Denkanstöße – Inspiration einmal anders betrachtet

Vor einiger Zeit erschien hier der Artikel „Genaue Erkenntnis – ein falscher Fokus?“ in dem deutlich gemacht wurde, dass wir, wenn wir den Fokus auf genaue Erkenntnis legen, Gefahr laufen, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Da der Begriff ‚Genaue Erkenntnis‘ in der Bibel – außer in der NWÜ – überhaupt nicht vorkommt, geht es heute um den Begriff der Inspiration und ganz konkret um die Verbalinspiration.

Heute frage ich: ist es möglich, dass eine falsch verstandene Inspiration negative Auswirkungen auf das menschliche Miteinander haben kann? Uns entzweit, statt eint? Ein Blick auf die Wortgefechte und Debatten in den verschiedenen Foren und vielen Artikeln, wo es lediglich um Verständnisfragen geht, legt diesen Schluss nahe. Diese Erörterungen bringen uns in unserer Charakterbildung kein Stück weiter, sondern führen zu gegenseitiger Beurteilung, Verurteilung und Ablehnung.

Doch schauen wir uns vorher mal an was z. B. in Wikipedia zu Inspiration gesagt wird.

„Unter Inspiration (lateinisch inspiratio ‚Beseelung‘, ‚Einhauchen‘, aus in ‚hinein‘ und spirare ‚hauchen‘, ‚atmen‘; vgl. spiritus‚ Atem‘, ‚Seele‘, ‚Geist‘) versteht man allgemeinsprachlich eine Eingebung, etwa einen unerwarteten Einfall oder einen Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität. Begriffsgeschichtlich liegt die Vorstellung zugrunde, dass einerseits Werke von Künstlern, andererseits religiöse Überlieferungen Eingebungen des (nicht notwendig personal verstandenen) Göttlichen seien – eine Vorstellung, die sich sowohl in vorderorientalischen Religionen als auch bei vorsokratischen Philosophen findet und dann eine breite Wirkungsgeschichte entfaltet.“ Zur christlichen Inspirationslehre wird ausgeführt: „Diese Inspirationslehre wird im Detail unterschiedlich interpretiert:

  • „Gemäß der Annahme einer Verbalinspiration wird der Wortlaut der Bibel selbst als von Gott inspiriert angesehen. Dadurch wird der Bibel Widerspruchs- und Irrtumslosigkeit zugesprochen. … Die nach der Aufklärung einsetzende wissenschaftlich-kritische Forschung führte zu einem weiteren Abrücken von der Verbalinspirationslehre und zur Auffassung, dass nicht alle Aussagen der Bibel das gleiche Gewicht haben. So finden sich im Alten Testament selbst nur sehr selten Hinweise darauf, dass Gott die Propheten angewiesen habe, seine Botschaft aufzuschreiben. Auch wäre zu klären, welcher Text angesichts einer komplizierten Urheberschaft der meisten biblischen Bücher und ihrer drei verschiedenen Ursprachen (Hebräisch, Aramäisch im Buch Daniel, Griechisch) wirklich die original inspirierte Version ist.“ …
  • „Aus Sicht … einer „Realinspiration“ wurden in der Bibel offenbarte (göttliche) Sachverhalte oder Geschehnisse (z.B. eine Prophetie oder eine Gotteserfahrung) in menschliche Worte gefasst, ohne dass sie wörtlich diktiert wurde.“
  • „Für den evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher (1768–1834) waren die Apostel als ursprüngliche Nachfolger Christi in besonderer Weise Träger des von ihm ausgehenden Geistes; insofern seien sie als Personen inspiriert, ihre Gedankenerzeugung sei vom Heiligen Geist eingegeben gewesen. Dieses Verständnis lässt sich als „Personal-Inspiration“ bezeichnen.“
  • „Die katholische Inspirationslehre wird nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil im dritten Kapitel der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum beschrieben. Demnach hat Gott Zur Abfassung der Heiligen Bücher … Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und nur das, was er … geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern. Von den Büchern der Schrift ist zu bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte (DV 11).

