Denkanstöße Inspiration – neu betrachtet

Vor einiger Zeit erschien hier der Artikel „Genaue Erkenntnis – ein falscher Fokus?“ in dem es darum ging, deutlich zu machen, dass wir, wenn wir den Fokus auf genaue Erkenntnis legen, Gefahr laufen, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Da der Begriff ‚Genaue Erkenntnis‘ in der Bibel – außer in der NWÜ – überhaupt nicht vorkommt, geht es heute um den Begriff der Inspiration und ganz konkret um die Verbalinspiration.

Heute frage ich: ist es möglich, dass eine falsch verstandene Inspiration negative Auswirkungen auf das menschliche Miteinander haben kann? Uns entzweit, statt eint? Ein Blick auf die Wortgefechte und Debatten in den verschiedenen Foren und vielen Artikeln, wo es lediglich um Verständnisfragen geht, legt diesen Schluss nahe. Diese Erörterungen bringen uns in unserer Charakterbildung kein Stück weiter, sondern führen zu gegenseitiger Beurteilung, Verurteilung und Ablehnung.

Doch schauen wir uns vorher mal an was z. B. in Wikipedia zu Inspiration gesagt wird.

„Unter Inspiration (lateinisch inspiratio ‚Beseelung‘, ‚Einhauchen‘, aus in ‚hinein‘ und spirare ‚hauchen‘, ‚atmen‘; vgl. spiritus‚ Atem‘, ‚Seele‘, ‚Geist‘) versteht man allgemeinsprachlich eine Eingebung, etwa einen unerwarteten Einfall oder einen Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität. Begriffsgeschichtlich liegt die Vorstellung zugrunde, dass einerseits Werke von Künstlern, andererseits religiöse Überlieferungen Eingebungen des (nicht notwendig personal verstandenen) Göttlichen seien – eine Vorstellung, die sich sowohl in vorderorientalischen Religionen als auch bei vorsokratischen Philosophen findet und dann eine breite Wirkungsgeschichte entfaltet.“ Zur christlichen Inspirationslehre wird ausgeführt: „Diese Inspirationslehre wird im Detail unterschiedlich interpretiert:

  • „Gemäß der Annahme einer Verbalinspiration wird der Wortlaut der Bibel selbst als von Gott inspiriert angesehen. Dadurch wird der Bibel Widerspruchs- und Irrtumslosigkeit unterstellt. … Die nach der Aufklärung einsetzende wissenschaftlich-kritische Forschung führte zu einem weiteren Abrücken von der Verbalinspirationslehre und zur Auffassung, dass nicht alle Aussagen der Bibel das gleiche Gewicht haben. So finden sich im Alten Testament selbst nur sehr selten Hinweise darauf, dass Gott die Propheten angewiesen habe, seine Botschaft aufzuschreiben. Auch wäre zu klären, welcher Text angesichts einer komplizierten Urheberschaft der meisten biblischen Bücher und ihrer drei verschiedenen Ursprachen (Hebräisch, Aramäisch im Buch Daniel, Griechisch) wirklich die original inspirierte Version ist.“ …
  • „Aus Sicht … einer „Realinspiration“ wurden in der Bibel offenbarte (göttliche) Sachverhalte oder Geschehnisse (z.B. eine Prophetie oder eine Gotteserfahrung) in menschliche Worte gefasst, ohne dass sie wörtlich diktiert wurde.“
  • „Für den evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher (1768–1834) waren die Apostel als ursprüngliche Nachfolger Christi in besonderer Weise Träger des von ihm ausgehenden Geistes; insofern seien sie als Personen inspiriert, ihre Gedankenerzeugung sei vom Heiligen Geist eingegeben gewesen. Dieses Verständnis lässt sich als „Personal-Inspiration“ bezeichnen.“
  • „Die katholische Inspirationslehre wird nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil im dritten Kapitel der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum beschrieben. Demnach hat Gott Zur Abfassung der Heiligen Bücher … Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und nur das, was er … geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern. Von den Büchern der Schrift ist zu bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte (DV 11).

