Die Gitterstäbe, aus denen der goldene Käfig ist

 

Durch welches Tor muss man gehen, um die Organisation zu verlassen?

Christen, die einer Religionsgemeinschaft angehören, benennen ihre Religionszugehörigkeit meistens mit der Nennung ihrer Kirche: „ich bin evangelisch“; „ich bin katholisch“ oder „ich bin neuapostolisch“. Zeugen Jehovas sagen auf Nachfrage: „ich bin Zeuge Jehovas“.

Die Christenheit im allgemeinen erklärt, sie gehöre dieser oder jener Kirche an; Zeugen Jehovas erklären, sie gehören „zur Organisation“. „Die Org“ ist ein Begriff und das gibt dann eine Zugehörigkeit, aber auch Treue und Loyalität „zur Organisation“.

Das wird an dieser Stelle und zuerst ausgeführt, um sich damit zu befassen, was die Menschen in der Religion der Zeugen Jehovas hält und was sie hindert, diese Religionsgemeinschaft möglicherweise zu verlassen. Ein Zeuge Jehovas wird auf Nachfrage normalerweise erklären, dass er seiner Religionsgemeinschaft nach einem ausführlichen Studium der Bibel folgt und das ihn die Liebe zu Gott motiviert, sich für „die Organisation“ einzusetzen; dies versteht ein Zeuge Jehovas als Gottesdienst, weil er sich als „Teil der von Gott geleiteten Organisation“ sieht.

Wir wollen uns dem Thema jedoch einmal von der soziologischen Seite nähern:

Nach der Theorie der „Maslowschen Bedürfnispyramide“ hat der Mensch physiologische Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen. Danach kommen seine Sicherheitsbedürfnisse; hier gibt es natürlich Überschneidungen: ein Schlafplatz allein ist notwendig; dieser sollte aber auch sicher sein. Dann folgen die sozialen Bedürfnisse. Hierzu gehört der Wunsch nach Freundschaften, sozialen Kontakten. Auf die sogenannten „Individualbedürfnisse“ folgt der Wunsch nach Selbstverwirklichung.

Erst in der Erweiterung dieser Theorie sah Maslow die sogenannte „Transzendenz“, also die Suche nach Gott.

Nach der Theorie müssen erstgenannten Bedürfnisse weitgehend erfüllt sein, damit der Mensch sich der jeweils höheren Stufe seiner Bedürfnisse in der „Bedürfnispyramide“ zuwenden kann. Es gibt aber natürlich Überschneidungen; das Modell soll lediglich eine Klassifizierung von Bedürfnissen erlauben und es ermöglichen, diese im Verhältnis zueinander zuzuordnen.

Nach einer anderen theoretischen Darstellung hat jeder Mensch das Bedürfnis nach eigener Integrität, also nach Schutz, Anerkennung und Zugehörigkeit. Wird eines dieser Bedürfnisse stark vernachlässigt, so führt dies zu psychischen Problemen, der Betroffene ist anfällig für radikale oder fundamentalistische Gruppen, die das Defizit beheben.

Das Bedürfnis nach „Schutz“ ist auf der zweiten Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide angesiedelt, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist auf der dritten Stufe, den sozialen Bedürfnissen angesiedelt. Das Bedürfnis nach Anerkennung ist ein „Individualbedürfnis“; das ist auf der vierten Stufe der Bedürfnispyramide.

Man erkennt, dass die Modelle sich ergänzen: während Maslow meint, das die Bedürfnisse eine gewisse Rangfolge haben, sieht die Theorie über die „Integrität“ drei Grundbedürfnisse nebeneinander, die alle gleich wichtig sind; ist eines davon unterdurchschnittlich befriedigt, kommt es zu Störungen.

Ein Zeuge Jehovas hat jedoch auf seine Bedürfnislage eine andere Sicht: angesichts des nahe bevorstehenden Gerichtstages, so wird ihm intensiv beigebracht und vermittelt, sind die eigenen Bedürfnisse – beginnend bei den Grundbedürfnissen – hinten an zu stellen. Die Religion – eigentlich die höchste Stufe der Bedürfnispyramide – nimmt die Rolle wahr, alle natürlichen Bedürfnisse ihrer Angehörigen ad adsurdum zu führen.

Dies lassen wir ebenfalls so im Raum stehen – wir hinterfragen nicht, ob dies seine theologisch/religiöse  Berechtigung hat oder nicht. Was aber passiert, wenn ein Zeuge Jehovas deutliche Zweifel an seiner Religion hat und die Religionsgemeinschaft verlassen will?