Es gibt zur Inspiration also ganz unterschiedliche Auffassungen. Aber wir müssen gar nicht solche Definitionen bemühen, sondern können auch einfach unseren gesunden Menschenverstand gebrauchen und überlegen, wie wir selbst das Wort Inspiration und inspiriert im Alltag gebrauchen, nämlich im Sinne von Impulse verleihen, jemanden zu etwas inspirieren, anzuregen. Auch das mag uns einen Hinweis darauf geben, was unter Inspiration zu verstehen ist. Schon die Synonyme für inspirieren, wie ‚eingeben‘ ‚befruchten‘, ‚ermuntern‘, ‚anregen‘, ‚stimulieren‘ und ‚animieren‘ lassen erkennen, dass es sich nicht um buchstäbliche Eingebung handeln muss. Vor kurzem las ich einen Satz, der anlässlich der Unterzeichnung zum größten bisher vergebenen Auftrag in der Geschichte der bodengebundenen Astronomie, wo das Wort ‚inspirieren‘ verwendet wird: „Mit dem E-ELT werden uns Entdeckungen gelingen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, und es wird Menschen auf der ganzen Welt dazu inspirieren, sich über Wissenschaft, Technologie und unserem Platz im Universum Gedanken zu machen. Die heutige Unterschrift stellt einen entscheidenden Schritt in Richtung der Inbetriebnahme im Jahr 2024 dar.“ (Quelle)

Wenden wir uns jetzt aber dem Gebrauch der Worte ‚inspirieren‘, ‚inspiriert‘, ‚inspirierte‘, ‚inspirierten‘ und ‚Inspiration‘ in der der Bibel und der WT-Literatur, zu. Wie oft werden dort diese Worte gebraucht? Wieder nehme ich dazu die deutsche Ausgabe der ‚Watchtower-Library‘ von 2012 zur Hilfe und stelle fest, dass es in der NWÜ nur 14 Bibeltexte gibt, wo diese Worte 20 Mal verwendet werden. Nach dem Bibeltext habt ihr die Verknüpfungen zur NWÜ und zu anderen Übersetzunge (AÜ):

  1. Chron. 28:12 NWÜ;  Sprüche 16:10 NWÜ;   Hosea 9:7 NWÜ;
    Matth. 22:43 NWÜ;   1. Kor. 12:10 NWÜ;       1. Tim 4:1 NWÜ;
    2. Tim. 3:16 NWÜ;     2. Thess. 2:2 NWÜ;       1. Joh. 4:1 NWÜ;
    1. Joh. 4:2 NWÜ;      1. Joh. 4:6 NWÜ;          Offb. 1:10 NWÜ;
    Offb. 19:10 NWÜ;

Bei bibleserver.com habe ich das Vorkommen dieser Wörter in neun anderen deutschen Bibelübersetzungen gesucht. Keinen einzigen Text habe ich mit dem Wort ‚Inspiration‘ gefunden, genau wie beim Begriff ‚genauer Erkenntnis‘! Der Vergleich dieser o.a. Texte mit anderen Bibelübersetzungen kann uns aber dabei nützlich sein, zu erkennen was gemeint ist.

Was bedeutet das?

Haben wir damit den Begriff ‚Inspiration‘, genau wie den Begriff ‚genaue Erkenntnis‘, in die Bibel eingefügt, falsch verstanden und/oder wenden wir ihn falsch an? Sind wir auch hier wieder auf ein falsches Gleis geraten, dass uns gar nicht zum Ziel bringt, sondern daran hindert es zu erreichen? Entsteht nicht gerade aus einer angenommenen und vermuteten Verbalinspiration ein trennender Dogmatismus? Bringt uns Dogmatismus in unserer geistigen Entwicklung voran? Oder führt Dogmatismus nicht vielmehr zu Rechthaberei, Überheblichkeit und zur Verurteilung und Ablehnung anderer Deutungen und Auslegungen?

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Stellen wir mit diesem erweiterten Verständnis von Inspiration noch eine Überlegung an. Könnte es sein, dass generell weise Menschen im Verlauf der Menschheitsgeschichte auch von Gott inspiriert waren oder sind? Stammt die Gabe des Denkens und Philosophierens nicht auch von Gott? Gottes Geist weht wo er will.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber, wenn man ein gutes und vernünftiges Buch liest, begegnet man immer wieder Gedanken, die uns in unserer geistigen Entwicklung weiterbringen können. Was spricht dagegen, dass wir den Rat „Prüfet alles und das Gute behaltet“ auch bei nichtbiblischer Literatur anwenden? Bezog sich Paulus in 1. Thes. 5:21 nur auf die Hebräischen Schriften? Was gab es denn damals für Schriften?

