbeitete ganztags, um seine Familie versorgen zu können. Einige Jahre und ein paar Kinder später sind wir zu der gelobten und gepriesenen Vorzeigefamilie geworden, ganz nach den Vorstellungen der Organisation: immer präsent an besonderen Diensttagen, die Kinder, schon im Kleinkindalter überall auf der Bühne, legen so zuckersüüüüß und zauberhaft schön verkleidet, den perfekten Auftritt hin – in schicken und festlichen kleinen Kinderanzügen, mit passender Kinderfliege oder Krawatte! Bei Kongressen sind wir als freiwillige Helfer schon in aller Frühe mit die ersten vor Ort.

Mein Mann geht mit Leib und Seele in seinem Amt als Ältester auf, verausgabt sich für “vaterlose Knaben” und für perfekt funktionierende, organisatorische Abläufe. In seiner Familie ist er hauptsächlich präsent als studierender Vater. Ich – als vorbildliche Ehefrau, für die Kinder und den Haushalt zuständig  – halte ihm den Rücken für sämtliche theokratische Aktivitäten frei. So manches Mal melde ich mich noch für den Hipi, unterstütze die Pionier- oder Ältestenschulungen mit Kochen oder Backen etc. – es gibt immer etwas zu tun, in der Organisation. IMMER!

Theokratisch gesinnte Ehefrauen, die ihre Männer unterstützen, werden auf Kongressen oder beim Besuch des Kreisaufsehers gerne gelobt, denn Jehova schätzt dies angeblich sooo sehr. Und ich bin stolz auf meinen vorbildlichen Einsatz, bemerke jedoch nicht, dass ich langsam “auf dem Zahnfleisch gehe”. Das Engagement für die Organisation oder besser gesagt für Jehova ist unser beider Lebensinn. Und wenn ich mich mal schlecht fühle, weiß ich, es kann nur daran liegen, dass ich noch nicht genügend für ihn getan habe.

Nach jedem Kongress analysieren wir, was die Familie noch besser, noch mehr tun könnte, wo wir unser Leben noch mehr „vereinfachen” sollten. Trotz allem wird die Erziehung unserer Kinder von diesen Extremen nicht sehr berührt. Sie dürfen sich an Klassenfahrten beteiligen, Sport treiben, sogar im Verein – mit Ausnahme des Fußballvereins, weil wir Konkurrenzdenken nicht fördern wollen. Wir haben ein Haus gemietet und halten uns ein Haustier. Die Kinder werden nicht zum Dienst gezwungen, wenn sie nicht wollen. Natürlich gehen sie oft freiwillig mit, schon allein, um der Erwartung der Eltern zu entsprechen. Ich denke oft: “Insgesamt haben wir das doch eigentlich super im Griff und sind echt tolle theokratische, aber ausgeglichene Eltern.”

Bis zu dem Tag, an dem eines unserer pubertierenden Kinder plötzlich nicht mehr mit in die Versammlung will. Das ist die Katastrophe! Ein halber Weltuntergang. Wir überlegen: “Was haben wir falsch gemacht?” Der unlustige Jugendliche wird trotzdem noch paar Monate mitgeschleift, weil man ja einen Ruf zu verlieren hat. Immer stärker meldet sich mein gesunder Instinkt und ein ungutes Bauchgefühl. Mir fällt auf, unter welchem Druck die Kinder stehen und ich bemerke, dass auch von mir immer mehr verlangt wird. Ich registriere Änderungen, die mir komisch vorkommen und ich frage mich: “Ist das wirklich alles von Gott genauso gefordert? Will Jehova wirklich, dass der Sklave so massiv Einfluss nimmt?”

Irgendwann lassen wir unser bockiges Kind zu Hause, was uns zum Gesprächsstoff der Versammlung macht: “War ja klar: bei der nachlässigen Erziehung! Das Kind musste ja auch nicht jeden Samstag in den Dienst, durfte Klassenfahrten mitmachen etc. – tja, jetzt ernten sie, was sie gesät haben.” Es passiert noch einiges mehr und ich frage mich immer öfter: “Wo mischen die sich eigentlich überall ein?“ Irgendwann kommt es schließlich  zur Prüfung, zur Erkenntnis und zum Ausstieg.