Dafür muss man folgendes wissen: Jehovas Zeugen sehen sich selbst als die einzig wahre Religionsgemeinschaft an. Es gehört zu ihrer Doktrin, Menschen außerhalb ihrer Religionsgemeinschaft sozial zu meiden, da diese für ihre Religionsausübung hinderlich sind.  Theologisch begründen sie dies damit, dass alle Menschen außerhalb ihrer Religionsgemeinschaft zu „Satans Welt“ gehören, die „Gottes Königreich“ nicht anerkennt. Sie sehen die nahe Vernichtung aller gottlosen Menschen und halten alles außerhalb ihrer eigenen Religionsgemeinschaft für böse, satanisch, schlecht und der Vernichtung geweiht. Die Institutionen und Vereinigungen, die das menschliche Leben auf staatlicher und nichtstaatlicher Ebene strukturieren und organisieren und die kollektiven Bedürfnisse der Menschen befriedigen, wirken aus ihrer Sicht direkt gegen Gott.

Du hältst das für übertrieben und glaubst nicht, das Zeugen Jehovas so „ticken“? Wir zitieren aus dem Buch: „Frieden und Sicherheit – wie wirklich zu finden“ von 1986:

Kap 11 Abs. 26

„Einige mögen einwenden: „Aber viele Organisationen der Welt tun Gutes, arbeiten zum Schutz und für die Gesundheit, die Bildung und die Freiheit des Volkes.“ Es stimmt, daß gewisse Organisationen einige wenige Schwierigkeiten, unter denen das Volk zu leiden hat, vorübergehend beheben. Doch sie sind alle ein Teil der von Gott entfremdeten Welt. Und sie veranlassen die Menschen, ihre Aufmerksamkeit auf den Fortbestand des gegenwärtigen Systems der Dinge zu richten. Keine dieser Organisationen befürwortet Gottes Regierung über die Erde — das durch seinen Sohn regierte Königreich. Übrigens mögen selbst Kriminelle Kinder aufziehen, für sie sorgen und wohltätige Werke für ein Gemeinwesen tun. Würden aber diese Dinge es rechtfertigen, kriminelle Organisationen auf irgendeine Weise zu unterstützen? (Vergleiche 2. Korinther 6:14-16.)“

Den Mitarbeiter beim Roten Kreuz, den Feuerwehrmann, den Polizisten vergleichen Zeugen Jehovas mit „Kriminellen, die natürlich auch ihre Kinder gut behandeln, was aber ihre kriminellen Taten nicht besser macht und es nicht rechtfertigt, sie deshalb zu unterstützen“.

An dieser Stelle müssen wir konstatieren: es nützt nichts, festzustellen, dass man einen Zeugen Jehovas kennt, der ganz nett sei und mit dem man auch schon mal zusammen Kaffee getrunken hat. Denn gleichzeitig müssen Zeugen Jehovas den Spagat leisten, zum einen ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sich also sozialen Kontakten in der Arbeitswelt auszusetzen und zum anderen, genau den Umstand, dass sie alle Andersgläubigen meiden, so zu kaschieren, dass sie diese nicht vor den Kopf stoßen und daher in der Lage sind, die Menschen im Rahmen ihrer Missionstätigkeit im „Predigtdienst“ an den Haustüren und in der Öffentlichkeit anzusprechen. Dies gelingt ihnen gut: sie mimen den netten Nachbarn von nebenan, ihr sozialer Umgang ist Privatsache und so ist für die Mehrheitsgesellschaft nicht offenkundig, dass Zeugen Jehovas innerhalb ihrer Religionsgemeinschaft eine Parallelgesellschaft aufgebaut haben.

Betrachtet werden soll hier aber die Wirkung nach innen: ein Zeuge Jehovas meidet nach Möglichkeit den gesamten Sozialraum, auch seine andersgläubigen Verwandten; er nimmt nicht an religiösen Familienfeiern teil, auch kennt er keine Geburtstagseinladungen oder gesellige Anlässe zum Jahreswechsel. Im Rahmen seiner Missionstätigkeit hat er seinen Mitmenschen erklärt, dass sie in Kürze die Vernichtung zu erwarten haben, wenn sie nicht zu der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas konvertiert, sich also „Gottes Organisation“ anschließen.

Verlässt ein Zeuge Jehovas seine Religionsgemeinschaft, so hat dies die Ächtung durch die Angehörigen der Gemeinschaft zur Folge. Ausdrücklich betrifft dies auch die Familienangehörigen.