Wir wissen es nicht, zumindest nicht genau. Aber wenn Paulus sagt „Alle von Gott eingegebene Schrift ist nützlich“ (Beachte hier die unterschiedlichen Übersetzungen)(2. Tim. 3:16) und Johannes uns in 1. Joh. 4:1 auffordert, „prüft die inspirierten Äußerungen um zu sehen, ob sie aus Gott stammen“, dann macht das doch nur Sinn, wenn es sich bei der Inspiration

  • nicht um eine Verbalinspiration handelt, also nicht jedes Wort, jeder Gedanke in der Bibel inspiriert ist. Nehmt als Beispiel Psalm 137:9 „Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert!“ Glauben wir wirklich, dass das ein gerechter, liebender Gott so etwas denken oder sagen würde?
  • Auch außerhalb der Bibel, können Schriften und Gedanken vorhanden sein, die von/durch Gott inspiriert sind. Gott kann durch seinen Geist auf den Geist des Menschen einwirken – aber er schaltet den Verstand des Menschen nicht aus – und deshalb gibt es immer eine Vermischung göttlicher/geistiger und menschlicher/materieller Gedanken.

Deshalb müssen wir es ja in eigener Verantwortung prüfen! Woran erkennt man den Geist Gottes und was wirklich wichtig ist? Hier ein paar einfache biblische Gedanken dazu:

„Hieran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus, im Fleisch gekommen, bekennt, ist aus Gott; und jeder Geist, der nicht Jesus bekennt, ist nicht aus Gott;“ (1. Joh. 4:2-3)

„Man hat dir mitgeteilt, Mensch, was gut ist. Und was fordert der HERR von dir, als Recht zu üben und Güte zu lieben und bescheiden zu gehen mit deinem Gott?“ (Micha 6:8)

„.. und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wir dich selbst.“ (Römer 13:9)

„Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!“ (Phil. 4:8)

Dazu möchte ich einen Bericht zitieren der durchaus das Leben und die Lehre Jesu Christi beschreibt und Gedanken enthält, die es wert sind in diesem Sinne erwogen und geprüft zu werden, auch wenn er so nicht in den Evangelien zu lesen ist. Tatsächlich aber zeigen die Evangelien das durch gewisse Äußerungen Jesu die die Autorität der anerkannten hebräischen Schriften anzutasten schienen was die Jünger beunruhigt haben könnte. Alleine in der Bergpredigt sagte Jesu wiederholt: “Ihr habt gehört … (beachte, er sagte ihr habt gehört, nicht gelesen)  … ich aber sage euch…

Matt. 5:32 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

Matt. 5:44: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

Vor diesem Hintergrund ist dieses Gespräch ist Nathanael, wenn auch nicht biblisch belegt, vorstellbar.

Ein Gespräch mit Nathanael

„Und dann begab sich Jesus nach Abila, wo Nathanael mit seinen Gefährten arbeitete. Im neuen Testament ist Nathanael ein Galiläer, der von Jesus als einer der ersten Jünger berufen wird (Joh 1,45-50 EU). Er wird jedoch nur im Johannesevangelium erwähnt, in den übrigen Evangelien kommt er nicht vor.

Nathanael war stark beunruhigt durch gewisse Äußerungen Jesu, die die Autorität der anerkannten hebräischen Schriften anzutasten schienen. Deshalb nahm er an diesem Abend Jesus nach der üblichen Frage- und Antwortstunde beiseite und fragte ihn: „Meister, hast du genug Vertrauen zu mir, um mich die Wahrheit über die Schriften wissen zu lassen? Ich beobachte, dass du uns nur einen Teil — und meiner Ansicht nach den besten — der heiligen Schriften lehrst, und ich folgere daraus, dass du die Lehre der Rabbiner ablehnst, nach welcher die Worte des Gesetzes die Worte Gottes selber sind und schon vor den Zeiten Abrahams und Moses bei Gott im Himmel gewesen sind. Welches ist die Wahrheit über die Schriften?“ Auf die Frage seines bedrängten Apostels antwortete Jesus:

„Nathanael, du hast richtig geurteilt; ich sehe die Schriften nicht so wie die Rabbiner. Ich will gerne mit dir über diese Frage reden unter der Bedingung, dass du deinen Brüdern nichts darüber mitteilst; denn nicht alle von ihnen sind bereit, eine solche Betrachtungsweise anzunehmen. Die Worte des Gesetzes von Moses und die Lehren der Schriften existierten nicht vor Abraham. Erst in jüngster Vergangenheit sind die Schriften in ihrer heutigen Form zusammengestellt worden. Sie enthalten zwar dass Beste der höheren Gedanken und Sehnsüchte des jüdischen Volkes, aber sie enthalten auch vieles, was weit davon entfernt ist, für den Charakter und die Lehren des himmlischen Vaters repräsentativ zu sein; deshalb muss ich aus den besseren Lehren jene Wahrheiten auswählen, die sich für das Evangelium vom Königreich eignen.