Den möchte ich hier aber nicht thematisieren. Es erging uns wie so vielen – wir sind als komplette Familie endgültig vor ca. zwei Jahren ausgestiegen, mit all den Gefühlen der Befreiung und auch mit den vielen Tiefs – aber insgesamt ganz zufrieden, dass wir es zusammen geschafft haben, dieser Sekte zu entfliehen. Endlich sind wir frei und bereit für ein glückliches, gemeinsames, freies und selbstbestimmtes Leben.

Wie geht es bei uns weiter? 

Jeder, der die ZJ verlässt, kennt den Verarbeitungsprozess, der seine Zeit – Monate, manchmal Jahre – braucht, erst recht, wenn man nichts anderes kennt. Dann, langsam erwacht das eigene Ich. “Was will ich? Darf ich überhaupt was wollen? Wer bin ich?”

Zum ersten Mal spüre ich deutlich, dass es ein “Bauchgefühl” gibt. Aber: Darf ich auf mein “Bauchgefühl” hören? Will Gott das? Ist das vielleicht nicht nur mein ach so „verräterisches Herz“? Ich habe ungute Gefühle, die ich anfangs nicht einordnen kann. Was ist nur los? Was stimmt nicht mehr? Warum fühle ich mich unglücklich? Warum so eingeengt? Warum bin ich so verändert?

Und mitten in dieser Identitätskrise steht plötzlich die Frage: ” … mit wem bin ich da eigentlich verheiratet?“ Versteht mich nicht falsch: Ich habe einen wirklich netten Partner, aber diese Beziehung war völlig auf die Organisation gebaut – leben und sterben mit und für die Org.

Ich traue mich langsam, mich zu fragen: “Passen wir überhaupt zusammen?” Und viel schlimmer: “Liebe ich meinen Partner wirklich – so richtig?” Hilfe suche ich zuerst in einschlägigen Büchern. Bei Eheproblemen gibt es eine Vielzahl von Ratgebern, mit tollen Tipps:

“Denken Sie an die Anfangszeit, als Sie frisch verliebt waren, an die Schmetterlinge im Bauch, an den ersten Kuss.”

– Naja verliebt waren wir wohl schon irgendwie, Schmetterlinge mmmh … was ist das genau? Der erste Kuss, haha, der fand vor allen, bei der Verlobung statt! Also DAS Highlight war das nicht.

“Was hat Sie früher verbunden?”

– Die absolute Selbstaufgabe und der Stress, 90 Stunden im Monat in den Dienst zu gehen.

“Was hat Ihnen zusammen Spaß gemacht?”

– 90 Stunden im Dienst zu verbringen und nebenbei nach den Älteren in der Versammlung zu schauen.

“Was hat Sie verbunden, was hat Sie als Paar ausgemacht?”

– 90 Stunden Dienst, die Publikationen studiert und kaum eine Minute Freizeit gehabt zu haben.

“Versuchen Sie, diese ersten Dinge dieser ersten Verbundenheit wiederzubeleben.”

– Ja danke. Bloß das nicht! Aber genau das ist der Ratschlag von Beziehungs- und Eheratgebern. Und es  offenbart sich: die Ehe war nur auf die Anforderungen der Organisation gebaut. Ja, so eine Ehe hat sicherlich Bestand – in der Organisation!

Natürlich haben wir Sympathie füreinander. Natürlich hassen wir uns nicht. Natürlich mögen wir uns – wir haben Kinder miteinander. Natürlich haben wir schon viel miteinander erlebt, durchlebt und zusammen durchgestanden. Natürlich haben wir uns lieb, aber ist das wirkliche Liebe – mit Haut und Haaren? Ganz und Gar? Ist er mein Seelenverwandter, der mich versteht?

Ich bin völlig verunsichert.

Darf ich überhaupt darüber nachdenken, dass meine Ehe scheitern darf?

Darf ich mich überhaupt fragen, ob ich mit dem Falschen verheiratet bin?

Darf ich überhaupt so fühlen?

Und darf ich es laut aussprechen?

Ich bin verzweifelt: Es kann doch nicht sein, dass die Organisation so tiefgreifend gewirkt hat, dass ich jemanden geheiratet habe, den ich nur liebgehabt, aber nicht geliebt habe! So eine Marionette war ich doch nicht! Ja, vielleicht im Glauben manipuliert, aber doch sicher nicht bei der Partnerwahl! Oder etwa doch!?