Für alle, die diese Religionsgemeinschaft nicht kennen: „Ächtung“ bedeutet, dass es den Angehörigen der Religionsgemeinschaft verboten ist, einen ehemaligen Zeugen Jehovas auch nur zu grüßen. Der ehemalige Glaubensbruder wird behandelt wie Luft. Wer dies missachtet, läuft Gefahr, selbst ausgeschlossen und geächtet zu werden.

Bekanntschaften und Freundschaften sind von heute auf morgen auf Eis gelegt – sie existieren ab sofort nicht mehr. Kinder meiden ihre Eltern; Eltern meiden ihre Kinder. Enkel dürfen nicht mehr zu Oma und Opa, sei es, weil die Kinder bei Jehovas Zeugen ausgeschieden sind oder weil die Eltern dort exkommuniziert wurden.

Es gibt 5 Wunden der Seele, die Narben hinterlassen:

  • die Erniedrigung
  • die Enttäuschung
  • die Gleichgültigkeit
  • der Verrat
  • der Verlust

Die Erniedrigung ist eine Verletzung des Selbstwertgefühls; das Selbstwertgefühl ist auf der vierten Stufe der Bedürfnispyramide unter den „Individualbedürfnissen“ zu finden.

Die Enttäuschung ist eine Verletzung sowohl der Sicherheitsbedürfnisse, wenn jemand sich auf etwas verlassen hat und sich dementsprechend sicher fühlte; es ist aber auch eine Verletzung der sozialen Bedürfnisse, weil die Enttäuschung auf zwischenmenschlicher Ebene stattfindet.

Ebenso verhält es sich mit der Gleichgültigkeit: eben noch glaubte man, einen Stellenwert zu haben, eine Rolle zu spielen, Bedeutung im sozialen Gefüge zu haben, um festzustellen, dass all das nicht mehr der Fall ist: man ist den anderen egal.

Sich verraten zu fühlen berührt das Bedürfnis nach Sicherheit, es verletzt natürlich auch das Selbstwertgefühl als „Individualbedürfnis“.

Verliert man Liebgewonnenes oder Wertvolles, so kann dies alle Bereiche der menschlichen Bedürfnisse bis hin zu den Grundbedürfnissen betreffen.

Wir wollen uns an dieser Stelle nicht mit dem Verfahren beschäftigen, das Jehovas Zeugen im Rahmen ihres sogenannten „Rechtskomitees“ betreiben. Dieses Verfahren ist in einem Druckwerk festgelegt, welches den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft nicht zur Verfügung steht; es steht lediglich den „Ältesten“ der Ortsversammlungen zur Verfügung.

Man kann aber folgendes feststellen: im ersten Jahrhundert entstand die Christenheit. Aus der Urchristenversammlung entstand eine Weltreligion, die sich aufgrund von Unterschieden in den Auffassungen bald in zahlreiche Richtungen aufspaltete. Über die Evangelien und die Apostelgeschichte sowie die Apostelbriefe im neuen Testament wissen wir einiges über die ersten Christen. Die Bibel beendet ihre Beschreibung jedoch im ersten Jahrhundert.

Zeugen Jehovas sprechen allen bekennenden Christen das Christsein ab. Wer ihrer Glaubensgemeinschaft einmal beigetreten ist und sie danach wieder verlässt, gilt als „abtrünnig“, unabhängig davon, ob er sich danach als „freier Christ“ sieht, sich einer anderen christlichen Religionsgemeinschaft anschließt oder nur gegen die Regeln der Gemeinschaft so verstoßen hat, dass man ihn exkommuniziert.

Was macht das nun mit dem so Geächteten?

Bedenken wir: Als Zeuge Jehovas ist man in seiner Religionsgemeinschaft – und so weit wie möglich „kein Teil der Welt“, wie oben ausgeführt. Man hat somit – das wäre das Ideal der Gemeinschaft – keine „weltlichen Freunde“, wenig Kontakt mit „weltlichen Angehörigen“, so wenig Kontakte wie möglich außerhalb der Religionsgemeinschaft.

Alle bisherigen Freunde, Bekannten und die Verwandten innerhalb der Religionsgemeinschaft strafen den Betroffenen mit Nichtachtung. Sie grüßen ihn nicht mehr, sie meiden den Kontakt, geschweige denn helfen ihm aus einer Notlage. Ächtung ist die höchste Form der Erniedrigung: eine Person wird dadurch zur Unperson.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Jehovas Zeugen können das

Bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, in diesem Moment jemanden freundlich anzulächeln und mit ihm umzugehen, um nach einer Bekanntmachung von der Bühne die gleiche Person zu ächten.