Die Schriften sind das Werk von Menschen, von denen einige heilig, andere weniger heilig waren. Die Lehren dieser Bücher repräsentieren die Ansichten und den Grad der Aufgeklärtheit der Zeit, in der sie entstanden sind. Als eine Offenbarung der Wahrheit sind die letzten verlässlicher als die ersten. Die Schriften mögen fehlerhaft erscheinen weil Menschen daran beteiligt waren, aber täusche dich nicht: sie sind dennoch durch Geist Gottes geformt und bilden die beste Sammlung religiöser Weisheit und geistiger Wahrheit, die man gegenwärtig auf der ganzen Welt finden kann.

Viele dieser Bücher sind nicht von den Personen geschrieben worden, deren Namen sie tragen, aber das tut dem Wert der Wahrheiten, die sie enthalten, keinen Abbruch. Selbst wenn die Geschichte Jonas nicht auf Tatsachen beruhen sollte, und selbst wenn Jona nie gelebt hätte, wäre doch die tiefe Wahrheit dieser Geschichte, die Liebe Gottes zu Ninive und den so genannten Heiden, in den Augen derer, die ihre Mitmenschen lieben, nicht weniger kostbar.

Die Schriften sind heilig, weil sie Gedanken und Handlungen von Menschen wiedergeben, die auf der Suche nach Gott waren, und die in diesen Aufzeichnungen ihre höchsten Vorstellungen von Rechtschaffenheit, Wahrheit und Heiligkeit festgehalten haben. Die Schriften enthalten viel, sehr viel Wahres, aber du weißt, dass sie im Lichte deiner jetzigen Unterweisung auch vieles enthalten, was ein falsches Bild vom Vater im Himmel gibt, dem liebenden Gott, den allen Welten zu offenbaren ich gekommen bin.

Das Betrüblichste ist nicht einmal diese irrige Idee von der absoluten Vollkommenheit dessen, was die Schriften berichten, und von der Unfehlbarkeit ihrer Lehren, sondern vielmehr die verwirrende Falschinterpretation dieser geheiligten Schriften durch die sklavisch der Tradition gehorchenden Schriftgelehrten und Pharisäer in Jerusalem. Und nun wollen sie sowohl die Lehre von der göttlichen Inspiration der Schriften als auch ihre falsche Auslegung derselben für ihren entschlossenen Widerstand gegen diese neueren Lehren des Evangeliums vom Königreich verwenden. Vergessen wir nie, dass der Vater die Offenbarung der Wahrheit nicht auf eine Generation oder auf irgendein Volk beschränkt. Viele ernsthafte Wahrheitssucher sind durch diese Lehre von der Vollkommenheit der Schriften verwirrt und entmutigt worden, und werden es auch in Zukunft sein.

Die Autorität der Wahrheit liegt im Geist selber, der seinen lebendigen Erscheinungsformen innewohnt, und nicht in den toten Worten der weniger erleuchteten und angeblich inspirierten Menschen einer früheren Generation. Und selbst wenn diese heiligen Menschen von einst ein inspiriertes und geisterfülltes Dasein lebten, muss das nicht bedeuten, dass ihre Worte ebenso sehr vom Geist inspiriert waren. Die Lehren des Evangeliums vom Königreich wurde nicht schriftlich festgehalten, damit wir uns in Einzelgruppen aufspalten, in Gruppen die sich über die Wahrheit streiten, weil  jeder die Lehre verschieden auslegt. Für uns ist es am besten, die Wahrheiten ausleben.

Nichts, woran menschliche Natur gerührt hat, kann als unfehlbar betrachtet werden. Göttliche Wahrheit kann in der Tat durch den Verstand des Menschen hindurch scheinen, aber immer nur in relativer Reinheit und teilweiser Göttlichkeit. Das Geschöpf kann Unfehlbarkeit ersehnen, aber nur die Schöpfer besitzen sie.