Es gibt zur Inspiration also ganz unterschiedliche Auffassungen. Aber wir müssen gar nicht solche Definitionen bemühen, sondern können auch einfach unseren gesunden Menschenverstand gebrauchen und überlegen, wie wir selbst das Wort Inspiration und inspiriert im Alltag gebrauchen, nämlich im Sinne von Impulse verleihen, jemanden zu etwas inspirieren, anzuregen. Auch das mag uns einen Hinweis darauf geben, was unter Inspiration zu verstehen ist. Schon die Synonyme für inspirieren, wie ‚eingeben‘ ‚befruchten‘, ‚ermuntern‘, ‚anregen‘, ‚stimulieren‘ und ‚animieren‘ lassen erkennen, dass es sich nicht um buchstäbliche Eingebung handeln muss. Vor kurzem las ich einen Satz, der anlässlich der Unterzeichnung zum größten bisher vergebenen Auftrag in der Geschichte der bodengebundenen Astronomie, wo das Wort ‚inspirieren‘ verwendet wird: „Mit dem E-ELT werden uns Entdeckungen gelingen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, und es wird Menschen auf der ganzen Welt dazu inspirieren, sich über Wissenschaft, Technologie und unserem Platz im Universum Gedanken zu machen. Die heutige Unterschrift stellt einen entscheidenden Schritt in Richtung der Inbetriebnahme im Jahr 2024 dar.“ (Quelle)

Wenden wir uns jetzt aber dem Gebrauch der Worte ‚inspirieren‘, ‚inspiriert‘, ‚inspirierte‘, ‚inspirierten‘ und ‚Inspiration‘ in der der Bibel und der WT-Literatur, zu. Wie oft werden dort diese Worte gebraucht? Wieder nehme ich dazu die deutsche Ausgabe der ‚Watchtower-Library‘ von 2012 zur Hilfe und stelle fest, dass es in der NWÜ nur 14 Bibeltexte gibt, wo diese Worte 20 Mal verwendet werden. Nach dem Bibeltext habt ihr die Verknüpfungen zur NWÜ und zu anderen Übersetzunge (AÜ):

  1. Chron. 28:12 NWÜ;  Sprüche 16:10 NWÜ;   Hosea 9:7 NWÜ;
    Matth. 22:43 NWÜ;   1. Kor. 12:10 NWÜ;       1. Tim 4:1 NWÜ;
    2. Tim. 3:16 NWÜ;     2. Thess. 2:2 NWÜ;       1. Joh. 4:1 NWÜ;
    1. Joh. 4:2 NWÜ;      1. Joh. 4:6 NWÜ;          Offb. 1:10 NWÜ;
    Offb. 19:10 NWÜ;

Bei bibleserver.com habe ich das Vorkommen dieser Wörter in neun anderen deutschen Bibelübersetzungen gesucht. Keinen einzigen Text habe ich mit dem Wort ‚Inspiration‘ gefunden, genau wie beim Begriff ‚genauer Erkenntnis‘! Der Vergleich dieser o.a. Texte mit anderen Bibelübersetzungen kann uns aber dabei nützlich sein, zu erkennen was gemeint ist.

Was bedeutet das?

Haben wir damit den Begriff ‚Inspiration‘, genau wie den Begriff ‚genaue Erkenntnis‘, in die Bibel eingefügt, falsch verstanden und/oder wenden wir ihn falsch an? Sind wir auch hier wieder auf ein falsches Gleis geraten, dass uns gar nicht zum Ziel bringt, sondern daran hindert es zu erreichen? Entsteht nicht gerade aus einer angenommenen und vermuteten Verbalinspiration ein trennender Dogmatismus? Bringt uns Dogmatismus in unserer geistigen Entwicklung voran? Oder führt Dogmatismus nicht vielmehr zu Rechthaberei, Überheblichkeit und zur Verurteilung und Ablehnung anderer Deutungen und Auslegungen?

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Stellen wir mit diesem erweiterten Verständnis von Inspiration noch eine Überlegung an. Könnte es sein, dass generell weise Menschen im Verlauf der Menschheitsgeschichte auch von Gott inspiriert waren oder sind? Stammt die Gabe des Denkens und Philosophierens nicht auch von Gott? Gottes Geist weht wo er will.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber, wenn man ein gutes und vernünftiges Buch liest, begegnet man immer wieder Gedanken, die uns in unserer geistigen Entwicklung weiterbringen können. Was spricht dagegen, dass wir den Rat „Prüfet alles und das Gute behaltet“ auch bei nichtbiblischer Literatur anwenden? Bezog sich Paulus in 1. Thes. 5:21 nur auf die Hebräischen Schriften? Was gab es denn damals für Schriften?