Durch offene, traurige Gespräche kommt zutage, dass auch mein Mann an seinen Gefühlen und unserer Beziehung zweifelt. Wir erkennen: bei der Partnerwahl hat uns die Organisation geleitet und nicht unser Gefühl. Wir haben uns nicht gefragt:” WER passt zu mir? Was brauche ICH? Was und WER ergänzt mich? Was wünsche ich mir?” So etwas kam uns früher gar nicht in den Sinn. Nein – völlig indoktriniert und verblendet haben wir agiert, um einer Rolle gerecht werden zu können.

Damals waren wir beide schon über zwanzig – also nicht mehr ganz taufrisch für Org-Verhältnisse. Als Schwester, in dem Alter auf dem Heiratsmarkt, musst du schon damit rechnen, übrig zu bleiben. Der Spruch „Andere Mütter haben auch schöne Söhne“, trifft dann auch nicht ins Schwarze, denn man muss sich schon bemühen, einen ordentlichen Bruder abzubekommen, am besten einen, der noch die dienstamtliche Weiterbildung absolviert.

Da stehen wir nun nach Jahrzehnten einer Ehe – aufgewacht – und können es nicht glauben: Wir wissen beide eigentlich gar nicht, was es heißt, um unserer selbst willen geliebt zu werden. Wir fühlen uns unwohl und finden, dass wir ohne das Fundament Organisation nicht zusammen passen.

Wie befreiend könnte es sein, jetzt wirklich mal man selbst sein zu dürfen.

Eines ist ganz klar: wir empfinden Freundschaft füreinander – keine Spur von Hass. Wir haben ein gutes Verhältnis – so wie Geschwister es idealerweise haben. Einige würden sagen: “Das ist doch schon viel!“ Wirklich? Andere würden sagen: “Die Bibel hasst Ehescheidung, ihr dürft euch nicht trennen.“ Wieder ein Punkt, der mich gedanklich sofort in die Versammlung katapultiert und mir Alpträume verursacht, denn als derartiges böses schwarzes Schaf wird man garantiert vernichtet.

Wieder andere könnten sagen: “Arrangierte Ehen können auch funktionieren, es ist nicht das schlechteste. Ihr habt Kinder – spinnt ihr?!“  Fakt ist: keiner von uns beiden ist in jemand anderen verliebt, es geht wirklich nur um diese Ehe und unsere Gefühle füreinander. Und dieses Dilemma wird, wie ich finde, totgeschwiegen.

Es ist bekannt, dass viele Ehen nach dem Ausstieg auseinandergehen, weil die Partner merken, dass sie nicht zusammenpassen. Aber wer traut sich schon, offen darüber zu sprechen? Wer traut sich, nach einem ohnehin traumatischen Ausstieg, auch noch seine Ehe als gescheitert zu sehen, weil sie nur ein Arrangement auf Grundlage der Organisation war?

Dinge über die man nach dem Ausstieg kaum spricht 

Wer ist mutig genug, sich einzugestehen, dass man sich nicht wirklich von Herzen geliebt hat, sondern nur aus Sympathie und aus (aus heutiger Sicht) falschen Beweggründen geheiratet hat? Natürlich war man nicht nur unglücklich. Natürlich gibt es Dinge, die verbinden. Und natürlich sind da die Kinder. Aber der Kitt, der alles zusammengehalten hat, war die Organisation und ist die plötzlich weg, offenbart sich die nackte Wahrheit.

Wer gibt schon zu: Ich wurde von Geburt an indoktriniert und manipuliert. Ich war es gewohnt, nach dem Wachtturm zu leben. Was der Sklave wollte, wurde gemacht. Ich habe nicht den von mir gewünschten Beruf erlernen dürfen. Ich wurde nie gefördert, sondern gefordert. Ich kann mich nicht an ein Lob meiner Eltern erinnern, aber an den Moment, als meine Mutter, mit Tränen in den Augen dem Kreisaufseher ganz stolz erzählte, dass ich Pionier werden will. So wurde mir klar, wie ich wenigstens ein bisschen Anerkennung bekommen konnte. Anerkennung, die jeder Mensch braucht, genau wie das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Und in der Organisation funktioniert beides nur durch Predigtdienst und Stundensammeln.

Ich habe nie gelernt und erfahren, dass man einfach um seiner selbst willen geliebt und geschätzt werden kann. Authentizität wurde mir abgewöhnt und mein eigenes selbstständiges Denken und Fühlen zerstört. Durch diese Indoktrination, stehe ich jetzt an einem Punkt meines Lebens, an dem ich zurückblicke und fühle, ich will mit diesem Partner nicht alt werden und er auch nicht mit mir.