Aber der größte Irrtum in der Lehre über die Schriften besteht in der Auffassung, sie seien versiegelte Mysterien- und Weisheitsbücher, deren Auslegung nur die weisen Köpfe der Nation wagen dürften. Die Offenbarungen göttlicher Wahrheit sind nicht versiegelt, es sei denn durch menschliche Unwissenheit, Frömmelei und engstirnige Intoleranz. Das Licht der Schriften wird einzig durch Vorurteile getrübt und durch Aberglauben verdunkelt. Falsche Ehrfurcht vor dem Heiligen hat der Religion den Schutz durch den gesunden Menschenverstand genommen. Die Furcht vor der Autorität der geheiligten Schriften der Vergangenheit verhindert die aufrichtigen Seelen von heute wirksam daran, das neue Licht des Evangeliums anzunehmen, gerade das Licht, das diese Gott kennenden Menschen früherer Generationen so sehnlichst schauen wollten.

Aber das Traurigste an alledem ist die Tatsache, dass einige von den Lehrern, die den Traditionalismus als heilig betrachten, diese Wahrheit sehr wohl kennen. Sie verstehen diese Begrenzungen der Schrift mehr oder weniger gut, aber sie sind moralisch feige und intellektuell unehrlich. Sie kennen die Wahrheit über die heiligen Schriften, aber sie ziehen es vor, dem Volk derart störende Tatsachen zu verschweigen. Und auf diese Weise pervertieren und verdrehen sie die Schriften und machen aus ihnen einen Leitfaden für sklavisch zu befolgende Einzelheiten des täglichen Lebens und eine Autorität auf nichtgeistigem Gebiet, anstatt sich auf die heiligen Bücher als einen Hort sittlicher Weisheit, religiöser Inspiration und geistiger Unterweisung von Gott kennenden Menschen früherer Generationen zu berufen.“

Die Äußerungen des Meisters klärten Nathanael auf; zugleich schockierten sie ihn. Er sann in der Tiefe seiner Seele lange über diese Worte nach, aber er erzählte niemandem von dieser Besprechung bis nach Jesu Himmelfahrt; und auch dann noch fürchtete er, die Ausführungen des Meisters in ihrer Gesamtheit mitzuteilen.“

Wie berührt dich dieser Bericht? Was bezeugt dieser Geist, der aus diesen Worten spricht, unserem Geist? Spüren wir innerlich, dass er viel Wahrheit enthält und dass das vieles erklären würde, womit wir uns vielleicht schon immer beschäftigt und geplagt haben? Oder sind wir, wie Nathanael, auch schockiert? Dann lasst uns Gott um seinen Geist bitten und gebetsvoll darüber nachdenken. Wir dürfen dem Geist Gottes vertrauen, dass er unserem Geist die Wahrheit bezeugt.

Mir persönlich hat dieser Bericht geholfen zu erkennen, warum beim persönlichen Lesen des Alten- und Neuen Testaments ein so unterschiedliches Bild von Gott entsteht. Und mit was für akrobatischen Erklärungen wir versucht haben Widersprüche oder unverständliche Stellen geradezubiegen! Nein, Gott hat sich nicht geändert, aber unser Verständnis, unser Wissen hat sich geändert! Ich möchte das mit einem Beispiel aus der Bibel deutlich machen.

In dem Beispiel geht es um die von David durchgeführte Volkszählung. Als wohl Gad oder Natan 2. Samuel um ca. 1060 v.u.Z. schrieb, heißt es, dass Gott selbst David reizte das Volk zu zählen, weil er auf sein Volk zornig war und Unglück über sie bringen wollte. Etwa 600 Jahre später schrieb Esra 1. Chronika und dort wird nun Satan als der Verantwortliche genannt, der David zum Zählen reizte. Also, wie es scheint, doch ein direkter Widerspruch. Sehen wir uns zunächst einmal den älteren Text in 2. Samuel 24:1 in verschiedenen Bibelübersetzungen an und jetzt den gleichen Text in der NWÜ. Interessant! Während alle anderen Bibelübersetzungen treu beim hebräischen Originaltext bleiben, weil dort das Tetragrammaton steht, wird in der NWÜ davon gesprochen das es ‚einer‘ war und durch eine Fußnote auf 1. Chronika 21:1 verwiesen, wo ‚dieser eine‘ identifiziert wird. Also eine vielleicht gut gemeinte Änderung (im Zweifel für den Angeklagten), um den eklatanten Widerspruch zwischen 2. Samuel 24:1 und 1. Chronika 21:1 zu verschleiern. Auf den noch problematischeren Teil, dass dieses Reizen zum Zählen, letztendlich 70.000 Israeliten das Leben gekostet hat, wollen wir hier gar nicht erst eingehen. An diesem Beispiel kann man erkennen oder erahnen, wie sich das damalige Wissen und Verständnis, in den ca. 600 Jahren, die zwischen beiden Niederschriften lagen, verändert haben.