Wir wissen es nicht, zumindest nicht genau. Aber wenn Paulus sagt „Alle von Gott eingegebene Schrift ist nützlich“ (Beachte hier die unterschiedlichen Übersetzungen)(2. Tim. 3:16) und Johannes uns in 1. Joh. 4:1 auffordert, „prüft die inspirierten Äußerungen um zu sehen, ob sie aus Gott stammen“, dann macht das doch nur Sinn, wenn es sich bei der Inspiration

  • nicht um eine Verbalinspiration handelt, also nicht jedes Wort, jeder Gedanke in der Bibel inspiriert ist. Nehmt als Beispiel Psalm 137:9 „Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert!“ Glauben wir wirklich, dass das ein gerechter, liebender Gott so etwas denken oder sagen würde?
  • Auch außerhalb der Bibel, können Schriften und Gedanken vorhanden sein, die von/durch Gott inspiriert sind. Gott kann durch seinen Geist auf den Geist des Menschen einwirken – aber er schaltet den Verstand des Menschen nicht aus – und deshalb gibt es immer eine Vermischung göttlicher/geistiger und menschlicher/materieller Gedanken.

Deshalb müssen wir es ja in eigener Verantwortung prüfen! Woran erkennt man den Geist Gottes und was wirklich wichtig ist? Hier ein paar einfache biblische Gedanken dazu:

„Hieran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus, im Fleisch gekommen, bekennt, ist aus Gott; und jeder Geist, der nicht Jesus bekennt, ist nicht aus Gott;“ (1. Joh. 4:2-3)

„Man hat dir mitgeteilt, Mensch, was gut ist. Und was fordert der HERR von dir, als Recht zu üben und Güte zu lieben und bescheiden zu gehen mit deinem Gott?“ (Micha 6:8)

„.. und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wir dich selbst.“ (Römer 13:9)

„Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!“ (Phil. 4:8)

Dazu möchte ich einen Text zitieren, der das Leben und die Lehre Jesu Christi beschreibt und Gedanken enthält, die es wert sind in diesem Sinne erwogen und geprüft zu werden.

Das Gespräch mit Nathanael

„Und dann begab sich Jesus nach Abila, wo Nathanael mit seinen Gefährten arbeitete. Im neuen Testament ist Nathanael ein Galiläer, der von Jesus als einer der ersten Jünger berufen wird (Joh 1,45-50 EU). Er wird jedoch nur im Johannesevangelium erwähnt, in den übrigen Evangelien kommt er nicht vor.

Nathanael war stark beunruhigt durch gewisse Äußerungen Jesu, die die Autorität der anerkannten hebräischen Schriften anzutasten schienen. Deshalb nahm er an diesem Abend Jesus nach der üblichen Frage- und Antwortstunde beiseite und fragte ihn: „Meister, hast du genug Vertrauen zu mir, um mich die Wahrheit über die Schriften wissen zu lassen? Ich beobachte, dass du uns nur einen Teil — und meiner Ansicht nach den besten — der heiligen Schriften lehrst, und ich folgere daraus, dass du die Lehre der Rabbiner ablehnst, nach welcher die Worte des Gesetzes die Worte Gottes selber sind und schon vor den Zeiten Abrahams und Moses bei Gott im Himmel gewesen sind. Welches ist die Wahrheit über die Schriften?“ Auf die Frage seines bedrängten Apostels antwortete Jesus:

„Nathanael, du hast richtig geurteilt; ich sehe die Schriften nicht so wie die Rabbiner. Ich will gerne mit dir über diese Frage reden unter der Bedingung, dass du deinen Brüdern nichts darüber mitteilst; denn nicht alle von ihnen sind bereit, eine solche Betrachtungsweise anzunehmen. Die Worte des Gesetzes von Moses und die Lehren der Schriften existierten nicht vor Abraham. Erst in jüngster Vergangenheit sind die Schriften in ihrer heutigen Form zusammengestellt worden. Sie enthalten zwar dass Beste der höheren Gedanken und Sehnsüchte des jüdischen Volkes, aber sie enthalten auch vieles, was weit davon entfernt ist, für den Charakter und die Lehren des himmlischen Vaters repräsentativ zu sein; deshalb muss ich aus den besseren Lehren jene Wahrheiten auswählen, die sich für das Evangelium vom Königreich eignen.