Natürlich ist es für einen „Ausgeschlossenen“ enttäuschend, wenn Menschen, um die er sich selbst verdient gemacht hat, ihn aufgrund eines Fehlverhaltens, welches diese Menschen gar nicht direkt betrifft oder aufgrund einer geänderten Überzeugung plötzlich links liegenlassen. An Bekannte und Freunde hat man natürlicherweise Erwartungen. Man meint möglicherweise, diese würden sich dem Ächtungsgebot nach Ausschluss aus der Gemeinschaft nicht anschließen und vielleicht heimlich Kontakt halten, um einen nicht fallen zu lassen, jedoch selbst keine Nachteile zu erleiden. Man wird jedoch feststellen, dass die Meisten sich an das Ächtungsgebot halten.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Aber bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, einen Freund einfach fallen zu lassen. Das tun sie von einem Moment zum anderen – die Bekanntgabe eines Gemeinschaftsentzuges oder die Mitteilung: „Bruder xy ist kein Zeuge Jehovas mehr“ reicht dafür aus. Jehovas Zeugen müssen dafür keine Gründe oder Hintergründe kennen. Sie sind ihrer Glaubensgemeinschaft treuer als jedem noch so gutem Freund, den sie in der Gemeinschaft hatten.

Der Betroffene sieht sich somit der völligen Gleichgültigkeit seines gesamten bisherigen sozialen Umfeldes gegenüber. Wurde beispielsweise jemand wegen „Unmoral“ ausgeschlossen, weil man ihm seine Reue nicht geglaubt hat, strebt aber seine baldige Wiederaufnahme an, so wird er weiterhin die Zusammenkünfte besuchen, er wird spät kommen, sich in die letzte Reihe setzen und nach der Zusammenkunft schnell wieder gehen. Es können hundert Menschen um ihn herum sitzen und stehen: sie beachten ihn einfach nicht. Sie sehen ihn nicht an, sie grüßen ihn nicht, sie geben ihm nicht die Hand – während sie sich aber miteinander rege vor und nach dem Gottesdienst unterhalten, scherzen, plaudern und sich zu Freizeitaktivitäten verabreden.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Aber bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, einen Menschen, mit dem sie noch gestern normal umgingen, der sich mit ihnen im gleichen Raum aufhält, wie Luft zu behandeln – oder: noch weniger, denn Luft atmet man ja ein und aus und braucht sie zum Leben.

Verrat ist ein besonders schwerer Vertrauensbruch, der die angenommene Loyalität verletzt. Ein Zeuge Jehovas, der sowohl Familie als auch Freunde in der Glaubensgemeinschaft hat, vertraut natürlich auf die Freundschaft und die Loyalität dieser Menschen. Wird er aber ausgeschlossen oder tritt selbst aus der Gemeinschaft aus, wobei es weder mit seiner Familie noch seinen Freunden einen sachlichen Zusammenhang gibt, so verweigern diese Menschen ihm jegliche Loyalität – sie lassen ihn einfach fallen. In dem Moment, wo das Urteil durch das geheim tagende „Komitee“ gesprochen und am kommenden Freitag der Versammlung verkündet wurde, kennen diese Menschen ihn nicht mehr.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Aber bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, eine Freundschaft einfach aufzukündigen. Sie sind nicht persönlich betroffen; der Freund hat ihnen nichts getan. Nur aufgrund der nun fehlenden Zugehörigkeit zur eigenen Religionsgemeinschaft lösen sie nicht nur die Freundschaft, sondern lassen den Betroffenen in jeder Beziehung im Stich.

Familienangehörige, also Eltern zu Kindern, Kinder zu Eltern, Onkel und Tanten zu Nichten und Neffen verhalten sich genauso. Und das bemerkenswerteste: leben minderjährige ausgeschlossene Kinder im Haushalt ihrer Eltern, so werden diese weiter für sie sorgen, mit ihnen aber „keine geistige Gemeinschaft“ haben. Ziehen die Kinder jedoch aus dem gemeinsamen Haushalt aus, so werden sie geächtet.
Stellen wir uns vor: die 16-jährige Annika ist schwanger; sie bekommt ein Kind. Sie will sich nicht von ihrem Freund trennen; sie kann aber auch nicht mit ihm zusammenziehen. Da sie sich von ihrem Freund nicht trennt, ihn aber auch nicht heiratet, wird sie ausgeschlossen. Die Eltern – und zum Kind von Annika die Großeltern sorgen für Tochter und Enkelkind, da sie in ihrem Haushalt leben.

Annika wird nun 18 Jahre alt und zieht in eine eigene Wohnung. Ab diesem Zeitpunkt haben die Eltern weder Kontakt zu ihrer Tochter noch zu ihrem – in Sippenhaft genommenen – Enkelkind.