Zu dem Thema las ich auch wieder eine sehr vernünftige Erklärung, der ich mich anschließen kann: „Nie zuvor waren die Apostel so sehr aus der Fassung gebracht worden wie nach dem Anhören dieser Darstellung des Wachstums der Gottesidee in der Vorstellung der Juden früherer Generationen; sie waren zu verwirrt, um Fragen zu stellen. Sie saßen schweigend vor Jesus, und der Meister fuhr fort: „Ihr hättet diese Wahrheiten gekannt, wenn ihr die Schriften gelesen hättet. Habt ihr nicht in Samuel gelesen, wo gesagt wird: ‚Und der Zorn des Herrn entbrannte so mächtig gegen Israel, dass er David gegen sie aufbrachte und zu ihm sagte, er solle Israel und Juda zählen‘? Und daran war nichts Sonderbares, glaubten doch in den Tagen Samuels die Kinder Abrahams tatsächlich, dass Jahve das Gute wie das Böse erschuf. Aber als ein späterer Verfasser über diese Ereignisse berichtete, wagte er es als Folge der gewachsenen jüdischen Vorstellung von der Natur Gottes nicht, Jahova Böses zuzuschreiben; deshalb sagte er: ‚Und Satan erhob sich gegen Israel und provozierte David, Israel zu zählen.‘ Könnt ihr nicht erkennen, dass solche Schriftstellen klar zeigen, wie die Vorstellung von der Natur Gottes von einer Generation zur anderen unablässig wuchs?“

Schlußgedanken

Heute bin ich dankbar, dass ich frei bin und ohne Furcht alles lesen und prüfen kann. Nur das Gute, das mich geistig wachsen lässt, möchte ich behalten und in meinem Leben zum Ausdruck bringen. Ich brauche also die Bibel nicht abzulehnen, sondern kann und darf staunend beobachten, wie sich das Gottesverständnis ganz natürlich entwickelte. Damit wird vieles in den Hebräischen Schriften, was vorher langatmige und eigenartige Auslegungen erforderte, einfach erklärbar.

Die Wahrheit, die freimacht, erlaubt mir auch in sogenannter „weltlicher“, „profaner“ oder „außerbiblischer“ Literatur Wahrheiten zu erkennen, auch wenn sie nicht durch die traditionellen Wege angeblicher Inspiration kommen. Nur so können wir unseren Denkhorizont erweitern und das brauchen wir mehr als alles, denn wir haben in der Vergangenheit nur eingeschränkt sehen und verstehen dürfen.

[Gesamt: 33   Durchschnitt:  3.9/5]
62 Kommentare
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Ganz schön mutig, mein lieber Bruder.

Kann mich da Pit nur anschließen!

Vor allem, weil ich inzwischen ähnlich über die Bibel denke und nicht alles als Tatsachenbericht akzeptiere(n kann).

Danke für diese Ausführungen!

Bravo! Eines der besten Artikel die ich bis jetzt gelesen habe! Mein Denkhorizont hat sich auch tatsächlich erweitert, seit ich von der Gefangenschaft der ZJ-Lehren mich befreit habe. Dein Schlussgedanke hat mich persönlich auch in meinem Leben das gleiche bestätigen lassen. Es ist so wie du geschrieben hast: “Aber der größte Irrtum in der Lehre über die Schriften besteht in der Auffassung, sie seien versiegelte Mysterien- und Weisheitsbücher, deren Auslegung nur die weisen Köpfe der Nation wagen dürften. Die Offenbarungen göttlicher Wahrheit sind nicht versiegelt, es sei denn durch menschliche Unwissenheit, Frömmelei und engstirnige Intoleranz.” Daraus kommen folgende berechtigte Fragen:… Weiterlesen »

Jesus ist gekommen, um den Ruf seines Vaters von all dem Schmutz und all den Lügen zu befreien, die manche Bibelschreiber des AT über Ihn geschrieben haben, oder Ihm in den Mund gelegt haben.