Die Schriften sind das Werk von Menschen, von denen einige heilig, andere weniger heilig waren. Die Lehren dieser Bücher repräsentieren die Ansichten und den Grad der Aufgeklärtheit der Zeit, in der sie entstanden sind. Als eine Offenbarung der Wahrheit sind die letzten verlässlicher als die ersten. Die Schriften sind fehlerhaft und haben einen gänzlich menschlichen Ursprung, aber täusche dich nicht: sie bilden die beste Sammlung religiöser Weisheit und geistiger Wahrheit, die man gegenwärtig auf der ganzen Welt finden kann.

Viele dieser Bücher sind nicht von den Personen geschrieben worden, deren Namen sie tragen, aber das tut dem Wert der Wahrheiten, die sie enthalten, keinen Abbruch. Selbst wenn die Geschichte Jonas nicht auf Tatsachen beruhen sollte, und selbst wenn Jona nie gelebt hätte, wäre doch die tiefe Wahrheit dieser Geschichte, die Liebe Gottes zu Ninive und den so genannten Heiden, in den Augen derer, die ihre Mitmenschen lieben, nicht weniger kostbar.

Die Schriften sind heilig, weil sie Gedanken und Handlungen von Menschen wiedergeben, die auf der Suche nach Gott waren, und die in diesen Aufzeichnungen ihre höchsten Vorstellungen von Rechtschaffenheit, Wahrheit und Heiligkeit festgehalten haben. Die Schriften enthalten viel, sehr viel Wahres, aber du weißt, dass sie im Lichte deiner jetzigen Unterweisung auch vieles enthalten, was ein falsches Bild vom Vater im Himmel gibt, dem liebenden Gott, den allen Welten zu offenbaren ich gekommen bin.

Nathanael, erlaube dir nie auch nur für einen Augenblick, den Berichten der Schriften Glauben zu schenken, welche dir sagen, dass der Gott der Liebe eure Vorväter anwies, sich in den Kampf zu stürzen, um alle ihre Feinde — Männer, Frauen und Kinder — zu ermorden. Solche Aufzeichnungen sind Worte von Menschen, von nicht sehr heiligen Menschen, und sie sind nicht Gottes Wort. Die Schriften haben stets die intellektuelle, sittliche und geistige Stufe ihrer Verfasser widergespiegelt und werden es immer tun. Hast du nicht bemerkt, dass die Vorstellung von Jahwe in den Aufzeichnungen der Propheten von Samuel bis Jesaja stetig an Schönheit und Herrlichkeit gewinnt? Und du solltest dich daran erinnern, dass die Schriften als religiöse Belehrung und geistige Führung gedacht sind. Sie sind weder das Werk von Historikern noch von Philosophen.

Das Betrüblichste ist nicht einmal diese irrige Idee von der absoluten Vollkommenheit dessen, was die Schriften berichten, und von der Unfehlbarkeit ihrer Lehren, sondern vielmehr die verwirrende Falschinterpretation dieser geheiligten Schriften durch die sklavisch der Tradition gehorchenden Schriftgelehrten und Pharisäer in Jerusalem. Und nun wollen sie sowohl die Lehre von der göttlichen Inspiration der Schriften als auch ihre falsche Auslegung derselben für ihren entschlossenen Widerstand gegen diese neueren Lehren des Evangeliums vom Königreich verwenden. Vergiss nie, Nathanael, dass der Vater die Offenbarung der Wahrheit nicht auf eine Generation oder auf irgendein Volk beschränkt. Viele ernsthafte Wahrheitssucher sind durch diese Lehre von der Vollkommenheit der Schriften verwirrt und entmutigt worden, und werden es auch in Zukunft sein.