Natürlich gibt es Ehen, die unter den gleichen Voraussetzungen geschlossen wurden und trotzdem glücklich sind. Vielleicht haben sie sich nicht so beeinflussen lassen. Oder sie passen halt trotzdem einfach gut zusammen. Darüber kann ich nicht urteilen.

Aber ICH stehe jetzt vor dem Scherbenhaufen meines Lebens. Durch diesen Umbruch habe ich keine Kontakte, weder zu meiner Familie, noch zu einem sozialen Umfeld. Anderweitige Unglücksschläge müssen ohne Hilfe von früheren gedachten besten Freunden verarbeitet werden. Die Ehe ist kaputt und jeder ist jetzt eigentlich unglücklich.

Und dann sind da noch die quälenden Fragen:

Ist es ok, wenn ich jetzt wirklich die Freiheit nutze und mache, “was mein Bauchgefühl mir sagt“?

Darf ich sagen: “Ich habe mich fast 50 Jahre nach anderen ausgerichtet und getan und gehandelt, wie andere es für richtig hielten, aber so kann und möchte ich die nächsten Jahre nicht weiter leben“? Ich habe 50 Jahre lang um Hilfe gebetet.

Als Kind betete ich : “Bitte hilf mir, dass ich gehorsam bin und meine Eltern sich freuen.”

Als Schulkind: “Bitte hilf mir, dass ich mich in der Schule traue, Zeugnis zu geben.”

Als Jugendliche: “Bitte hilf mir, dass ich eine freie Antwort geben kann, damit Mama sich dann freut und sich nicht immer wegen mir schämen muss, weil ich die Antworten im Wachtturm ablese.“

Oder: “Bitte hilf mir, dass ich mich traue, im Predigtdienst an den Türen, etwas zu sagen.“

In der Ausbildung: “Bitte hilf mir, dass ich den Mut habe, Erwachsenen zu erklären, warum ich nicht Geburtstag feiere.“

“Bitte hilf mir, dass ich den Wunsch habe, mich taufen zu lassen.“

“Bitte hilf mir, dass ich den Wunsch habe, Pionier zu werden.“

“Bitte hilf mir, dass ich den Pionierdienst durchstehe.“

Bitte hilf mir … bitte hilf mir … bitte hilf mir …

Und jetzt? Darf ich beten “Hilf mir, die Trennung durchzustehen?“

Oder muss ich so beten: “Hilf mir, dass, egal wie ich mich fühle, ich die Ehe auf Gedeih und Verderb aufrechterhalten kann?“ Lohnt es sich überhaupt zu beten?

Bestimmt gibt es hier geteilte Meinungen. Ich habe natürlich auch nicht alles erzählt und es kann auch kein Außenstehender beurteilen. Wir müssen unseren Weg selber finden – egal wie der aussehen mag.  Und ja: ich habe hier nicht einen Bibeltext erwähnt! Ich wollte hier nur Gefühle zum Ausdruck bringen. Keinerlei Glaubensansichten – einfach nur Gefühle – unabhängig von jeglicher Konsequenz. Ich wollte nur meine Geschichte erzählen, weil ich glaube, dass es etlichen so geht, etlichen, die sich aber vielleicht ( noch) nicht trauen, dazu zu stehen.

Ich möchte alle umarmen, die sich in der gleichen Lage befinden: Befreit, eigentlich bereit und süchtig nach Leben und Liebe, aber gehemmt es auch nur ansatzweise zu probieren.

 

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AlternativeC

Hallo Tiffy,

Danke für Deinen Artikel.

“Als Jugendliche: „Bitte hilf mir, dass ich eine freie Antwort geben kann, damit Mama sich dann freut und sich nicht immer wegen mir schämen muss, weil ich die Antworten im Wachtturm ablese.“

ZJ-Mamas schämen sich für ihre Kinder

a) wenn sie die Antworten im Wachtturm ablesen, aber AUCH

b) wenn sie “freie Antworten” geben.

Merkst Du was?

Jetzt sag mir Einer, was ist Alternative c)? Unter Beachtung des Diktats “ehre Vater und Mutter”?