Upp´s …… DIE Bibel … hier auf BiA … auf dem … „Prüfstand“?

mutigmutig

Dein artikulierter Absatz…: ˋSchlußgedanken‘

… sind mir persönlich
… heute… Samstag abends … 3/4 x gelesen

… gelesen und seid Jahren auch soo verstehen dürfen

„mein Credo“ (…in meiner Übereinstimmung)

bin neugierig, gespannt

was an Meinungen/Kommentaren morgen / übermorgen zu lesen sein wird

bis die Taage … 🤔/😉

Störti an BI, es irritiert mich total, dass hier solch ein Artikel veröffentlicht wird. Ellenlange Zitate ohne Quellenangabe? Sollen die Quellen bewusst nicht genannt werden? Dann einige wenige strittige Passagen aus der Bibel, die aus dem Zusammenhang gerissen als Argumente angeführt werden. Man lese nur mal zu dem Eintrag „Nathanael“ was die viel gehasste WTG (Gehasst auch von mir?, oder tut sie mir inzwischen nur noch leid?) in ihren „Einsichten über die Heilige Schrift“ veröffentlicht hat. Dagegen hat doch das im Artikel Geschriebene, von dem man nicht einmal weis woher es kommt, nur wenig Substanz. Dann der alles überragende Schlussgedanke:… Weiterlesen »

“Nur so können wir unseren Denkhorizont erweitern und das brauchen wir mehr als alles, denn wir haben in der Vergangenheit nur eingeschränkt sehen und verstehen können”.

Vom der Sklaverei der Wachtturms Gesellschaft die “weltliche” “außerbiblische” Literatur
der Gnostik?

“Habt acht, dass euch niemand beraubt durch die Philosophie und leeren Betrug, gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Grundsätzen der Welt und nicht Christus gemäß”
(Kolosser 2: 8).

Liebe Grüße
Tony

Ein Sturm im Wasserglas! Es ist schon erstaunlich, welche Reaktion ein polemikfreier Beitrag (hauptsächlich Reflexionen über den Begriff “Inspiration” und die Auswirkungen darüber, wenn dieser falsch oder unzureichend interpretiert wird) hier bei einigen ausgelöst hat. Wenn ich einen Kritikpunkt richtig verstanden habe wird bemängelt dass zu dem “Zwiegespräch” Jesus/Nathnael keine Quellenangabe gemacht wurde. (??????). Ich bin als Leser davon ausgegangen, dass der Schreiber des Beitrags (admin) selbst sich diese, für mich plausible und nachvollziehbare, Argumentationskette und Erklärungen des Herrn Jesu ausgedacht und in heutigem Sprachduktus wiedergegeben hat. Dies alles um den oben erwähnten Grundgedanken den der Artikel vermitteln soll zu… Weiterlesen »

Ist mir ganz klar, dass so eine Abhandlung alle Bibelfundis und Christen mit extrem konservativem Bibelverständnis die hier mitlesen gehörig ins Schwitzen bringt, wird ihnen durch solche Herangehensweise doch die Grundlage für Wortklauberei und rechthaberische Streitereien entzogen. Es darf niemals heissen “es steht geschrieben” es muss immer heissen “weil es so richtig ist”. Wie es richtig ist, das hat der Herr Jesus vorgegeben, ja vorgelebt, und es erfordert von jedem der ihn schätzt sein Gehirn und sein Herz zu gebrauchen bei der Beurteilung von Situationen. Paulus erinnert Timotheus daran und er beschreibt was Sache ist: 1.Timotheus 6,20 Lieber Timotheus, bewahre… Weiterlesen »

Es fehlt konkret an Gegenüberstellung! Ich wünschte mir Hermann herbei ❤️

Guter Beitrag, ich habe schon immer gesagt, das die Bibel im Kontext und über den gesamten Entstehungszeitraum gelesen und interpretiert werden muss. Zur diesbezüglichen Horizonterweiterung sei das Buch von John Barton (“Die Geschichte der Bibel”) empfohlen. Für Bibelfundis immer noch ein Tabubruch, wenn man die wortwörtliche Auslegung der Bibel kritisiert. Bei den ZJ – ich bin aus diesem Verein schon seit 40 Jahren draussen – gilt das in verstärktem Maße. Nur so kommen dann so absurde Konstrukte wie die Zweizeugenregel zustande, mit der man dann ein männerdominiertes “Rechtskommitee” rechtfertigt. Vieles in der Bibel ist überliefert, gehört, weitergetragen und dann niedergeschrieben.… Weiterlesen »