Die Autorität der Wahrheit liegt im Geist selber, der seinen lebendigen Erscheinungsformen innewohnt, und nicht in den toten Worten der weniger erleuchteten und angeblich inspirierten Menschen einer früheren Generation. Und selbst wenn diese heiligen Menschen von einst ein inspiriertes und geisterfülltes Dasein lebten, muss das nicht bedeuten, dass ihre Worte ebenso sehr vom Geist inspiriert waren. Wir halten heute die Lehren des Evangeliums vom Königreich nicht schriftlich fest, damit ihr euch nach meinem Fortgang nicht sofort in Einzelgruppen aufspaltet, die sich über die Wahrheit streiten, weil ihr meine Lehren verschieden auslegt. Für diese Generation ist es am besten, dass wir die Wahrheiten leben und Aufzeichnungen vermeiden.

Merke dir meine Worte gut, Nathanael! Nichts, woran menschliche Natur gerührt hat, kann als unfehlbar betrachtet werden. Göttliche Wahrheit kann in der Tat durch den Verstand des Menschen hindurch scheinen, aber immer nur in relativer Reinheit und teilweiser Göttlichkeit. Das Geschöpf kann Unfehlbarkeit ersehnen, aber nur die Schöpfer besitzen sie.

Aber der größte Irrtum in der Lehre über die Schriften besteht in der Auffassung, sie seien versiegelte Mysterien- und Weisheitsbücher, deren Auslegung nur die weisen Köpfe der Nation wagen dürften. Die Offenbarungen göttlicher Wahrheit sind nicht versiegelt, es sei denn durch menschliche Unwissenheit, Frömmelei und engstirnige Intoleranz. Das Licht der Schriften wird einzig durch Vorurteile getrübt und durch Aberglauben verdunkelt. Falsche Ehrfurcht vor dem Heiligen hat der Religion den Schutz durch den gesunden Menschenverstand genommen. Die Furcht vor der Autorität der geheiligten Schriften der Vergangenheit verhindert die aufrichtigen Seelen von heute wirksam daran, das neue Licht des Evangeliums anzunehmen, gerade das Licht, das diese Gott kennenden Menschen früherer Generationen so sehnlichst schauen wollten.

Aber das Traurigste an alledem ist die Tatsache, dass einige von den Lehrern, die den Traditionalismus als heilig betrachten, diese Wahrheit sehr wohl kennen. Sie verstehen diese Begrenzungen der Schrift mehr oder weniger gut, aber sie sind moralisch feige und intellektuell unehrlich. Sie kennen die Wahrheit über die heiligen Schriften, aber sie ziehen es vor, dem Volk derart störende Tatsachen zu verschweigen. Und auf diese Weise pervertieren und verdrehen sie die Schriften und machen aus ihnen einen Leitfaden für sklavisch zu befolgende Einzelheiten des täglichen Lebens und eine Autorität auf nichtgeistigem Gebiet, anstatt sich auf die heiligen Bücher als einen Hort sittlicher Weisheit, religiöser Inspiration und geistiger Unterweisung von Gott kennenden Menschen früherer Generationen zu berufen.“

Die Äußerungen des Meisters klärten Nathanael auf; zugleich schockierten sie ihn. Er sann in der Tiefe seiner Seele lange über diese Worte nach, aber er erzählte niemandem von dieser Besprechung bis nach Jesu Himmelfahrt; und auch dann noch fürchtete er, die Ausführungen des Meisters in ihrer Gesamtheit mitzuteilen.“ (UB 159:4)

Wie berührt dich dieser Bericht? Was bezeugt dieser Geist, der aus diesen Worten spricht, unserem Geist? Spüren wir innerlich, dass er viel Wahrheit enthält und dass das vieles erklären würde, womit wir uns vielleicht schon immer beschäftigt und geplagt haben? Oder sind wir, wie Nathanael, auch schockiert? Dann lasst uns Gott um seinen Geist bitten und gebetsvoll darüber nachdenken. Wir dürfen dem Geist Gottes vertrauen, dass er unserem Geist die Wahrheit bezeugt.

Mir persönlich hat dieser Bericht geholfen zu erkennen, warum beim persönlichen Lesen des Alten- und Neuen Testaments ein so unterschiedliches Bild von Gott entsteht. Und mit was für akrobatischen Erklärungen wir versucht haben Widersprüche oder unverständliche Stellen geradezubiegen! Nein, Gott hat sich nicht geändert, aber unser Verständnis, unser Wissen hat sich geändert! Ich möchte das mit einem Beispiel aus der Bibel deutlich machen.