Der Gemeinschaftsentzug von Zeugen Jehovas führt beim Betroffenen zu größten Verlusten. Sämtliche sozialen Kontakte sind von einer Sekunde auf die andere verloren. Hilfsgemeinschaften, in denen man sich gegenseitig unterstütze, indem man beim Umzug half, beim Renovieren unterstützte, auf die Kinder aufpasste, sind von einem Tag zum anderen zerstört. Man verliert sein gesamtes soziales Umfeld.

Das ist das, was mit dem Betroffenen passiert.

Aber bedenken wir: Jehovas Zeugen können das. Sie sind emotional dazu in der Lage, einem Mitbruder oder eine Mitschwester auf Zuruf diesen Verlust zuzufügen. Sie sind aber auch in der Lage, von einem Tag auf den anderen auf einen Freund zu verzichten, weil dieser nicht mehr in ihrer Glaubensgemeinschaft ist.

Zusammenfassend stellen wir fest: jeder Mensch hat gewisse Bedürfnisse. Diese physischen und psychischen Bedürfnisse werden von Zeugen Jehovas systematisch kanalisiert; die Mitglieder werden angehalten, diese nur innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft zu befriedigen. Es wird dadurch eine Abhängigkeit hergestellt, die eine Abkehr von der Gemeinschaft praktisch unmöglich macht, ohne einen totalen psychischen Kollaps zu erleiden. Zeugen Jehovas – je strenger sie ihren Glauben leben, befinden sich in einer Parallelgesellschaft, die ihr Bedürfnis nach Integrität durchaus befriedigt, aber sie sind sozial so isoliert, dass sie die Gemeinschaft nicht verlassen können, ohne ihre Integrität von einem Tag zum anderen völlig zu verlieren und allein und isoliert darzustehen.

Wir haben uns in diesem Artikel nicht mit den Glaubenslehren und den Hintergründen der Religion, irgendwelchen theologischen Herleitungen oder dergleichen befasst.

Wir haben lediglich dargestellt: als Zeuge Jehovas befindet man sich in einem geschlossenen Sozialraum – die Begrenzung erfolgt durch die Androhung des „Gemeinschaftsentzuges“, der denjenigen tief ins Mark trifft, je mehr und intensiver er mit seiner Religionsgemeinschaft verwoben ist. Spielt Familie eine Rolle, weil viele Verwandte auch zur Gemeinschaft gehören, ist es noch viel schlimmer für den Betroffenen.

Und: Jehovas Zeugen können das. Normal konditionierte Westeuropäer haben über ihre Erziehung und Bildung – ohne religiösen Hintergrund – ein Mindestmaß an Anstand und Mitmenschlichkeit, das sie daran hindert, ihre Mitmenschen emotional zu verletzen. Bei Zeugen Jehovas ist es aber anders. Sie sind so konditioniert, dass sie genau das auf Befehl können und auch tun. Sie verfahren so mit ihren besten Freunden und mit ihren liebsten Familienangehörigen.

Uns fehlt das Fachwissen, dies psychologisch zu erklären; wir haben aber die Erfahrung, dass es in der Gemeinschaft genau so ist und genau so funktioniert.

Das ist – wenn man es sich einmal klarmacht, einfach gruselig.

Diese Darstellung war theoretischer Natur. Ich habe in 30 Jahren der Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas viele emotional grausame Szenen erlebt, die wirklich skurril anmuteten, wäre es nicht so traurig gewesen. Und ich habe selbst den Ausstieg hinter mir – und zwar sowohl die „schnelle Variante“ als auch einen etwa einjährigen Prozeß, so dass meine Freunde und Bekannten tatsächlich informiert waren und sich ein Bild machen konnten. ALLE kannten den im Raum stehenden theologischen Konflikt; als mein Ausschluss bekanntgegeben wurde, haben allerbeste Freunde, die mich in Kenntnis der Problematik 14 Tage vorher zum Essen eingeladen hatten, um mich in meiner Auffassung umzustimmen, mich und meine nicht vom Ausschluss betroffene Familie von einem Tag zum anderen gemieden.

Ich persönlich verstehe jeden, der aus diesem „Käfig“ nicht rauskommt, weil er die ihn erwartenden seelischen Verletzungen einfach nicht aushält.

Ich selbst habe mir allerdings nach meinem Ausstieg auch klar gemacht, dass ich in all den Jahrzehnten allein durch meine Mitgliedschaft eine Organisation unterstützt habe, die genau so mit ihren Mitgliedern umgeht, wie es oben beschrieben wird. Obwohl ich mich gegen Freunde und Bekannte nicht an das Ächtungsgebot gehalten habe und es heimlich aktiv unterlaufen habe, habe ich es doch mitgetragen als Mitglied der Glaubensgemeinschaft.