Dorkas

Liebe Tiffy, Dein Artikel hat mich sehr berührt.  Viele der Gefühle die du angesprochen hast kenne ich nur zu gut. Als ich die Org verlassen habe, hat mir mein mann zu verstehen gegeben, dass ich unserer ehe die Grundlage entziehen würde.  Ist die Grundlage für eine glückliche Bindung nicht ehrliche aufrichtige Liebe? Mir wurde schnell klar, dass es bei mir so ist. Für mich ist klar, dieser Mann ist meine große Liebe.  Ich kämpfe um ihn. Es schmerzt allerdings sehr,  wenn man das Gefühl hat ohne die Organisation geht nichts. Du schreibst,  sie war der Kitt der uns zusammen hält.… Weiterlesen »

Bella

Liebe Tiffy, vielen Dank für Deinen persönlichen Bericht, der mich sehr berührt hat. Ich störe mich überhaupt nicht daran, dass Du in Deinem Bericht keine einzige Bibelstelle zitierst. Denn wie Du selbst schreibst, geht es ja nicht um Glaubensgrundsätze sondern um Dich als Mensch mit all Deinen Bedürfnissen und Empfindungen. Und diese Empfindungen, die Du beschreibst, sind wahrhaft nicht ungewöhnlich. Ich denke, dass es vielen so ergeht, die die ORG verlassen. Und von jenen, die in der ORG bleiben, gibt es genügend Ehen, die nur deshalb noch bestehen, weil “es sich so gehört” und eine Trennung undenkbar ist. Denn abgesehen… Weiterlesen »

Petrus111

Liebe Tiffy, ich danke für Deinen Artikel, der bestimmte Aspekte und Probleme aufzeigt, “über die man nicht spricht” – sehr richtig. Ich bin seit über 30 Jahren verheiratet, bin ebenfalls als JZ aufgewachsen und seit 2 Jahren – gemeinsam mit meiner Frau – raus aus der Org. Wir haben keine Kinder und wir waren auch nie so eifrig wie ihr. Ich will jetzt hier nicht den “Eheberater” machen, aber: Meine Erfahrung ist, dass der Verliebtheit der Jugend im Laufe der Jahre Erfahrung, Wertschätzung, Achtung, gegenseitige Rücksichtnahme, Güte weicht. Also: idealerweise die ganze Palette der Früchte des Geistes. Ihr habt in… Weiterlesen »

Ulla

Liebe Tiffy, ich glaube, es geht vielen so wie dir/euch. Gut, wer (außer ORG-Leben) vielleicht neue gemeinsame Hobbies kennenlernt…zB verreisen, sich mal ausklinken, “Sabbatecal”-Jahr einlegen… Paare OHNE Kinder haben es da vielleicht leichter: Gehen sie zusammen, gibt es weniger psychischen Druck. Aber wenn der eine geht, der andere es nicht schafft, weil er sonst “Vorwürfe” von den eigenen Kindern bekäme….. …was für ein Dilemma…. Aber selbst wenn die Ehe scheitert oder eine Scheidung stattfindet, ist es sehr !!! zu loben und positiv, wenn sich die einstigen Eheleute mit Respekt und Freundlichkeit begegnen können. Kumpels werden können. Vielleicht ohne den ganzen… Weiterlesen »

Vivildropine

Hallo liebe Tiffy, Dein Bericht ging mir sehr zu Herzen. Denn er zeigt mir, dass es uns Ex-Zeugen irgendwie allen gleich geht. Aber der Grund, weshalb ich Dir schreibe , ist eigentlich nur der , dass ich das unterstreichen möchte, was Petrus 111 geschrieben hat. Nach meiner Scheidung von einem Ältesten habe ich die Erfahrung gemacht, dass auch wir Ex-Zeugen unsere Macken haben und es einem neuen Partner nicht immer gelingt, sich in unser Gefühls- und Seelenleben hineinzuversetzen. Wie auch? Wir kommen ja von einem anderen Stern 😉 . Aber du hast geschrieben, dass Ihr beide wie gute Freunde seid.… Weiterlesen »

Julia

Hallo Tiffy!   Auch ich kann diesen Artikel und die Gefühle völlig nachvollziehen, weil ich sie auch habe und kenne. Wir sind allerdings schon in der Trennungsphase. Es gibt bestimmt viele Ehen die – wie Bella schreibt – nur noch zum Schein aufrecht erhalten werden. Unsere Ehe war schon in der Org nicht besonders, aber wir haben es gar nicht gemerkt. Erst nach dem Verlassen der Org. wurde es offensichtlich und wir trauten uns darüber zu sprechen. Wir haben es verdrängt, uns nicht eingestanden. Ich kann mir vorstellen das es bestimmt Probleme gibt die du im Artikel nicht erwähnst. Du… Weiterlesen »