In dem Beispiel geht es um die von David durchgeführte Volkszählung. Als wohl Gad oder Natan 2. Samuel um ca. 1060 v.u.Z. schrieb, heißt es, dass Gott selbst David reizte das Volk zu zählen, weil er auf sein Volk zornig war und Unglück über sie bringen wollte. Etwa 600 Jahre später schrieb Esra 1. Chronika und dort wird nun Satan als der Verantwortliche genannt, der David zum Zählen reizte. Also, wie es scheint, doch ein direkter Widerspruch. Sehen wir uns zunächst einmal den älteren Text in 2. Samuel 24:1 in verschiedenen Bibelübersetzungen an und jetzt den gleichen Text in der NWÜ. Interessant! Während alle anderen Bibelübersetzungen treu beim hebräischen Originaltext bleiben, weil dort das Tetragrammaton steht, wird in der NWÜ davon gesprochen das es ‚einer‘ war und durch eine Fußnote auf 1. Chronika 21:1 verwiesen, wo ‚dieser eine‘ identifiziert wird. Also eine vielleicht gut gemeinte Änderung (im Zweifel für den Angeklagten), um den eklatanten Widerspruch zwischen 2. Samuel 24:1 und 1. Chronika 21:1 zu verschleiern. Auf den noch problematischeren Teil, dass dieses Reizen zum Zählen, letztendlich 70.000 Israeliten das Leben gekostet hat, wollen wir hier gar nicht erst eingehen. An diesem Beispiel kann man erkennen oder erahnen, wie sich das damalige Wissen und Verständnis, in den ca. 600 Jahren, die zwischen beiden Niederschriften lagen, verändert haben.

Zu dem Thema las ich auch wieder eine sehr vernünftige Erklärung, der ich mich anschließen kann: „Nie zuvor waren die Apostel so sehr aus der Fassung gebracht worden wie nach dem Anhören dieser Darstellung des Wachstums der Gottesidee in der Vorstellung der Juden früherer Generationen; sie waren zu verwirrt, um Fragen zu stellen. Sie saßen schweigend vor Jesus, und der Meister fuhr fort: „Ihr hättet diese Wahrheiten gekannt, wenn ihr die Schriften gelesen hättet. Habt ihr nicht in Samuel gelesen, wo gesagt wird: ‚Und der Zorn des Herrn entbrannte so mächtig gegen Israel, dass er David gegen sie aufbrachte und zu ihm sagte, er solle Israel und Juda zählen‘? Und daran war nichts Sonderbares, glaubten doch in den Tagen Samuels die Kinder Abrahams tatsächlich, dass Jahve das Gute wie das Böse erschuf. Aber als ein späterer Verfasser über diese Ereignisse berichtete, wagte er es als Folge der gewachsenen jüdischen Vorstellung von der Natur Gottes nicht, Jahve Böses zuzuschreiben; deshalb sagte er: ‚Und Satan erhob sich gegen Israel und provozierte David, Israel zu zählen.‘ Könnt ihr nicht erkennen, dass solche Schriftstellen klar zeigen, wie die Vorstellung von der Natur Gottes von einer Generation zur anderen unablässig wuchs?“

Schlußgedanken

Heute bin ich dankbar, dass ich frei bin und ohne Furcht alles lesen und prüfen kann. Nur das Gute, das mich geistig wachsen lässt, möchte ich behalten und in meinem Leben zum Ausdruck bringen. Ich brauche also die Bibel nicht abzulehnen, sondern kann und darf staunend beobachten, wie sich das Gottesverständnis ganz natürlich entwickelte. Damit wird vieles in den Hebräischen Schriften, was vorher langatmige und eigenartige Auslegungen erforderte, einfach erklärbar.

Die Wahrheit, die freimacht, erlaubt mir auch in sogenannter „weltlicher“, „profaner“ oder „außerbiblischer“ Literatur Wahrheiten zu erkennen, auch wenn sie nicht durch die traditionellen Wege angeblicher Inspiration kommen. Nur so können wir unseren Denkhorizont erweitern und das brauchen wir mehr als alles, denn wir haben in der Vergangenheit nur eingeschränkt sehen und verstehen dürfen.