Es gibt ausführliche theologische Abhandlungen darüber, dass das Ächtungsgebot Ausgeschlossener religiös nicht zu rechtfertigen ist. Darauf geht diese Abhandlung nicht ein.

Sie benennt einfach, was Zeugen Jehovas tun, wie es wirkt und was es mit den Menschen macht.

Dies mag bereits ausreichen, Menschen dafür zu sensibilisieren, sich zu fragen, ob sie in diese Religionsgemeinschaft eintreten oder ob sie weiterhin eine Gemeinschaft tragen wollen, bei der der „Käfig“ aus Gitterstäben seelischer Grausamkeiten besteht, die die Mitglieder der Gemeinschaft daran hindern, diese zu verlassen.

 

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Nuknuk an bert

Lieber bert

Wunderbar geschrieben Wer es nicht erlebt hat kann es kaum glauben.

Danke dafür lg

maedchen

auch ich habe ähnliches erlebt. diese ächtung geht noch weiter: selbst wenn diese besagte annika den vater ihres kindes heiraten würde, würde sie weiterhin geächtet werden, obwohl sie ihre privaten dinge in ordnung gebracht hat. sie würde weiterhin nicht zu familenfesten und damit logischerweise ihr kind und ihr ehemann auch nicht, eingeladen werden. was dies bei aussenstehenden bewirkt und in welchem licht jehova gesehen wird, darueber macht man sich keine gedanken. dies ist gotteslaesterung im hohem masse.

Ulla

Hallo Bert, du hast es auf den Punkt gebracht! Aus eigener Erfahrung möchte ich noch dazu ergänzen, dass zutrifft, was Gehirnforscher herausfanden: Ob man nun körperlichem ODER psychischem Schmerz ausgesetzt ist, ist dem Gehirn “egal”: Denn in BEIDEN Fällen ist DASSELBE Gehirnareal aktiv! Wenn ich als Christ leben möchte, dann darf ich also meine Familie, meine Mitmenschen WEDER prügeln, schlagen oder hauen NOCH sie mit Verrat, Ächtung oder Ignorieren schädigen. Weil Jehovas Zeugen aber ächten, verraten und ignorieren, leben sie nicht nach der goldenen Regel “Alles was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, tut ihnen genauso!” Sie zeigen durch… Weiterlesen »

Iris

Lieber Bert , Vielen Dank , für diesen Bericht . Du hast genau den Punkt getroffen . ,,  Normal konditionierte Westeuropäer haben über ihre Erziehung und Bildung ohne religiösen Hintergrund , ein Mindestmaß an Anstand und Mitmenschlichkeit , das sie daran hindert , ihre Mitmenschen emotional zu verletzen .” Zeugen Jehovas haben das gelernt , selbst ihre eigenen Familien zu verachten . Bei unserem ,, Austieg ” , der von einem Tag auf dem anderen war , hatten wir keine Möglichkeit mehr , unsere Kinder vorher zu informieren , da sie uns nicht mal mehr die Tür geöffnet haben .… Weiterlesen »

Birgit

Lieber Bert Dieser ganz toll ausgearbeitete Text passt wieder genau in die richtige Zeit. Jehovas Zeugen können das,weil sie Satan verehren.Er duldet keinen Gott neben sich. Liebe,Weisheit,Barmherzigkeit und Gnade hasst er wie die Pest.An Ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.Jeder,der Augen und Ohren hat,kann es erkennen.Aber nur,wie wir erwachten wissen,mit der Hilfe von Jesus Christus kommt man da raus.Er ist ein mächtiges Geistwesen,man darf ihn nie unterschätzen.Diese “Art” von Dämon kann nur durch Gebet ausgetrieben werden Markus 9:28,29. Wie Nuknuk schreibt;wer es nicht erlebt hat,wird es kaum glauben.Ich wurde,Jesus sei Dank,nie getauft,doch trotzdem wechselt man die Strassenseite wenn man mich… Weiterlesen »

Tilo

  Tilo an Bert: Danke Bert! Du bist so schön vernünftig geblieben, obwohl das Thema alle Gefühle hochpeitschen kann. Da auch ich ein Betroffener bin, aber nicht unter diesem unmenschlichen Verhalten leide, frage ich mich, warum die das können?  Die Antwort ist für meine Begriffe einfach: Sie sind abgestorben, wenn es um Grundsätze des Christentums geht. Von der Bergpredigt halten sie anscheinend wenig, wenn es dort heißt, dass man sogar seine Feinde (!) lieben soll. Ein Mensch, der sich aufgrund einer anderen Auffassung von der Organisation trennt, ist in den Augen der Zeugen Jehovas viel schlimmer als ein Feind; er… Weiterlesen »