Kerstin Hoffnung

Hallo Tiffy, vieles wurde schon gesagt. Du bist sehr offen und ehrlich mit dir selbst und hast zusammen mit deinem Mann mutige Entscheidungen getroffen. Ich möchte deinen weiteren Lebensweg von der anderen Seite beleuchten. Was meine ich damit? Aus der Sichtweise eines Weltmenschen, so wie ich immer einer war, aber schon die Hälfte seines Lebens Kontakt zu Zeugen Jehovas hatte. Ich hatte immer großen Respekt vor solchen Vorzzeigefamilien, wie ihr sie ward. Selber, hatte ich ständig ein mehr oder weniger schlechtes Gewissen, weil längst nicht den Anforderungen eines treuen Zeugen entsprach und der Rest der Familie meine Vorliebe für Bibelstudium… Weiterlesen »

Mirjam

Liebe Tiffy! Danke, für deine Worte! Ich würde “euch” auf alle Fälle noch einmal eine Chance geben! Wie viele Menschen lassen sich scheiden? Wie viele Menschen lassen sich scheiden, wenn sich ein Lebensabschnitt (z.B Pension, Kinder aus dem Haus) ändert? Weil sie plötzlich wieder bei “0” stehen. Ich habe bei den Zeugen drei Jahre studiert, war ungetauft, habe meinen Mann kennen gelernt (einen Weltmenschen 😉 und habe ihn aus tiefster Liebe und Freundschaft geheiratet. Mit den Zeugen hatte ich danach keinen Kontakt mehr. Aber, was ich damit sagen möchte, in jeder Beziehung und Ehe gibt es Probleme. Aus Freundschaft, Liebe… Weiterlesen »

Johnny

Hallo Tiffy, herzlichen Dank für Deinen Artikel, den ich sehr schätze. Meine Ex-Frau war auch Pionierin (vielleicht ist sie es noch immer, wer weiß?) und der August war immer die Hölle. Da machte sie bis zu 135 Stunden, um das Ziel doch noch irgendwie zu schaffen. Wir mussten immer mit einem Gehalt auskommen, weil der Pio-Dienst hatte natürlich Vorrang. Leider musste ich alleine aussteigen. Ihr war die Sekte wichtiger als ich.

Birgit

Hallo liebe Tiffy, dein Artikel paßt vollkommen in das Bild das ich seid 30 Jahren beobachte,verfolge und selbst erlebt habe.Ich war Jesus sei Dank nie getauft,war aber seid meinem 13 Lebensjahr immer durch meinen Vater(Ältester seid 30 J.)beeinflußt,getrieben in die Versammlungen und geprügelt wenn ich nicht mitging.Das liegt hinter mir seid ca.3 Monaten.Oft fragte ich mich;warum kommen diese armen Seelen zu Mir (ungetauft) und schütten ihr Herz aus? Wie…ich weiss warum Er mich geheiratet hat…er will auf Sex nicht verzichten!!!Bitte?Wo ist die Liebe,Geborgenheit,auf einander verlassen können?Unser Schöpfer möchte doch das wir glücklich sind oder?Niemals könnte ich mir vorstellen,jemanden zu heiraten,den… Weiterlesen »

Tiffy

Tiffy an Alle Hallo Ihr Lieben, vielen Dank für die Reaktionen auf meinen Bericht. Liebe Bella – meine Mail Adresse ist bei BI für dich hinterlegt. Ich wollte einen Bericht schreiben, weil  ich weiß das ich mit meiner Situation nicht alleine bin. Ich hoffte so noch einigen die sich auch in dieser Lage befinden das Gefühl zu vermitteln nicht allein zu sein. Da draußen gibt es noch andere die so fühlen wie ihr. Ein Kommentar (der vielleicht etwas unglücklich hart formuliert war) wurde entfernt, dieser Kommentar hat aber meine Meinung eigentlich gut wiedergegeben: ich glaube mein Bericht wurde von einigen… Weiterlesen »