Hallo Rüdiger, hallo Admin, Dieser neue Denkansatz zu dem Begriff “Inspiration” und den neuen Mut zur Prüfung des gesamten Bibelwerkes finde ich im positiven Sinne “revolutionär”. Das war schon lange überfällig. Schon klar, das ist nichts für Menschen mit fundamentalistischer ZJ-Mentalität. Es kann nämlich vorkommen, dass “Spinnweben” entfernt werden müssen und einige “Kuckucks-Eier zum Vorschein kommen, die in Wirklichkeit nie zu den Heiligen Schriften gehörten. Aber wer will, kann ja auch weiterhin an den alten Ansichten festhalten. Es wird niemand gezwungen die liebgewonnenen Gewohnheiten aufzugeben. Jeder sollte weiterhin seinem eigenen Gewissen folgen. Andererseits sollte sich auch keiner dazu verleiten lassen,… Weiterlesen »

Ein kurzes Video zu “Inspiration der Bibel”:
https://www.youtube.com/watch?v=98b3Rj9Fly0

Ein ausgezeichneter Artikel.
Ich hab das sowieso immer schon so gesehen und auch in zahlreichen Kommentaren hier auf BI bereits zum Ausdruck gebracht.
In meinem persönlichen Umfeld werde ich als ausgesprochen gläubiger und fröhlicher Mensch wahrgenommen.

Hallo liebe Mitleser, die hier stehenden Kommentare habe ich mit Interesse gelesen und bin erstaunt, wie die diversen Meinungen zum Thema Inspiration doch auseinanderdriften. Bevor man sich Gedanken darüber macht, ob diese oder jene Aussage in der Heiligen Schrift wörtlich zu nehmen ist oder ob sie wahr oder nicht wahr ist, sollten wir bedenken, dass die Heilige Schrift zu großen Teilen aus Kopien besteht und daher folgerichtig wenig Originale enthält. Gute und böse Interessengruppen gibt es schon so lange, wie es Menschen auf der Erde gibt! Geschichtlich ist unzweifelhaft belegt, dass die Drahtzieher der Interessenguppen ihre Einflüsse knallhart geltend machen… Weiterlesen »

So sehr ich erfreut bin über die positive Resonanz auf den Artikel, so sehr irritiert mich die nicht geringe Anzahl von Kommentargebern, die -und das kann man leider nicht bestreiten- weiterhin den Standpunkt und die Argumente der Fundamentalisten vertreten. Über die wahrscheinlichen Ursachen dafür, hat am aussagekräftigsten “Rüdiger” (siehe weiter oben) reflektiert. Ich möchte daher nur noch einen Gedanken hinzufügen, der bisher noch nicht so deutlich gemacht wurde. Fundis übersehen gerne die Tatsache, dass die “Heilige Schrift” in Form einer “fortschreitenden Offenbarung”,verfasst wurde. Wenn es darum geht uns vernunftbegabten Geschöpfen das Wesen Gottes, seine schöpferische Kraft, seine Vorkehrungen zur Heilung… Weiterlesen »

So nun haben wir jetzt im kleinen eine Situation der Gegensätzlichkeiten Die einen sind dafür die Bibel so auszulegen wie sie es gelernt bekommen haben,egal ob durch die Zeugen Jehovas lehre oder andere ähnliche Lehren Die anderen sind dafür sich seine eigenen gedanken über das geschriebene in der Bibel zu machen und die Bibel nur als Richtschnur zu nehmen Und wieder andere reagieren aggressiv und wollen sich über diese Thematik aus den Forumsbeiträgen verabschieden Merkt ein jeder von Euch was es mit Religionen auf sich hat??????? Wenn man jetzt die Sache mal hochrechnet ,was kommt dabei raus?????? Eine Meinungsverschiedenheit,die es… Weiterlesen »

Tilo

“DOCH ES GIBT VIELE WORTE, DIE DAS NICHTIGE VERMEHREN. WAS HAT DER MENSCH DAVON?” (Pred. 6:11)

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