Omma@Bert

Lieber Bert,

ich habe lange überlegt, nach dem Lesen deines Artikels, was ich dir schreiben könnte, um meine Gefühle der Wertschätzung auszudrücken. Aber nichts kann meine Begeisterung für deine Gedanken richtig ausdrücken. Daher möchte ich dir aus tiefstem Herzen sagen: “EIN SUPER ARTIKEL!!!

Es grüßen dich eine dankbare Omma und ihr Oppa

M.N.

Was soll man auch anderes erwarten? Im “Wachtturm” vom 15.12.1985 S. 15 Abs. 18 hieß es so beredt: “… die Einstellung derer …, die sich am Predigtwerk beteiligen. Gottes Königreich [Anm.: Die WTG] muß in ihrem Leben den ersten Platz einnehmen, WÄHREND PHYSISCHE BEDÜRFNISSE ZWEITRANGIG SIND.” – Großschreibung hinzugefügt. Aha. Ob du frierst, hungerst, leidest, dich ekelst, dich fürchtest – IST UNS EGAL! Ob es dir nicht gutgeht, ob du auf dem Zahnfleisch kriechst oder krepierst – IST UNS WURSCHT! Du hast zu FUNKTIONIEREN, für uns zu MALOCHEN und LEISTUNG abzudrücken, dass die Schwarte kracht. DAS ist das Einzige, was… Weiterlesen »

Birgit

Es ist ein Vergoldeter Käfig.Es ist nicht alles Gold was glänzt.

Alle Edelsteine dieser Erde gehören unserem Schöpfer.

Erinneret Euch an die alte Frau in Jesu Tempel.Sie hatte fast NICHTS.

Was sagt unser König über diese Frau?Markus 12, 41-44.

Unser barmherziger König ,Jesus Christus,lobte sie ….

mehr als die Reichen,denn diese hatten ja genug.

Sie wusste wer vor ihr stand und gab alles was sie hatte.

Ich bete täglich zu Jesus Christus,um noch viele erwachen zu lassen.

Nur Er kann das

Birgit

 

 

 

Brakefrau

Lieber Bert!

Danke für deinen besonderen Artikel (Speise zur rechten Zeit).

Ich befinde mich gerade in einer solchen Situation und habe die bittere Erfahrung gemacht das Freunde sich von mir abwenden, ohne auch nur ein Wort mit mir gesprochen zu haben oder zu hinterfragen was meine Beweggründe sind. Es tut so unendlich weh und macht mir Angst.

Ich bin dankbar für meine ältesten und liebsten Freunde die mich auf diese Seite aufmerksam gemacht haben.

Schön das ich beim letzten BI Treffen neue Kontakte und neue Hoffnung schöpfen konnte.

LG Brakefrau

Kilian

  Das Gleichnis vom verloren Sohn aus Org-Sicht von heute erzählt:     Ein Vater ist so mit sich selbst beschäftigt, das er gar nicht bemerkt, als sein verloren gegangener Sohn auftaucht.   Als dieser ihn anspricht und fragt ob er in die Hausgemeinschaft wieder aufgenommen werden kann, erklärt der Vater ihm, dass er erst einmal für längere Zeit im Stall leben muss.   Dort wird er fern von der Familie auch allein sein Essen zu sich nehmen und sein Dasein fristen.   Außerdem soll er es nicht wagen irgend einen von der Familie anzusprechen. Diese werden auch in dieser… Weiterlesen »

Eckhard

Und genau diese Zeugen Jehovas haben das Wesen des Christentums auch nicht ansatzweise erfasst, haben den Geist Jesu auch nicht im entferntesten im Herzen und sind deshalb auch KEINE WAHREN CHRISTEN. Nie und nimmer! Dem stimme ich voll zu, aber ZJ haben ja auch den Sohn Gottes nicht denn sie haben den Sohn der dem Vater gleich ist degradiert als Engel Michael. Wer den Sohn hat hat den Vater wer den Sohn nicht hat hat auch den Vater nicht. ZJ haben folglich weder den Vater noch den Sohn. ZJ haben nur die Organisation die von Satan beherscht wird. Der Mittler… Weiterlesen »

Iris

Liebes Nordlicht ,

wenigstens hast du deinen Humor nicht verloren , auch wenn viele Jahre vergangen sind . Und du hast recht , wenn du sagst , wir sollen unsere Liebe und unser Lachen nicht an solche vergeuden , die es nicht erwiedern .