Nucnuc an tiffy

Wunderbarer Bericht genau so ist es

lieben dank an dich

neo

“so kann es einem ergehen, wenn man jehova und seine organisation verlässt. man hat kein segen gottes mehr”- habe schon mal irgendwo gehört ……bla bla bla 🙂   hallo tiffy! vielen dank für deinen lebensbericht. hat mir sehr gut gefallen. du hast recht man muss nicht immer alles mit der bibel erklären wollen, man darf auch die gefühle zulassen und von den empfindungen berichten. bei uns in der versammlung gabs mehrere paare die aus gleichen oder ähnlichen gründen geheiratet haben. du bist mit deinen gefühlen nicht alleine. habe schon mehrere solche berichte gelesen. es macht mich immer traurig zu hören… Weiterlesen »

Grübler

Grübler@hei-bea Wenn du die Kommentare von den “Herren der Schöpfung ” vermisst,  hier kurz ein paar Worte. Aber vorher nur eins,  du bist aus dem Harz. Ich bin da oft beruflich unterwegs. Ich habe vor mehr als 40 Jahren gegen den entschiedenen Willen meiner Eltern  (Ultra – ZJ) ein liebes Mädchen aus der “Welt ” geheiratet. Meine Schwiegermutter hat es dann (1975) geschafft,  meine Frau zum “Studium ” zu überreden.  Wir beide sind dann den Leidensweg mit allem  ( Hipi, Kongresse,  ich Ältester,  Stunden, Stunden, ) fast 25 Jahre zusammen gegangen. Durch flehentliches Beten bin ich nach Jahren der “Untätigkeit)… Weiterlesen »

Sylvia Geiser

Danke Gerd für Deinen aufschlussreichen Kommentar, der doch einiges enthält. Ich musste schmunzeln.

Wünsche Dir ein schönes Wochenende

Sylvia

Grübler

Grübler@hei-bea

Wünsche gute Besserung und ein schönes Wochenende !

Liebe Grüße

Lichtspender

  Worüber dürfen freie Christen nachdenken — worüber dürfen sie sprechen? Der Apostel Paulus sagte gemäß Philipper 4:4-9, hier nach der Neue evangelistischen Übersetzung (bibel.heute) Folgendes unter Inspiration: “4Freut euch jeden Tag, dass ihr mit dem Herrn verbunden seid! Ich sage es noch einmal: Freut euch! 5 Lasst alle sehen, wie herzlich und freundlich ihr seid! Der Herr kommt bald. 6 Macht euch keine Sorgen, sondern bringt eure Anliegen im Gebet mit Bitte und Danksagung vor Gott! 7 Und sein Frieden, der alles menschliche Denken weit übersteigt, wird euer Innerstes und eure Gedanken beschützen, denn ihr seid ja mit Jesus Christus verbunden. 8 Ansonsten… Weiterlesen »

Mario

Hallo zusammen ! Der Kommentar von Gerd kann ich nur unterstreichen. Ein großes Problem bei den Zeugen ist die Doppelbelastung, sowohl in theokratischer als auch weltlicher Hinsicht. Oh Mann, wenn ich daran noch denke. Mittwochs nach Frankfurt in die Predigtdienstschule, das hieß wenn ich Glück hatte um 16 Uhr Dienstschluß, dann 2 Kinder zum Handballtraining fahren. Nach 2 Stunden wieder abholen und nach hause fahren. In den 2 Stunden mit der Frau einkaufen und dann anschließend auf die Autobahn. 77 Kilometer hin, 77 Kilometer wieder zurück. Ankunft abends zu hause um 23 Uhr.Stress pur !Dasselbe am Samstag früh. Um 8… Weiterlesen »

Silas

Hallo, Tiffy und alle anderen! Ich glaube, gerade die Liebe ist in der Organisation immer ein Problem. Einmal die Nächstenliebe zu Menschen, die der Organisation nicht in den Kram passen, und dann natürlich die romantische Liebe, die, obwohl in der Bibel so wunderschön besungen, für die WTG wahrscheinlich am besten gar nicht existieren sollte, weil sie ja nur schändliche Leidenschaft bringt. Ehen sollten nur mit der Organisation im Hinterkopf geschlossen werden, nicht etwa, weil man seinen Seelenverwandten gefunden hätte. So jedenfalls habe ich als Außenstehender das Gefühl, der erst seit Kurzem intensiven Kontakt mit Zeugen hat. Ich denke, sich in… Weiterlesen »