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Petrus111

Lieber Marvin, vielen Dank für den Artikel. Du merkst: es wird diesbezüglich nicht eifrig kommentiert – vermutlich denken etliche Leser noch darüber nach, was Du mit dem Artikel eigentlich sagen möchtest… Die Kernaussage Deines Artikels ist für mich: es ist bei weitem nicht alles so einfach, wie es scheint; vor allem ist es leider nicht möglich, die Bibel zu lesen – es ist alles sonnenklar und es bleiben keine Fragen… DAS aber ist das Problem eines jeden JZ: die Org vermittelt, dass man als JZ “in der Wahrheit ist” – diese Wortschöpfung von JZ, die ich von keiner anderen Religionsgemeinschaft… Weiterlesen »

nada@autor marvin

Lieber Autor Marvin, kannst du mir bitte die quelle dieses geschpräches zwischen jesus und nathanael mitteilen?? Ist es etwas, das du dir über legt hast, dass es so gewesen sein könnte? Du schreibt in klammern etwas von UB 159.. Mir ist diese Abkürzung nicht bekannt. Ich habe oft über diese Dinge nachgedacht. Über all die Grausamkeiten im alten Testament, über ungereimtheiten. Mischt sich da göttliche “inspiration” mit menschlichen Gedanken? Und wenn das so ist, wie soll man das auseinander halten? Schön, dass ein Artikel hier darauf eingeht. Wäre dankbar für eine Antwort von dir. Aber auch von jedem, der hier… Weiterlesen »

Fox

Guten Abend, Bruder, du schreibst: “Wie berührt dich dieser Bericht? Was bezeugt dieser Geist, der aus diesen Worten spricht, unserem Geist? Spüren wir innerlich, dass er viel Wahrheit enthält und dass das vieles erklären würde, womit wir uns vielleicht schon immer beschäftigt und geplagt haben? Oder sind wir, wie Nathanael, auch schockiert?” Ich bin schockiert darüber, wie dieses Buch Jesus Äußerungen unterstellt, welche von der Bibel anders dargestellt wird. Wieso sollte Jesus auf die Ereignisse zur Zeit Jonas Bezug nehmen, wenn er Jonas gar nicht für echt hielt? Sogar für möglich erachtet, dass diese Geschichte gar nicht stattgefunden hat? Dann… Weiterlesen »

Marvin

Die Frage nach der Quelle ist ja schon von anderer Seite geklärt worden. Dieses Buch ist wegen seines Ursprungs sehr umstritten. Von kirchlicher Seite wird es kritisiert. Das ist auch kein Wunder, denn im UB werden institutionelle, autoritäre Religionen abgelehnt und der Glaube als etwas ganz Persönliches dargestellt. In Deutschland ist das Buch fast unbekannt. Aber es ist überaus lesenswert, egal ob man alles glaubt oder nicht. Es besteht aus 196 Schriften, die in 4 Teilen aufgeteilt sind. Ein Drittel ist dem Leben und den Lehren Jesu gewidmet. Kein Buch hat mich bisher so angesprochen und bewegt, wie dieses. Es… Weiterlesen »

Sylvia Geiser

Lieber Störtebeker

Vielen Dank für Deinen wichtigen Kommentar, der Beste, den Du je im BI geschrieben hast. Es ist richtig, wie Du sagst, die aramäischen, hebräischen Schriften AT und NT in ihrer Gesamtheit unbedingt und uneingeschränkt zusammen gehören.

Der Hebräerbrief ist an jüdische Vorsteher gerichtet, um tiefe Geheimnisse des Gesetzes  und der Propheten im Hinblick auf den Messias, seinen Tod, seine Erhöhung, seine heutige Stellung zu erklären. Die durch ihn veränderten Gebote, als hoher Priesterkönig zu verstehen.

Ich wünsche Dir einen schönen, sonnigen Sonntag

Sylvia

 

Meereswoge

Liebe Text- und Kommentarschreiber. Gerade habe ich mich durch Eure Denkanstöße und durch Eure Kommentare gearbeitet….. Es ist sehr interessant…..prüft alles…..

Sehr gut tut mir aber der Glauben an das Wort Gottes, die Achtung und die Liebe zu Gottes Wort und damit zu Gott selbst und zu unserem Herrn Jesus, das die verschiedenen Kommentare bezeugen. Und ich lerne die lieben Schreiber vor 1 bis 2 Jahren kennen, als ich BI noch nicht kannte. Einen herzlichen Dank an Alle und den Betreibern von BI….LG Meereswoge

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