Hier auf Bruderinfo gibt es viele liebe Freunde , die unsere Liebe verdienen , weil sie auch lange darauf verzichten mußten .

Ich freue mich schon , auf  viele weitere Anekdoten von dir , die uns alle bestimmt aufmuntern werden . Vielen Dank !

Liebe Grüße aus dem Süden

Iris

Aesculap

An O.W.S, Killian und Alle. Dieser Gleichnis von „Der verlorene Sohn“ und wie dies bei der WTG praktiziert wird zeigt wie Herzlos, unbarmherzig und kalt vorgegangen wird wenn manche um was für Gründe auch wieder zurückkehren wollen. Das läßt deutlich erkennen wie fern diese Herrscher von der Sinn Christie, von Gott entfremdet und auf Abwegen geraten sind. Uneinsichtig und stolz außerdem. Der Beschreibung der Führung und alle welche diese folgen und unterstützen sollten doch mal Hesekiel 34 lesen müssen. Weil dar steht genau der Führungsstil diese Führung beschrieben. Auch ist dar kein oder kaum Unterschied zu erkennen mit der Führung… Weiterlesen »

Omma@Angelika Hansen

Liebes Nordlicht, wir sitzen hier mit vielen Fragezeichen über unseren Köpfen: “Wo mag dieses “Nordlicht” wohl sein (ihr) Licht leuchten lassen?” Wir, die Omma und der Oppa, sind ja auch Nordlichter, wenn du wissen willst, wo wir “leuchten”, dann sieh doch mal unter persönliche Kontakte finden, nach.  Wenn du dann die Omma und den Oppa (unter Bezeichnung) gefunden hast, weißt du, wo wir wohnen, und du findest auch unsere Mail-Adresse.  Zum schnelleren finden, kannst du auch diesen Link verwenden: https://www.bruderinfo-aktuell.org/index.php/gleichgesinnte-finden/#map1 Aber jetzt würde es mich interessieren, wo du dein Licht leuchten lässt (natürlich nur, wenn du es sagen möchtst), gerne… Weiterlesen »

Nordlicht

Steh auf Männchen “Kostenlose Publikationen” will ich dir geben  (30 Jahre Lang) will als Gegenleistung nur dein kleines Leben,kleines Leben,kleines Leben. Verzichte doch auf Liebe- Leben -Lachen,wozu brauchst du diese Sachen? Ich lehre dich wie dir das Lachen vergeht und trotz flauer Rente mit der                WTG weitergeht. Kommt ihr Kindlein ” ALLE” ins neue Licht-glaubt den Lügnern draußen nicht. VERZICHT – VERZICHT – VERZICHT. JA – gehts noch !! Hör nicht zu wenn diese Geister rufen-sollen sie doch andere besuchen . HE DU DA wach auf !! mach die Ohren auf und höre… Weiterlesen »

Martin

Ergänzend zum Kommentar O.W.Schön

Jesuiten, Iluminaten, Freimaurer – Ich halte diese geschichtliche Darstellung für hoch interessant und lassen ebenfalls erkennen, welche enormen Ähnlichkeiten zwischen RKK, Jersuiten und der JW.Org bestehen. Ist zwar etwas länger, aber es lohnt sich im Zusammenhang.

https://youtu.be/MHDhvg0lnhA

Johnny

Eine Frage zum Thema Diskriminierung der Frau bei ZJ: Gibt es noch immer die Empfehlung, dass Frauen lieber Röcke statt Hosen tragen sollten? – oder ist das Schnee von gestern?

Wie wird das aktuell gehandhabt?

ⒶⓉⒽⒶⓁⒿⒶ

Zu der “Frage zum Thema Diskriminierung der Frau bei ZJ” gibt es sehr gute, biblische Antworten. Dabei gilt es jedoch, die Zeichen der Zeit, in ihre beste Position einzuordnen. Notwendig ist dabei auch die Frage: “Wie würde Jesus, wenn er heute unter uns wäre, diese oder jene Situation betrachten, bzw. handhaben?” Ob es sich nun um Röcke, Hosen, Krawatte (oder Propeller), transparente Blusen oder die Haare handelt, muss den jeweiligen Umständen bestens angepasst werden. Diverse Bibeltexte lassen sich immer wieder “zurecht biegen” – ganz nach Zweckbestimmung des Meinungs-Halters. Einige Beispiele dazu: 1. Petr. 3:3 – 5 (NGÜ) »Eure Schönheit soll nicht… Weiterlesen »